Sonntag, 30. April 2017

Wochenendkunst

Am Gallery Weekend offenbart sich
Die Kunst mitten in Berlin ungeahnt
Bietet Jahr für Jahr neue Einblicke
In die Welt der Kreativen voller Lust
Es mischt sich Zeitgeist mit mehr
Manches wechselt einiges bleibt

Bilder in Worte zu fassen bleibst stets
Nur ein unvollständiger Versuch
Einer Welt aus der anderen sich zu nähern
Manch Grafik verfliegt so kaum gesehen
Andere lassen weiter denken als je
Wie der Frauenkopf der geformt aus
Pappmaché noch sichtbar lässt das Material
Aus dem die Figur einst geformt ward
Die Encyclopedia Britannica als Lexikon
Von Wissen und Aufklärung einst wurde
Zum Gegenstand der Knebelverträge
Heute in Zeiten von Wikipedia nur noch
Eine Erinnerung an vergangene Zeiten

Der geschraubte Schädel als Kunst
Geformt aus dem Lexikon aus einer
Anderen Zeit steht als Sinnbild für die
Immer wieder Grenzüberschreitungen
Die auch dieses Gallery Weekend wieder
Dem Beobachter offenbart der sich noch
Überraschen lässt von Kunst die nicht
Vergangenheit nur ausstellt sondern
Zukunft gestaltet als kreativen Akt
Wer Zeit hat möge schauen gehen
Sich verführen lassen für neues
Es lohnt sich als kreative Wunderwelt
jens tuengerthal 30.4.2017

Trunkenheiter

Trinken erheitert
Betrunken sind manche frei
Die es sonst nie sind

Folgen sind bekannt
Gewinn ist keiner dafür
Leiden geht weiter

Enthemmtes Scheinglück
Menschlich aber unfrei doch
Liebe mit Geschmack
jens tuengerthal 30.4.2017

Samstag, 29. April 2017

Suchtfragen

Was macht uns süchtig
Warum schaden wir uns so
Sind wir darin dumm

Sucht heißt nicht lassen
Süchtige sind Opfer der Lust
Die keine mehr ist

Gibt es gute Sucht
Die mehr befreit als fesselt
Was will die Natur
jens tuengerthal 29.4.2017

Freitag, 28. April 2017

Liebesbilanz

Gewinn bringt Schaden
Wer gewinnt lässt verlieren
Außer bei Liebe

Gefühl kehrt es um
Des anderen Glück ist es
Das glücklich macht

Was ist die Bilanz
Der Liebe als unser Glück
Rechnet sich Natur
jens tuengerthal 28.4.2017

Genießertaktik

Wer genießt tut es
Die sich ärgern ärgern sich
Genieße lieber

Wir machen die Welt
So wie sie uns dann gefällt
Grund zur Freude

Probleme stärken
Aufgaben lassen wachsen
Alles findet sich
jens tuengerthal 28.4.2017

Donnerstag, 27. April 2017

Gewissensfrei

Was ist Gewissen
Haben wir da Gewissheit
Bleibts ungewiss

Sorglos lebt wer frei
Von Gewissensbissen ist
Gefangen wer nicht

Stärker als Gesetz
Wirkt es überall in uns
Ohne bleibt wenig
jens tuengerthal 27.4.2017

Seellos

Was ist die Seele
Die es nicht im Körper gibt
Nur ein Gedanke

Bleibt etwas davon
Als Erinnerung übrig
Auch ohne uns da

Wie frei macht das Nichts
Wenn wir einfach weg wären
Wie es Natur ist
jens tuengerthal 27.4.2017

Zielsicher

Lebt besser wer zielt
Lässt ein Ziel uns erstarren
Oder macht es frei

Ziele gelten viel
Mehr ist nur noch flexibel
Was bleibt da von uns

Sieger sind sicher
Sie folgen flexibel dem Ziel
Egal ob real
jens tuengerthal 27.4.2017

Wechselhaftig

Der Wille wechselt
Erstaunlich was davon bleibt
In der Erinnerung

Ob so oder so
Ist gegenwärtig unklar
Weil vieles sein kann

Worauf kommt es an
Wann ist sich jemand gewiß
Wer kann es sehen
jens tuengerthal 27.4.2017

Mittwoch, 26. April 2017

Rechtzeit

Alles bei Zeiten
Heißt es gern aber stimmt es
Wann ist rechtzeitig

Dinge finden sich
Wenn sie passen von allein
Sagt das Vertrauen

Wo wir genießen
Ist es immer richtig so
Vielleicht genügt das
jens tuengerthal 26.4..2017

Missgeburt

Was ist Missgeburt
Gibt es das in der Natur
Ist es richtig so

Oder ist Leben gut
Weil es lebendig da ist
Ist es ein Unwort

Ging es um normal
Als Maßstab allen Lebens
Wär nur Durchschnitt gut
jens tuengerthal 26.4.2017

Todesangst

Tod geht mich nichts an
Ist nie da wo ich grad bin
Spielt keine Rolle

Viele haben Angst
Verstehe nicht wovor noch
Wenn nichts mehr da ist

Todesangst brauchts nie
Weiß nicht wer was davon hat
Genieße lieber
jens tuengerthal 26.4.2017

Ohnmacht

Wer ist mächtiger
Der Staat oder Bürger
Die ihn erst bilden

Wer abhängig ist
Bleibt ohnmächtig wohl immer
Also die Beamten

Staat kann nie ohne
Bürger können es eher
Was immer Macht ist
jens tuengerthal 26.4.20017

Dienstag, 25. April 2017

Überzeugung

Wir handeln gern mit
Überzeugung ohne Grund
Nennen es Glaube

Schlimmer nur ohne
Wissen zu denken es sei
Nichts als die Wahrheit

Nur was wissen wir
Schon was wahr ist je dann
Bleibt alles egal
jens tuengerthal 25.4.2017

Überalter

Wann sind wir wohl alt
Gibt es eine Zahl dafür
Oder nur Gefühl

Wie lang arbeiten
Könnte eine Antwort sein
Wär länger besser

Was ist noch zu früh
Ist Alter doch relativ
Wie jung sind wir noch
jens tuengerthal 25.4.2017

Erbeten

Hilft Beten fragt sich
Mancher in der Not allein
Ändern kann es wohl nichts

Was Haltung gibt ist
Zumindest kein Schaden je
Wenn sie wer findet

Wer hilft hat stets Recht
Egal wie unvernünftig sonst
Drum ist es egal
jens tuengerthal  25.4.2017

Geruchssinn

Sinnlich ist der Duft
Geruch klingt mehr nach Natur
Es bleibt ein Sinn uns

Sich riechen können
Ist unentbehrlich beim Sex
Was mir stinkt soll weg

Warum mehr Geruch
Uns erst ganz genießen lässt
Eben natürlich
jens tuengerthal 25.4.2017

Montag, 24. April 2017

Mittelmasse

Mitte ist Masse
Weniger als Elite
Doch mehr noch als Nichts

Durchschnitt kann genügen
Für eine Mehrheit im Land
Doch nie zum Besten

Sich begnügen hilft
Eher zufrieden zu sein
Mehr wird es selten
jens tuengerthal 24.4.2017

Wechselbegehr

Was wir nicht haben
Begehren wir um so mehr
Allein schon deshalb

Wenig wert scheint uns
Was wir sicher längst glauben
Wie gut es auch ist

Liebe leugnet dies
Als sei sie mehr als Natur
Gern glauben wir es
jens tuengerthal 24.4.2017

Menschengut

Was ist das höchste
Gut des Menschen wohl fragt sich
Gibt es je eines

Es streiten schon lang
Die Philosophen darüber
Ohne Einigung

Liebe oder Hass
Glaube oder doch Freiheit
Am Ende bleibt nichts
jens tuengerthal 24.4.2017

Mehrsicht

Sieht mehr wer in sich
Schaut oder zeigt sich dort nur
Wie wenig da ist
jens tuengerthal 24.4.2017

Wenigmehr

Ist weniger mehr
Oder bleibt es bescheiden
Was ja mehr wäre

Was ist uns genug
Wann haben wir schon zuviel
Wo passt es genau

Wer in wenig mehr
Findet wird eher glücklich
Mehr ist es wohl nie
jens tuengerthal 24.4.2017

Anspruchsverlierer

Bescheiden ist gut
Anspruchsvoll kann beides sein
Geiz war noch nie geil

Verschwendung hält nichts
Doch von nichts kommt nichts allein
Dazwischen liegt Lust

Mehr sein als scheinen
Bringt immer mehr Achtung ein
Weil wir es dann sind
jens tuengerthal 24.4.2017

Wahlfranz

Frankreich hat gewählt
Erwartbar unaufgeregt
Vernunft gegen Angst

Es siegte Vernunft
Trotz scheinbarer Nähe hat
Hass keine Chance

Kein Viertel wollte
Extremisten noch wählen
Europa beruhigt
jens tuengerthal 23.4.2017

Sonntag, 23. April 2017

Wortmacht

Was macht Rhetorik
Ist sie Macht der Täuschung
Oder Wortliebe

Sie gibt Rednern Macht
Über ihre Zuhörer
Auch ohne Inhalt

Schult stets den Geist
Nutzt Sprache auch als Waffe
Bewegt die Massen
jens tuengerthal 23.4.2017

Lächelichkeit

Lächeln ist menschlich
Lächerlichkeit ebenso
Hängt es zusammen

Über sich Lachen
Können zeigt Größe
Was lässt uns lächeln

Macht es erst menschlich
Lächelnd lächerlich zu sein
Was war auslachen
jens tuengerthal 23.4.2017

Denkstoff

Was ist undenkbar
Oder ist jeder Stoff gut
Der uns Denken lässt

Gedanken sind frei
Nur Glaube will sie lenken
Wo wir ihn lassen

Alles ist denkbar
Je freier desto besser
Wer denkt kann fliegen
jens tuengerthal 23.4.2017

Lustgedanken

Ist Lust in Gedanken
Immer größer als real
Was ist je sicher

Phantasie betört
Nach eigenem Horizonz
Passt darum immer

Vorfreude ist stets
Die Schönste nach Erfahrung
Nur geteilt noch mehr
jens tuengerthal 22.4.2017

Samstag, 22. April 2017

Liebesalter

Gibt es ein Alter
Das für die Liebe gut ist
Oder zählt dies nie

Ist gleich alt besser
Oder gibt Unterschied Würze
Ohne Gewohnheit

Fragt die Liebe je
Nach dem Alter uns wenn
Sie ungefragt kommt
jens tuengerthal 22.4.2017

Traditionsmode

Was tun wir warum
Fragt sich wer uns betrachtet
Manches scheint absurd

Wir folgen Zyklen
Aus Mode und Tradition
Ohne zu fragen

Blick von außen hilft
Sich auch kritisch zu sehen
Egal was wir tun
jens tuengerthal 22.4.2017

Schlachthelfer

Sagen besagen
Pferde hätten geholfen
Schlachten zu schlagen

Egal was dran ist
Die Idee der Symbiose
Bleibt interessant

Kann mit Hilfe auch
Der Mensch über sich wachsen
Zählt die Idee mehr
jens tuengerthal 22.4.2017

Bargefühl

Alles drängt sich hier
Rauch hängt tief Bässe wummern
Viele reden was

Der Flaneur schaut nur
Körperkontakt ist ständig
Viele suchen was

Für die Nacht noch wen
Manche träumen auch von mehr
Beobachte bloß
jens tuengerthal 21.4.2017

Freitag, 21. April 2017

Abgrund

Die Bombe aus Gier
War sie ein neuer Abgrund
Oder konsequent

Fußball als Opfer
Am Ende siegt die Börse
Irgendwer gewinnt

Was längst normal ist
Für Waffen schockiert uns hier
Etwas verlogen
jens tuengerthal 21.4.2017

Urteilswagnis

Was ist nur richtig
Wenn wir uns entscheiden müssen
Kann beides gut sein

Dies Wissen wiegt schwer
Kann es uns leichter machen
Es geht so oder so

Müßig ist hadern
Entschieden ist stets besser
Weil es Handeln lässt
jens tuengerthal 21.4.2017

Namensecho

Haben Namen mehr
Bedeutung als Buchstaben
Die sie erst bilden

Gibt Klang Charakter
Sind Titel Teil vom Wesen
Hatten wir die Wahl

Wird Verdienst Name
Trägt er Geschichte zumindest
Was bleibt je von uns
jens tuengerthal 21.4.2017

Liebessturm

Manch Liebe die wie
Ein Sturm noch angeweht kam
Endet als Flaute

Darüber lächeln
Macht Leben schöner als es
Tränen je könnten

Wer den Sturm kennt bleibt
Im Alltag gelassener
Bis zum nächsten mal
jens tuengerthal 21.4.2017

Rückzugssieg

Kann Rückzug siegen
Wo taktisch klug sicherlich
Aber ist er Ehre

Ehre ist Unfug
Wo sie nicht siegt am Ende
Gibt nur Haltung dann

Wer siegt hatte recht
Verlierer sind im Unrecht
Egal ob gerecht
jens tuengerthal 20.4.2017

Donnerstag, 20. April 2017

Frühlingsliebe

Zarte Blüten erst
Wehen im Frühlingswind weg
Wie Natur es will

Kommen und Gehen
Der Lust im Garten blüht es
Voller Vorfreude

Sich treiben lassen
Um zu finden was sich sucht
Blümchensex eben
jens tuengerthal 20.4.2017

Liebesglück

Liebe ist ein Glück
Zumindest traumhaft wäre sie
Ohne Realität

Gelebt dagegen
Überwiegt Alltag Träume
Ob es anders ging

Bleibt glücklich wer wagt
Träume zu leben statt zu
Realisieren
jens tuengerthal 19.4.2017

Mittwoch, 19. April 2017

Schlafesglück

Schlaf ist Natur
Die sich ruhig mal erholt
Uns täuscht sie wär nicht

Manche wollten es
Vermeiden doch half es nie
Er kam von allein

Sind wir noch im Schlaf
Oder entführt uns dieser
In fremde Welten
jens tuengerthal 19.4.2017

Luxusgesetz

Luxus verbieten
Ist populär wohl immer
Unsinn bleibt es doch

Was begehrt ist bleibt
Ziel wenn verboten noch mehr
Es geht umgekehrt

Wo Bescheidenheit
Als edel gilt will jeder
Weniger sein noch
jens tuengerthal 19.4.2017

Dienstag, 18. April 2017

Bücherreisen

Manche reisen gern
Andere lesen lieber
Über das Reisen

Wer wohl weiter kommt
Bleibt Geheimnis der Leser
Die überall sind

Bücher sind Reisen
Mit dem was Mensch ausmacht
Mehr sind wir nirgends
jens tuengerthal 18.4.2017

Verlgeichlich

Tier und Mensch sind wohl
Unverlgeichlich ähnlicher
Als viele glauben

Menschen dagegen
Unterscheiden sich dafür
Im Geist noch so sehr

Doch rein funktionell
Sind wir uns alle näher
Als jeder wohl will
jens tuengerthal 18.4.2017

Ruhmlust

Der Mensch strebt nach Ruhm
Nur ich möcht lieber Ruhe
Bin ich drum kein Mensch

Weisheit sagt wertlos
Ist erstrebter Ruhm immer
Gegen ernannten

Ruhm ist keine Lust
Sondern nur Ehre und Last
Wozu es wollen
jens tuengerthal 18.4.2017

Zufriedenheiter

Was Leben braucht
Ist eher fühl- als messbar
Glück zählt mehr als Geld

Zufrieden ist wer
Alles hat was glücklich macht
Weniger wird mehr

Heiter bleibt dabei
Wer nichts mehr erleben muss
Kein Ende fürchtet
jens tuengerthal 17.4.2017

Montag, 17. April 2017

Bescheidenheiter

Wer ist bescheiden
Noch in Zeiten der Werbung
Wo jeder mehr will

Viel leisten aber
Wenig Scheinen zeigt Größe
Die nichts mehr wert ist

Nur heiter macht es
Lieber tiefer zu stapeln
Als Hochmut leben
jens tuengerthal 17.4.2017

Stilfragen

Manche loben Stil
Der kunstvoll Können offenbart
Wo es drauf ankommt

Kenner lieben mehr
Inhalt voll Bescheidenheit
Der sich zurücknimmt

Ist eitel drum schon
Wer vom Wesen her barock
Statt nüchtern glänzend
jens tuengerthal 17.4.2017

Osterlust

Lust passt zu Ostern
Auferstehung wörtlich bleibt
Grund zur Onanie

Liebe an sich selbst
Ist immer mehr als keine
Hand dort anlegen

Ergossen selig
Hängt er zufrieden wieder
Unter uns herab
jens tuengerthal 16.4.2017

Erdoqual

Erdogans Sieg ist
Provinziell wie erwartbar
Niemand wundert sich

Europa bleibt fern
Araber rücken näher
Bauern unter sich

Alle Ja-Sager
Dürfen dort leben statt hier
Sind alle glücklich
jens tuengerthal 16.4.2017

Sonntag, 16. April 2017

Auferstehung

Ostern feiern wir
Auferstehung welch Grauen
Leben bleibt endlich

Einer der nicht starb
Soll uns die Freiheit rauben
Sterben zu dürfen

Die Abrechnung folgt
Im Jenseits für alle
Wer will dann noch was

Moral wird endlos
Der Tod beendet nichts mehr
Ewig dann unfrei

Warum nur glauben
Was ewig Angst vielen macht
Wem hilft das wobei

Der Tod ist egal
Geht mich nichts an weil nie da
Solange ich bin

Freiheit ist ein Glück
Nicht ewig Leben müssen
Bleibt die Bedingung

Entscheiden können
Wann es endet der Weg dazu
Ohne alle Angst

Genießen was ist
Genug für ein Leben allein
Liebe ist menschlich
jens tuengerthal 16.4.2017

Alleinglück

Einsam sind glücklich
Die sich nicht stören lassen
Von egal was dabei

Es ist größtes Glück
Mit sich zufrieden zu sein
Egal ob allein

Andere stören
Das Gleichgewicht in sich nur
Auf das es ankommt
jens tuengerthal 16.4.2017

Glückseinsam

Osternacht allein
Ist wie jede Nacht ohne
Schlaflos noch glücklich

Wer sich nicht gesellt
Kann fraglos tun was gefällt
Freiheit wird mehr wert

Sehnsucht wär tödlich
Für das Glück bei sich sofort
Außer nach Ruhe
jens tuengerthal 15.4.2017

Aberglaube

Aberglaube ist
Überall gegenwärtig
Keiner nennt es so

Glaube ist immer
Einer der Höheres glaubt
Gleich dem mit Aber

Ohne aber bleibt
Vom Glaube nicht mehr übrig
Als Hokuspokus
jens tuengerthal 15.4.2017

Samstag, 15. April 2017

Berlinleben 041

Hamburger Bahnhof in Berlin

Es ist Samstag vor Ostern, die Kieze sind relativ geleert, weil viele aufs Land oder zur Familie fuhren, doch Touristen sind genug in der Stadt, darum freue ich mich an diesem zwischendurch verregneten Tag in meiner Küche zu sitzen und über das Museum zu schreiben, das ich heute in den Worten von Berlinleben besuchen will, statt mich in die Massen zu stürzen.

Seit die Straßenbahn auch vom Helmholtzplatz direkt zum Hauptbahnhof fährt, komme ich auch zum heutigen Ziel bequem mit der Bahn. Sonst sattelte ich James mein treues Rad und rollten den Berg am Mauerpark vorbei, die Bernauer hinab und dann wäre ich am Bundeswehr Krankenhaus und Wirtschaftsministerium vorbei fast schon da. Sonst könnte ich auch die Invalidenstraße hinunter radeln von der Zionskirche aus und käme dann noch am Naturkundemuseum vorbei, was mich heute aber nicht interessiert, sondern überquerte noch den Kanal zum Nordhafen.

Nordhafen? Hört sich das nicht fast nach Hansestadt schon an, denkt der geborene Bremer.

Die Hamburger haben ihre nette Kunsthalle am Bahnhof. Berlin hat den ehemals Hamburger Bahnhof zu einem seiner Museen gemacht, den Industriebau des 19. Jahrhunderts zur Heimat der Moderne erkoren. Ursprünglich war dieser Bahnhof der Anfangspunkt der Berlin-Hamburger-Bahn und wurde noch 1846 jenseits der Stadtmauer eröffnet. Er liegt nah der Spree, eben am Kanal zum Nordhafen im Berliner Stadtteil Moabit, der heute zur dicken Mitte gehört.

Das zur Berliner Nationalgalerie gehörige Museum für Gegenwart zählt mit seinen über 260.000 Besuchern zu den erfolgreichsten Häusern für zeitgenössische Kunst. Neben den Ausstellungsräumen befinden sich noch ein Buchladen mit viel zum Thema zeitgenössischer Kunst und ein von Sarah Wiener geführtes Restaurant im selben Gebäude. Wie immer wirkte das Museum auch als Kulturmagnet auf sein Umfeld.

Das ehemalige Empfangsgebäude ist der einzig erhaltene Berliner Kopfbahnhof und zählt zu den ältesten Bahnhofsgebäuden Deutschlands. Bereits 1884 wurde der Bahnhof wieder für den Personenverkehr geschlossen und dieser auf den benachbarten neuen Lehrter Bahnhof verlagert, der an der Trasse durch die Stadt lag und der heute durch den Hauptbahnhof ersetzt wurde. Das Grundstück gehört heute der österreichischen CA Immo Deutschland, welche die Vivico übernahm, die sich vorher um die Veräußerung der Liegenschaften der Bahn im Rahmen der großen Welle der Privatisierung kümmerte, um was sich vermutlich sonst auch keiner kümmert, was aber ein interessantes Schlaglicht auf die tatsächlichen Eigentumsverhältnisse an den Gebäuden einer Nationalgalerie wirft. Es wurde im spätklassizistischen Stil von Friedrich Neuhaus, dem amtierenden Eisenbahngesellschaftsdirektor, und Ferdinand Holz, dem bestellten Architekten, entworfen, was außer den wieder modischen Vornamen vermutlich keinen wirkich noch interessiert, außer Architekturhistorikern.

Vielleicht wird Eigentum als bloßer Titel heute überschätzt - lohnt sich steuerlich schon lange nicht mehr im großen Stil, aber seltsam ist es dennoch, sich vorzustellen, dass eine Nationalgalerie zum Untermieter einer ausländischen Firma wird - aber vielleicht ist diese seltsame Konstruktion so modern wie die Werke in diesem Haus und nur ich verstehe eben nicht immer alles. Warum muss der Staat wie ein Unternehmen Eigentum haben und dieses dann wenn seine staatlichen Aufgaben, wie vorher bei der Bahn, privatisiert werden, weiter veräußern als sei es nicht Volkseigentum, wie es in der DDR hieß oder ein wenig schicker vielleicht öffentliche Sache, auf lateinisch res publica - ich drifte gerade etwas ab, merk es schon, aber irgendwie ist es doch wichtig, zu verstehen, wem was warum gehört und warum, was Gemeinschaftseigentum logisch schien, plötzlich Investoren von irgendwo bereichert, sogar aus Österreich.

Noch bis 1870 besaß der Hamburger Bahnhof auch eine Drehscheibe mit deren Hilfe die Lokomotiven vor dem Gebäude umgesetzt wurden, denen die zwei hohen Rundbogentore als Durchfahrten dienten. Vorne verkehrte eine Stadtbahn zwischen den verschiedenen Berliner Bahnhöfen, Stettiner, Hamburger Potsdamer, Anhalter, Frankfurter oder Schlesischer. Als dann 1870 eine Schiebebühne eingebaut wurde, waren die großen Tore plötzlich überflüssig. In diesem Jahr wurde auch die Verbindungsbahn zwischen den Bahnhöfen, die auf der Straße verlaufend zum Verkehrshindernis wurde, abgerissen. Anstelle der abgerissenen Bahnhofshalle wurde zur Museumseröffnung 1906 die heute noch vorhandene Ausstellungshalle errichtet. Von 1911 bis 1916 entstanden die beiden Flügel zur Straße hin, in deren Mitte grünt der Ehrenhof.

In den Flügeln befindet sich neben Sarah Wieners schicken Museumsbistro, was eigentlich ein gutes Restaurant ist, auf der anderen Seite etwa die Sammlungen von Beuys Werken oder auch wechselnde Ausstellungen. Die teils riesigen Räume eignen sich sehr gut für die Werke der Moderne und geben ihnen faszinierend viel Raum für nahezu nichts, was dem Museum auch eine meditative Ruhe gibt auch wenn sie dann wieder wie bei der großen  aber eng gehängten Sammlung Warhols aus der Factory ein etwas sehr großes Gedränge herrschen lassen, dahingestellt, was sie aussagen können. Da wäre deutlich mehr möglich und es scheint fraglich, ob hier die Verhältnisse der Kunst im Lichte ihrer kulturhistorischen Bedeutung gewahrt bleiben, um es mal so ganz geschwollen auszudrücken. Kurz gesagt, für eher nichts, viel Raum, für manch große Werke kaum genug, sie nur in Ruhe und mit Abstand zu sehen, was mir zweifelhaft erschien. Halte es aber für durchaus möglich, dass ich den höheren Sinn dahinter mangels ausreichender Bildung in diesem Bereich übersah. Vielleicht erklärt er mir nochmal eine wunderbare Kunsthistorikerin, die sich des einsam einfältigen Betrachters der Moderne annimmt, der sich dort gelegentlich fühlte, als sei er ein Gast auf einer anderen Welt.

Auch so gesehen ist der Besuch im Hamburger Bahnhof immer lohnend und eine stete Erweiterung des Horizonts, die auch die Blickerfahrungen dadurch schult, dass sie gegen Gewohnheiten provoziert. Eigentlich mag ich Installationen ja nicht so, weil sie immer mehr sein wollen als etwa Gemälde, die als solche wirken. Kunst ist für mich eher still und damit kontemplativ in der Betrachtung, während ich viele Installationen eher dem Fernsehen oder Theater zuordnen würde. Aber vielleicht muss ich auch nichts mehr zuordnen, sondern lasse mich einfach von dem, was ist beeindrucken und schaue, was es mit mir und meinen Gedanken anstellt. Verstehe es nicht immer, häufig überhaupt nicht, manches ärgert mich fast, nervt mich zumindest, provoziert mich und geht mir regelrecht auf den Geist und ist darum so gut, regt zum Denken an.

Ständig von Bildern berieselt in Film oder Fernsehen, auch auf den Rechnern können wir über das Netz kaum noch den bewegten Bildern ausweichen. Während früher noch die Kunst versuchte, den Augenblick fest zu halten, noch durch Tricks mehr Bewegung vortäuschte, bewegt sich heute vieles einfach, bezieht den Beobachter, ein, macht ihn zum Gegenstand der Kunst. Das Betrachten des Betrachters etwa, der zwischen Empörung, Ekel und Erregung auf einer Endlosschleife laufende Pornos auf einem kleinen Bildschirm in einer Installation betrachtet und zugleich dabei aufgenommen sich auf anderen Bildschirmen betrachten kann oder zum Objekt der Betrachtung anderer Subjekte wird, die das Werk nur umstehen und dadurch irgendwann selbst, wenn sie den Blick wagen, zu verändernden Teilnehmern der Installation werden.

Dies in der immer wieder sozial grenzwertigen Situation der Sexualität, die intim erlebt wird und den Erlebenden in seiner irgendwie Erregung zum Teil der Beobachtung macht, die den Raum auch als solche verändert, ist eine geniale Aufhebung aller Grenzen - die Betrachter werden beim Betrachten betrachtet und gezeigt - gestalten selbst in vielen später automatisch frequenzierten Sequenzen mit anderen ein neues Kunstwerk, ohne etwas zu tun, einfach weil sie da waren und mal schauten und diese Blicke uns doch so viel, von uns offenbaren.

Es war dies nur eine Installation aus einer großen Sammlung, die ich zunächst etwas blöd fand - den Porno ganz nett aber nichts, was ich dort sehen wollte, dachte ich, bis ich begriff, wie ich selbst in meiner arroganten Betrachtung Gegenstand des Werkes wurde und dies mitgestaltete und begriff wie lebendig diese Moderne jeden von uns zum Künstler am lebenden Objekt macht und so den berühmten beuysschen Satz eine ganz neue Lebendigkeit gibt. Alles dank eines schlechten Pornos in der Endlosschleife, den die so  bürgerlichen Betrachter betrachten, bis sie begreifen, dass sie dabei betrachtet werden, sich so betrachten und am Ende Teil einer endlosen Frequenz werden, in der sie sich in immer mehr Linien auflösen.

Diese Erlebnisse oder die echohaften Schreie der Insassen eines verunglückten Busses, die dich im hölzernen Kreisel immer tiefer intensiv verfolgen, bleiben mir mehr in Erinnerung als die netten Warhols, die ja jeder irgendwie kennt und mal gesehen hat, auch wenn es große Werke aus der Factory sind, was ja nicht umsonst Fabrik heißt, auch wenn der Guru dort auf Kupferplatten pinkelte.

Anselm Kiefer beeindruckte mich auch sehr, doch haben mich dessen Kindergemälde von einer Liebsten und ihren Brüdern damals mehr beeindruckt, wo er auf dem Grat zwischen Moderne und klassischem Gemälde balancierte. Aber auch da müsste ich mich vermutlich mehr einlesen und intensiver damit auseinandersetzen, um wirklich zu verstehen, statt nur Eindrücke wiederzugeben, die gestehen müssten, wie ahnungslos sie doch sind, wollten sie ein ernsthaftes Urteil abgeben.

Das Gebäude ist schon spannend, aber sein Inhalt, kann wirklich bewegen, wo wir es zulassen. Der letzte Umbau erfolgte von 1990 bis 1996 nach Plänen von Josef Paul Kleinhues zum Museum für Gegenwart. Von ihm stammt etwa der Erweiterungsbau mit einer Länge von 80m. Nach der Stilllegung des Sackbahnhofes infolge der Inbetriebnahme des ans Netz angebundenen Lehrter Bahnhofs, diente der Hamburger Bahnhof und seine Gelände noch bis in die 80er Jahre als Teil des Güterbahnhofs. Das Gelände hieß Lehrter  Güterbahnhof, West-Berliner Containerbahnhof oder Hamburger und Lehrter Güterbahnhof (HuL). Auf dem Gelände des großen Containerumschlagplatzes siedelten sich zahlreiche Speditionsfirmen an, die auch nach der Stilllegung dieses Teils des Güterbahnhofs in Betrieb blieben. Erst 2007 wurden dessen Portalkräne zum Umladen der Container demontiert.

Ab Dezember 1906 eröffnete im Bahnhofshauptgebäude das königliche Bau- und Verkehrsmuseum, was auch Lokomotivenmuseum hieß. Es war eine Art Vorläufer des heutigen Technikmuseums und sollte Anschauung über die Entwicklung der Technik auch für Beamte geben. Im Zweiten Weltkrieg erlitt das Gebäude große Schäden und von der riesigen Modellbahn im Maßstab 1:43 blieb nichts übrig. Sie verschwand in den Kriegswirren.

Während der DDR Zeit gehörten Gebäude und Gelände der Deutschen Reichsbahn, lagen aber in West Berliner Sektoren, was die Nutzung sehr begrenzte, die sich mit nötiger Erhaltung durch einige engagierte Reichsbahner begnügte. Als aber 1984 die BVG die Betriebsrechte an den in West-Berlin gelegenen S-Bahnstrecken übernahm, ging auch dies Gelände an sie über. Die Ausstellungsstücke wurden an das Deutsche Technikmuseum Berlin und das Verkehrsmuseum Dresden übergeben und werden dort noch teilweise ausgestellt. Dann folgte die grundlegende Sanierung und seit 1987 sind dort diverse Ausstellungen des Museums für Gegenwart zu sehen. So folgt auf die Vergangenheit im DHM nun die Gegenwart und bald können wir uns mit der Zukunft wieder am Gallery Weekend beschäftigen.

Die Sammlung des Hamburger Bahnhof kam Mitte der 80er zusammen, als der Bauunternehmer Erich Marx der Stadt seiner Privatsammlung zur Verfügung stellen wollte. Daraufhin wurde 1987 entschieden, in dem ehemaligen Empfangsgebäude ein Museum für Gegenwartskunst einzurichten. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz erklärte sich sogleich bereit, die Schirmherrschaft zu übernehmen. Im November 1996 eröffnete sie gleich mit einer Ausstellung der Werke von Sigmar Polke. Es wurden im Hamburger Bahnhof als Teil der Nationalgalerie das Museum für Gegenwartskunst und das Joseph Beuys Medien-Archiv untergebracht.

Es sind dort unter anderem Werke von Joseph Beuys, Anselm Kiefer, Roy Lichtenstein, Richard Long, Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Donald Judd und Cy Twombly ausgestellt. Die Bestände setzen sich aus Werken der Sammlung Marx und der Nationalgalerie zusammen. Wobei die Sammlung Marx 150 Bilder und etwa 500 Zeichnungen von Beuys und Warhol beinhaltete. Seit 2004 wurden auch Höhepunkte aus der Sammlung von Friedrich Christian Flick als Ausstellung gezeigt. Diese Sammlung wurde immer wieder in der Öffentlichkeit auch kritisch diskutiert, weil sie mit dem Erbe von Friedrich Karl Flick finanziert wurde, einem verurteilten Profiteur des NS-Regimes. Eigentlich sollte die Sammlung nur bis 2010 gezeigt werden, doch 2008 schenkte Flick 166 Werke seiner Sammlung dem Museum. Diese Schenkung ist angesichts ihrer Qualität und ihres Wertes aus Sicht der Stiftung Preußischer Kulturbesitz einmalig in der Nachkriegszeit.

Daneben lässt das Museum immer wieder Raum für Wechselausstellungen gegenwärtiger Künstler.  Leiterin des Museums ist die Kunsthistorikerin Gabriele Knapstein. Die geborene Badenerin studierte in Freiburg, Bochum und an der Humboldt und promovierte über die Event-Partituren von George Brecht. Sie begann als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Hamburger Bahnhof, arbeitete lange und erfolgreich mit der Nationalgalerie zusammen und wurde darum von deren Direktor Udo Kittelmann als Kuratorin für den Hamburger Bahnhof empfohlen. Sie ist auch noch Mitglied im Hochschulrat der Kunsthochschule Weißensee seit 2004. Ihr Vorgänger von 2001 bis 2016 war der deutsche Kurator Eugen Blume. Blume, der aus Bitterfeld stammt, studierte an der Pädagogischen Hochschule Erfurt die Fächer Deutsch und Kunsterziehung und war anschließend einige Jahre am Theater Leipzig tätig. Ab 1981 studierte er an der Humboldt Universität Kunstgeschichte, Archäologie, Ästhetik und Kulturwissenschaften  und schloss sein Studium mit einer Diplomarbeit über den Kunstbegriff bei Joseph Beuys ab. In seiner Tätigkeit bei der staatlichen Galerie für Kunsthandel Arkarde, organisierte er dort 1979 die erste Performance der DDR mit Georg-Torsten Schades Schwarzem Frühstück. Ab 1981 arbeitete er an den Staatlichen Museen zu Berlin der DDR, zunächst im östlichen und später im vereinten Kupferstichkabinett. Er galt in der DDR als einer der Vertreter des erweiterten Kunstbegriffs nach Beuys und engagierte sich als theoretischer Kopf im nur inoffiziell betriebenen Aktionsraum Sredzkistraße 64, unweit meines Platzes, im Kollwitz-Kiez gelegen, mitten in Prenzlauer Berg. Ab Juni 89 organisierte er die permanente Kunstkonferenz auch in der Sredzki 64. Er war weiterhin mit Klaus Staeck und Christoph Tannert Organisator der 3. Bitterfelder Konferenz im Bitterfelder Kulturpalast.  Dabei ging es um das Spannungsfeld von Kunst und Gesellschaft jenseits aller ideologischen Verklemmungen, die dies Thema oft genug belasten.

Diesen Geist trug er auch in das Museum Hamburger Bahnhof und öffnete durch gerne auch mal provokative Blicke die Grenzen der Bereiche und ließ die Kunst dort zu einem gegenwärtigen Gradmesser der Gesellschaft werden. Was immer einer auch mit manchen Werken dort anfangen kann, es ist stets anregend, dort zu sein und sich in seinem Denken und seinen Konventionen wecken und provozieren zu lassen. So wirkt Kunst gegenwärtig und fließt mit in die aktuellen Diskurse ein, an denen sie durch teils grandiose Werke aktiv teilnimmt. Ein lohnender Gang für alle, die bereit sind, sich anregen zu lassen.
jens tuengerthal 15.4.2017

Freitag, 14. April 2017

Todesglück

Kleiner Tod ist Glück
Mehr als Unsterblichkeit je
Gibt Natur alles

Geteilt eher sonst
Finden wir lustvoll alles
Miteinander nur

Höhepunktsfusion
Kommt zusammen was sonst geteilt
Werden wir ganz eins
jens tuengerthal 14.4.2017

Schizoglück

Gefühl kann alles
Glück und Trauer in einem
Ist weniger selten

Tränen und Jubel
Rinnen aus dem selben Quell
Nur umgekehrt scheints

Ist das Gegenteil
Schon enthalten in allem Sein
Was ist da normal
jens tuengerthal 14.4.2017

Urteilsglück

Wie glücklich bin ich
Nicht urteilen zu müssen
Mit wenigem Wissen

Wertschätzen können
Scheint mir mehr wert noch zu sein
Als jedes Urteil

Loben macht glücklich
Was immer wirklich wertvoll
Ist meine Welt schön
jens tuengerthal 14.4.2017

Donnerstag, 13. April 2017

Dichterbeobachtung

Dichter beobachtet
Dichterin beim Schreiben
Dann rauchen beide

Musik läuft dabei
Neben ihr stehen Blumen
Sie sind aus Plastik

Sie schreibt ganz allein
Raucht links schreibt dafür mit rechts
Kein Wort nur Musik
jens tuengerthal 13.4.2017

Lusterwartung

Frauen wollen Lust
Männer erwarten wenig
Manchmal passt es doch

Umgekehrt will Frau
Begehrt werden von Männern
Zur Bestätigung

Seltsam was passiert
Bis es zum Sex kommt am Ende
Wie beide spielen
jens tuengerthal 13.4.2017

Verschwörungsglaube

Manche glauben dran
Weil es wie Wissen erscheint
Wird Unvernunft leicht

Dächten sie kritisch
Wären sie gefeit davor
Denken sie tätens

Sein hat keinen Grund
Weniger hat solchen je
Als viele glauben
jens tuengerthal 13.4.2017

Kleiderglück

Mode macht glücklich
Obwohl Diktat des fremden
Geschmacks nah an uns

Ginge es uns nackt
Freier und wirklich besser
Weil nach der Natur

Manchen ständ es gut
Vielen weniger wenn nichts
Mehr zu verdecken
jens tuengerthal 13.4.2017

Erosglück

Lust macht Leben schön
Wen Eros erregt hat Glück
Genieß die Natur
jens tuengerthal 12.4,2017

Mittwoch, 12. April 2017

Verwaltungsglück

Kann Verwaltung Glück
Oder ist sie nur Odnung
Die halt funktioniert

Wie wäre wohl
Dort eine Tauschbörse als
Talentverwaltung

Glücklich wären dort
Bürger mit Talent genutzt
Statt nur geordnet
jens tuengerthal 12.4.2017

Glückswille

Hängt Glück am Willen
Entscheiden wir ob glücklich
Unser Sein also ist

Je mehr wir es wollen
Desto höher die Chance
Es auch zu leben

Wo nicht sind wir stets
Unfrei als Opfer des Glücks
Was keines mehr wär
jens tuengerthal 12.4.2017

Fortuna

Die Macht des Schicksals
Führt uns meinen Gläubige
Andere tun was

Unfrei immer bleibt
Wer etwas außer sich glaubt
Schicksalsentscheidung

Schicksal kann alles
Aber auch das Gegenteil sein
Wille erst schafft selbst
jens tuengerthal 12.4.2017

Dienstag, 11. April 2017

Teeliebe

Tee liebe ich sehr
Heiß entfaltet er sich erst
Wärmt uns von Innen

Tasse klar golden
Von den Hügeln Asiens wohl
Erfüllt mich völlig

Zart im Geschmack noch
Unaufdringlich immer mehr
Blieb er mir stets treu
jens tuengerthal 11.4.2017

Todeswunsch

Mancher will sterben
Ist der Wunsch eine Sünde
Oder nur Natur

Freitod ist Freiheit
Fraglich nur was mehr wäre
Als nur noch nichts

Mehr blieben wohl noch
Wüssten sie warum dabei
Hat Leben dies nie
jens tuengerthal 11.4.2017

Gotteswillen

Um Gotteswillen
Sagt mancher und glaubt es noch
Als wüssten wir je

Wär Gott allmächtig
Was scherte ihn ein Wesen
Ängstlich vor dem Tod

Wie eitel sind die
Wüssten den Willen ihres
Erdachten Gottes
jens tuengerthal 11.4.2017

Montag, 10. April 2017

Grausam

Terror ist grausam
Grausamer nur sind wir oft
Bei der Bekämpfung

Ist dabei feige
Wer sich als Bombe einsetzt
Oder fern zündet

Wer Krieg führt schafft erst
Terror der bekämpft sein soll
Was ist nun grausam
jens tuengerthal 10.4.2017

Barbarisch

Barbaren sind uns
Immer nur die anderen
Die wir nicht verstehen

Unser Tun scheint uns gut
Auch wenn viel barbarischer
Was nie selbstkritisch

Jeder ist Barbar
Der fremde Sprache nicht kann
Also auch wir wohl
jens tuengerthal 10.4.2017

Maßhaltung

Was ist uns genug
Womit sind wir eher glücklich
Mehr oder weniger

Wie soll Liebe sein
Maßvoll oder Leidenschaft
Wenn sie halten soll

Ehe soll halten
Zugleich möchte sie alles
Was meist zuviel ist
jens tuengerthal 10.4.2017

Sonntag, 9. April 2017

Willenlos

Es macht was es will
Unser Glied steht oder hängt
Wie es ihm gefällt

Wölbt peinlich die Hos
Wo nicht gebraucht und hängt nur
Wenn es stehen soll

Willenlos sind wir
Seiner Lust unterworfen
Als Mann hilflos da
jens tuengerthal 9.4.2017

Lustkönnen

Nicht immer kann Mann
Manchmal hängt er ohne Lust
Dann hilft nur Geduld

Wer unbedingt will
Wird stets scheitern wo er nicht
Gelassen genug

Lust haben reicht nicht
Wo Können gefragt doch ist
Nicht müssen hilft dann
jens tuengerthal 9.4.2017

Freundesliebe

Sind Freunde mehr wert
Als Liebe und Lust je bringen
Fragt sich was bliebe

Wär Liebe teilbar
Stünd es nebeneinander
Statt alternativ

Wie wäre es wohl
Alles zu teilen künftig
Von Buch bis Bett eins
jens tuengerthal 9.4.2017

Naturwunder

Alles ist Natur
Es gibt keine Wunder da
Die Welt lebt logisch

Wunder der Liebe
Gibt es gegen alle Logik
Liebe ist einfach

Was ich nicht versteh
Muss ich nicht beurteilen
Genieße lieber
jens tuengerthal 8.4.2017

Samstag, 8. April 2017

Berlinleben 040

Eine Zeitreise im DHM

Zeitreisen sind ein schöner Traum, viele Bücher handeln davon und wer dachte nicht schon mal daran, sich diese oder jene Zeit wirklich anzuschauen, wenn trockene Zahlen im Geschichtsunterricht langweilten. Irgendwann akzeptieren wir dann, dass die Zeitreise ein ewiger Traum bleibt, der keine Chance auf Realisierung hat.

Manche flüchten sich in historische Romane, andere ziehen Sachbücher vor,  um sich über Fakten selbst ein Bild zu machen, statt nur zu phantasieren. Ob Geschichtsbücher und ihr wechselndes Bild der Geschichte dazu taugen, wie nah manche historischen Sichten dem Märchen sind, wäre eine andere Frage dabei. Schauen wir in die von totalitärer Ideologie geprägten Geschichtsbücher aus der Zeit des Nationalsozialismus oder der Sozialismus, sehen wir, wie schnell vermeintliche Fakten zu einer Auslegung der Geschichte werden, die ein Menschenbild vermitteln, statt neutral zu informieren.

Auch in der Gegenwart wird Geschichte genutzt, um Politik zu machen, wie an den Rechtsradikalen bei AfD und NPD deutlich wird, die gerne durch Betonung der deutschen Opferrolle, die historische Schuld etwa am Holocaust relativieren wollen. Wie gut wäre es, mit diesen verblendeten Menschen eine Zeitreise zu unternehmen zum Zwecke der Aufklärung. Dahingestellt ob bei diesen geistig und politisch meist eher zurückgebliebenen Menschen ein Appell an die Vernunft je auf fruchtbaren Boden fiele, wäre die Möglichkeit dazu doch ein Segen, weil nur kritisches Denken gegen Ideologien wirken kann. Dies braucht Zeit und nur durch Beteiligung und irgendwie Begeisterung, kann ich gegen beschränkte Ideologien und zugunsten der Freiheit wirken. In Zeiten in denen ein Trump, der stolz darauf ist, keine Bücher gelesen zu haben, Anhänger findet mit seinen billigen Lügen, wird eine nachhaltige Aufklärung immer wichtiger. Es ist genau jetzt darum Zeit, damit anzufangen.

Die Verbreitung falscher Neuigkeiten und die ideologische Absicht dahinter durchschaut nur, wer kritisch darüber nachdenkt und ein möglichst neutrales Bild der Geschichte hat. Dummerweise gibt es keine neutrale Geschichtsschreibung, nur eine, die sich mehr oder weniger dafür hält, je nachdem welche Ideologie und welches Bild vom Menschen in dieser gerade vorherrscht. Es gibt die durchschaubaren und primitiven Versuche die Geschichte, der eigenen Ideologie unterzuordnen, wie wir sie lange von der Kirche, in der auf Marx zurückgehenden Ideologie und im Faschismus beobachten konnten, auf die dennoch immer noch schlichte Gemüter mit ihrem Neid  hereinfallen, der so leicht steuerbar ist und es gibt die differenzierteren Versuche, die sich wissenschaftlich tarnen, scheinbar nur über Fakten sprechen, die dennoch dem Ziel untergeordnet werden, statt einfach zu schauen, was war und sich aus dem, ein kritisches Bild zu machen, was nicht vorher feststeht.

Große historische Autoren wissen um ihre Teilnehmerschaft an der Geschichte, die sie schreiben, betrachten sich auch in diesem Prozess kritisch, beleuchten es immer wieder in gern zu langen Vorworten, bei denen auch fraglich scheint, inwieweit sie nicht nur der eigenen Eitelkeit dienen wie auch hier, ohne sich für groß zu halten, und dabei geht es doch nur darum, wie gut Zeitreisen wären, um sich ein tatsächliches Bild zu machen, statt den immer geprägten Beschreibungen zu folgen.

Vielleicht gelingt uns die Aufhebung der negativen Zeitschranke eines Tages, wenn wir auf über Lichtgeschwindigkeit beschleunigen können und das Masse = Energie Problem nach Einstein dabei irgendwie in den Griff bekommen, vielleicht als eine Art Quantenrelativität der Zukunft wird dann die Vergangenheit zur Gegenwart und alte Grenzen und Vorurteile erledigten sich von alleine, wenn sie nicht jeder Vernunft zum Trotz dennoch weiter bestünden, weil sie, wie die Gegenwart immer wieder zeigt unabhängig von allen Fakten bestehen.

Bis dahin aber, tun wir gut daran, die nächstmögliche Form der Zeitreise zu nutzen und gute Museen zu besuchen, in denen die Objekte sprechen und die uns damit durch die Geschichte gehen lassen, damit diese vor unserem Auge lebendig wird. Das Deutsche Historische Museum (DHM) im Zeughaus zu Berlin ist ein solches und darum für alle Zeitreisenden immer wieder einen Besuch wert. So habe ich eine meiner Geschichten auch immer wieder dort beginnen lassen, damit die Protagonisten durch den Kontakt mit der vergangenen Realität in die Zeit reisen können und die Grenzen von Raum und Zeit damit überwänden.

Liebe dieses Museum, wie ich sicher alle Museen irgendwie mag und doch noch mehr, weil es uns eben an Gegenständen auch reisen, das Bild der Geschichte erwandern und zum Netz werden lässt. Schon der Eintritt in die Halle des Zeughauses ist beeindruckend. Nach dem Besuch an der mittig gelegenen Kasse geht es eine Etage nach oben, um den Rundgang in der frühen Geschichte zu beginnen. Schon auf der Treppe überrascht den aufmerksamen Besucher ein Wechselbild, bei dem je nach eigenem Standpunkt wilde Germanen oder ein markierter Tatort auftauchen. Ein schönes Bild für die Idee der Zeitreise, die der Besucher hier antritt, so offen dafür, Grenzen zu überschreiten.

In der Antike, die auf die dort Germanen traf, beginnt auch die Reise durch die deutsche Geschichte und berichtet ein wenig von den Spuren, die wir aus dieser Zeit noch kennen. Allerdings verschwinden diese geringen Spuren dort fast im Nebel der Geschichte und erfordern schon genaues Hinschauen. Ins Auge fällt dagegen sofort der Ritter auf dem gerüsteten Pferd neben einem idealisierten Portrait von Karl dem Großen. Aus der dunklen Zeit des Mittelalters gibt es einige aber noch wenige Objekte und beeindruckend ist dort eher die Datenbank in der wir Besucher durch schönste Handschriften an großen Bildschirmen virtuell blättern können, was heute, erstaunlich genug, viele Schulklassen mehr fasziniert als reale Schilder oder Schwerter, gar die berittene Rüstung des idealen Ritters.

Beginnt so wieder eine Epoche der Lesekultur oder ist virtuelles Blättern die Brücke, um Jugendliche zeitgemäß abzuholen?

Zumindest wird im DHM auch dieser Weg genutzt, um Brücken in die Geschichte zu bauen. Die Stiftung, die auch das Museum betreibt, versteht sich als Ort der Aufklärung und Verständigung über die gemeinsame Geschichte von Deutschen und Europäern. Bei einer Besucherzahl von über 800.000 gehört es mit seiner zentralen Lage schon zu den gut besuchten. Als Stiftung des öffentlichen Rechts wird das Museum von einem Kuratorium geleitet, in dem Vertrete der Bundesregierung, des Bundestages und der Landesregierungen sitzen.

Gegründet wurde das Museum 1987 anlässlich der 750 Jahrfeier von Berlin am 28. Oktober im Reichstag, der damals noch in West-Berlin lag. Nach dem großen Erfolg der Ausstellung “Preußen - Versuch einer Bilanz”, die 1981 im Martin Gropius Bau gezeigt wurde, beauftragte der damalige regierende Bürgermeister von Berlin Richard von Weizsäcker, die vier bekannten Historiker Boockmann, Jäckel, Schulze und Stürmer mit einer Denkschrift zum Thema, die dann ab Januar 1982 auch vorlag. Intensiv wurde die Idee auch von dem Historiker und Bundeskanzler Helmut Kohl gefördert, der die Errichtung eines Deutschen Historischen Museums in Berlin in einer Rede zur Lage der Nation im Februar 1985 als nationale Aufgabe von europäischem Rang bezeichnete.

Eine aus 16 Sachverständigen bestehende Kommission, die sich aus Historikern, Kunsthistorikern und Museumsdirektoren zusammensetzte, erarbeitete bis 1986 ein Konzept und stellte es dann zur Diskussion. Kern der Aufgabe des Museums sollte sein, Deutsche Geschichte im internationalen Zusammenhang darzustellen. Standort des Museums sollte auch nach dem Willen des Berliner Senats ein Platz neben der schwangere Auster genannten Kongresshalle im Tiergarten sein. Im Juli 1987 wurde schließlich der Gesellschaftsvertrag zwischen der Bundesrepublik und dem Land Berlin unterzeichnet. Ursprünglich war der Spreebogen Sitz des neuen Museums geplant. Den 1988 dafür ausgeschriebenen Wettbewerb gewann der Italiener Aldo Rossi, doch während Herr Rossi noch das Glück suchte, fiel 1989 überraschend die Mauer und die Karten wurden komplett neu gemischt.

Das ehemalige Museum für Deutsche Geschichte der DDR wurde dem DHM unterstellt, zunächst im September 1990 durch die Regierung der DDR und nach dem 3. Oktober auch durch die Bundesregierung. So erst wurde das Zeughaus, das im Jahre 1695 erbaut wurde und das älteste Gebäude Unter den Linden wurde zum Sitz des Museums.

Die Verfügung zur Errichtung eines Zeughauses als gutes Waffenarsenal hatte schon der Große Kurfürst 1667 getroffen. Der Pariser Hof- und Stararchitekt Francois Bondel wurde mit der Anfertigung eines Entwurfs beauftragt. Da es noch an Geld mangelte, dauerte es noch bis Kurfürst Friedrich III., der ab 1700 König Friedrich I. sich nannte, 1695 mit der Umsetzung begann.

Der Bau hatte bis zu seiner Realisierung vier Baumeister, von denen der erste verstarb, der zweite sich als Hofbaumeister überlastet fühlte und der Dritte, Andreas Schlüter, schließlich die Bauleitung übernahm, der als Bildhauer großen Anteil an der prächtigen Gestaltung der Fassade hatte, während sein architektonischer Beitrag eher unbedeutend blieb. Als schließlich 1699 ein Pfeiler des Ostflügels einstürzte und sich aufgrund der vielen Baumeister nicht mehr klären ließ, wer schuld daran war, aber Schlüters Maßnahmen die Misere auch nicht beenden konnten, übernahm Jean de Bodt die Bauleitung. Er hatte als Hugenotte nach kurzem Architekturstudium 1685 Frankreich verlassen und mit erst 29 Jahren das Projekt übernommen.

Er begann zunächst mit umfangreichen Sicherungsarbeiten und veränderte dann die Pläne schrittweise, fand neue Formen, die durch französische Klassik und die englische Architektur des 17. Jahrhunderts beeinflusst wurden. So gehen wesentliche Elemente des heutigen Gebäudes auf Pläne dieses Hugenotten zurück. Als im Jahre 1706 das goldene Brustbild Friedrichs I. am Hauptportal angebracht wurde, galt das Zeughaus als errichtet, dabei war das Gebäude noch lange nicht fertig, doch die schwierige Finanzlage stoppten den Weiterbau vorläufig. Als 1713 Friedrich I starb und sein Sohn Friedrich Wilhelm I. übernahm, der als Soldatenkönig auch für seine Sparsamkeit bekannt wurde. Er behandelte das Zeughaus nicht mehr als Repräsentationsbau sondern als Nutzobjekt, hielt es Innen bewusst schlicht. Aber erst 1729 wurden die letzten nötigen Mittel genehmigt und das Zeughaus konnte nach 35 jähriger Bauzeit seinem Zweck übergeben werden.

Der monumentale, zweigeschossige Bau war fast quadratisch bei einer Seitenlänge von 90 Metern und umschließt einen ebenfalls quadratischen Innenhof von 38 Metern Seitenlänge. Als Programm wurde in Latein über dem Hauptportal folgende Inschrift angebracht:

„Den Waffentaten zur Anerkennung, den Feinden zum Schrecken, seinen Völkern und Bundesgenossen zum Schutz, hat Friedrich I., der erhabene und unbesiegte König von Preußen dieses Zeughaus zur Bergung aller Kriegswerkzeuge sowie kriegerischer Beute und Trophäen von Grund auf erbauen lassen im Jahre 1706.“

Damit standen auch die Themen der künstlerischen Ausstattung des Baus fest, es ging um eine Verherrlichung der Kriegskunst. Die Skulpturen wurden dabei von 1696 bis 1699 maßgeblich von Schlüter mitgestaltet. Danach bestimmte Jean de Bodt den französischen Bildhauer Guillaume Hulot. Im Innenhof finden sich die bedeutendsten Beiträge Schlüters mit den 22 Köpfen sterbender Krieger, die zu den wenigen Figuren am Zeughaus gehören, die über 300 Jahre unbeschädigt blieben. Nach Schlüters Plan sollte noch ein Standbild Friedrichs I. im Hof aufgestellt werden, was einen Bezug zu den Köpfen als besiegten Feinden hergestellte hätte, dazu kam es jedoch nie. So hängen die leidenden Opfer des Krieges ein wenig beziehungslos um den Innenhof und geben dem Museum heute ein passenderes Bild, als ursprünglich wohl geplant, sind zudem Beleg für die hohe Kunstfertigkeit Schlüters und seiner Werkstatt.

Bis 1876 nutzte die preußische Armee das Gebäude als Waffenlager. So kam es auch, dass während der Revolution von 1848 nach dem Sturm auf das Zeughaus dort Waffen entwendet wurden, zu denen auch erste Hinterlader gehörten, die noch in der Erprobung waren und die später einen Teil der militärischen Überlegenheit gegenüber Österreich verursachten, auch wenn Moltkes getrennt marschieren und vereint schlagen, sicher ebenfalls sehr wichtig war, bekam darum schon früher ein Franzose, der in Berlin weilte ein solches Ding zu Gesicht, was die Preußen später so schnell schießen ließ. Außer als nur Waffenlager, was daran Interessierte im Detail noch irgendwo genauer nachlesen können, nur nicht hier, diente das prächtige Haus auch als Lager für Trophäen und Kriegsbeute. Nüchtern betrachtet Raubgut eigentlich aber da staatlich gewollt eben legitim.

Kaiser Wilhelm I., damals schon recht alt, ließ das Zeughaus zwischen 1877 und 1880 zur Ruhmeshalle der preußischen Armee umbauen. So entstand ein Museum für preußische Geschichte mit besonderer Betonung des militärischen Aspekts. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Zeughaus den Kunstsammlungen angegliedert und damit dem Militär weggenommen. Als die französischen Trophäen aus den Kriegen von 1870/71 und gegen Napoleon gemäß einer Bestimmung des Versailler Vertrages zurückgegeben werden sollten, stürmten empörte Gardeoffiziere und Soldaten das Zeughaus und verbrannten die Fahnen vor dem Denkmal Friedrichs des Großen. Der spätere Reichspräsident Hindenburg nutzte das Gebäude für Staatsempfänge, ansonsten spielte es in der Weimarer Republik keine so große Rolle mehr. Die Nationalsozialisten dagegen nutzten es für eine große Ausstellung über Deutschlands Rolle im Ersten Weltkrieg aus ihrer postfaktischen verschwörungstheoretisch geprägten Sicht der Welt. Zum Heldengedenktag hielt dort Hitler jährlich seine Ansprache im schlechten Deutsch der Schlagworte seiner Zeit. Am 21. März 1943 wollte sich Rudolf-Christoph Freiherr von Gersdorff zusammen mit Hitler in die Luft sprengen bei einer Führung durch die aktuelle Ausstellung, was leider misslang. Gegen Ende des Krieges erlitt das Gebäude schwere Schäden durch Bomben und Granaten und ein Teil der prächtigen Figuren verglühte im Feuer.

Das Kriegsmuseum im Zeughaus wurde durch die Alliierte Kommandantur von Berlin aufgelöst und beendet. Der Wiederaufbau des Gebäudes begann 1948 und zog sich bis 1967 hin, wobei ab 1950 das ehemalige Gebäude völlig entkernt und nur die Fassade um ein Betongerüst erhalten wurde. Die DDR brachte dort das MfDG Museum für Deutsche Geschichte unter, in dem die marxistische Sicht auf die Geschichte vorgeführt wurde, die nur wenig mit heutiger Sicht der Geschichte zu tun hat und fern der vernünftigen Realität ist, eben totalitär ideologisch. Nach der Wende und der Übergabe an das DHM wurde von 1994 bis 1998 die Fassade nach historischen Grundlagen saniert, um dann 1998 das Zeughaus ganz zu schließen und bis 2003 auch von Innen komplett zu sanieren. In dieser Zeit wurde auch der Neubau von Ieoh Ming Pei errichtet, der heute für Wechselausstellungen genutzt wird und architektonisch in seiner offenen und dennoch verschlungenen Vielfalt sehr eindrucksvoll ist. In dieser Zeit erhielt der Innenhof seine gläserne Überdachung, die ihn im Sommer fast zum Treibhaus macht. Die ständige Ausstellung mit Bildern und Zeugnissen aus der Geschichte wurde am 2. Juni 2006 von Bundeskanzlerin Angela Merkel eröffnet. Allein im Zeughaus werden auf 8000m² mehr als 7000 historische Exponate gezeigt. Die Kulturgeschichte des Alltags wird mit ca 130.000 Objekten in verschiedenen Teilbereichen präsentiert. Im Bereich Handschriften und wertvolle Drucke finden sich weitere 35.000 Objekte auch die wunderschönen Bibliothek  im Nachbargebäude ist reich ausgestattet und steht jedem Interessierten offen. Sie verfügt derzeit über etwa 250.000 Bände. Das DHM hat auch eine riesige Online Datenbank, in der sich derzeit Angaben für über 580.000 Objekte finden und für 70% von ihnen stellt sie auch noch ein digitales Foto bereit, es ist also einiges, online zu finden.

Gehe ich meinen Gang durch das Museum weiter, komme ich an vielen spannenden Objekten durch die Jahrhunderte hinweg vorbei und jeder möge sich sein Objekt aussuchen, das den größten Eindruck hinterließ. Das Gemälde von Karl V., dem Kaiser in dessen Reich die Sonne nie unterging, weil er nicht nur über die väterliche Linie deutscher Kaiser war sondern über die mütterliche auch König von Spanien wurde, deren Reich sich seit seinen Großeltern Ferdinand und Isabella, die Kolumbus Reise finanzierten, um die ganze Welt erstreckte, ist eines der beeindruckenden mit viel Gold und Schwarz und damit den frommen Kaiser auch gut treffend. Die Schriften zum religiösen Streit seiner Zeit in den Gängen dahinter, bringen die Konflikte sehr nah, Reformation und Gegenreformation waren es. Die Pesthaube aus der Zeit des 30 jährigen Krieges oder der abgebrochene Säbel Wallensteins, sind Zeugen für eine brutale Zeit in Deutschland. Spieltische und Kostüme aus dem 18. Jahrhundert zeigen viel von der Lebenskultur der Menschen. Kleider von Maria Theresia und ihrem Gatten am Eingang des schreinartig gestalteten Raums für Friedrich den Großen in dessen Mitte sein mit Schnupftabak verschmutzter Rock hängt, der zeigt wie klein der große Preuße war. Ein wenig weiter schauen wir ins Biedermaier nach den enzyklopädischen Werken der Aufklärung und vorne ganz rührend und in Erinnerung bleibend, der Morgenmantel der Königin Luise, die in den Kriegswirren um Napoleon an einer Lungenentzündung starb. Die Bilder aus dem preußischen Kaiserreich und seiner Industrialisierung, der uniformierte Alltag und zugleich im Jugendstil auch plötzlich die Hinwendung zur Moderne, bis zum Ersten Weltkrieg, mit dem die obere Etage endet. Untern dann laufen wir durch die Weimarer Republik, sehen die Realität der polarisierenden Straßenkämpfe, Hitlers Schreibtisch, das Grauen der Konzentrationslager, laufen in geteilten Jahren durch zwei Deutschlands, die es 40 Jahre gab und die sich immer noch mühsam wiederfinden, weil uns teilweise das Verständnis füreinander und die Werte der anderen fehlt.

Vielleicht kann dies großartige Museum und der Gang durch die Geschichte dazu beitragen, sich näher zu kommen, zumindest lernen wir uns in der Geschichte anschaulich besser verstehen. Das DHM ist eine Zeitreise und wie schon sein Bau aus vielen Gründen 35 Jahre  dauerte, brauchte es auch fast 20 Jahre vom Berliner Jubiläum 1987 bis zur Eröffnung 2006 und so sollte sich, wer dort hin geht auch ruhig einen ganzen Tag mindestens Zeit nehmen, um in der Zeit zu reisen. Besser noch einen für oben und einen für unten und sich treiben lassen, um neugierig zu werden im Strudel der Geschichte.
jens tuengerthal 8.4.2017

Freitag, 7. April 2017

Lustwissen

Braucht Lust je Wissen
Oder genügt ihr Natur
Zum Ziel zu finden

Gewinnt die Technik
Oder entscheidet Gefühl
Was dabei gut tut

Mehr genießt es wohl
Wer sich voll Lust ganz hingibt
Braucht kein Wissen sonst
jens tuengerthal 7.4.2017

Wissenslust

Mehr Wissen macht Lust
Wo Wissbegier lustvoll ist
Nie aber mit Zwang

Nur wer Lust weckt bleibt
Die wollen lassen wollen
Müssen auch lassen

Ehrgeiz erreicht nichts
Dummheit erschlägt mit Wissen
Geist weckt erst Neugier
jens tuengerthal 7.4.2017

Donnerstag, 6. April 2017

Erschiebung

Erziehung ist falsch
Wo sie zieht statt zu schieben
Grenzen braucht es nie

Jeden ziehts zum Glück
Schieben heißt Wege zeigen
Dahin zu finden

Wer weise ist lehrt
Eigene Grenzen spüren
Sie sich zu öffnen
jens tuengerthal 6.4.2017

Belinleben 039

Kiezgeschichten

Am Helmi

“Den Helmi liebste oder hasste, teilnahmslos gibbet hier nich”, meinte mal ein Platzbewohner zu mir. Weiß nicht, ob er da so ganz richtig lag, für sich bestimmt, für mich bin ich da nicht so sicher - lebe hier, wie ich auch an anderen Orten gelebt habe, denke ich eigentlich, wenn es auch mit Abstand einer der schönsten ist, an denen ich je lebte. Liebe eher Frauen als Plätze, hab ich damals erwidert, weil irgendwas musste ja sagen. So steht schon gleich am Anfang so ein bloß subjektives Geschmacksurteil, was selten viel taugt, wenn du dich wirklich verständigen willst, sondern nur Meinung und Stimmung macht, wie wir es von den Populisten zur Genüge kennen und das gefällt mir eigentlich weniger, passt aber irgendwie trotzdem.

Würde hier weg ziehen, wenn die Liebe es ergäbe - ansonsten wüsste ich wenig Gründe und vor allem fragte ich mich wohin, denn besser wird es nirgendwo in der großen Stadt für meinen Geschmack, schöner auch nicht, so ganz objektiv mal, außer ich will mehr Natur, aber dann bin ich in der Stadt ohnehin falsch und für Stadt ist hier schon verdammt viel Natur. Auf dem Platz mit Bäumen und Wiese und auch irgendwo drumherum dachte ich gestern Nacht, als ich gegen zwei Uhr meine Runde drehte und die Blüten der Bäume mich anlachten, es paradiesisch frühlingshaft überall wirkte und vermutlich duftete wovon ich nicht so viel mitbekam. Und auch dann triffst du hier immer irgendwie Leute, hat noch irgendeine Bar auf, spielen welche auf dem Platz Tischtennis und grüßen dich die Kioskbesitzer nett durch die Nacht, fragen, wie es dir geht.

Am Ende muss ich dem Platzbewohner vielleicht doch Recht geben, fürchte ich, gehen würde ich nur für die große Liebe, wenn es die denn wirklich gibt und ich sehe alles hier mit vermutlich leicht verklärten Blick, weil ich hier Zuhause bin und den Helmi halt liebe, so wie er ist, womit ich von vornherein sage, traut meinem Urteil nicht. Es ist von Gefühl gefärbt, natürlich einseitig, weil ich an einer Seite des Platzes lebe, zufällig der Sonnenseite, mich hier wohl fühle, nie von irgendwo weg will, wenn ich erst mal da bin. Wer dennoch lesen will, was einer, der sich kein objektives Urteil erlauben kann, weil er betroffen ist, dahingestellt, ob es überhaupt objektive Urteile geben kann, so zu seiner Umgebung weitschweifig und ausladend wie immer zu sagen hat, möge es lesen - aber nicht hinterher behaupten ich hätte nicht gewarnt. Es werden meine Urteile zu dem, was hier ist und besonders dem, was mir wichtig ist, wird bestimmt nicht vollständig, wer ist das schon, aber hoffentlich zumindest gut zu lesen.

Es gibt um den Helmholtzplatz den Helmi als Kiez, was den Platz selbst meint und den Helmholtzplatz-Kiez, der mit dem LSD-Viertel und drumherum identisch ist. Für die Verwaltung lag das Sanierungsgebiet Helmholtz-Kiez zwischen Schönhauser Allee und Prenzlauer Allee von Westen nach Osten und nordsüdlich zwischen Ringbahn und Danziger Straße. Dabei liegt der Platz nur irgendwie in der Mitte und ist vielleicht der zentrale Ort aber nur einer in einem großen Viertel, in dem sich vielfältige Dinge finden. Ein lieber Freund von mir schreibt gerade ein ganzes Buch über den Platz und seine Geschichten und ich denke das wird bestimmt wunderbar, Stoff gibt es hier genug. Nur ich will ihn nicht nachahmen, warum ich mich für dies eine Kapitel etwas beschränken muss und nicht jede Liebesgeschichte in jeder Bar wiedererzählen werde, weil es nicht nur so eine überschaubare Menge von drei wie am Kollwitzplatz mehr ist.

Benannt ist der Platz übrigens nach dem Physiker Hermann von Helmholtz, dem wohl vielseitigsten Universalgelehrten seiner Zeit, der von 1821 bis 1894 lebte. Der große Gelehrte war nicht nur Physiologe und also Arzt, als der er anfing, sondern wurde später als Physiker wieder an die Berliner Universität berufen, nachdem er zuvor auch in Königsberg, Bonn und Heidelberg als Physiologe gelehrt hatte. Helmholtz starb in Charlottenburg, was ja zum Sterben auch passender ist vom Altersdurchschnitt her auch heute noch, und nicht in Prenzlauer Berg, war aber eng mit Werner von Siemens verbunden, dessen Sohn seine Tochter aus zweiter Ehe geheiratet hatte, mit dem er auch ein wichtiges Institut noch gründete. Ein Arzt und Forscher, der den Dingen auf den Grund ging, vielfältig dachte und manch neues entdeckte, passt zu diesem Platz und seiner genialen Vielfalt. Dass die Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren sich heute nach ihm benannte, bestätigt das vorige noch, behaupte ich mal, um auch das noch festzustellen.

Der Helmholtzplatz liegt übrigens etwa drei Meter erhöht gegenüber dem normalen Straßenniveau und wird von Lychener und Dunckerstraße westöstlich, von Lette und Raumer Straße nordsüdlich eingerahmt. In der Mitte liegt noch die Schliemannstraße, benannt nach dem Kaufmann und Hobby-Archäologen, der an Literatur glaubend, so etwas gab es noch, Troja wiederentdeckte. Diese drei Straßen in der Reihenfolge gelesen, L S D, gaben dem Viertel seinen Namen in der Umgangssprache der Anwohner. Die Straßen um den Platz haben alle Kopfsteinpflaster, was theoretisch zum reduzierten Tempo zwingt, manche hindert es nicht am kurzen Beschleunigen, was aber tagsüber angesichts der vielen Kinder sehr gute Bremsen erfordert und daher eher nicht zu empfehlen ist. Der Platz ist weniger eine Rennstrecke als ein Lebensraum und Biotop eigener Art. Die Fläche zwischen den Straßen, bei denen die Schliemann in der Mitte des Platzes noch unterbrochen ist beträgt 240m mal 70m und hat also 16800m².

Die Bebauung des damals noch freien Windmühlenhügels war schon 1862 im Plan von Hobrecht vorgesehen. Der nach seinem Verfasser James Hobrecht benannte Plan regelte ab 1862 die Bebauung der Umgebungen Berlins. Damit sollte für Berlin, Charlottenburg und fünf umliegende Gemeinden die Bebauung für die kommenden fünfzig Jahre geregelt werden. Der junge Regierungsbaumeister James Hobrecht war der jüngere Bruder des Reichstagsabgeordneten und späteren Berliner Bürgermeisters Arthur Johnson Hobrecht. Der Plan war ein Fluchtlinienplan, der zunächst die Ausfallstraßen und großen Linien festlegte. Der König wünschte Boulevards und schicke Anlagen, wie sie Baron Haussmann in Paris realisiert hatte und Hobrecht setzte es im Rahmen der Möglichkeiten und der finanziellen Grenzen um. Dabei brauchte es erst die Baupolizeiordnung, welche die Entstehung des wilhelminischen Mietkasernengürtels förderten, der für Berlin und seine dichte Bebauung prägend wurde. Danach durften maximal 6 Vollgeschosse bei einer Traufhöhe von 20m errichtet werden und die Innenhöfe mussten eine Mindestfläche von 5.34 zum Quadrat haben, damit die Feuerwehrspritze wenden konnte.

Die im Gebiet des heutigen Platzes bestehende Ringofen-Ziegelei des Deutsch-Holländischen Aktienbauvereins wurde 1885 nach Beschwerden der Anwohner zugeschüttet. Die Bebauung mit teils mehreren Hinterhöfen war sehr eng und dunkel, es teilten sich große Familien teils kleinste Wohnunge und die hygienischen Verhältnisse waren bis zum Anschluss an die Kanalisation des Berliner Radialsystems katastrophal. Bettina von Arnim, die geborene Brentano berichtet teilweise sehr eindrucksvoll noch von den Zuständen um 1848 etwa in der Spandauer Vorstadt, heute Mitte, die aber an den Teute-Kiez angrenzt und ähnlich ärmlich bewohnt war. Sie selbst lebte in einem sehr netten Häuschen In den Zelten im Tiergarten also zwischen Berlin und Charlottenburg.

Nur drei Jahre nach Helmholtz Tod am 3. August 1897 erhielt der Platz seinen heutigen Namen. Schon 1898 wurde die gärtnerische Gestaltung der Fläche auch mit Spielbereichen begonnen. In der Osthälfte des Platzes, nahezu vor meiner Haustür nur halt mitten am Platz wurde 1928 ein Trafohaus errichtet, das als elektrische Schaltstation diente. Um dem Platz  als Erholungsraum weiter zu dienen wurde dies jedoch mit Sitzbereich und Wetterschutz ergänzt. Auch auf dem Platz gab es dann im Zweiten Weltkrieg einige Zerstörungen und so wurde dieser nach dem Krieg als parkähnlicher Stadtplatz mit Kinderspielplatz, Sitzgelegenheiten und einer Wiese neu gestaltet. Schon 1950 wurde der eigentlich angenehme Säulenbereich des Platzes wieder vermauert. Schließlich wurde 1976 noch zu DDR Zeiten eine öffentliche Bedürfnisanstalt eingerichtet und ab 1983 wurde ein großer Teil des Platze wieder versiegelt und wurde als zentraler Verkerhserziehungsgarten des damaligen Stadbezirks Prenzlauer Berg genutzt.

Nach der Wende von 1989 gab es zahlreiche Ideen zur Umgestaltung des Platzes. So wurde die Säulenhalle des Trafohäuschens wieder freigelegt und im Bereich der alten Ziegelei kam es zu Ausgrabungen. In den 1990er Jahren wurde das Gebiet vom Senat zum Sanierungsgebiet erklärt, was zahlreiche auch finanzielle Vorteile für die Gegend brachte, wobei es allerdings, typisch Berlin, dann bis 1998 dauerte, dass die Gelder tatsächlich zur Verfügung standen. In der Zwischenzeit war der Platz ziemlich verwildert und zu einem beliebten Treffpunkt von Punks und Alkis geworden. Ab 1998 wurde dann zunächst der Bolzplatz neu gestaltet und dann von 1999-2001 die anderen Bereiche unter Berücksichtigung der Bedürfnisse der Nutzer. So wurde die öffentliche Bedürfnisanstalt inzwischen ein Nachbarschaftshaus mit wechselnder Nutzung auch für Feste und ähnliches und im Trafohaus sitzt mit Kiezkind ein Café für Kleinkinder und ihre Eltern, das auch den eingezäunten Außenraum bewirtschaftet und für Regentage einen Indoor-Sandkasten bietet.

Die Punks haben sich weitgehend wieder verzogen aus der inzwischen eher spießigen Wohngegend junger Familien, was auch an verstärkter polizeilicher Kontrolle lag. Einige Alkis und manche Freaks sind geblieben und bevölkern die Mitte des Platzes und einige Bänken, denen ausweicht, wer sich gerade auf kein Gespräch einlassen möchte. Aber gemessen an der realen Konfrontation der verschiedenen Lebensbedürfnisse hier am Platz, läuft es ziemlich friedlich. Manchmal erregt sich eine Mutti, die noch neu ist, wird dann dumm angemacht, ruft gelegentlich die Polizei, die irgendwann vorbei kommt, übliche Kontrollen durchführt und dann geht es weiter wie immer. Manchmal kommen Dealer, aber die Alkis vertreiben die meisten von denen schnell wieder. Sie wollen keine verstärkten Polizeikontrollen sondern ihre Ruhe und so läuft es bis auf deren gelegentliche Schlägereien untereinander meist ziemlich friedlich. Diese Prügeleien dort haben allerdings selten gravierendere Folgen als jene unter den Knaben in der Sandkiste nebenan, wo sie täglich natürlich zu beobachten sind.

Im übrigen wird sich hier respektiert und toleriert, was das miteinander wesentlich leichter macht. Die Alkis waren schon da, als es viele der hier nun Muttis noch gar nicht gab, manche brauchen zwar das zu akzeptieren, besonders wenn es mal wieder laut oder wild wird, was nur noch sehr selten vorkommt und damit dieser Platz auch künftig vielfältig und bunt bleibt, lassen wir uns respektvoll in Ruhe. Mit den Jahren hat mir der eine oder die andere Platzbewohnerin schon ihre Lebensgeschichte erzählt. Manchmal tragisch, gelegentlich märchenhaft, nicht immer aus der Realität, meist erwartbar auch mit den üblichen Klagen der Verlierer, die nie gänzlich unbegründet sind.

Inzwischen gibt es ein neues, schickes, mit elektronischer Tür versehenes Bezahl-Klo auf dem Platz, vielleicht für die Muttis auf dem Spielplatz, damit diese nach dem vierten Latte nicht ständig im Café verschwinden müssen. Wie alle Elektronik funktionierte es nicht immer, diente unserer bekannten Obdachlosen, die gerne vor dem hiesigen Supermarkt schnorrend sitzt, als Nachtquartier in der kalten und feuchten Zeit und irgendwann konnte ich in der Nacht einen Feuerwehr- und Polizeieinsatz an dem Häuschen beobachten, in dem sich wohl jemand eingesperrt hatte. Habe die Rettung nicht mehr beobachtet, da sie schon über eine halbe Stunde brauchten, um mit Leitern festzustellen, dass sie eventuell über das Dach hineinkommen. Es gab wohl keinen Todesfall, davon hätte ich gehört und irgendwann haben sie die eingesperrte Person wohl gerettet. Danach war das neue Klohaus wochenlang versiegelt und verklebt, als handele es sich um eine Osterei.

Auf dem Platz gibt es Tischtennisplatten, die teils die ganze Nacht durch genutzt werden und einen Basketballkorb, sowie ein Denkmal mit Windrad, an dem bei seiner Erstellung die Anwohnerkinder oder jene, die eben da waren ihre kleinen Fußabdrücke in den frischen Beton drücken konnten und dort nun für die Ewigkeit mit ihrem Namen versiegelt sind. Auch meine Tochter drückte damals, wir wohnten da noch lange nicht hier, ihren Fuß in den frischen Beton und ihr Name wurde daneben geschrieben und wenn ich lange suchen würde, fände ich es vermutlich auch. Neben dem Windspieldenkmal, was die Platzbewohner manchmal auch künstlerisch sehr eigenwillig mit Funden aus der Umgebung verzieren und was dadurch lebendiger noch ist als seine bloße Beweglichkeit könnte, steht eine der grünen Handpumpen, wie sie sich noch an vielen Orten Berlins finden und diese funktionierende Wasserquelle findet vielfältige Nutzung durch die Anwohner jeden Alters. Während die Kinder eher plantschen, verdünnen manche Jugendliche ihren Wodka oder nüchtern sich aus, was einigen der hier Anwesenden gelegentlich gut tut und wofür er auch gern von den Platzbewohnern genutzt wird, die sich natürlich auch an ihrer Quelle waschen und auch die Tierhalter, die ihr Viehzeug ausführen, wissen diesen Jungbrunnen vielfältig zu schätzen.

Auf dem Platz finden verschiedene Feste und Veranstaltungen statt, gerne auch mal Wahlkämpfe, die lästigerweise wieder bevorstehen. Ohne größere Wirkung vermutlich, der Kiez ist im Kern Grün und einige andere wählen taktisch unabhängig davon, welche Zettel die Mitglieder der Ortsvereine hier verteilen, vermutlich wäre hier weniger stets mehr. Dafür gibt es mit dem Liederlauschen, ich meine am ersten Wochenende im September immer, ein wunderbares Fest über drei Tage, bei dem Bands und Musiker aus der Umgebung spielen, dessen krönender Höhepunkt die letzten male immer ein Konzert von Riders Connection war, der Band, die ich aus dem Al Hamra, gut kenne und wenn Philipp an der Gitarre und mit Gesang, Moritz die lebende Beatbox und Sergej am Bass einheizen, dann tanzt der ganze Platz voller Begeisterung mit. Besonders schön dabei, dass mit Philipp und Moritz auch noch zwei Jungens dort mitspielen, die am Platz aufwuchsen, zum Kiez gehören.

Erwähnte eben das Al Hamra, es ist eines meiner Stammcafés am Platz zum Schreiben, Lesen und lange bin ich auch jeden Sonntag zur Session im dortigen Keller gewesen. Ein Familienbetrieb mit sehr schönem Klima, in dem du dich zuhause fühlen kannst. Der Betreiber und seine Familie sind christliche Palästinenser, entsprechend die gute Küche im Haus. Der Keller des Al Hamra ist der Raucherraum, immer auch vom Dampf der Shishas geschwängert. Dort spielen regelmäßig Bands und jeden Sonntag findet eben die Session statt, bei der unter anderem die Straßenmusiker der Umgebung jeder drei eigene Lieder spielen dürfen. Dafür bekommen sie ein Freigetränk spendiert und der Keller ist jeden Sonntag voll. Der Zusammenhalt und die Freundlichkeit derer, die dort arbeiten, kreiert die eben familiäre Atmosphäre, in der sich viele Gäste sehr wohl fühlen und die ich als kreativen Raum immer wieder sehr inspirierend fand. Viele auch erotische Geschichten und Gedichte entstanden dort, inspiriert nur durch die Stimmung des Ortes.

Das Al Hamra, von dem ich als ersten nun von den Cafés am Platz erzählte, liegt eigentlich gar nicht mehr am Platz direkt sondern die Raumer Straße ein Stück weiter an der Stelle, an der die Göhrener Straße abzweigt und zum Göhrener-Ei wird, wie die Anwohner auf berlinerisch die eben eiförmige Insel mit Spielplatz in der Mitte dieser Straße nennen, die Raumer Straße und Senefelder Straße verbindet. Es ist ein Sofa-Café mit vielen Kuschelecken gerade im verrauchten Keller, den ich allerdings in letzter Zeit eher meide, weil ich leider auch nicht mehr jünger werde und die Nächte dort am nächsten Tag merke, aber schön und interessant ist es da immer wieder.

Folge ich nun der Raumer zum Platz, finde ich auf der linken Seite, in dem Haus, in dem Andreas Dresen seinen Film Sommer vom Balkon drehte, unten einen Italiener. Gute Küche, nette Italiener, nichts besonderes. Das Da Angelo könnte genauso auch in Bielefeld, Wuppertal oder Castrop Rauxel stehen und keiner würde es bemerken. Spricht nicht gegen den Laden und auch nicht für ihn, ist einfach so. Darum wechsle ich am Ende der Raumer die Straßenseite und stehe an der Ecke vorm Café Liebling. Schönes, geschmackvolles Cafe, nur ohne W-Lan, warum ich dort nie allein war, es dafür umso häufiger als Dating-Café nutzte und habe dort mehr als eine der meinen in den letzten Jahren zuerst gesehen, gesprochen oder geküsst und so ist der Laden für mich immer auch voll gefühlvoller Erinnerungen und das allein mag ich schon an ihm. Sonst kann ich nicht zu viel sagen. Immer ein Platz an der Sonne dort, wenn sie scheint und guter Wein. Typische Bergbewohner als Publikum und eben ein Name, der einfach zum Dating einlädt.

So sind die Plätze vor dem Liebling teils beliebter als im Café besonders im Frühling und Sommer. Auf das Liebling folgt der Öko-Feinkostladen Goldhahn und Sampson, der noch an verschiedenen Abenden Kochkurse veranstaltet, die sich dann noch ein schönes Menüs bereiten und es, wenn warm und trocken genug auch auf der Straße davor verzehren unter den neidischen Blicken der Passanten. Ansonsten hat der Laden natürlich auch Latte oder Prosecco und vieles mehr ökologisch korrekt im Angebot und manche Mutti sitzt dort mit oder ohne Kinderwagen und fühlt sich gut und gesund gestärkt, sofern sie sich den Laden leisten kann.

Auf Goldhahn und Sampson folgte jahrelang das eka, eine wunderbare kleine Bar, in der ich bisher nur einmal meine liebste Ärztin zum zweiten mal gedatet habe, ihrem Wunsch folgend, und zum Fußball bei der EM war, was ich ansonsten aber eher weniger besuchte, da ich zum Schreiben ins Café ging, nicht um Leute zu treffen. Heute ist eine neue auch wieder Raucherbar dort, die ich noch nicht von Innen kenne, warum ich mich des Urteils enthalte. Eher so typisch Prenzlauer Berg, dass sie nicht weiter auffällt und auch den Namen konnte ich mir noch nicht merken - draußen dran steht Bar, viele wild zusammengewürfelte Stühle, viel bärtiges Publikum und ziemlich junge Frauen, eher nicht mein Karpfenteich, denke ich, aber bevor ich lange Vorurteile habe, werde ich es bei Gelegenheit mal besuchen, wenn mich nicht das Café oder die Bar danach noch mehr anzögen.

Das Café/Bar, je nach Uhrzeit, Misirlou, ist zu meiner Stammkneipe seit Jahren geworden. Guter Riesling, sehr gute Oliven dazu, meist W-Lan und schöne Musik teils noch aus den 60ern oder älter schaffen eine gute Stimmung dort. An den Wänden wechselnde Ausstellungen teils lokaler Künstler, die dort manchmal Aufmerksamkeit bekommen, gelegentlich auch mal Konzerte aber vor allem eine wunderbare Stimmung zum Schreiben und Beobachten für mich, wie ich sie an wenigen anderen Orten finde. Misirlou ist ein ursprünglich als Rembetiko zur Begleitung des Tstifteteli Tanzes geschriebenes Lied, das sich über Griechenland hinaus bald im ganzen Nahen Osten großer Beliebtheit erfreute. Die erste Aufnahme stammt aus dem Jahre 1927, schon 1962 gab es eine Surfrock Fassung von Dick Dale und eine Version von den Beach Boys. Später tauchte es wieder in dem Film Pulp Fiction auf und hat auch dadurch Kultstatus erlangt. Kult sind im Misirlou auch die Nächte mit DJ von denen einer, auch einer der vielen dort verkehrenden und arbeitenden Griechen als einer der bekannteren Berliner DJs gilt und der dort die passende Musik auflegt und die lange Bar zum Schwingen bringt. Es können auch Kleinigkeiten gegessen werden, aber eigentlich ist die Bar zum trinken da und feinen Kuchen bieten sie am Tag an. Das Misirlou zählt zu den Läden am Platz, die am längsten geöffnet haben, was ich schreibend, die Zeit manchmal vergessend sehr zu schätzen weiß, wenn ich auch selten nur dort bis zur Morgendämmerung vor der Tür saß, wie in einer wunderbaren Nacht mit einer lieben Freundin der Hutmacherin von umme Ecke.

Nach anfänglichen Beschwerden der Nachbarn über zu laute Musik und ähnlichen Unsinn hat sich die Situation wohl eingespielt inzwischen, Polizei kommt nur noch sehr selten vorbei, was aber auch daran liegen könnte, dass nebenan das gelegentlich sehr laute eka geschlossen hat. Manchmal werden hier auch Filmpremieren gefeiert und geben sich die Models der Fashion Week die Klinke in die Hand, was mich beides noch nie sonderlich interessiert hat. Aber ich bin gerne in dieser Bar, war mit mancher meiner Liebsten da, habe einige ganz wunderbare Frauen dort kennengelernt, bei der ich besonders bei einer sehr feingeistigen und wunderschönen Professorin aus ursprünglich Lübeck sehr bedaure, wie schnell sich der Kontakt nach einer wunderbar geteilten Nacht wieder verlieren kann - dabei hätte uns die geteilte Liebe zu Thomas Mann nun wirklich dauerhaft binden könnte, hätte ich zu diesem Zeitpunkt nicht auf zu vielen Hochzeiten getanzt. Ach und die IT-Spezialistin mit dem allerschönsten Busen, den ich je küsste, die sprach mich auch dort an und später verbrachte ich mit ihr und ihren Freundinnen ein wunderbares Picknick und mit ihr manche Nacht mit viel Wein, auch eine tolle Frau und meine zweite Verlobte traf ich beim ersten Date auch dort gegen alle Gewohnheit, weil an dem Abend das Liebling überfüllt war. Dafür küsste ich sie beim zweiten Date das erste mal im Liebling. Die liebste Ärztin küsste ich erstmals im Raucherraum dieses Cafés, ein im Winter und an grauen Novembertagen nicht zu unterschätzender Vorteil und zumindest küssten wir uns immer wieder, wenn wir uns dort sahen, was ich dem Ort wie uns hoch anrechne trotz manchmal verwirrender Läufe dieser Welt.

Neben dem Misirlou war lange ein kleiner feiner Franzose und ist jetzt ein kleiner und sehr netter Österreicher, bei dem ich gespannt bin, wie lange sie ihr hohes Engagement in der Gegend durchstehen, in der Wirte von ihrer Bar mehr leben als vom Essen. Bevor ich nun die Dunckerstraße in Richtung Lettestraße überquere, könnte ich noch von einem kleinen portugiesischen Café erzählen, das sehr nett und geschmackvoll aussieht, die auch wohl noch einen Feinkostladen nebenan betreiben, wüsste ich etwas über sie. Es gibt sie und entweder ich oder die werte Leserin wird es zuerst erkunden.

An der Ecke der Lette Straße wird nun das letzte unsanierte Haus des Platzes auch noch saniert, verliert sein klassische Leberwurstgrau. In dem dagegen schon länger top sanierten Erdgeschoss findet sich der typische Prenzlauer Berg Schicki Laden Victoria & Albert mit teils ganz netten Klamotten und sonstigem Zeug, um sich die Wohnung gediegen modern voll zu stellen. Daneben ein Café, das mehrfach den Besitzer wechselte, seit ich hier wohne, was im siebten Jahr erst ist, in dem ich einmal Essen war, was ich sonst nie besuche, weil entbehrlich und ohne W-Lan und inzwischen relativ geschmacklos eingerichtet. Es läuft irgendwie, weil die Lage hervorragend ist, könnte mehr und besser sein.

Daneben ein kleiner französischer Bäcker mit teil sehr gutem Kuchen, edel gemacht und hat als kleines Café auch seine Kunden hier. Machen wohl sehr guten Kaffee, wie mir die Damen bestätigten, die solchen wünschten, wenn sie bei mir nächtigten. Die Damen dort sind zumindest meist sehr nett und was zuviel war, landet immer wieder in unserem Flur und so komme ich häufiger mal zu Brötchen und Croissants als ich es sonst täte und woraus die kluge Leserin schließen könnte, dass wir nahezu Nachbarn wohl sind. Ist auch so, befindet sich nur noch ein Friseur dazwischen, den ich nur einmal besuchte, der aber, nach Auskunft verschiedener meiner Liebsten, die sich dort beschneiden oder legen ließen, gut sein soll.

Dann kommt das Marakesch, was hoffentlich bald wieder öffnet und eben dem Namen entsprechende Küche bot, betrieben durch einen Eingeborenen mit eine zeitlang auch einem Koch von da, der aber wiederum aus London kam und dort vermutlich mit seiner Liebsten wieder ist, die bis vor kurzem einen Laden in der Lychener betrieb. Vermutlich wird es schwierig werden, wie für die davor auch, die alle baden gingen, weil nur Gastronomie wohl nicht wirklich lohnt, sehr hochpreisig hier nicht her passt und alles andere auch immer schwierig ist. Wer Erfolg haben will, muss mehr bieten, den Laden mit Getränken und guter Bar brummen lassen aber es gibt hier um den Platz noch einige Läden, die häufiger wechseln und von denen ich keinem eine lange Perspektive wohl geben würde, weil sie nicht wirklich passen. Das Problem ist, weil es gut laufende Bars gibt, sind die Mieten hier inzwischen relativ hoch - das kann mit einem einfachen Restaurant eher nicht erwirtschaftet werden und so kommen und gehen die Läden, auch wenn der Versuch sehr ehrenwert ist.

Folge ich nun der Lettestraße weiter kommt an der Ecke unser engagierter Buchladen als Filiale der Buchbox, von denen es noch einige in Berlin gibt, der wohl ganz gut läuft und über den ich, außer dass er immer wieder verführerisch in vielerlei Hinsicht für mich sein kann und er sich auch am Kulturprogramm am Platz wie der einmal jährlichen Kinderbuchmesse aktiv beteiligt, wenig sagen kann. ein Buchladen, der mich nicht in große Euphorie versetzt aber manchmal nette Überraschungen hat und einige süße Buchhändlerinnen. Neben den Schaufenstern des Buchladens aber in der Schliemannstraße kommt eine kleine italienische Trattoria, die ihre Pasta frisch und selbst machen und im großen Schaufenster kann immer wieder dabei voller Lust zugeschaut werden. Scheint sehr gut zu sein und brummt ziemlich, was nicht gegen seine Qualität spricht. Daneben kam früher ein wunderschöner Secondhand Laden, der leider auch aufgegeben hat, den ich mit so mancher Süßer besuchte und was nun kommt, ist noch offen, zumindest weiß ich von noch nichts neuem. Die Quantentheorie danach brummt auch ganz gut bei meist eher jüngerem Publikum, das sich gern vergan ernährt und darüber redet und ist im hiesigen Stil eingerichtet, habe ich bis dato nur im Vorbeigehen betrachtet, auch aus Solidarität mit Arne, der vorher dort das Filmcafé führte, wo es hervorragendes Schnitzel, feines Chili con Carne oder auch ohne Fleisch und hervorragende Burger gab sowie am Wochenende und zu allen wichtigen Spielen Fußball. Daneben betrieb er noch im Keller ein Kino mit ausgewähltem sehr schönen Programm und kuscheligen Sesseln, das die Nachfolger nun einmal monatlich für Shows nutzen im wohl auch erotischen Burlesque Stil, was ich unbedingt nochmal besuchen muss, auch wenn Arne als Fußballkneipe wirklich fehlt, sogar wenn Fußball nicht wirklich interessant ist, findet sich dabei immer ein Thema über das Männer miteinander mit viel Gefühl reden können, woraus sich manch gutes Gespräch ergibt.

Danach kommen in der Schliemannstraße noch eine wohl gut bestückte Videothek, die auch ein großes Angebot an klassischen Filmen haben und die wohl ganz gut läuft. Von dem Radladen mit teuren Designerrädern und dem Beauty-Shop für schicke Nägel, kann ich das eher nicht sagen, habe da noch nie jemanden drin gesehen aber, wer weiß wozu ein Schaufenster alles dient. Der neue Italiener an der Ecke Stargarder Straße scheint noch nicht besonders angenommen zu sein, warten wir ab. Im Gegensatz zu Intersoup das er verdrängte, ist er nicht hipp und hat noch kein Publikum. Überquere ich die Straße und gehe auf der anderen Seite zurück komme ich an der Ecke an einer Galerie, die schon länger da ist, wie immer sie läuft und einem edlen Papierladen vorbei, für den gleiches gilt. Die Fahrschule danach hat ein kultiges Schaufenster voller Nippes aus der DDR und anderen Dingen, die immer wieder ein museales Stehenbleiben lohnen, weil sie  Geschichte auch von hier erzählen und das, da einfach echt, besser als viele Museen. Bis zur Ecke kommen noch kleine Lädchen für Krimskrams, der schick ist und den keiner braucht und Büros, sowie ein sehr ambitionierter Kinderklamotten und Stofftiere Laden mit viel selbstgemachtem, die sich wohl halten, zumindest sind sie schon länger da.

An der Ecke aber und um sie herum ist das Café Wohnzimmer, was immer sehr gut besucht wird, obwohl es keinen Service gibt, manche hinter der Bar mehr als unfreundlich sind, sie die strengen hauseigenen Regeln nach Laune auslegen, die bei manchen häufiger schlecht ist, aber das internationale größtenteils junge Publikum wird scheinbar gerne schlecht behandelt und auch ich gehörte lange zu den Kunden, da die Lage relativ ideal ist, sie immer gutes W-Lan haben und du meist jemanden dort irgendwie kennenlerntes. Es steht voller alter Sofas und Sessel mit Bildern, die sich andernorts höchstens auf dem Flohmarkt, wenn nicht sogar im Sperrmüll fänden, der hier übliche Schick halt. Das Wohnzimmer hat Abends und Nachts einen großen Raucherraum, mit teils sehr lustigen Sitzgelegenheiten, geeignet, um sich näher zu kommen und ist um die Ecke herum auch draußen mit eher sehr alten Klappstühlen versehen, die zumindest vorne mit am längsten Sonne bieten, ein also idealer Platz. Das Publikum ist immer wieder spannend, das Personal zu  oft eher eine Zumutung, warum ich mir den Laden inzwischen meist spare, auch wenn allein das Rondell im Raucherraum mit den Sitzgarnituren aus dem Palast der Republik irgendwie den Besuch wert ist. Habe dort viele Dates gehabt und der Weg von da zu mir ist ja nicht weit, gibt schöne Erinnerungen, dennoch überwiegt, wie bei mittlerweile immer mehr Anwohnern auch der Ärger über einige aus dem Personal dort, warum ich es eher zum anschauen empfehlen würde, denn zum verweilen aber wer unbedingt jemand kennenlernen will, ist dort sicher gut aufgehoben. Schöne cool uncoole Flirt Atmosphäre.

Den Eisladen daneben gibt es nicht mehr und auch die Bäckerei, die ihm folgte, hat schnell wieder aufgegeben. Sie wurde zusammen mit dem Späti betrieben, der vor allem während der Fußballmeisterschaften mit Fernseher und Bänken vor der Tür sein bestes Geschäft wohl machte, wo auch ich regelmäßig schaute in netter Gemeinschaft mit anderen Platzanwohnern, Touris und den Gästen des Hostels dahinter, was den passenden Namen Lette’m Sleep trägt. Im Gegensatz zu den sonst hier harmonisch dominierenden Pastellfarben ist es in kräftigem blau und orange angemalt, was ein wenig in den Augen schmerzt aber auch dazu gehört. Viel junges internationales Publikum bringt, das oft in größeren Gruppen rauchend und trinkend vor der Tür in allen europäischen Sprachen parliert. Den Späti betreibt nun ein sehr netter junger Neuseeländer, der auch oft mit seinen Kunden noch Abends draußen sitzt und bis mindestens 2h etwa in der Woche geöffnet hat, am Wochenende sah ich ihn auch schon später. Hoffentlich hat er mehr Erfolg, aber die hohen Mieten fordern vermutlich mehr Umsatz als gelassener Betrieb mit Bierchen und Zigaretten bringt, was immer dann folgen soll.

Ob sich das kleine nette Café Moukabi in dem Maklerbüro, das auch wieder aufgab, was ich nicht ohne Freude sah, lange halten wird, weiß ich nicht. Wirkt sehr freundlich, ist nur tagsüber geöffnet und hat meist irgendwelche auch ältere Gäste. Passt irgendwie, wirkt nett, mal sehen, wie lange. Gleiches gilt für den mit viel Engagement neu gemachten Laden an der Ecke mit dem hier völlig unpassenden Namen Street Angel. Sind immer Leute drin, haben eine große Speisekarte, eigentlich ideale Sonnenlage aber dort gingen schon einige pleite, die genauso wenig hierher passten und was daraus wird, steht in den Sternen. Das Ding könnte auch in jeder deutschen Kleinstadt stehen, wäre dort vermutlich sehr beliebt oder auch in Pankow draußen, hier wirkt es etwas fehl am Platz, was mir selten eine so treffende Formulierung schien.

Gehe ich nun ein wenig die Lychener Straße runter, komme ich am schönsten Blumenladen am Platz mit der nettesten Inhaberin vorbei, den ich auch darum erwähne, der für Blumenfreunde immer den Blick lohnt und in dem ich, wenn ich einen Grund habe, immer gerne kaufe. Weniger kaufte ich bisher im Muttiladen dahinter, die Umstandsmode vertreiben und hier bestimmt ein gutes Geschäft machen. Mehr dagegen bei deren Nachbarn Ostkost, einem Ökokostladen mit einigen alten Ostsachen, vor allem aber Bio-Obst und Gemüse aus wohl teilweise eigenem Anbau und sehr gutem Bio-Brot, wo auch ich aus Gründen der Solidarität und Qualität, was sich ja nicht immer so gut vereinen lässt, mein Brot kaufe. Sehr freundliches Personal, immer auf ein Schwätzchen aufgelegt, begrüßt viele Kunden mit dem Namen, was auch ich dort schätze, obwohl meine Einkaufswut dort sehr beschränkt ist. Wenig kann ich über den süßen Hutladen daneben sagen, süße Hutmacherin mit netten Hüten und gutem Geschmack in der Gestaltung ihres Ladens, den ich noch nicht betreten habe. Eine befreundete, süßere, stilvolle Hutmacherin äußerte sich kritisch, dazu kann ich ahnungslos, wie ich bin auf dem Gebiet, nichts sagen. Bin erstaunt, ie lange sie sich schon hält.

Nun kommt das Ausland. In einem etwas zurückgesetzten Bau, an dem vieles alternativ eher wirkt, an die früheren Zeiten hier erinnert, als noch nicht alles saniert war. Dort finden regelmäßig Kulturveranstaltungen statt mit spannendem Programm und interessanten Projekten. Eine zeitlang gab es dort etwa auch den Bücherkühlschrank, in dem du Bücher abstellen und andere mitnehmen konntest. Dort fand sich so einiges schönes, leider wurde der Kühlschrank irgendwann Opfer des üblichen Vandalismus und hatte sich damit wieder erledigt. Bis zur Ecke Stargarder kommt auf dieser Seite noch eine Kneipe, die ständig Personal für ihren Partyservice suchen, mit dem sie vermutlich Geld verdienen, der Laden kann ihnen sichtbar nichts einbringen, warum immer sie ihn halten. Dagegen brummt der Kinder-Designermode-Outlet Laden an der Ecke immer, ob es mehr Touristen oder besuchende Großeltern sind, die dort kaufen, weiß ich nicht. Wir kauften damals eher wie sehr viele hier im Second Hand Laden auf der anderen Seite der Stargarder, wenn ich dort nach rechts abböge, was ich aber nicht tun will, da ich lieber der Stargarder Richtung Gethsemanekirche folge, um zum besten Eisladen der Stadt zu kommen. Vorher komme ich noch an einigen auch häufiger wechselnden Restaurants vorbei zu denen ich wenig sagen kann, auf der rechten Seite kommt vor der Pappelallee noch ein schöner italienischer Feinskostladen, der sich scheinbar auch hält, seit ich hier am Berg wohne jedenfalls besteht. Direkt gegenüber eine wieder sehr passende Bio-Drogerie, die meine gute Seife führt und besonders freundliches Personal hat.

Überquere ich nun die Pappelallee kommt nach dem Restaurant an der Ecke, was ich hier ignoriere, hatte nur einmal ein Date dort, das Date war nett, der Rest ist keiner Erinnerung mehr wert, Hokey Pokey, der wirklich beste Eisladen der Stadt und ich kenne noch keinen besseren irgendwo auf der Welt. Die Kugeln sind teuer, dafür doppelt so groß meist und von einer Qualität, die dich immer wieder kommen lässt an warmen Tagen auch für nur eine Kugel. Der Laden hat in seiner vorigen Dependance einige Häuser weiter viel Ärger mit seinen Nachbarn gehabt, die genervt waren, das vor dem kleinen Laden sich ewige Schlangen von eben auch vielen Müttern mit quengelnden Kindern bildeten und sich beim Bezirksamt beschwerten. Die Geschichte darum schaffte es bis in die FAZ und inzwischen hat sich die Lage relativ beruhigt, der neue Laden ist größer und durch die Verdoppelung der Preise, bei zugleich doppelter Menge fast, haben sich die Schlangen etwas gelegt. Es lohnt sich wirklich und wer einmal da war, kommt wieder.

Nach dem Eisladen folgt noch nach Meinung meiner Tochter mit 1001 Falafel der beste Falaffelladen der Welt dessen Betreiber ich noch lange vom Samstagsmarkt am Kolle kenne. Es folgt noch ein kleiner Italiener, der ganz gut sein soll, ein Weinladen, der örtlichen Künstlern Raum zur Ausstellung gibt und ein gutes Sortiment hat, sowie der Friseur an der Ecke, der sehr hipp ist, mit teils sehr bärtigen Friseuren oder gewagt frisierten Friseurinnen, weil Friseuse ja heute diskriminierend wäre. Schaue ich in den Laden und sehe ich dort über den ganzen Tag immer Unmengen von Haaren auf dem Boden liegen, weiß ich zumindest welchen Laden ich nie betreten werde.

Die Gethsemanekirche, die ich nun erreiche, liegt an der Stargader Straße zwischen Greifenhagener Straße und Gethsemanestraße, die in L-Form die Kirche umfährt und am Ende in die Greifenhagener wieder mündet. Am Knie des L hat sie noch einen kleinen Spielplatz, der auch des Trampolins dort wegen sehr beliebt ist. Die Häuser in der Ecke wirken sehr einladend, liegen allerdings direkt am S-Bahn-Ring, über den des Nachts auch die Güterzüge rattern, die dann fast durchs Bett fahren vom Gefühl her, was ich als Gast bei einer Liebsten auch erfahren durfte. Die Kirche selbst, die zwischen 1891 und 1893 erbaut wurde, ist vor allem ihrer Rolle in der Revolution von 1989 wegen berühmt. Sie ist wie üblich nach Osten ausgerichtet und der Westturm bildet die Schaufassade zur Kreuzung Stargarder, Greifenhagener. Die Fassaden der die Kirche umgebenden Wohnhäuser gehören zu den prächtigsten in Prenzlauer Berg, sehen wir von den Neubauten mal ab, da das frühere Arbeiterviertel sonst eher bescheiden war.

Die Gemeinde bekam das Grundstück von Caroline Griebenow, der Witwe von Wilhelm Griebenow für den Bau der Kirche geschenkt. Ihr Gatte hatte durch den Verkauf von Gelände in der Gegend ein beträchtliches Vermögen erwirtschaftet. Die Kirche war eine Tochtergründung der Zionsgemeinde, von der ja schon am Teute erzählt wurde. Den Namen Gethsemane bestimmte der zur Weihe anwesende Kaiser Wilhelm II., der auch für seine sonst eher peinlichen Bauprojekte bekannt wurde, sehen wir von seiner nicht minder peinlichen Absetzung ohne Entschluss 1918 einmal ab. Die Kirche selbst ist eine interessante Mischung aus Zentral-und Längsbau, bei der Innen die Vierung als großes Oktogon mit Sterngewölbe ausgeführt ist, was von außen unsichtbar bleibt. Das Querschiff, das von außen gut sichtbar ist, bleibt im Inneren kaum zu erkennen und verschwindet hinter den großzügigen Emporen. Stilistisch ist der Bau, schwer zu fassen und weist neben romanisierenden auch gotiserende Baudetails auf, wie etwa im Kreuzrippengewölbe, dagegen erinnern die wild komponierten Emporen eher an eine Barockkirche, sie ist halt irgendwie von allem etwas.

Bemerkenswert ist noch die expressionistische Holzplastik von Wilhelm Groß mit dem Titel betender Christus, die Jesus kurz vor seiner Gefangennahme im Garten Gethsemane zeigt, als er seinen geglaubten Vater darum bat, dass dieser Kelch an ihm vorüber gehen möge. Die Plastik zeigt berührend die Schwäche Jesu in diesem Moment und unterscheidet sich als Mahnmal für die Gefangenen des 1. Weltkrieges damit deutlich von der sonst üblichen Heldenverehrung bei diesem Thema.

Vor der Kirche steht der segnende Christus, der aus der ehemaligen Versöhnungskirche im Mauerstreifen stammt, die in der Bernauer Straße gelegen von den DDR Grenztruppen noch 1985 gesprengt wurde, vier Jahre bevor sich dieser Staat erledigt hatte. Vor der Südwand der Kirche steht die 4.60m hohe Bronzeplastik Geistkämpfer, die ein Abguss eines von Ernst Barlach für die Stadt Kiel geschaffenen Werks ist. Das noch vom Ost-Berliner Magistrat gekaufte Exemplar war eigentlich als Mahnmal gegen die Bücherverbrennung auf dem Bebelplatz gedacht, war aber für diesen zu klein und wirkte nicht. Seit 8. November 1994 steht es an der Gethsemane Kirche zum Gedenken an die Demokratiebewegung in der DDR.

Während der 1980er Jahre wurde die Kirche zum Sammelpunkt für Oppositionelle in der DDR und die dortige Friedensbewegung. Vor allem Pfarrer Werner Widrat unterstützte in dieser Zeit die oppositionellen Basisgruppen, die seit Anfang 1989 ein Kontakttelefon für Basisgruppen einrichteten, an dem unter anderen Ulrike Poppe und Marianne Birthler mitarbeiteten. Ab 2. Oktober 1989 war die Kirche Tag und Nacht geöffnet. Dort bedeckte stets ein Meer brennender Kerzen den Vorplatz. Am 7. Oktober 89, dem Nationalfeiertag zum 40. Jubiläum der DDR, an dem Gorbatschow seine berühmten Worte sprach und in Schwante parallel die Ost SPD als SDP gegründet wurde, gingen Einheiten von Volkspolizei und Stasi mit Gewalt gegen Demonstranten vor, von denen sich viele gerade noch in die Gethsemane Kirche flüchten konnten. Dennoch wurden rund 1000 Menschen verhaftet und wochenlang gefangengehalten. Am 9. Oktober forderte Bischof Forck in der Gethsemane Kirche die DDR Führung auf deutliche und glaubhafte Schritte für eine demokratische Entwicklung zu zeigen. Am 5. November spielte die Staatskapelle Berlin in der Kirche Beethovens 3. Symphonie und der Generalmusikdirektor der Komischen Oper Rolf Reuter forderte unter großem Beifall die Mauer muss weg. Nach dem Konzert formierte sich spontan ein Protestzug durch die Schönhauser Allee. Nach dem Rücktritt der totalitären DDR-Führung war die Kirche ein Sammelpunkt der Bürgerbewegung und nach der ersten und einzigen freien Volkskammerwahl kam diese hier zu einem Gottesdienst zusammen. Die Kirche war ein zentraler Punkt des Umbruchs, was heute noch durch Stelen zur Erinnerung davor deutlich gemacht wird.

Auch nach 1990 setzte sich die Kirche weiter etwa mit Friedensgebeten während des Golfkrieges für eine bessere Welt ein. So fanden im Rahmen des Ökumenischen Kirchentages hier unter riesigem Andrang eine gemeinsame Abendmahlsfeier statt, obwohl der Polenpapst sie vorher ausdrücklich verboten hatte und der katholische Priester Hasenhüttl, der den Gottesdienst leitete und alle zur Kommunion einlud wurde danach wegen Verstoßes gegen die Kirchendisziplin von Bischof Marx suspendiert, was wieder bewies, wie totalitär nah sich alle solchen Regime sind in ihrer Intoleranz und welch wichtiger Ort diese Kirche im Helmholtzkiez dagegen immer war.

Folge ich nun von der Kirche aus der Greifenhagener Straße komme ich direkt zur S-Bahn Station Schönhauser Allee, die sich dort mit der U2 an der gleichnamigen Station kreuzt. Jenseits des Rings und also glücklicherweise nicht mehr im Kiez liegen die Schönhauser Allee Arcaden, ein Schopping-Center, das wie alle solche Läden ist und da jenseits nicht nur von gut und böse sondern der Grenze keine weitere Beschreibung mehr braucht, die auch ansonsten angesichts seiner Durchschnittlichkeit völlig entbehrlich ist, Kennste eins, kennste alle.

Gehe ich nun in der anderen Richtung die Greifenhagener Straße hinunter, komme ich an einer Grundschule vorbei und zur Wohnanlage der Bremer Höhe. Dieses denkmalgeschützte Ensemble von Wohnhäusern wurde zwischen 1870 und 1913 errichtet und ist seit 2000 im Besitz der gleichnamigen Wohnungsbaugenossenschaft. Die Bautätigkeit dort begann 1849 unter Mitwirkung des Sozialreformers Victor Aimé Huber und seiner Frau Auguste, einer geborenen Klugkist. Die Grundstücke an der Schönhauser Allee 58/58a wurden mit sechs Kleinhäusern für 15 Familien bebaut, die sich einem rigiden Verhaltenskodex zu unterwerfen hatten. Sie erhielt den Namen Bremerhöhe, weil der Bremer Senator Hieronymus Klugkist die Initiative von Tochter und Schwiegersohn massiv finanziell unterstützte. Als die Stadt näher rückte und die Bodenpreise stiegen, musste, um Investoren zu finden, die Bebauung intensiviert werden. Die ursprünglichen inzwischen verwahrlosten Cottages wurden abgerissen und die bis heute vorhandene Blockrandbebauung errichtet.

Obwohl von 1870 bis 1913 ganze 43 Jahre gebaut wurde macht die Anlage mit ihrer Klinkerfassade einen geschlossenen, einheitlichen Eindruck. Anstelle von Hinterhäusern und Seitenflügeln blieben die Höfe dort unbebaut zur Selbstversorgung der Bewohner und als erholsame Grünanlage. Es gibt auch darum in den meisten Häusern nur zwei Wohnungen pro Etage. Grundrisse und Ausstattung sind in allen Etagen gleich und an den Idealentwürfen Hubers orientiert.

Aufgrund des nahen S-Bahn-Rings, dem inneren Verteidigungsring Berlins, war die ganze Gegend am Ende des Zweiten Weltkrieges Schauplatz heftiger Straßenkämpfe bei der Einnahme Berlins durch die Rote Armee. Bis heute zeugen zahlreiche Einschusslöcher in der Klinkerfassade davon. Dennoch überstand die Siedlung den Krieg ohne größere Substanzverluste und noch heute lebt es sich gut in den Wohnungen. Eine Freundin von mir lebt in einem der Häuser und der Blick von dort in den Hof ist herrlich, der ein großer grüner Garten ist und als geborener Bremer fühle ich mich den Gebäuden schon namentlich irgendwie verbunden. Alle die dort eine Wohnung haben, erzählen, wie glücklich sie darüber sind und wie schön das Leben auch auf den Höfen wäre.

In der DDR wurden die Wohnungen in Volkseigentum überführt und es wurden nur Substanzschäden ausgebessert, da dort die Errichtung von Plattenbauten bekanntlich Vorrang vor der Sanierung von Altbauten hatte. Nach der Wende kam die Bemer Höhe zur WIP die heute Teil der Gewobag ist. Als 1999 Gerüchte über eine Privatisierung aufkamen, regte sich der Widerstand der Bewohner. Daraufhin gründete sich die Genossenschaft, die im Mai 2000 anstelle des privaten Investors in den Kaufvertrag einstieg. Kauf und Sanierung wurden stark politisch unterstützt, wofür sich besonders auch der heutige Pankower SPD Abgeordnete Klaus Mindrup stark machte. Für den Genossenschaftsmodellfall der Bremer Höhe wurden zahlreiche Förderrichtlinien auch auf Landesebene geändert und sie wurde so zum Vorbild.

Wende ich mich nun von der Bremer Höhe wieder der Pappelallee zu, sehe ich schräg gegenüber den Friedhofspark Pappelallee. Er wurde 1847 von der Deutsch-katholischen, später Freireligiösen Gemeinde errichtet. Das Friedhofstor ist mit einer entsprechenden Sentenz überschrieben, dort steht:

Schafft hier das Leben
gut und schön,
kein Jenseits ist,
kein Aufersteh’n

Das Grundstück von 6000m² hatte Wilhelm Griebenow der Gemeinde geschenkt. Ab 1893 wurden nur noch Gemeindemitglieder dort bestattet und 1907 wurde noch von Trewendt eine große Feierhalle errichtet. Die Nazis lösten 1934 die Freireligiöse Gemeinde auf und verstaatlichten 1936 den Friedhof. In der DDR wurde die Freireligiöse Gemeinde nicht wieder gegründet und so wurde der Friedhof zu einem städtischen auf dem bis 1969 noch bestattet wurde, was die Nutzungszeit bis 1994 dauern ließ. Die ehemalige Feierhalle wurde seit 1946 gastronomisch als Casino der Handwerker genutzt und dient heute dem benachbarten Ballhaus Ost als Bühne. Nach der Wiedervereinigung ist der der Friedhof von 1990 bis 1995 in einen Park umgestaltet worden und ist heute noch ein öffentlicher Friedhofspark mit kleinem Spielplatz. Der Friedhofspark wird anders als andere Parkanlagen Nachts geschlossen, um weiteren Vandalismus zu vermeiden und ist aus polizeilichen Gründen nur noch zur Pappelallee hin geöffnet, weil eine zeitlang viele Dealer dort verkehrten und damit diese nicht mehr so einfach in Richtung der Lychener entfliehen konnten. Bedeutende Gräber dort sind die sozialdemokratischen Abgeordneten Metzner, Hasenclever und Schulze, der Erfinder der Stenographie Heinrich Roller, der Journalist von Hofstetten und die Frauenrechtlerin Agnes Wabnitz. Zusätzlich erinnert noch eine Gedenktafel an der Friedhofsmauer an den Gründer der Berliner Urchristengemeinde, Tierarzt und Barrikadenkämpfer, der als Held vom Alexanderplatz bekannt wurde, Friedrich Ludwig Urban.

Das Ballhaus Ost gleich nebenan ist heute eine Produktions- und Spielstätte für freie Theater und Kunstprojekte. Gegründet wurde das Ballhaus Ost von Uwe Eichler, Philipp Reuter und Anne Tismer. Seit 2011 leiten es Daniel Schrader und Tina Pfurr mit Eichler als Projektentwickler in Zusammenarbeit. Es steht allen Disziplinen der Kunst in ihrer je eigenen Art offen und von den über hundert Veranstaltungen im Jahr besteht die Hälfte aus Eigenproduktionen. Habe dort verschiedene Stücke und zuletzt eine geniale Performance zum Thema Erotik einer befreundeten Schauspielerin gesehen, die auch in der Stimmung so wirkte, wie der Titel versprach.

Folge ich der in der Mitte von der Straßenbahn befahrenen Pappelallee nun weiter findet sich zur Zeit noch einige Häuser weiter auf der anderen Seite der Verlag Suhrkamp im ehemaligen Finanzamt, wird aber wohl bald in seinen Neubau nach Mitte umziehen an den Fuß des Weinbergparks. Die Pappelallee mündet am Ende in die Schönhauser Allee an einer großen und befahrenen Kreuzung voller Leben. Dort befindet sich auch noch der Kochladen, wo die Freunde der guten heimischen Küche Gerichte mit Rezept und Zutaten einkaufen können. Schick gemacht aber auch ein wenig vorgefertigt dabei, Kochen für alle, denen der Markt nicht reicht.

Gegenüber liegt inmitten der Schönhauser Allee, an der unser Helmholtzkiez ja endet, die U-Bahn Station Eberswalder Straße, der hier bereits oberirdisch verlaufenden Trasse der Bahn. Es kommen an dieser Kreuzung Straßenbahnen aus vier Richtungen, die sich mit der U-Bahn kreuzen und Autos zusammen, es ist dort der Knotenpunkt des Prenzlauer Berges, an dem auch viele Besucher ankommen. Hier pulsiert Tag und Nacht das Leben, es fühlt sich dort, im Gegensatz zu den eher beschaulichen Kiezen richtig großstädtisch an, ist auch laut und immer tosend, das Herz der Stadt schlägt spürbar. Einen Moment dort stehen bleiben und die Menschen beobachten, die meist eilig irgendwo hin wollen, eine Bahn kriegen müssen oder in die Kieze zu welcher Kneipe auch immer streben, wenn sie nicht sogar hier wohnen, gibt ein Gefühl für das großstädtische Berlin ohne auf den gruselig hässlichen Alex fahren zu müssen.

Nach diesem intensiven Großstadt Erlebnis an der befahrenen Kreuzung geht es langsam wieder in Richtung Kiez, dessen Rand wir noch nicht verlassen haben. Zunächst an eben diesem Rand die Danziger Straße entlang, in deren Mitte die Straßenbahn fährt und die sonst vierspurig bis in den Friedrichshain führt. Es gibt hier einige Läden von denen am auffälligsten, wie eine kleine Insel im Lärm ein kleiner Tee-Laden mir in Erinnerung ist. Spätis gibt es hier auf beiden Seiten der Straße, deren gegenüberliegender Teil schon wieder dem Kollwitz-Kiez zugehörig ist.

An der nächsten Ecke, wo die Lychener Straße anfängt und mit ihr der LSD-Kiez, liegt das Restaurant Zum Schusterjungen und bietet deftige Berliner Hausmannskost in einer sehr rustikal eingerichteten alten Berliner Eckkneipe. Ist ein Erlebnis, sollte jeder mal gesehen und erlebt haben. Große Portionen bilden eine gute Grundlage für den Rest der Nacht und urige Gestalten sind dort auch noch anzutreffen. Feine deutsche Küche ist es eher nicht, aber reichlich gut und deftig. Etwas feiner, wenn auch noch genügend rustikal findet sich die deutsche Küche in den Thüringer Stuben an der Kreuzung der Duncker mit der Stargarder, womit die deftig rustikale Küche im Kiez ausreichend in Fußnähe doppelt vertreten ist und ich lebe ungefähr in der Mitte zwischen beiden, die ich dennoch eher selten aufsuchen würde.

Die ganz feine deutsch-französische Küche mit österreichischem Einschlag findet sich dagegen, wenn ich vom Schusterjungen aus la Ly, wie die Lychener seit Wendezeiten auch genannt wurde, bis zum Weinstein folge, das direkt nach der Rückseite des Friedhofparks in der Pappelalle auf seiner Seite zur Lychener liegt. Dort kommen Weinfreunde und Feinschmecker in auch rustikaler aber wesentlich stilvollerer Atmosphäre bei bester Küche mit hervorragenden Zutaten von regionalen Höfen auf ihre Kosten. Würde das Weinstein zu den besten Restaurants der Stadt zählen ohne ein echter Kenner zu sein und es auch seiner guten Atmosphäre wegen nahezu jedem anderen vorziehen. Auch darum würde ich immer eine Vorspeise im Weinstein dem großen Teller im Schusterjungen vorziehen, was meiner sonst ausufernden Figur auch besser tut. Es wurde nach der Wende von einigen Eingeborenen Weinfreunden und Feinschmeckern gegründet und wird von Kennern hoch geschätzt. Es hat den Stil einer Weinwirtschaft, kann aber auch ganz große Küche und wenn die Temperaturen steigen, sitzt es sich auch hervorragend davor in bequemen Korbsesseln auf dem breiten Bürgersteig. Ein Ort, den jeder Besucher zumindest kennenlernen sollte.

Wer aber schon zu Beginn von la Ly im Schusterjungen satt wurde, kann sich nun ins Nachtleben stürzen, bald kommt linker Hand das August Fengler, eine Raucherkneipe mit Tanzfäche im hinteren Raum, der zumindest am Wochenende immer brechend voll ist und selten vor 5h schließt. Es hat eine ganz eigene Atmosphäre mit der großen Bar an der Selbstbedienung herrscht wie im ganzen Laden, wobei an der Bar noch der Weg zum Getränk der kürzeste ist. Manche sagen das Fengler sei ein Abschleppschuppen, andere finden es eine nette Kneipe und ich staune manchmal wie es doch noch mehr Menschen auf die schon verschwitzt volle Tanzfläche schaffen und Körperkontakt wird manchmal auch ungewollt unvermeidbar, was manche wiederum sehr bewusst und direkt nutzen. Wer damit leben kann, wird dort seinen Spaß haben, alle anderen sollten lieber weiter gehen. Der ich den Damen nicht abgeneigt bin und schon in fast jeder Bar hier die eine oder andere traf, habe dort nicht eine kennengelernt, weil ich vermutlich nicht laut und derb genug für den Laden war. Wer es ruhiger mag geht zum Beispiel ins fast benachbart gelegene “Zu mir oder zu dir”, was sichtbar mit Mobiliar aus dem Palast der Republik ausgestattet ist und eher jüngeres Publikum anzieht aber mit DJ ganz nett und ich meine zumindest Nichtraucher ist, was den Tag danach eher erträglich macht.

Noch ein Stück weiter auf der linken Seite findet sich noch eine verrauchte Bar, die ich auch meist noch geöffnet sah, wenn ich in frühen Morgenstunden mal aus dem Fengler verschwitzt nach Hause lief, mehr kann ich darüber aber bisher nicht erzählen. Nach dieser beginnt der Friedhof auf den das oben empfohlene Weinstein folgt. Gehe ich aber auf der rechten Seite die Lychener hinauf, bleibe ich als erstes am Erfinderladen hängen, die in ihrem Schaufenster wunderbare Hingucker haben. Immer wieder begeistert sind alle Passanten etwa von dem Bildschirmschoner, bei dem ein Trupp Männer im Mauerpark die Uhrzeit aus Holzlatten aufbaut und jede Minuten eben so wie angezeigt wieder umbaut. Die anderen kleinen oder großen Dinge dort, möge jeder Betrachter in Ruhe für sich entdecken. Stehen bleiben lohnt. Auch der schöne italienische Schuhladen reizt für den Herren wie für die Dame immer wieder einen Blick, der feine Käseladen danach vermutlich eher einen Bissen. Das afrikanische Restaurant, was folgt, soll sehr gut sein, kann ich aber nicht weiter beurteilen. Die beiden Beauty-Läden die von Maniküre bis zur Haarentfernung alles bieten, halten sich erstaunlicherweise immer noch, scheinen also auch hier einen Markt gefunden haben. Kann dazu mal wieder nichts sagen, habe die Versuche durch äußere Nachhilfe noch Schönheit zu finden, längst aufgegeben und konzentriere mich darum mehr auf innere Werte, auch wenn ich mich bei anderen an äußeren wohl freuen kann, doch scheint es mir sinnvoller den Markt dort zu erobern, wo die eigenen Talente liegen und da ich auch durch Investition in solche Läden kein Schönling mehr werde, spare ich sie mir und laufe ignorant an ihnen vorbei.

Gegenüber des afrikanischen Restaurants etwa befindet sich das Antiquariat Nadelmann. Ein sehr gut sortiertes Antiquariat, in dem ich immer zu viel finde, was ich nicht suche, wenn ich es riskanter Weise doch mal hinein wage und bin schon viel zu vollgepackt von dort zu oft gegangen, was angesichts beschränkter Abstellmöglichkeiten mich heute eher nur liebevoll schauen statt suchen lässt. Weiter aber auf der Seite, auf der ich gerade die Salons der Schönheit als hoffnungsloser Fall ignorierte, der noch dazu den völligen Verlust der Körperbehaarung eher abschreckend findet, treffe ich noch auf einen Weinladen, der mir aber eher ein Weinkonsumladen zu sein scheint und neben den üblichen Regalen dort noch eine nächtlich meist gut gefüllte Bar hat. Dann kommt noch das ebenfalls legendäre Krüger, was allerdings aus meiner Sicht hauptsächlich voll und verraucht ist aber bisher habe ich dort noch nicht so lange Zeit verbracht, dass ich etwas über die Gründe der Legende sagen könnte. Es reden immer wieder welche davon, lass uns doch ins Krügers gehen und das war es dann meist auch.

An der Ecke der Lychener gibt es einen Spanier, der wohl gute spanische Küche bietet für alle, die dies mögen. Mich reizt sie so wenig wie das Frida Kahlo gegenüber, auch wenn dies schon zu den Urgesteinen des Platzes gehört, obwohl es bekanntermaßen schlechte mexikanische Küche bietet - es zieht immer noch viele Gäste, die vermutlich mehrheitlich Touristen sind und deren Fehlgriff mit der Ahnungslosigkeit gut entschuldigt werden kann und der Name der großen mexikanischen Malerin verspricht ja sehr viel, was dieser Laden nicht halten kann. Ignoriere es also, genau wie das neue an der gegenüberliegenden Ecke, was sich Houdi nennt und hier so wenig her passt, dass ich eher wetten würde, wie schnell es sich erledigt hat, folge der Raumerstraße ein Stück Richtung Pappelallee und finde linkerhand das andere Antiquariat, das manchmal ganz nette Überraschungen gerade bei den Sonderangeboten bietet, sich im übrigen aber auf immer mehr Raum seiner Fläche heute auf Platten konzentriert, die mich weniger interessieren, also entbehrlicher mir scheint. Auf der gegenüberliegenden Seite findet sich eine andere Institution des Platzes, die Speiche. Eine alte verrauchte Jazz-Kneipe, die heute der frühere Betreiber des schon legendären Café Garbáty in Pankow betreibt und in dem regelmäßig Bands auftreten, teilweise auch mit Live Übertragung im Radio. Hier trifft sich viel auch älteres Publikum, von denen ich größtenteils vermuten würde, dass sie schon vor der Wende auf dieser Seite der Mauer lebten. Es ist eine freundliche und offene Atmosphäre, natürlich ziemlich verraucht aber irgendwie legendär mit immer wieder erstaunlich guten Musikern auch durch die mehr als guten Kontakte des Wirts in die Szene und so haben wir hier einen der seltenen Fälle, in denen einer aus Pankow auf den Berg zurückkehrte und der Laden brummt scheinbar. Wer mit dem Rauch leben kann und gute Musik mag, ist dort bestens aufgehoben.

Rauch und weniger gute Musik, eher normal, findet sich in der Stadkindbar, die im übrigen auch eine Fußballkneipe ist und wenn ich mir das Publikum dort anschaue oder mich an die male erinnere, die ich selbst dort war, um Fußball zu schauen, der mich ja eigentlich gar nicht interessiert, zieht es eher Menschen aus den weiteren Vororten an. Diese Bar könnte in vielen Städten stehen, liefe dort bestimmt bombig, hier sehe ich sie eher bei besonderen Partys oder zum Fußball gefüllt und sie gehören nicht zu denen, die am längsten auf haben. Stadtkind liegt nun wieder in der Lychener direkt am Platz und neben meinem hervorragenden Fahrradladen. Dachte erst der Betreiber sei etwas grimmig, aber es braucht nur Zeit und Zeit brauchst du auch, wenn du hingehst, weil du manchmal iin Anbetracht des Andrangs auch länger warten musst, aber es lohnt sich, ist unschlagbar günstig in vielem, ist ein guter Handwerker vor Ort und gerne bringe ich ihm mein Rad voller Vertrauen, auch wenn es sich mal um eine Woche verzögert, bis er fertig ist. Ein toller Laden auch zum anschauen und ein Nachbar aus dem Kiez. Empfehle ich ohne jede Frage.

Neben ihm auf der anderen Seite befindet sich das Café Im Nu, in dem sich wunderbar mit Morgensonne ein Tee oder Kaffee genießen lässt, was ich mit meiner liebsten Ärztin auf ihrem Weg in die Praxis schon häufiger das Vergnügen hatte. Der sich Trattoria nennende Italiener daneben ist etwas feiner als Da Angelo auf der schräg gegenüberliegenden anderen Seite des Platzes in der Duncker aber nicht weltbewegend gut. Wenn ich bedenke, dass ich einen Italiener wie Brot und Rosen direkt am Volkspark Friedrichshain im benachbarten Bötzow Kiez habe, würde ich meist eher den etwas weiteren Weg auf mich nehmen, weil es sich dort wirklich lohnt hinzugehen. Dennoch läuft der Laden hier gut, zieht viele Besucher an, die scheinbar nicht mehr erwarten und zufrieden scheinen. Habe nie Klagen über den Laden gehört. Einmal selbst dort mit Familie gegessen und fand es in Ordnung, würde aber immer den weiteren Weg vorziehen, weil es einfach besser im Brot und Rosen ist, wo ich auf dem Weg zum Klo schon mit der benachbart wohnenden Nina Hoss zusammenstieß und nett flirtete, ohne damals vorher zu wissen, wer mir da gegenüberstand, was mir hier häufiger passiert und so bin ich meinem schlechten Gedächtnis für Gesichter und meiner großen Ahnungslosigkeit im Bereich Promis unglaublich dankbar, weil sie mir viel Aufregung erspart, die Kenner hier vermutlich an jeder Ecke mal eben ergriffe, ich bekomme es nicht mit und lebe so relativ gelassen mit lauter normalen Menschen, die ich nicht wiedererkenne.

Vom Italiener gehe ich auf der anderen Straßenseite am Platz entlang zurück in die Raumerstraße und überquere diese an der Stelle, wo sie die Lychener kreuzt, gehe am Spanier, der bestimmt gut und freundlich für alle Freunde der spanischen Küche ist, zu denen ich nicht zähle, vorbei und besuche meinen Stamm-Späti - ein netter türkischer Familienbetrieb, der alles hat, was du gerade brauchst, als Paketannahmestelle auch den Gang zur Post erspart und die Konsumenten legaler Drogen mit ihrem Stoff versorgt, während der großen Fußballfeste mit Fernseher auch zu einer Open-Air Fußball-Bar wird, wie es sie vielfach dann hier an allen Ecken gibt.

Mit Ratzkatz folgt auf den Späti einer der schönsten Spielzeugläden, die ich je gesehen habe. Wunderbar liebevoll dekorierte Schaufenster, vor denen ich lange stehen bleiben könnte und immer noch voller Freude etwas neues entdeckte. Es ist die reine Freude von Playmobil bis Kasperle und manch andere Überraschungen, wie die Zitronenpresse mit dem Merkelgesicht, eher für die großen Kinder, oder erstaunliche neue Kästen für Experimente der forschenden Jugend. Dann immer wieder überraschend dekorierte Dioramen, die mit viel Humor neue Produkte vorführen - wenn zwischen Eisbären plötzlich ein Liegestuhl steht und anderes mehr. Dieser Spaß setzt sich im Laden noch fort, in dem sich die Regale bis zur sehr hohen Decke türmen und viele Kinderträume wahr werden. Die Betreiber selbst sind auch wunderbar verspielt, führen mit großer Freude Neuigkeiten vor, verkleiden sich vor Weihnachten als Engel und sonst auch gerne passend zur je Gelegenheit. Ich liebe diesen Laden und war dort schon sehr lange auch mit meiner Tochter dort, etwa für die Nichten und Neffen Geschenke aussuchen oder sich neue Entdeckungen vorführen. Manchmal erstaunen mich genervte Mütter, die versuchen ihre Kinder wieder aus dem Laden zu ziehen, nachdem das nötige dort erledigt wurde.

Dies ist ein Laden zum verweilen, der Zeit hat und die sich jeder nehmen sollte, der hineingeht, um zu genießen, Kind zu sein, denn etwas schöneres gibt es doch kaum, finde ich, der sich immer gern Zeit nimmt, lieber jedenfalls als sie zu sparen, denn von gesparter Zeit hat keiner etwas außer den Kardiologen, die an jedem neuen Infarkt verdienen. Dennoch reiße ich mich irgendwann auch vom Ratzkatz los, gehe am Eisladen daneben vorbei, der zwar ökologisch korrektes Eis verkauft, warum hier auch die schlangen sehr lang sind, was aber geschmacklich eher ohne irgendwas ist und darum nur kalt und überflüssig. Im sehr schmalen Laden daneben noch die Helmi Dependance des längst legendären Café Oberholz, was sonst in Mitte am Rosenthaler Platz sich findet, was übrigens zur Zeiten der Stadtmauer noch das Tor für Vieh und Juden war, warum der große Moses Mendelssohn dort sein Berlin betrat, das ihm geistig so viel verdankt, aber das wäre eine andere Geschichte. Im übrigen vertausche ich den Eisladen Hedwig und das kleine Oberholz immer, vom Spielzeugladen kommend, gehe ich zu erst am Oberholz vorbei.

Tausche Tasche ist der nächste Laden und verkauft Umhängetaschen mit austauschbarem Deckel. Der Laden läuft gut, die Taschen sind es wohl auch. Meine liebste A hat sich dort auch mal eine gekauft, die sie leider verlor. Der Laden läuft und macht auch interessante kulturelle Projekte, gehört zum hiesigen Kiez. Die Bäckerei mit Café, Sparkassen-Geldautomaten und W-Lan hat sich eher trotzdem etabliert obwohl auf der Schattenseite gelegen und ich nicht wüsste, was mich dort anziehen sollte. Es könnte dieser Laden vermutlich überall stehen, läuft er scheinbar für alle, die es gern normal haben. Weniger normal von außen sind die wunderbaren Graffitis mit denen unser großer Edeka an der Ecke Schliemann Straße geschmückt ist, der nicht EDEKA heißt sondern Nah und gut und das in vielem auch ist. Manches würde ich nie da kaufen, weil einfach zu teuer auch Gemüse eher beim Asiaten von denen es genug um den Platz gibt, wenn nicht bei OstKost, falls ich Bio will und mir leisten kann, anderes immer wieder und gerne und zur Not findest du fast alles da und er gehört halt zum Kiez, das Personal ist der Hit und ein Stück Familie  am Helmi, bei der manchmal der Preis egal ist. Dieser kleine Supermarkt hat noch 100m die Raumerstraße Richtung Dunkerstraße weiter eine zweite Dependance, die richtig klein ist, nur ein Gang mit in der Mitte und links und rechts Regalen, dafür bis 23h geöffnet hat, wenn der andere schon um 22h schließt. Danach finden sich aber genug Rewe Märkte, die bis 0h oder 24h offen haben und was es grad mal braucht, wie Nudeln oder Klopapier gibt es auch bis 3h mindestens beim Späti an der einen oder anderen Ecke.

Auf dem Rest der Raumerstraße von der Schliemann bis zur Duncker finden sich noch zwei sehr schicke Designerläden, bei denen ich gespannt bin, wie lange sie sich halten, der eine für Babys und Kinder, der andere für irgendwie Innenausstattung. Ach und dann gibt es noch einen guten Asiaten dort, nicht so gut wie der Sushi Laden in der Lychener auf dem Weg zu OstKost, den ich aber auch nicht kenne, weil mich diese japanische Form der Kompaktnahrung eher weniger interessiert und ich Sex lieber habe als esse, aber in der vietnamesischen Küche ganz nett und immer relativ gut besucht. Scheinbar essen viele Leute das sogar inzwischen lieber als deftig deutsch, auch wenn ich immer die Klöße in den Thüringer Stuben vorziehen würde als diese an Hundefutter erinnernde Kompaktnahrung mit Stäbchen.

Nun kommt nur noch an der Ecke Dunckerstraße die Apotheke am Helmholtzplatz, womit sichtbar wurde, wir haben hier alles, was eine kleine Stadt braucht, auch wenn ich von den Arzt und Zahnarztpraxen am Platz jetzt nichts erzählt habe, weil ich sie einerseits aus  Unkenntnis und andererseits aus Erfahrung nicht empfehlen kann, sehen wir von der Augenärztin in der Raumer ab, von der ich nur Gutes gehört habe.

Damit sind wir einmal rum um den Kiez - sehen wir von der Senefelder Straße ab und dem Stück Raumer bis zur Prenzlauer. In der Senefelder gibt es einen wunderbaren Blumenladen, ein KinderMuseum in einer alten Kirche mit ganz wunderbaren Ausstellungen, einen neuen Laden in einem früher Späti, der Maßschuhe fertigt, dessen Besuch bestimmt lohnt, für alle, die es sich leisten können, wie die exquisiten Herrenausstatter in der Raumer auf dem Weg zur Prenzlauer - auch der Wäscheladen in der Senefelder kurz vor der Danziger ist immer einen Blick wert. Nicht zu vergessen auch die Verlage, die nun nur noch einer sind im Göhrener Ei - früher Dittrich Verlag und Matthes und Seitz, heute nur noch letzterer, der immer einen Blick ins Fenster lohnt. Das Alois S an der Ecke Senefelder Stargarder als die Werder Fan-Kneipe sei noch erwähnt, auch wenn ich Ignorant gestehen muss, dort noch nie ein Spiel gesehen zu haben, aber gut soll es dort sein und nett mit sehr netten Leuten in der Nachbarschaft, was ich aus Erfahrung wiederum bestätigen kann.

Folge ich der Dunckerstraße noch bis zur S-Bahn an der diese Geschichte nun endet, stolpere ich noch über einige Bars auf beiden Seiten der Straße, die ich selten besuche und direkt an der Bahnlinie auf das Käthe Kollwitz Gymnasium, einen wirklich schönen Klinkerbau aus der Gründerzeit und damit haben wir bis auf die kleine Stichstraße in der mein Friseur liegt und die von der Senefelder zur Prenzlauer führt, glaube ich so ziemlich alles erzählt, was mir wichtig war zusammen angesehen und können die Geschichte aus einem der schönsten und buntesten Kieze der Stadt zu Ende gehen lassen und uns am Platz auf einen Wein ins Café setzen, am Abend auf der Ostseite, wo dann die Sonne noch lange hin scheint.
jens tuengerthal 6.4.2017