Montag, 20. Februar 2017

Irrationalismus

Vom postfaktischen Ideal - was Trump, Schulz und die Islamisten verbindet

Stehen wir an einer Zeitenwende oder ist, was um uns geschieht nur der ganz normale Fortschritt mit kleinen Schwankungen, frage ich mich beim Blick in die USA, auf  die Islamisten oder den Kandidaten der SPD. Lange galt der Vorrang der Vernunft, kommen wir nun in das Zeitalter einen neuen Aberglaubens überall?

Der Vergleich von Trump und Schulz scheint inhaltlich absurd, liegt doch dem früheren Bürgermeister von Würselen und zeitweisen Präsidenten des Europäischen Parlaments wenig ferner als der totalitäre Stil des neureichen Bauunternehmers, doch wer die mediale Steuerung der Begeisterung und den Jubel der Anhänger beobachtet, bemerkt erstaunliche Parallelen. Was haben ihre demokratischen Gegner mit den Islamisten gemeinsam, wundert sich vielleicht so mancher, außer dass der jeweilige Erfolg keine vernünftigen Gründe hat, doch genau dies irrationale Band eint die drei und zeugt von einer gefährlichen Tendenz.

Sie stützten ihre Kampagnen auf nahezu Nichts, machen markige Aussagen, die der jeweiligen Anhängerschaft gefallen, ohne sich inhaltlich festzulegen. Zwei gegen das Establishment, werden darum bejubelt. weil sie nicht zur Clique der Macht gehören. Die Islamisten kämpfen gegen die bösen Imperialisten, helfen vorgeblich den Unterdrückten dieser Welt und schaffen damit eine globale islamische Solidarität. Die jeweiligen Anhänger sind davon überzeugt, dass ihre Heilsbringer die Welt verbessern.

Sind Menschen, die das glauben blind oder blenden sie bewusst aus?

Trump als Bauunternehmer und Milliardär ist fest im New Yorker Establishment und im Sponsoring der Politik verankert. Er finanzierte früher die Wahlkämpfe seiner zuletzt Gegnerin Clinton, dennoch gelang es ihm, sich als Vertreter der Armen und Ungehörten darzustellen. Er wurde von den Verlierern gewählt, die an den Rand gedrängt wurden, damit Leute wie er immer reicher werden konnten. Gerne betont er ein ungebildeter Aufsteiger zu sein, keine Bücher gelesen zu haben, dafür um so mehr zotenhafte Herrenwitze zu kennen. Nichts von dem qualifizierte ihn für das höchste Amt im Staat. Dennoch gab es Solidarität und wurde er Präsident, wenn auch mit Minderheit der Stimmen.

Schulz hat nicht nur selbst Unsummen an europäischen Geldern für sich zur Seite gebracht, ob immer legal, werden sicher noch genug Publikationen bis zur Wahl erscheinen, mit der großen Sehnsucht Kommissar zu werden, statt dem völlig unfähigen deutschen Kommissar Oettinger, der nur als abgewählter Ministerpräsident weggelobt wurde und doch war dieser mehr als peinliche auch innerparteiliche Gegner Merkels ihr noch lieber als der trockengelegte Luftikus Schulz, dem die Preußin offensichtlich nicht traute, er hat auch nachhaltig bewiesen, dass er in seinem Amt nichts taugte, schlechteste Wahlergebnisse in Europa je einfuhr . Es gibt keinen Grund, diesen turnusmäßig abgewählten Bartträger nun als Hoffnungsträger zu sehen.

Die Islamisten, ob des IS oder anderer Organisationen sprechen sich für den mittelalterlichen Gottesstaat aus, urteilen nach dessen Recht, unterdrücken Frauen auf gut islamische Art und bringen Terror in die Welt und die von ihnen besetzte Gebiete. Dennoch gehören nicht wenige der völlig verhüllten Frauen zu ihren Anhängern. Unter Jugendlichen findet die brutale Gewalt im Namen des erdachten Propheten und seines Aberglaubens viele Anhänger, auch wenn es ein völlig irrationaler Aberglaube mit unsinnig vielen unmenschlichen Schranken ist, der eigentlich unfrei macht und dafür Menschen für ein erfundenes Himmelreich und versprochene Jungfrauen den Tod suchen lässt.

Warum wirken Kampagnen, die völlig irrational ein Gemeinschaftsgefühl beschwören und die Menschen zugleich bei ihren Ängsten packen?

Dagegen fällt die vernünftige, erfahrene eine nachvollziehbare Politik vertretende Kanzlerin weiter zurück, weil sie mit nichts glänzen kann als mit Ruhe und Erfahrung, während ihr Luftblasen weniger liegen. Vernünftig wäre es am Rand der Krise und bei einem drohenden Erfolg rechtsradikaler Kräfte auf eine bewährte Kraft der Mitte zu setzen, um bloß keine Polarisierung zu riskieren. Stattdessen verkünden Umfragen erstmals ein Aufholen der SPD und sogar ein Überholen der CDU.

Hat Mutti fertig oder platzt die unvernünftige Luftblase Schulz vorher?

Die SPD-Basis glaubt naiv dem vorigen Vorsitzenden die einsame Entscheidung und sieht keine geplante Kungelei im Luftschloss der vorgeblich Arbeiterpartei. Es ist so durchsichtig, wie Schulz den Umzug nach Berlin ankündigte, Gabriel munkeln ließ und Kraft sich grinsend freute, weil es einer aus NRW werden sollte, was sie aber natürlich nie sagte. Der plötzliche Stern der Sozialdemokratie mit bloß kommunalpolitischer Erfahrung und ein wenig Europaparlament, den aber alle immer schlechter noch als Oettinger fanden, was viel heißen will, wird hell angestrahlt und alle glauben, sie sähen eine Sonne, die nicht mal ein Mond real ist. Dagegen regiert Merkel auf dem Zenit ihrer Macht ruhig und zuverlässig wie immer. Ihre ruhige Politik und ihr Beharren zeigt langsam erste Erfolge, die nicht gewürdigt werden, weil ein Scharlatan neue Versprechungen macht.

Warum verweigern viele Menschen, die eine politische Meinung äußern, jegliche kritische Reflektion, sprechen vom Bauchgefühl, dass sie treibt und warum ihnen diese Inszenierung als einer von unten gefällt?

Plötzlich wird die Nähe zu Trump und dessen Kampagne trotz inhaltlicher Unterschiede immer deutlicher. Vielleicht hilft es ihm sogar noch sich als Sozi als natürlicher Anti-Trump zu inszenieren, um damit noch eine weitere Komponente von desse Kampagne zu übernehmen. Es ist eigentlich widerlich, dämlich und erstaunt, schüttelt sich der kritische Bürger, wie Menschen auf solchen Unsinn hereinfallen können, wenn andererseits eine zuverlässige Kraft der Mitte wie Merkel zur Wahl steht.

Dann kommt von Schulz eine Äußerung zu Hartz IV, die ihm eine Annäherung an die Linke ermöglicht, ohne Programm oder Finanzierung, nur aus dem Bauch gesprochen. Wenn etwas nicht so toll liefe, müsse man den Mut haben, es zu korrigieren, säuselt der verlogene Trumpverschnitt, statt eine ernsthafte und vernünftige Reform zu beginnen. Es gibt weder einen Plan noch eine Finanzierung, es wird auf ein Bauchgefühl mit entsprechenden Äußerungen reagiert und die verletzte sozialdemokratische Seele gestreichelt.

Natürlich erwägt der besagte kritische Bürger auch, dass es dem Parlament und allen gut tut, wenn die Sozen nach dem Gabriel Absturz wieder Fahrt aufnehmen und damit die Chancen des AfD verringern, so paradox es klingt. Was aber, wenn diese Welle aus Nichts geschickt inszeniert wie in den USA zum Wahlsieg und zur Koalition mit der teilweise prädemokratischen Linken und einigen ihrer totalitären Funktionäre führt?

Es wird dies das Land weiter polarisieren, den eigentlich unwählbaren AfD als Reaktion im bürgerlichen Lager stärken und damit genau die Kräfte schwächen, die eine Demokratie stark machen und die es jetzt braucht.

Dächte wer nach, könnte diese erste Woge abgetan werden, weil sie spätestens nach weiteren Publikationen zu Schulz Verhalten in Straßburg und Würselen mit dem Millionengrab Spaßbad, logisch abflachen müsste. Er kann es nicht, nicht umsonst wollte ihn keiner als Kommissar und auch die SPD kämpfte nur halbherzig für den eigentlich Versager in Europa. Dagegen steht die erfahrene Merkel oder stand in den USA die erfahrene Clinton, die das System kennen und erfolgreich im Griff haben.

Doch hier setzt der Irrationalismus in der Politik ein. Menschen glauben an Ideen und schwärmen von Visionen oder schwadronieren von Ängsten, als sei die Politik je etwas anderes als eine oberste Verwaltung, deren Amtsleiter eben durch Wahlen bestimmt werden. Natürlich trennen wir formal das Parlament als Legislative von der Exekutive der Regierung, den Amtsvorstehern, aber schon diese Unterscheidung als Basis der Demokratie versteht kaum einer mehr. Merkel steht für zuverlässige Politik ohne persönliche Bereicherung, verwaltet Europa in bewährter Weise, während Schulz bisher für gar nichts steht und dennoch Menschen anzieht, als sei das zu wählende Amt kein Verwaltungschef auf Bundesebene. Im Gegenteil ist er nur bekannt für Verschwendung und erfolgreiches Abkassieren im kommunalen und europäischen Sumpf.

Warum glauben Menschen an Politiker ohne Erfahrung, die sich nicht festlegen?

Das Großmaul Trump wird von der Judikative und auch von der Legislative bald in enge Grenzen geschickt werden, kaum seine überwältigende Mehrheit zu etwas nutzen können als zur wieder Liberalisierung des Bankensektors an der die Unternehmen seiner neu ernannten Minister am besten verdienen und dies auf Kosten derer, die ihn wählten. Dies ist so offensichtlich, wie die Beseitigung von Obama-Care den Unfrieden im Staat verstärken, der ganz großen Mehrheit schaden wird und dennoch ist nicht gesagt, dass ihn die Wähler darum ablehnen werden.

Die wirtschaftliche Stabilität und der Aufschwung zu Anfang der Ära Merkel war ein Produkt weitsichtiger Politik unter Schröder. Die Flüchtlinge sind Peanuts und kein Problem für ein Land wie Deutschland sondern vielmehr angesichts der Geburtenrate nur eine riesige Chance. Die Angst davor wird Merkel angelastet, nicht Erdogan der viele erst auf den Weg schickte. Dies ist weder vernünftig, noch rational erklärbar, es ist eine Politik aus dem Bauch, wie es die Kanzlerin etwa bei der Schwulen-Ehe betreibt, die anders zu behandeln als die bürgerliche Ehe, es rechtlich keinen Grund geben kann. Dies weiß auch Merkel und doch erspart sie sich aufgeputschte Debatten mit Fanatikern wie in Frankreich und könnte so im irrationalen machtpolitisch klug beraten gewesen sein und irgendwann verpflichtet das Bundesverfassungsgericht die Politik zur Gleichbehandlung und keiner hat das Gesicht verloren.

Ist die Strategie der SPD darum klug, den Ballon ohne Füllung nach oben steigen zu lassen, um ihn dann oben nach Gusto durch den Vorstand zu befüllen?

Wer die Welle nutzt, schwimmt auf ihr. Ob das vernünftig ist oder nicht. Trump hat wider Erwarten diese genutzt und ist ins Weiße Haus geritten, statt der bewährten Insiderin Clinton und sorgt mit vielen unbedachten Äußerungen gerade immer wieder für reichlich Chaos in der Demokratie und in den Medien. Schulz macht es ganz ähnlich, vereinbart erst einen fairen Wahlkampf mit der Kanzlerin und Seehofer, um sich dann mit rein emotionalen Äußerungen zur sozialen Frage Hartz IV ohne jedes sachliche Fundament zu positionieren, statt endlich sachliche Aussagen und Programmvorschläge zu machen.

Die Islamisten sind ähnlich wie die späten Nationalsozialisten schon auf eine Metaebene gebombt worden mit europäischer Hilfe. Sie kämpfen den totalen Krieg und könnten Goebbels wahnsinnige Frage wohl auch vor versammelter Menge wiederholen und bekämen genug Zustimmung, wie sich wahnsinnige Attentäter für ihre Selbstmordanschläge  immer finden, aus Überzeugung im Aberglauben, den keiner laut so nennt, damit nicht endlich jeder Glaube als ein solcher offenbar werde.

233 Jahre nachdem Kant die Frage, was Aufklärung sei, so weitsichtig wie vernünftig beantwortete, sind wir kein Stück weiter gekommen, sondern machen im Gegenteil ständig Rückschritte. Vom Kreuzzug des jungen Bush gegen die Islamisten, bis zu den peinlichen Verteidigern des Abendlandes aus Sachsen zum Triumph eines Trump zieht sich eine Linie des Populismus auf der von links lange Sahra Wagenknecht relativ allein und gerne auch am Rande der Ausländerfeindlichkeit und im Proletariat beliebter Vorurteile lavierte, bis Schulz auftauchte und den inhaltsbefreiten Populismus zum Stilmerkmal machte, zu dem seine jüngsten Bemerkungen zu Hartz IV wieder bestens passen. Es stärken diese Populisten sich wider alle Vernunft gegenseitig, auch und gerade wenn sie scheinbar aus dem gegenteiligen Lager kommen.

Eine Demokratie funktioniert gut, wenn sie mit Vernunft geführt, alles Irrationale vermeidet und einen Kurs der Mitte im Interesse der großen Mehrheit fährt, die sich weder näher mit der Politik beschäftigen möchte, noch zum Wohle aller ihre Meinung ständig öffentlich äußern müsste. Der Staat soll also gut verwaltet werden, der Wirtschaft genug Ruhe und Raum zu Atmen geben, damit es allen einigermaßen gut geht und keiner völlig durchs Netz fällt. Viel spricht dafür darum in schwierigen Zeiten, während ein Populist in den USA nach der Macht griff, solche in der Türkei und in Russland regieren, hier lieber den moderaten Kurs der Mitte zuverlässig weiter zu gehen.

Mit Merkel haben wir genau die Kanzlerin, die für diesen beständigen Kurs spricht, was viele bisher gerade in Deutschland an ihr schätzten - ihr Zitat, sie wissen, was sie an mir haben, ist dafür beispielgebend. Sie ist berechenbar, unbestechlich und zuverlässig. Erledigt ihre Arbeit wie nötig, bemüht sich darüber hinaus, ohne für größere Bestechlichkeit anfällig zu sein. Sie ist eine ideale oberste Behördenleiterin, auch wenn sie nicht durch flammende Reden ein aufgeputschtes Publikum begeistern kann, im Gegenteil, sie steht ja für Ruhe und Kontinuität, folgt selbst erklärt den Idealen der Aufklärung und macht beamtisch zuverlässig  ihre Arbeit. Damit ist sie eigentlich das Beste, was der Verwaltungsdemokratie  passieren kann.

Schulz steht bisher für nichts konkretes, stand lange für eine EU, die eine Mehrheit derer, die ihm nun zustimmen, eher ablehnen würde. Natürlich bedarf es Korrekturen am Hartz IV Bezug für ältere Arbeitslose, um Ungerechtigkeiten zu vermeiden, was leicht durch ministerielle Verordnung ohne großen Aufwand möglich wäre. Es ist taktisch klug, aus einer solchen Kleinigkeit eine Schlagzeile zu produzieren. Der Mann, der sich mit dem Spaßbad, dass nie wurde, ein Millionengrab als Denkmal setzte, zeigt, was das Land mit ihm erwartet und warum es gute Gründe gibt, davor zu warnen, weil er Gelder verspricht, die er noch nicht erwirtschaftet hat, kurz gesagt, unseriös ist.

Die Äußerung Trumps zu Schweden fällt in die gleiche Kategorie. Eine bloß gelesene Schlagzeile aus den eher rechtsreligiösen Foxnews, die kein seriöser Journalist als Quelle ernst nimmt, genügt ihm, um einen Skandal zu produzieren, der für viel Spott im Netz sucht aber gerade darum seine Anhänger noch enger zusammen bringt. Die Anhänger von  Verschwörungstheorien lassen sich auch nicht durch solche Kleinigkeiten wie Tatsachen vom Weg ihrer Überzeugung abbringen.

Auch die Islamisten sind Meister der Propaganda im Internet mit ihren Hinrichtungsvideos und ähnlichem menschenfeindlichen Schund, finden sie unter den ohnehin psychisch deformierten Sektenanhängern des fundamentalistischen Islam ein begieriges Publikum jenseits aller Vernunft. Was ist unter normalen Umständen von Erwachsenen zu halten, die sich mit übersinnlichen, irrealen Freunden abgeben, als seien sie wirklich? Wir würden sie vermutlich mindestens für therapiebedürftig erklären, außer sie sind religiös, dann ist jeder Wahnsinn normal nur eben etwas fanatisch.

Es ist darum Zeit, darüber nachzudenken, der Religion endlich den Platz zuzuweisen, der ihr, ihrem Wesen nach zugehört. Sie ist eine esoterische Sekte, die stets den Verstand angreift, Heilsversprechungen im erdachten Jenseits macht und im Diesseits im Laufe ihrer Existenz meist für Konflikte sorgte. Auch in Europa wurden die Menschenrechte gegen die Kirchen erstritten, was in Deutschland durch den eigentlich reaktionären Prozess der Reformation, die der Renaissance den geistigen Saft abdrehte und jede Revolution verhinderte, gerne bis heute übersehen wird. Luther war kein Revolutionär sondern ein reaktionärer Mönch, der in seinem Aberglauben zurück zu den Wurzeln wollte und sich dazu sehr geschickt schnell mit den Fürsten als Kirchenherren verbündete, indem er ihnen mehr geistige Macht versprach. Im übrigen war er ein übler Antisemit, voller Vorurteile und auch sonst typisch deutsch, wie sein stetes Genörgel bewies. Die Verbreitung des Märchenbuchs des Aberglaubens in deutscher Sprache ist auch keine aufklärerische Leistung gewesen, sondern nur der Versuch die selbständiger denkenden Menschen der Renaissance neu unter dem reformierten Aberglauben zu einen.

Warum beschäftigen wir uns noch mit diesem lächerlichen Aberglauben?

Nachdem uns Kant klar und unwiderlegt bewies, dass es zum Glück der Freiheit nichts als die kritische Vernunft braucht und zum moralischen Handeln nur das Gewissen, über dem auch kein erdachter Gott stehen muss, den er nur als preußischer Beamter nett in einer Ergänzung zuließ, die aber so widersprüchlich und unlogisch ist, dass sie nur als Beleg der vorherigen Systematik ohne Gott dienen kann, braucht es für die Moral und Ordnung keine Götter mehr. Im Gegenteil jeder Aberglaube stört dabei.

Eine Gesellschaft, die im ewigen Frieden leben möchte, von dem auch Kant viel hielt und über den er wie immer klug schrieb, braucht moralisch verantwortliche Bürger, die für ihr Handeln Verantwortung übernehmen. Dies tun sie nach dem kategorischen Imperativ, den Grundsätzen der Aufklärung entsprechend, als aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit sich befreiende Individuen, die Verantwortung übernehmen. Dazu braucht es keine Götter, im Gegenteil, jeder Aberglaube ist der Vernunft abhold und schadete hier, sittlich verantwortlich handelt eben nur, wer aufgeklärt ist und sich also sein eigenes sittliches Urteil nach dem Gewissen bildet, also ohne Gott, sondern in Verantwortung vor den Menschen.

Wenn Politiker in diesem Land immer noch ihren Eid in Verantwortung vor Gott leisten, haben sie offensichtlich die Werte der Aufklärung, auf denen unsere Verfassung ruht, nicht verinnerlicht. Der Aberglaube hat im Prozess der moralischen Verantwortung, für den es einen Eid nur gibt, nichts verloren. Zwar wurde er seit Jahrhunderten vom geschickten Bündnis des je herrschenden Aberglaubens immer wieder hinein geschmuggelt, doch bleibt es schlicht Unsinn und eine systemfremde contra dictio zur auf Diskurs beruhenden Staatsverfassung.

Sie schadet auch niemand und ist eine bloße Tradition, wie die Taufe von Kindern, die harmlos Wasser auf den Kopf bekommen. Dies steht im Gegensatz zur jüdisch-islamischen Beschneidung, dieser unnötigen Körperverletzung aus Tradition des Aberglaubens, gegen die ein freies Land aufbegehren müsste, stünde es nicht in einem komplexen auch historischen Zusammenhang, der eher Respekt als Autorität gebietet. So ist wohl manches, was jeder Vernunft widerspricht, teilweise vollständig irrational, wie die postfaktische Medienpolitik aus dem Hause Trump, die Realitäten nach Belieben ändert, für manche Menschen ein Ideal, dem sie bereitwillig folgen.

Diese Ähnlichkeit der Religion mit der postfaktischen Politik führt zur Nähe von Trump, seinen Gesinnungsgenossen bei AfD und Pegida, den Islamisten und bisher auch Schulz, der frei von Fakten und Ahnung in der Luftblase eine Stimmung nutzt, der immer für das Gegenteil stand, aber nun ins Massenhorn stößt. Gerade religiöse Menschen, die noch an ein Heil und eine Erlösung glauben, was außerhalb der Religion bei uns unstrittig als psychische Störung betrachtet würde, die dringend behandlungsbedürftig wäre, fühlen sich von Erlösern angezogen, frei von aller Vernunft und jenseits aller Ideale.

Diese Ideale der Aufklärung, für die Merkels humanistische Politik  auch gegenüber Flüchtlingen dem Grundgesetz entsprechend steht, werden durch inhaltsleeren Populismus bedroht. Sie gilt es laut zu verteidigen, vor allem vernünftig gegen den Aberglauben aufzustehen, es gäbe höhere Werte oder ein christliches Abendland, denn alles was hier und heute Wert hat, wurde von Humanisten und Aufklärern teilweise unter Gefahr für ihr Leben gegen den Aberglauben erkämpft, der blutig mit der Herrschaft im Bündnis war. Wer die Gefahr irrationaler Politik sieht, sollte sich klar zu den Idealen der Aufklärung wieder bekennen, denn fern davon der CDU nahe zu stehen etwa, werde ich doch immer gegen sozialdemokratischen Populismus wie ihn schon ein Lafontaine öffentlich zelebrierte laut aufstehen und so sollten wir Freiheit und Demokratie verteidigen.
jens tuengerthal 20.2.2017

Sonntag, 19. Februar 2017

Liebesbeerdigung

Der Tod geht mich nichts an
Sage ich gern mit Epikur weil
Wir nie gleichzeitig irgendwo sind

Doch wenn die große Liebe stirbt
Ist er plötzlich ganz präsent weil
Du deine Gefühle beerdigen musst

Könnte ich nun einfach sagen es ist
Nichts mehr wäre es wohl nie etwas
Gewesen als Illusion des Einsamen

Doch ist noch schmerzvoll spürbar
Wie da es war nachdem nichts blieb
Auch wenn was da war so fremd ist

Nun ist sie dahin und es bleibt nichts
Um nicht am Nichts zu ersticken nun
Beerdige ich lieber die toten Gefühle

Friede sei mit ihnen sagen da wohl
Die Gläubigen vielleicht hilft es ja
Das Nichts endgültig loszuwerden

Es war ein schöner Traum möge er
Ruhe haben und mir schenken denn
In dem was blieb liebte nichts mehr

Nun kann ich wieder in Ruhe sagen
Der Tod geht mich nichts an weil
Was ich bin bleibt nur sie ist nichts
jens tuengerthal 19.2.2017

Freitag, 17. Februar 2017

EroStory 007

Sucherotik

“Kennen wir  uns?”
“Wüsste nicht woher, aber jetzt schon, zumindest beim nächsten mal”, lächelte ich die Schöne an der Bar an, mit der ich auf der Suche nach einem Platz fast zusammenstieß. Ihre langen braunen Locken umrahmten ein bildschönes Gesicht mit intensivem Rot inmitten. Nun wusste sie nicht, was sie erwidern sollte und lächelte schweigend zurück in der Hoffnung, ich gäbe ihr noch eine weitere Einladung zum Gespräch, doch hinter ihr sah ich den kleinen Sessel vor dem Vorhang frei, auf dem ich am liebsten sitze, wenn ich zum Schreiben hierher in meine Lieblingsbar komme, die tagsüber mehr Café und des Nachts immer mehr zur Bar wird.
“Wir sehen uns bestimmt noch…”, verabschiedete ich mich von der im Kostüm mit engem Rock für hier sehr schick gekleidete Dame und steuerte auf meinem Stammplatz zu.
“Na dann bis später…”, ließ sie mich etwas unwillig aber in dieser Situation als Dame relativ wehrlos ziehen, denn was wollte sie tun, wenn der Langweiler nicht plaudern wollte.

Setzte mich mit Blick auf die Bar, packte meinen Rechner aus, bestellte meinen Riesling und begann zu schreiben, ohne den Blick zu heben, spürte ich, dass sie mich beobachtete und das Spiel wäre langweilig, wenn es so schnell entschieden wäre, dachte ich, dann würde sie mich bald für den nächsten stehen lassen. Männer die wollen, langweilen Frauen scheinbar, dann haben sie das Spiel gewonnen und suchen neue Bestätigung, war meine Erfahrung. Auch wenn ich zugeben musste, dass ich diesmal gerne eine Ausnahme gemacht hätte, nicht zu spielen, sie war wirklich zu schön und ihre Stimme war mir gleich sympatisch gewesen.

Vorsichtig hob ich den Blick, um zu sehen, ob sie wirklich schaute oder sie schon nach dem nächsten spähte, denn gerade füllte sich die Bar immer mehr. Sie schaute noch und unsere Blicke trafen sich für den Bruchteil einer Sekunde, sie setzte zu einem Lächeln an, als ich den Blick wieder senkte und insgeheim dachte, blödes Spiel - aber sie hatte die Rollen verteilt, als sie mich ansprach und also musste ich nun tun, als wäre nichts.

Zwang mich auf den Bildschirm zu schauen, was mehr Kraft und Konzentration kostete, als ich nach der nur sekundenlangen Begegnung vermutet hatte. Atmete tief durch die Nase ein, doch statt mich auf den geplanten Text konzentrieren, erinnerte sich mein Geruchsempfunden an ihren Duft, ein feines dezentes Parfum, mit einem Hauch Vanille und ein wenig Bergamotte, dachte ich, passte zu ihrem Stil, der edel und dezent vornehm wirkte.

‘Sollte ich nicht doch schauen, wie es sich einer Dame gegenüber gehörte, war meine Zurückweisung oder zumindest mein Rückzug nicht zu unhöflich, würde sie sich nicht völlig zurückziehen, weil sie denken musste, sie interessiere mich nicht’, dachte ich über die Situation nach, während ich noch ernsthaft versuchte, mir zu überlegen, was ich schreiben sollte. Doch war schon der Versuch illusorisch, mir fiel nichts anderes als die Schöne an der Bar ein und was sie nun wohl dachte, also beschloss ich die Wirklichkeit zur Geschichte zu machen und fing mit dem an, was war.

Manchmal verschieben sich so schreibend Wirklichkeit und Geschichte, dachte ich und fragte mich, wie es nun wohl weitergehen sollte, wo ich in der sonst Frauenrolle völlig ungewohnt war, darauf wartete, dass sie sich weiter bemühte. Sollte ich nun in der Realität bleiben oder einfach irgendwas phantasieren, um die Wirklichkeit wieder zu verlassen und das Knistern einer erotischen Stimmung in die Geschichte zu zaubern. Dabei musste ich nichts zaubern, es knisterte ganz real und wir wussten es beide. Fraglich war nur, wie das Spiel weiterging und mit welchen Rollen - ließ sie mich in der Damenrolle und würde sich weiter um ihre Eroberung bemühen oder zeigte sie nun halb beleidigt demonstratives Desinteresse, ließ sich beliebig vom nächsten Gast an der Bar anflirten, der bei ihrem Anblick kaum lange auf sich warten lassen würde.

Riskierte einen vorsichtigen Blick über meine Brillengläser, während ich den Kopf in Richtung Bildschirm weiter gesenkt ließ. Sie schäkerte ein wenig mit dem Barkeeper, der allerdings schon aus Berufsethos so cool war, dass sie wohl bald davon absehen würde. Zumindest beobachtete sie mich gerade nicht und ich konnte sie dafür ausgiebig um so genauer von hinten betrachten. Sehr weibliche Formen mit einem runden Po lachten mich ohne Gesicht vielversprechend an und diese wilden braunen Haare schienen nicht zu bändigen, wenn sie nur halb so leidenschaftlich war, wie ihre Haare aussahen, würde es mehr als spannend, dachte ich in ihren rückwärtigen Anblick völlig versunken.

Zu versunken wohl und also unaufmerksam, schaute sie noch voller Vorfreude mit sinnlichen Gedanken dabei an, als sie, die offensichtlich so sensibel wie schön war, den Kopf drehte und genau in meine Augen schaute, die noch eher zärtlich über die eindrucksvolle Rundung ihrer Rückseite fuhren. Erwischt, dachte ich und überlegte sekundenlang, ob ich nun typisch weiblich den Blick senken sollte oder ihn lieber stolz männlich erwiderte, um sie, wenn schon erwischt, angemessen zu erwidern.

Etwas zu lang wohl wieder, sah sie noch lächelnd zwinkern und sich wieder abwenden - es schien, als drehte sich das Spiel nun mit gewohnten Rollen um. Dann eben so, dachte ich, beobachten kann ich als Flaneur gut und Geduld habe ich genug, solange ich nur darüber schreiben kann unendlich. Schon sprach sie ein Herr links von ihr an, der auch ihre schnelle Abwendung bewirkt hatte. Mit schönstem Lächeln wohl, wandte sie sich ihm zu und begann zu plaudern und sofort stieg in mir der Gedanke auf, ob ich nicht zu viel gewagt hatte, sie mehr Aufmerksamkeit forderte, ich Idiot diesen Traum von Frau leichtfertig verspielt hatte, an irgendeinen anderen, dem sie sich nun mit etwas viel Aufmerksamkeit für meinen Geschmack widmete.

Die beiden schienen, ihren Spaß zu haben, lachten viel und er begann im Lachen scheinbar unauffällig ihren Arm zu berühren, das übliche Spiel, mir entging nichts und schrieb ich nicht darüber, starrte ich vermutlich wie ein gekränkter Romeo beständig in ihre Richtung - versuchte, mich zu beruhigen, dass diese Spannung zum Spiel gehörte und ich doch längst gewonnen hatte, nur geduldig sein müsste, dann würde es schon von alleine passieren. Doch war der Versuch nicht besonders tauglich, im Gegenteil.

Während er immer bessere Witze scheinbar machte oder unglaublich unterhaltsam auf seine Art war, gehörte ihm ihre ganze Aufmerksamkeit und ich kochte innerlich ein wenig, ärgerte mich die große Chance nur um darüber zu schreiben verpasst zu haben -  was könnte ich für einen Spaß mit ihr haben, überlegte ich und winkte doch innerlich ab, dieses oberflächliche Bargerede und dies lächerliche Lachen, war nicht mein Stil, wenn sie so oberflächlich war, hatte ich mich wohl getäuscht. Oder war sie eine so gute Schauspielerin, dass sie ihr Spiel bis zur Perfektion beherrschte, genau  das erreichen wollte, was nun in mir ablief, fragte ich mich, während ich mich über meine lächerlichen Gedanken verspottete. War ich doch als Flaneur hierhergekommen, um zu beobachten und zu beschreiben - die Fortsetzung der erotischen Geschichte zwischen den beiden konnte ich mir gut vorstellen.

Dann tanzte er zum Spaß ein wenig mit ihr und sie machte mit aller Eleganz mit, der eine Dame mit solch schönen Rundungen nur fähig sein kann mit. Sie schaute nur ihn dabei an - hatte mich wohl längst vergessen und fühlte sich sichtbar gut unterhalten. Dann wanderte seine Hand nachdem er sie gedreht hatte, ganz indezent ihren Rücken hinunter und strich über ihr prominentes Hinterteil, was sie ohne zu zucken geschehen ließ.

Grollte innerlich und fragte mich warum, ich war doch nur Beobachter, was sie wollte, war ja nun offensichtlich, warum sollte ich mir auch nur einen weiteren Gedanken dazu machen, ich beschrieb es und das Ende war absehbar - ich konnte wohl wetten, wie lange sie noch hierblieben und wie lange es bis zum ersten Kuss dauern würde. Damit nahm die Geschichte inmitten wohl ein anderes Ende als ich zu Anfang plante und ich würde wieder nur Beobachter bleiben, dachte ich etwas traurig. Leben eben, die einen beobachten und schreiben darüber, die anderen erleben es und stürzen sich in schnelle Abenteuer - da war ich der Falsche wohl und blieb der dezente Beobachter, der die Geschichte im Kopf weitersponn und nur darüber schrieb.

Etwas schnell und offensichtlich, fast billig, dachte ich, als er sie nach einer Drehung in seinen Arm sinken ließ und schon mit seinem Kopf sehr nah über ihren kam - dann stand nun wohl gleich der erste Kuss an - keine halbe Stunde nach den ersten Worten - ziemliches Tempo, aber manche mögen das wohl. Während er sich ihrem Kopf zwar noch spielerisch aber in offensichtlicher Absicht näherte, schaute auch sie ihn an, wenn auch etwas zu intensiv für meinen Geschmack, als spielte sie eben nur und wollte nichts. Dann plötzlich, als er noch näher kam, drehte sie den Kopf ein wenig in meine Richtung, damit sich ihre Lippen nicht wie zufällig berühren konnten.

War sie doch nicht so billig, freute ich mich, spielte nur nett die üblichen Spielchen mit und wich im letzten Moment aus und schaute dabei noch sicher nicht zufällig in meine Richtung - unsere Blicke trafen sich nur für den Bruchteil einer Sekunde und da war es wieder dieses vertraute Zwinkern.

‘Was für eine Frau’, dachte ich, ‘liegt im Arm des einen, weicht ihm Sekunden vor dem Kuss noch aus und zwinkert dabei dem anderen zu, den sie sich damit warm hält und sie weiß sich von zweien begehrt - was musste sie sich toll fühlen’.  Vielleicht etwas zu toll, wer so spielte, wusste, was er tat, gerade wenn es eine Sie ist, die ihre Reize so bewusst einzusetzen weiß. Blieb zwar reizvoll und interessant, aber aus diesem Rodeo um ihre Gunst würde ich mich dezent wohl zurückziehen, ich war nie der Typ, der an der Bar in Großmäuligkeit konkurrierte, um eine einfach rumzukriegen.

Klar wollte ich sie auch, genau  wie er und vielleicht war der auch ganz nett, ich kannte ihn ja nicht, aber ein Kampf um eine Dame, die mit zweien auf einmal spielte, war nicht mein Stil, redete ich mir ein, auch wenn ich längst wusste, es war Blödsinn, ich würde fast alles tun, diese Frau zu bekommen, außer vielleicht, aufzuhören darüber zu schreiben - die Lust an den Worten war noch stärker und das war gut so, denn so trat ich nicht ein in diese Hengstparade, bei der sich nun gleich der nächste, um ihre Gunst bewarb, den sie wieder bezaubernd anlachte, als er sie ansprach. Dessen zufällige Berührungen geschehen ließ, als genösse sie es von jedem Kerl angegrapscht zu werden - denn natürlich versuchte jeder Kerl mit Augen im Kopf mit seiner Hand auch über ihren sehr prominenten Po zu streifen.

Dieser war etwas nachdrücklicher als sein Vorgänger, tanzte tatsächlich ein wenig, und hatte als er zum Kuss schreiten wollte schon vorausschauend eine Hand hinter ihrem Kopf, statt nah ihrem Hinterteil wie der andere noch - da sie sah, wie gefangen sie nun wäre, entwand sie sich lachend vorher - diesmal ohne Blick in meine Richtung. Hieß das nun, sie wollte den wirklich, weil sie spielte, zumindest hatte sie seinen Ehrgeiz noch beflügelt, während der andere schon bereit stand, abzuklatschen beim Tanz, doch davon schien sie genug zu haben und ging an die Bar, um an ihrem sehr bunten Drink zu nippen.

Ihre Verehrer umrahmten sie und versuchten sich zu überbieten in Witz und doppelbödiger Vertrautheit. Sie spielte das doppelte Spiel mit, als sei sie es gewohnt und täte nie etwas anderes als mit mindestens zwei Männern flirten, was sie zwar attraktiv irgendwo machte und reizvoll aber zugleich abstoßend auf mich wirkte. Wollte keine, die mit allen Männern konnte, die ihr vermutlich reihenweise zu Füßen lagen, spätestens jedoch, wenn sie genug von den nervösen mageren Hippen hatten, die noch der Mode entsprachen. Beobachtete, was hier geschah und nahm langsam innerlich Abschied, hatte mich der erste Blick wohl doch getäuscht, schade aber besser, es so zu merken, als lange von einer zu schwärmen, die sich gern viele hält und lieber unterhalten wird.

Unerwartet löste sie sich plötzlich aus der Mitte ihrer Verehrer und ging in meine Richtung und sah dabei doch an mir fast vorbei, vielleicht weil sie von den Blicken ihrer Verehrer verfolgt sah, vermutlich, weil sie mich längst wieder vergessen hatte, den Langweiler, der nur schrieb. Hatte es wohl nicht anders verdient, dachte ich, solche Frauen fordern Aufmerksamkeit und den ganzen Mann und ich hatte ja einen Moment die Chance, als ich mich noch dummerweise spielerisch für das Schreiben entschied und das Ergebnis hatte ich nun, sie übersah mich, war ich zugegeben, auch wenn es ja eigentlich bestens zu meiner Rolle als Flaneur und nur Beobachter passte, ein wenig frustriert.

Dann neben mir, wo es eng war, weil sieben Damen den Geburtstag der einen wortreich feierten, kam sie dann doch näher als nötig, streifte mich und wieder hatte ich diesen dezenten Geruch in der Nase - Chanel No.5 vermutete ich, ein uralter Duft, der noch immer verzaubern konnte - hob den Kopf und da war es wieder dieses vertraute Zwinkern.

Sie konnte es wirklich, dachte ich, als sie verschwunden war und hatte plötzlich das Bedürfnis ihr hinterher zu laufen. Vielleicht hieß dies Zwinkern, dass sie mich hinter dem schweren Vorhang erwartete, überlegte ich, hatte noch keine Tür gehört und wollte schon aufspringen, als ich sah, dass schon einer ihrer Verehrer ihr hinterher lief und auf Hahnenkampf oder Rodeo hatte ich keine Lust.

Als er hinter dem Vorhang verschwand, hörte ich wie die hintere Tür ging und sie vermutlich verschwand - dann hatte sie also gewartet, überlegte ich, aber wohl nicht auf den, der kam. Ob sie auf mich gehofft hatte, fragte ich mich und ob ich sie nun mit offenen Armen erwarten sollte, doch die Situation würde mutmaßlich dachte ich und bedauerte vermutlich mal wieder eine Chance durch zu langes abwarten, verspielt zu haben.

Sie blieb lange, als wartete sie darauf, dass der andere zuvor verschwände. Hörte die Tür der näheren Herrentoilette - aber er kam nicht, sondern wartete wohl auf sie, doch sie kam nicht und schließlich wurde es ihm zu lang und er verschwand nach vorne, um nachzusehen, ob er sie vielleicht verpasst hatte und gerade alle Chancen an der Bar verlor. Einmal durch den Vorhang getreten, winkte ihm schon der andere lachend zu.

“Dachte schon du wärst ins Klo gefallen”, rief ihm dies wohl etwas schlichte Gemüt durch den Raum zu - vielleicht aber, fragte ich mich, nicht immer ganz mit den aktuellen Sitten vertraut, diente dies nur dazu, ihn zu blamierten und bloß zu stellen, offenbarte also mehr über den anderen, wenn dieser regierte.
“Ich doch nicht, aber ich mache mir bei ihr langsam Sorgen”, rief der andere zurück und hielt sich für schlagfertig in der Herrenrunde, dabei war es klar auch für sie hörbar nur eine Blamage für ihn und so standen die beiden nun wie Tölpel da.

Irgendetwas in mir grinste, als sich die beiden Männer jovial, mit Zwinkern und Schulterklopfen über das weitere Vorgehen absprachen - da sie den einen nicht wollte, würde wohl der andere den Trumpf ziehen, schien es offensichtlich - noch schienen sie nicht ganz einig. Der eine erklärte dem anderen, dass sie verschwunden sei als er kam, wäre doch Zeichen genug, was er sich denn denke, worauf der andere argumentierte, es könne auch ihr Spiel sein, denn offensichtlich habe sie es ja wohl faustdick hinter den Ohren.

Längst hatte ich im Gegensatz zu den beiden die Tür gehört und wusste sie hinter dem Vorhang stehend und lauschend. Erwartete sie nun mich, fragte ich mich und war doch zu stolz, wollte nicht ihr hinterherlaufen. Schrieb darüber, als sich der Vorhang öffnete und sie mich, als ich den Kopf hob, anlächelte. Sie machte Anstalten, sich auf den kleinen Sessel neben mir zu setzen.
“Darf ich?”
“Natürlich - aber ich glaube du wirst sehnlichst erwartet….”, lachte ich sie zwinkernd an und plötzlich überholte die Realität die Geschichte an der ich noch schrieb.

Sie schlug nicht die Beine über sondern hielt die Knie elegant geschlossen, ihre langen Beine ein wenig nach hinten. Ganz Dame sagte sie nichts zu meiner Bemerkung zu den anderen Verehren, überhörte sie dezent und als ich zu ihren Verehrern sah, die fast mit offenen Mündern staunend in meine Richtung blickend, nicht begriffen, wie sie dies sicher geglaubte Weib wieder verlieren konnten, in deren Richtung lächelnd die Schultern zuckte und die Brauen hob, als wüsste ich auch nicht, wie mir geschehe, deutete sie dies sogleich richtig und verdrehte in meine Richtung, für die anderen unsichtbar, deutlich die Augen.

“Darf ich fragen, was du schreibst?”, fing sie wieder mit  ihrem großartigen Lächeln das Gespräch an.
“Eine erotische Kurzgeschichte.”
“Oh wie schön, um was geht es?”
“Nichts besonderes, ich beschreibe einfach nur, was gerade passiert.”
“Unsere Geschichte?”, schaffte sie es doch wieder, mich aus der Ruhe zu bringen.
“Bis eben wusste ich noch nicht, wie sie endet”, erwiderte ich, nachdem ich einen Moment zu lang, mich mühsam wieder fing.
“Und nun bist du sicher?”
“Was weiß ich schon?”
“Zumindest zitierst du gern Montaigne - ich mag kluge Dichter.”
“Du bist wirklich erstaunlich, du kennst sein Motto?”
“Natürlich, ich liebe ihn - er ist so lustvoll lebensfroh, Epikuräer eben - sag mal schreibst du immer noch auf, was wir hier reden?”
“Äh - ja, irgendwie muss die Geschichte ja enden…”

Sie legte ihre Hand auf den Tisch, zwischen die Schale mit den Kernen der Oliven und mein inzwischen leeres Weinglas und ich wollte das Signal zumindest diesmal nicht übersehen - sie kannte und liebte Montaigne, war Epikuräerin und duftete wie das schönste Paradies - ich legte meine Hand auf ihre, wir sahen uns an und nun muss ich wirklich mit dem Schreiben aufhören, weil meine Hände nun andernorts gebraucht werden.
jens tuengerthal 17.2.2017

Wintersehnsucht

Wenn es grau ist und regnet
Kein Schnee die Tage erhellt
Du einsam liegst voller Angst
Es zu bleiben alle Nächte dann
Spürst du die Wintersehnsucht
Möchtest deinen Schatz halten
Um nie mehr allein zu sein wenn
Der Winterblues dich packt dann
Scheint das Ende verlockend nah
Wünscht du dann Sonne wieder
Im Frühling oder nur noch nichts
Weil die Wintersehnsucht nur die
Verlorene Liebe im Traum stillt
Die nie wieder kommt
Wie immer wohl
jens tuengerthal 17.2.2017

Mittwoch, 15. Februar 2017

Mutbürger

Zu Mut rief der neu gewählte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier seine Mitbürger auf, statt großer Reden zur Freiheit, ging es bei dem ehemaligen Außenminister um etwas, was jeder mit sich ausmachen muss. Als genau richtig gerade jetzt wurden diese Worte medial berwertet, zur Erinnerung an schlichte Tugenden. Frei von allen  Inhalten.

War es das schon wieder oder was heißt Mut haben?

Wenn die vorher Wutbürger zu Mutbürgern werden sollen, die Demokratie wagen wollen, wird nicht nur das W umgedreht, also einfach alles auf den Kopf gestellt, sondern sich auf die  beste deutsche Tradition berufen und so verstanden, stellt es einen Aufbruch dar, wie wir ihn lange nicht erlebt haben, wenn wir es wagen, weiter zu denken und dies selbständig.

Sapere aude!

Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, rief Immanuel Kant 1784 in der Berliner Monatsschrift das Motto der Aufklärung aus und definierte Freiheit neu, als die Befreiung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Dabei ist Mündigkeit, die Fähigkeit sich seines Verstandes ohne Hilfe anderer zu bedienen. Selbstverschuldet ist die Unmündigkeit, sofern sie nicht auf dem Mangel an Verstand, sondern der Unfähigkeit ihn zu benutzen, resultiert.

Mut zur Befreiung, sich nicht sagen zu lassen, was richtig ist, sondern selbst kritisch zu denken, ist, wozu  Kant aufrief. Gegen die Urteile der vielen Spezialisten, soll der aufgeklärte Mensch selbst urteilen und sich eine Meinung bilden. Sie sollen Verantwortung für sich übernehmen, eben mündig werden, statt sich am Gängelband führen zu lassen aus Faulheit und Feigheit, wie es der Königsberger Philosoph formulierte.

Ein sehr liberaler Grundsatz, der von der Autonomie des Einzelnen ausgeht und sein Glück in der Freiheit sieht, auf Aufklärung hinwirken will, weil allein sie zu sittlichen Urteilen im Sinne des kategorischen Imperativ führen kann, die also überall und jederzeit für jeden gültig sind.

Erstaunlich, wenn ein Sozialdemokrat aus der Partei der sozialen Sicherheit und möglichst weitgehenden Versorgung dazu aufruft, könnte jetzt mancher denken und ist diese Auslegung im Geist der Aufklärung überhaupt zulässig?

Eigentlich hat Kanzlerin Merkel mit ihrem Vorbild Katharina der Großen, den Geist der Aufklärung zu ihrem Motto erklärt. Sie handelt pflichtbewusst und ordnungsgemäß, ist keiner amtlichen Anmaßung verdächtig, auch wenn manche laut das Gegenteil behaupten, gilt sie Kennern als Inbegriff der Zuverlässigkeit, Unbestechlichkeit und Korrektheit, im Gegensatz  zur schwächer ausgeprägten Leidenschaft. Der Diplomat Steinmeier gilt als korrekter Jurist, auf den ebenfalls Verlass ist. Er hielt sich als Außenminister weitgehend aus dem politischen Streit heraus und kann dies nun jenseits der Parteien noch mehr, muss es sogar qua Amt.

Doch was soll Mut machen heißen?

Folgen wir Kant, geht es um den Einzelnen und seinen Mut, Verantwortung für seine Entscheidungen zu übernehmen und sich selbst, eine Meinung zu bilden, statt sich auf die Urteile anderer zu verlassen. Dies kann keiner machen, sondern muss jeder für sich lernen. Dazu können nur die Möglichkeiten gegeben werden. Mut machen hört sich toll an und heißt eigentlich im Sinne der Aufklärung verstanden das genaue Gegenteil, es müsste ein mehr an Freiheit heißen, seine Meinung unabhängig von anderen zu bilden und seinem Gewissen zu folgen. Ein, denke ich an Sachsen in der Nacht, sehr weitgehender und gefährlicher Freifahrschein für viele Schwachköpfe, ohne den es aber andererseits keine Änderung der Verhältnisse geben kann.

Wer tut dies in der Mediengesellschaft, die ihre Ereignisse schon via Twitter verbreitet, bevor sie stattfanden und Meinung raunend macht?

Der neue amerikanische Präsident, so ungebildet wie unaufgeklärt er sich stolz gibt, wenn er betont in seinem Leben, kein Buch gelesen zu haben, nutzt Stimmungen und neue Medien, um Meinungen zu machen und ist damit direkt am Puls der Zeit. Er scheut dabei nicht vor Lügen und Fehlinformationen zurück, die er zugleich faktenfrei seinen Gegnern unterstellt.

Wer Meinung macht, will kein kritisches nachdenken sondern autoritäre Führung, die ihren Konsens vorgibt. Es ist ein typisches Zeichen totalitärer Regime, die Freiheit durch staatlich gelenkte Propaganda zu lenken. Dies ist von Seiten der russischen Sender in Europa so sehr zu beobachten, wie bei einigen rechten Medienhäusern in den USA während des Wahlkampfes. Ob dies genügt den Rechtsstaat der USA in ein totalitäres Regime zu verwandeln, wird sich zeigen.

Solches Verhalten steht im Gegensatz zu Rechtsstaat und offener Gesellschaft, die erst die Freiheit aller als Produkt der Aufklärung garantieren. Von Trump hat sich Steinmeier deutlichst möglich distanziert, nun gab er sich, wie es seine Aufgabe ist, versöhnlich. Doch wer denkt noch real kritisch im medialen Konzert und wer ist Teil der Propaganda einer bestimmten Richtung, wo beginnt Lügenpresse und wo endet kritische Berichterstattung, wird eine wichtige Frage sein zur Meinungsbildung, für die es heute Medien braucht oder müssen wir uns angesichts der medialen Schwemme davon klar distanzieren, um noch eine eigene Meinung zu haben, also selbst zu denken, Mut zu beweisen?

Was müsste alles lesen, wer sich eine wirklich differenzierte, kritische Meinung zu aktuellen Prozessen bilden will, frage ich mich dabei und was sollten wir auf keinen Fall zur Hand nehmen, weil es nur auf Propaganda beruht. Es ist heute schwerer geworden, die Dinge kritisch zu betrachten, auch wenn es zuverlässige Quellen wie den Deutschlandfunk oder andere traditionsreiche Medienhäuser gibt. Beschäftige ich mich eingehender mit medialer Meinungsmache, fällt auf wie konform bestimmte Medien längst schreiben, wie Muster erkennbar werden und zugleich sehe ich, wie unterschiedlich der gleiche Sachverhalt gewertet wird.

Meinungsmache steht im klaren Gegensatz zum Anspruch der Aufklärung, die zum selbständigen Denken auffordert. Medien, die keine Meinung machen, gibt es nicht, der neutralste Deutschlandfunk steht für die herrschende staatliche Meinung, so ich mich zu dieser in Opposition befinde, wie es manche im rechten oder linken Lager tun, werde ich hier selten meine Meinung wiederfinden und mir darum Kanäle suchen, die meine Meinung haben.

In der großen medialen Berieselung über die sozialen Netzwerke leben die Menschen immer mehr in homogenen sozialen Blasen, die nur noch wiederkäuen, was sie schon vorher dachten oder wohin sie in ihren Kreisen gelenkt werden sollen.

Wer den ganzen Tag Nachrichten über Ausländerkriminalität, sexuellen Missbrauch durch islamische Täter und ähnliche Bedrohungsszenarien liest, bekommt Angst und wird sich nur von denen verstanden fühlen, die ihn dort ansprechen und die anderen anklagen. Viele Accounts verteilen solche Neuigkeiten ständig. Es ist dabei egal, ob es sich um Fakten oder um postfaktische Behauptungen handelt, die nur der Meinungsmache und der Steigerung der Hysterie dienen, der stete Tropfen zeigt Wirkung, verursacht Unruhe und Angst.

Eine Meinung voller Angst, die durch Berieselung mit faktenfreien Neuigkeiten gefestigt wird, hält ihre Wirklichkeit für die grausame Realität und wer sie infrage stellt, wird als bestenfalls noch blind meist aber als verschworener Feind betrachtet. Diskurs scheint in der so polarisierten Gesellschaft kaum noch möglich.

Darum stellt sich die Frage, wie darauf demokratisch angemessen zu reagieren ist und was Mut machen noch heißt. Will, wer Mut machen möchte, für eine politische Meinung kämpfen oder stellt er sich jenseits aller Parteien, wie es seine Aufgabe ist, fordert zum kritischen Denken auf?

Habe Mut als Wahlspruch der Aufklärung ist zu kostbar, ihn im parteipolitischen Gerede zu zerreden. Es geht um Freiheit und den Mut zu ihr. Den Akt der Befreiung kann jeder nur selbst vornehmen, indem er zu denken anfängt, statt nur Meinungen zu folgen. Nur wo liegt die Grenze dafür und wie lernen Menschen einen vernünftigen, kritischen Umgang mit Meinungen und finden ihre eigene?

Ist nicht schon der Anspruch zu sozialdemokratisch, Mut machen zu wollen, als gössen wir diesen wie eine gute Tat aus?

Wie beim kategorischen Imperativ, der uns dazu auffordert auch jede äußere Norm an unserem Gewissen als sittlichem Maßstab zu messen, ist es auch beim selbständigen Denken, dass es vom freien Gewissen ausgeht, als sei so etwas eine selbstverständliche Einrichtung der Natur, die nicht durch ständige Berieselung beeinflusst wird. Es ist dies ein sehr hoher Anspruch, dem wir uns in der Realität nur mühsam und teilweise nähern, wenn wir Glück haben. Als Medienmacher wie als Konsumenten.

Was heißt also Mut machen wirklich und wohin kann es zielen?

Wer Mut machen will, muss zum selbständigen Denken auffordern und denen, die er dazu auffordert, Vertrauen schenken, dass sie es auch tun und nicht nur die Meinungen anderer wiederkäuen. Es ist nichts, was leicht fällt sondern im Gegenteil eine Aufforderung, auch gegen den Strom zu schwimmen, um sich seinem Gewissen gemäß eine Meinung zu bilden.

Kritisches Denken muss in der Schule beginnen. Fragt sich nur wo und in welchem Fach, dies gelehrt werden soll. Staatsbürgerkunde das belastete DDR-Fach, in dem die staatliche Ideologie vermittelt wurde, gibt es in der offenen Demokratie nicht mehr.  Irgendwo zwischen Deutsch, Gemeinschaftskunde oder Politik und Geschichte müsste es ansetzen, bräuchte viel Zeit zum diskutieren, statt sture Stoffvermittlung und Abfrage des Gelernten. Doch wer ist dazu befähigt, die Werte des Grundgesetzes und der Demokratie zu vermitteln und wie?

Dies wird die Aufgabe der Kultusminister künftig sein, damit nicht wie in Sachsen ganze Generationen in die Hände rechter Rattenfänger geraten, denn wichtiger als die Pisa-Ergebnisse ist es mündige Staatsbürger zu erziehen, die ihre Freiheit wahrnehmen und also selbständig und kritisch denken.

Hier gibt es zumindest eine Perspektive, um durch Aufklärung über die realen Verhältnisse, ein politisches Bewusstsein zu schaffen. Dazu gehört, dass über 966 rechte Gewalttaten nur einer handvoll islamistisch geprägter Taten im letzten Jahr gegenüberstehen, dies stellt die realen Verhältnisse dar und muss laut gesagt werden, um den Angstmachern entgegenzutreten. Es gibt eine rechte Terrorgefahr, die real den Frieden im Land bedroht und es gibt eine relativ kleine Gefahr durch Islamisten, die keine prozentual messbare Bedrohung darstellen. Wem muss sich mutig entgegen gestellt werden, um unsere Werte zu verteidigen?

Heißt Mut machen die Angst nehmen?

Wenn Aufklärung über die reale Situation mehr Mut macht, wäre damit viel gewonnen. Die Tatsache, dass die Angst mit postfaktischen Nachrichten geschürt wird und ideologisch aufgeputscht ist, macht es den Aufklärern schwierig. Es geht nicht mehr um vernünftige Argumente sondern um Meinungen im politischen Kampf.

Muss dann, wer Mut machen will, die richtige Meinung vertreten oder offenbarte schon dieser Ansatz das Scheitern?

Wer nur seine Ideologie verbreiten will, bleibt im politischen Kampf stecken, der durch die ideologische Befeuerung durch russische Propagandasender noch verstärkt wird. Ein Trump und ein Putin machen Meinung und profitieren davon. Wie schwierig dies im demokratischen Prozess wird und wie gefährdet damit die Freiheit ist, haben die amerikanischen Wahlen gezeigt, bei der eine wütende Minderheit nun den Kurs für die Mehrheit bestimmt.

Auch europäische Politiker sehen sich virtuellen Angriffen aus Russland gegenüber, mutmaßen sie zumindest laut, da Beweise in diesem Bereich immer schwer sind und so verbreiten beide Seiten ihre Sicht der Wirklichkeit, die Angst machen soll und der kritisch denkende Bürger fragt sich, wie wirklich ist die sogenannte Wirklichkeit noch.

Es gibt im politischen Bereich nicht eine Wahrheit sondern viele Sichten auf die gleiche Sache und in der Demokratie wählt das Volk diejenigen, denen sie eine Lösung ihrer Probleme am ehesten zutraut. Zumindest sollte es theoretisch so sein. Praktisch steckt oft mehr Trotz als Vernunft in einer Wahlentscheidung und darum wählen Menschen einen Trump oder bekommt die AfD ohne Antworten auf entscheidende Fragen überhaupt Stimmen.

Dies betreffend leben wir eingerahmt von Trump und Putin und mit vielen Erdogan Anhängern im Land derzeit in einer kritischen Situation. Die Verkündung von Ideologie ohne Inhalte gewinnt gegenüber vernünftiger Sachpolitik an Bedeutung. So wurde in Großbritannien mit Lügenpropaganda der Brexit erreicht, den eigentlich keiner wollte und von dem noch keiner absehen kann, wohin er führt. Eine Le Pen kündigt die nächste Abstimmung in Frankreich an und macht ebenfalls mit Angst Politik im Bündnis mit dem AfD in Deutschland und beide finanziert von Putin und jubelnd für Trump, der macht, was sie fordern, auch wenn er damit offensichtlich scheitert.

Als könnten Intoleranz und Fanatismus mit Intoleranz und Fanatismus vertrieben werden, stärkt die radikale Rechte in Europa und ihre Verbreitung von Angst den IS und der IS stärkt mit jedem Attentat weiter die radikalen am rechten Rand. Die offene Gesellschaft darf auf Angriffe nur mit noch mehr Offenheit reagieren, wenn sie nicht möchte, dass sie schon vorher besiegt wird. Wer die Freiheit unter Angriff aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, hat sie schon verloren und nichts mehr zu verteidigen. Dies wissen eigentlich alle Demokraten, manchmal nur sagen sie anderes laut, um den Radikalen Stimmen zu rauben, dem Wahlvolk  zu zeigen, wir sorgen für Sicherheit, die keiner garantieren kann.

Was heißt in dieser Situation Mut machen und vor allem wem?

Will der neue Bundespräsident seinen vorherigen Kollegen Mut machen?

Auf sie wird es auch ankommen, damit nicht ein Bayer ausschert und sich rechts profilieren will gegen die Demokratie. Sie brauchen Mut, zu sagen, es gibt keine Sicherheit, nur den Versuch dazu, der aber gefährdet, was wir eigentlich verteidigen wollen. Das Asylrecht kennt keine Obergrenze, wie die Kanzlerin richtig feststellte, jeder Versuch wäre verfassungswidrig und würde vermutlich in Karlsruhe gestoppt. Dennoch sind die Fähigkeiten zu Aufnahme und Integration begrenzt. Dem trug die bisherige Schengen-Regelung Rechnung. Sie war für eine Zeit nicht mehr in Kraft, weil es menschlich notwendig schien. Die Lasten müssen in Europa gleichmäßig verteilt werden. Keiner in diesem Land kann ein Interesse an einer Schließung von Grenzen haben. Es wäre ökonomisch katastrophal. Wer etwas anderes sagt, lügt und das wissen alle Beteiligten, trotzdem tun manche so, als könnten sie es fordern und darüber entscheiden.

Gleiches gilt für die Rentenlüge, nach der jeder Generation erzählt wird, die Rente sei sicher und wir doch schon lange wissen, sie kann es nicht sein, es braucht ein neues Konzept und den Mut, es der Bevölkerung zu sagen. Es geht nicht darum, wer schuld ist - wir  haben uns nicht genug vermehrt und so konnte ein auf Wachstum angelegtes System nicht ewig funktionieren. Nun braucht es den Mut, diese Dinge anzupacken und zu ändern.

Dennoch fehlt vielen der Mut, die Wahrheit zu sagen und offen die Freiheit zu verteidigen. Die politische Klasse im Land bräuchte einen Mutmacher, weniger die Kanzlerin, die Mut bewies und dafür Kopf und Kragen riskierte, ihr Amt gefährdete, aber viele bräuchten mehr Mut, statt Angst um Stimmen, die sie in den Populismus abdriften ließ.

Zu welcher Meinung soll den Bürgern Mut gemacht werden oder nur zum kritischen Denken gegenüber allem?

Möchte der neue Bundespräsident denen, die Lügenpresse skandieren mehr Mut zum kritischen Denken machen oder möchte er sie lieber auf den Kurs des Grundgesetzes bringen, frage ich mich und weiß noch keine Antwort, schon den Diskurs wieder zu beginnen, wird mühsam, wenn auch nötig, damit Sachsen nicht länger wie Polen und Ungarn ein fremdes Land wird. Das Grundgesetz garantiert Freiheit und Würde eines jeden, daraus folgt logisch das Asylrecht. Die EU garantiert die Menschenrechte in Freiheit.

Eine Gesellschaft die schrumpft, stirbt aus und braucht dringend Zuwanderung und wenn sie es nicht schafft diese von ihren Werten zu überzeugen und zu integrieren, dann ist sie wohl nicht überlebensfähig. Darum kann die Asylkrise, wie sie viele sehen, auch eine Chance sein, mit der es uns künftig besser gehen könnte. Das sagt kaum einer laut, weil Zuwanderung nicht mit Asyl vermischt werden soll, die Menschen nur in einer Notsituation für begrenzte  Dauer Schutz suchen, wieder zurückkehren sollen, wenn der Asylgrund wegfällt. Doch realistisch, kann dies Jahrzehnte dauern, der Ausgang ist ungewiss und wenn wir die Menschen nicht integrieren und ihnen hier keine Chance bieten, bleiben sie ein ständiger Kostenfaktor, werden zum Problem, dass andere schon beschwören.

Es kostet Mut, diesen Tatsachen ins Auge zu sehen und sich nichts vorzumachen. Mut zu Toleranz gegenüber fremden Gewohnheiten und Mut auch die eigenen infrage zu stellen, um miteinander klar zu kommen. Mut die eigene Angst zu überwinden. Noch mehr Mut keine fremde Religion zu fürchten und die Werte der Aufklärung zu verteidigen, die nicht religiös sind sondern laizistisch, wie es Menschenrechten entspricht. Nicht das Abendland des längst untergegangenen Heiligen Römischen Reiches gilt es künftig zu verteidigen, sondern die Werte der Aufklärung, die mit der französischen Revolution und der deutschen Philosophie eine tolerante, offene und demokratische Gesellschaft erst schufen, Basis unseres Erfolges in der Welt sind.

Die offene Gesellschaft, wenn sie von intoleranten oder totalitären Staaten umgeben ist, hat es schwer und Europa wird es schwerer haben, seine Werte zu verteidigen gegen Trump und Putin. Ob es darum nicht klüger wäre, den Konflikt mit Putin beizulegen, Russland lieber mehr in die EU zu integrieren, statt den Oligarchenstaat Ukraine zu verteidigen, als ginge es um das Herz Europas, wird eine der wichtigen Fragen sein auf der politischen Ebene und Merkels Kurs der Konfrontation wird, so menschlich verständlich er ist, nicht erfolgreich sein, sofern Trump auf die gezeigte Art weitermacht.

Will sich Europa als David mit zwei Goliathen an jeder Seite anlegen oder lieber die konstruktive Brücke zwischen beiden sein?

Es kostet viel Mut in Zeiten wie diesen, keine einfachen Antworten zu geben, weil immer mehr darauf ausweichen, Gewalt fordern und genau Bescheid wissen. Doch Gewalt ist nie eine Lösung und fördert nur noch mehr Gewalt, warum auch der Krieg gegen den IS in Syrien keine Lösung für die dortigen Probleme ist, die durch die Besetzung des Irak durch die USA mit ausgelöst wurden aber auch in vielem noch an den Folgen europäischer Kolonialpolitik und der Grenzziehung dann liegen, die wiederum mit dem untergegangenen osmanischen Reich zusammenhängen und vieles mehr.

Die Lage ist komplex, und es wird viel Zeit und noch mehr Fingerspitzengefühl benötigen, dort vernünftige Lösungen zu finden. Das gleiche gilt für die Russen in der Ukraine und im Baltikum, die sich nur so ruhig verhalten, weil es ihnen in der EU so viel besser geht als in der Heimat, denn wie stark die Bindung bei einer schwerwiegenden ökonomischen Krise wäre, ist unklar. Soll auch diesen EU-Bürgern Mut gemacht werden und wozu?

Ein russischer Präsident, der im offenen Konflikt mit der EU steht und es als seine erklärte Pflicht sieht, Russen egal wo auf der Welt zu verteidigen, es zumindest in der Nachbarschaft tut, wäre eine ständige Bedrohung. Dagegen ist ein schwieriger Partner Putin im Kreis der EU sicher bald bemüht, ein Musterschüler wieder zu sein, wenn er nur gleichberechtigt und freundschaftlich aufgenommen würde. Aber kann einer, der Völkerrecht bricht ein Freund sein, wie es die USA schon so lange sind?

Zu was sollen wir da nun Mut haben, zur Freundschaft mit dem undurchsichtigen ehemaligen Geheimdienstmann, den manche für einen lupenreinen Demokraten hielten, der als Antwort auf die Sanktionen der EU einen Propagandakrieg begonnen hat und der nicht nur in Sachsen den AfD stärkte mit seinen falschen Nachrichten dessen Folgen nun in den USA regieren oder dazu fest bei unseren Grundsätzen zu bleiben?

Bedeutet Mut in Zeiten wie diesen, zu den über 200 Jahre alten Ideen der Aufklärung zu stehen oder umgekehrt, sich den veränderten Bedürfnissen anzupassen?

Ist Trump die Antwort der USA auf den Islamismus oder dessen Fortsetzung mit umgekehrten Vorzeichen, weil dessen Politik nur die Radikalen stärkt?

Heißt  Mut, den Menschen zu sagen, es geht nicht um Götter und ein erfundenes Himmelreich, es geht um euer Leben hier und wie ihr es so sehr wie nur möglich genießen könnt?

Sind Wutbürger mutig oder erkennen sie nur nicht, was nötig ist, um Kompromisse zu finden?

Wer Mut machen will, wird sich vielen Fragen stellen müssen, eine der ersten wird sein wozu, daran schließt sich logisch das wie an und am Ende steht was nun, wenn alle mutig sind oder nie werden. Es ist gut und richtig, an die Grundsätze der Aufklärung zu erinnern und Mut zum Thema zu machen. Maßte mir dennoch nicht an, anderen Mut zu machen, finde es mutig vom Bundespräsidenten, dies zu wollen, weiß nicht, ob es gelingen kann, da dies selbständiges kritisches Denken erfordert und das fällt vielen in politischen Fragen schwer, vor allem mit der dabei gebotenen Nüchternheit. Mehr Sachlichkeit und Nüchternheit, für die Merkel und Steinmeier stehen, täte allen gut in aufgeheizter politischer Atmosphäre. Die Politik macht ihren Job, wie jeder auch und der ehemalige Außenminister schwebt nun drüber, mal sehen ob er vielen Mut macht und die Wutbürger nun kritische Mutbürger werden. Sicher braucht es mehr Aufklärung.
jens tuengerthal 14.2.2017

Sonntag, 12. Februar 2017

KMG 009

Die Unterirdischenaufklärung

Es war einmal im Reich der Unterirdischen, während oben unter den Menschen noch dunkles Mittelalter herrschte, dass sich eine Gruppe studierter Männer im Salon ihres Freundes traf, dass erstmals das Wort Aufklärung fiel, um zu beschreiben, was sie wollten.

Sie waren Schriftsteller, Philosophen und Mathematiker und hatten sich vorgenommen, ein Lexikon zu verfassen, damit alle Menschen auf das Wissen zugreifen konnten und dies nicht nur einer kleinen Gruppe wie ein geheimes Ritual vorbehalten bliebe. Damit sollte die Macht der Priester und der Gilden geschwächt werden, damit nicht mehr Aberglaube herrsche sondern Freiheit und Gleichheit irgendwann, was sie aber nur ganz insgeheim auszusprechen wagten, weil es als eine Revolution verstanden werden könnte. Vor allem der Glaube, den sie gern kollektiv Aberglaube nannten, war ihnen ein Dorn im Auge mit  seiner Macht über die erfundenen Seelen und damit die Moral, die nicht vernünftig sondern religiös also eigentlich albern begründet wurde, wie sie fanden, dem Menschen unwürdig.

Die Kultur der Unterirdischen war uralt und früher lernten die Kinder noch in den Schulen, dass die Unterirdischen kleine Kinder raubten, um sie bei sich leben zu lassen, wo sie unter der Erde nicht weiter wachsen würden. Dies war ein Gerücht, um die Kinder zu erziehen und immer falsch. Im Gegenteil war die unterirdische Kultur der sonstigen immer um zwei Epohen voraus und an weniger gebildeten Menschen bestand eher kein Bedarf. Während etwa im oberirdischen Reich die Menschen noch ohne Schrift in der Wildnis lebten, gab es unter der Erde schon riesige Bibliotheken. Auch der Beginn der Renaissance, die sich wieder dem antiken Erbe zuwandte geschah unterirdisch als die Menschen sich unter Karl dem Großen dem christlichen Reich erst zuwandten, das sich mit dem Schwert verbreitete.

Die Menschen brauchten für die Entwicklung ihrer Kulturen immer etwas länger und während sich der Islam noch mit dem Schwert bis nach Spanien verbreitete, wurde unter den Unterirdischen schon der Atheismus wieder diskutiert, wie sie ihn in der Antike kannten. Noch bis heute hängen Menschen dem Aberglauben an und glauben, es gäbe ein Sein über ihnen und ihre erfundene Seele sei unsterblich, während unter der Erde schon lange dies Thema als Teil der Natur betrachtet wurde, neben der es nichts gab. Dies geschah dort parallel mit der Einführung der Demokratie, etwa während oberirdisch die Renaissance begann und Könige nur noch dem Parlament unterstehende Repräsentanten waren. Wo es kein Gottesgnadentum mehr brauchte, konnten sie vernünftigerweise auch allen Aberglauben beerdigen, was den zurückgebliebenen Menschen bis heute nicht gelang, aber manche hoffen ja, dass auf die aktuelle postfaktische Epoche, in der die Dummheit herrscht wieder ein Zeitalter der Vernunft auch dort anbricht, gerade wenn es nicht danach aussieht, sollten wir besonders auf das Gegenteil hoffen.

Kulturen von Unterirdischen gab es auf der ganzen Welt und wo den Menschen Berge oder Hügel als heilig galten, lag dies meist daran, dass dort unterhalb eine unterirdische Kultur lebte, die unter den Menschen, um ungestört zu bleiben, diesen Aberglauben durch vermeintliche Wunder verbreitet hatte. Da die Menschen nichts von der unterirdischen Kultur wussten, die Geschichten dazu nur als Sagen galten, fiel es leicht vermeintliche Wunder zu  inszenieren, um geschützt zu bleiben. Außerdem gelten die Menschen unter Unterirdischen bis heute als unglaublich naiv und leichtgläubig, was zu widerlegen dem Beobachter neuer heiliger Kriege immer schwerer fällt.

Dieses Spiel mit der Unwissenheit der Menschen und ihrem Wunderglauben hatte unterirdisch schon früh ein kritisches Denken gebracht, dass die Macht der Priester schwächte, die es auch hier natürlich gab. So galt die Herrschaft der gewählten Könige unter der Erde als eine von Gottes Gnaden, was den im Salon versammelten Herren als keine Legitimation erschien, was aber noch keiner laut sagen durfte, wollte er nicht Gefahr laufen von den Geheimdiensten als Revolutionär verhaftet zu werden.

Die Unterirdischen lebten unter den Bergen, die sie ausgewählt hatten in riesigen Bauwerken, die mit jeder neuen Generation noch erweitert wurde. Sie erinnerten an den Turmbau zu Babel, bei dem einige Menschen noch ohne genügendes Wissen immer höher bauen wollten, um den geglaubten Himmel zu erreichen. Die Etagen des Turms, die immer weiter nach oben wanderten repräsentierten die Epochen und es zeigte sich, dass die Menschen alle Baustile nachgeahmt hatten, die unterirdisch längst schon wieder von der nächsten Etage überholt wurden.

Einige Etagen unter dem aktuellen Stil, der noch vom Rokoko geprägt war, erkannten Kenner den Stil der Renaissance, der sich auf den gothischen gesetzt hatte, spitz nach oben strebend, die Kirche dort als Mittelpunkt, was im aktuellen Absolutismus längst das überragend große Schloss geworden war, wie es 500 Jahre später in Versailles nachgebaut wurde. Doch mit dem wirtschaftlichen Aufschwung waren auch viele Bürgerhäuser prächtiger geworden, die in den strahlenförmig auf das Schloss zulaufenden Straßen errichtet wurden.

Die Siedlungen begannen am Fuß des Berges mit der Grabung einer Höhle, die ständig erweitert wurde entsprechend dem Wachstum jeder Kolonie der Unterirdischen. Kamen sie an die Bergspitze stagnierte die Bautätigkeit, dann wanderten die kommenden Generationen aus und gründeten neue am Fuß eines anderen Berges. Aus dieser historischen Zeit, in der es zu Umsiedlungen kam, stammte noch die Sage von der Auswanderung der Unterirdischen, wie sie auch in Mecklenburg verbreitet ist, die aber meist in völlig falschem, eben menschlichen Zusammenhang die Sache betrachtet. Große frühe Siedlungen fanden sich unter dem Mont St. Michel in der Normandie, dem Odilienberg im Elsaß oder dem Heiligenberg bei Heidelberg, die aber ihre Orte verließen als die Menschen dort zu bauen begannen.

Die Unterirdischen mochten es nicht, wenn ihnen auf dem Kopf herumgetrampelt wurde und fanden es, auch aus Gründen der Geheimhaltung dann besser, eine neue Kolonie zu bilden. Einige finden sich auch in den Alpen, doch schätzen die Unterirdischen die dortigen massiven Felsen mit viel Granit nicht so sehr, da sie dann immer auch auf die Hilfe der Zwerge angewiesen waren, die bekanntlich gute Bergleute und die besten Sprengmeister sind. Diese ließen sich ihre Arbeit, wenn sie jemand brauchte und sie nicht nur Gold für sich scheffelten, so gut bezahlen, dass dies die Baukosten in ernorme Höhen trieb bei den Erweiterungen, die jede Generation vornehmen durfte.

Auch darum lagen die meisten Siedlungen unter mittleren Bergen oder Hügeln, die erdreich waren und ohne Hilfe der Zwerge abgetragen werden konnten. Zwar hatten die Unterirdischen die Kosten ihrer Bauten als die bekannt besten Architekten sich immer wieder von den geizigen Zwergen wiedergeholt, die sobald sie über eine Etage hinaus ihre Höhlen bauen wollten, die Unterstützung der Statiker aus dem Reich der Unterirdischen brauchten, doch waren sie lieber autark und auch die Nahrungsproduktion fiel im hügeligen Flachland immer leichter.

Überhaupt war unter den Unterirdischen in den letzten Jahren des irdischen 17. Jahrhundert, eine neue Bewegung in Gang gekommen, die sich für eine ökologische Bauweise und mehr Naturnähe aussprach. Darum entstanden immer mehr eher kleine Siedlungen unter abgelegenen Hügeln, die weniger in die Höhe strebten. Auch die Geburtenrate war mit zunehmender Zivilisation zurückgegangen, trotz abnehmender Kindersterblichkeit aufgrund besserer Hygiene und guter medizinischer Versorgung, so dass manchmal schon eine Etage für vier Generationen reichte und wo Eltern nur noch ein Kind hatten, sich die folgenden Familien ein Haus teilten und keinen neuen Baubedarf hatten.

So begann bei den Unterirdischen, was die Menschheit erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts in den ökonomisch erfolgreichen, wohlhabenden Ländern des Westens kennenlernte, eine Schrumpfung der Bevölkerung und es zogen manche der Anhänger dieser Naturbewegung, die der Hippiebewegung der Menschheit in den 70ern und der Romantik in manchem glich, auch wieder in tiefere Regionen, wenn es dort zu Leerstand kam, weil es keine Erben mehr gab. Sie waren sozusagen Hausbesetzer. Zunächst waren die einfachen Bauten der Frühzeit als Lagerräume nur genutzt wurden, weil die meisten lieber in den je modischen Neubauten lebten und aufgrund der Statik im unteren Bereich vielfach auch Verstärkungen nötig waren. Doch heute galt es als schick in diesen teilweise riesigen ehemaligen Lagerräumen ohne Zwischenwände zu leben.

Auch die Philosophenrunde hatte sich in einer solchen ehemaligen Lagerhalle getroffen, in der ihr Gastgeber diesmal zum Salon lud. Dies hatte den Vorteil, dass sie ihre Runde leicht erweitern konnten, weil es Platz genug gab, wichtiger aber war ihnen, es war weit genug vom einige Etagen höher gelegenen Schloss entfernt und die königlichen Beamten kamen nicht so leicht vorbei, da sie in der Nähe des Palastes wohnten, sie wurden also nicht gleich bemerkt. Die Siedlung der Naturfreunde am Grund des Hügels war sechs Etagen unter der aktuellen Ebene auf der die prächtigen Repräsentationsbauten gelegen und so war es auch den meisten Spionen und Polizisten zu mühsam, zum Zwecke der Überwachung hinabzusteigen. Hier fühlten sie sich daher relativ frei, auch weil die hier lebten eine eingeschworene Gemeinschaft waren und jeder Fremde schnell auffiel.

Natürlich hatte der wohlhabende Gastgeber, der von einem Onkel, der ihn adoptiert hatte, seinen Titel erbte auch einen Bau auf der repräsentativen Etage, aber zu ihrem Salon reisten sie lieber ein wenig, um sicher und ungestört planen zu können. Dies geschah aber zu der Zeit während oberirdisch, wie sie es nannten, gerade der Staufer Friedrich II. die Welt in Staunen versetzte mit seiner Offenheit, seiner Kunstfertigkeit, keiner etwas von Amerika wusste und noch Kreuzzüge ins vermeintlich Heilige Land zogen, von denen auch selbiger Friedrich obwohl mit dem Papst zerstritten, noch den erfolgreichsten führte, bei dem er durch Verhandlungen mit den Mauren sein Ziel erreichte. Diese kannte er gut, weil sie auch auf der Insel Sizilien lebten, dem Erbteil seiner normannischen Mutter und er lernte manches von ihnen, was das mittelalterliche Europa staunen ließ und auch unter Unterirdischen hieß es, was das größte Lob wohl war, für einen nur Menschen nicht schlecht.

Diesmal saßen sie in vertrauter Runde um die Tafel und berieten über die geplante Enzyklopädie, als einer von ihnen sagte, es ginge um Aufklärung und aus dieser folge alles weitere, was sie nicht erwähnen bräuchten, um weder die Kirche noch den König zu provozieren.

“Unser Lexikon wird unpolitisch sein, um nicht angreifbar zu sein, dafür wird es viel besser und weiter wirken als jede politische Schrift”, sprach der Gastgeber, der ein wenig dem Mann glich, der über 500 Jahre später als Baron d’Holbach unter den Menschen bekannt wurde.
“Nichts ist unpolitisch, jeder Handlung wirkt sich auf die Gemeinschaft aus, die Absicht ist hehr lieber Freund aber völlig unmöglich, sollen wir zu allen kritischen Themen schweigen?”, entgegnete ihm der unter Unterirdischen bekannte Schriftsteller und Philosoph, der ein Provokateur war, aber auch darum nun ständig am Fuß des Berges lebte, um nicht von den Jesuiten angeschwärzt und vor Gericht gestellt zu werden. Verlegt wurde er nur noch ungestört und verdiente gut daran, weil eine Mätresse des Königs ihre schützende Hand über ihn hielt.
“Ja und nein. Wir sollten ihnen keine Möglichkeit zum Angriff bieten, damit wir das Projekt nicht gefährden. Alle kritischen und provokativen Fragen werden wir in Nebengebieten abhandeln, etwa bei der Beschreibung des Lebens der Ameisen ein Bild der idealen Demokratie entwerfen - die manchmal absurden Verweise werden zum geheimen Schlüssel für Kenner, der ihnen das Herz der Freiheit offenbart”, entgegnete ihm der Gastgeber.

“Wer die Fackel der Wahrheit trägt, darf sich nie verstecken, dann kommt alle hierher, wir planen und verlegen das Projekt von hier aus, dann droht keine Gefahr”, entgegnete der Schriftsteller, der lieber den Konflikt als einen machbaren Kompromiss suchte.
“Du hast von hier unten leicht reden, wir müssen mit der Kontrolle leben und wenn wir wollen, dass sich unsere Schrift dort verbreitet, wo sie am nötigsten ist, müssen wir Kompromisse schließen”, stimmte der Redakteur seinem Freund dem Gastgeber zu. Er, der in der Rolle des Denise Diderots später zu sehen war, hatte Frau und Kinder, er musste von seiner Arbeit leben, als abgebrochener Theologe, der sich für die Schriftstellerei und Philosophie entschieden hatte, lebte er immer am Rande des Abgrunds.

“Kann meinem Freund nur zustimmen, wer aufklären will, sollte nicht lügen oder zensieren - wenn einer meine Worte hier zensiert, steige ich sofort aus diesem unmöglichen Projekt aus”, meldete sich der Mathematiker zu Wort, der Mitglied der königlichen Akademie und hochbegabt war. Er hatte von seiner hohen Abstammung und seiner Position her den größten Einfluss von ihnen bei Hof. Wissenschaftlich war er einer der Größten seiner Zeit, darum leistete er sich auch in seinen mathematischen oder naturwissenschaftlichen Artikeln immer wieder Seitenhiebe, die sich keiner sonst erlauben konnte. Unter den Menschen viel später spielte der nominelle Mitredakteur der Enzyklopädie d’Alembert seine Rolle nach. Dieser stieg dann auch tatsächlich aus dem Projekt irgendwann aus, weil es seinen Ruhm nicht mehr zu mehren schien und er sich nicht beschränken wollte.

“Keiner soll lügen. Die Enzyklopädie ist der Wahrheit verpflichtet. Nur müssen wir dazu nicht bewusst die geltenden Gesetze brechen, sondern sollten sie lieber, um das Projekt und uns nicht zu gefährden, genau einhalten und zwischen den Zeilen umgehen - Opposition kann zwischen den Zeilen und in der Schlagzeile geübt werden, die Schlagzeile fällt ins Auge und wird vergessen, was zwischen den Zeilen steht, gärt langsam und wirkt länger”, versuchte der Gastgeber die Freunde zusammenzuhalten.

“Du hast doch nur Angst eingesperrt zu werden, lebtet ihr auch hier, am Grund des Berges, könntet ihr wie ich schreiben, wie ihr wollt”, ließ der große Dichter nicht davon ab, seinen Freund den Redakteur erneut zu provozieren.
“Dann zirkulierte unser Lexikon am Grund des Berges, es würde keinen interessieren und kein Buchhändler oder Verleger würde es oben vertreiben wollen, wo es am nötigsten ist”, wandte auch kaufmännisch vernünftig der reiche Gastgeber ein.
“Du hast auch noch nie im Kerker gesessen, ich war drei Monate ohne ein Urteil oder die Aussicht je wieder frei zu kommen dort eingesperrt, solange ich Redakteur bin, werden wir vorsichtig sein. Es wird weiter wirken, wenn wir keinen Streit suchen sondern aufklären.”
“Meine liebe Freundin die Marquise wird uns auch dann unterstützen und dann zirkuliert das Buch eben erst als verbotener Druck, was die Nachfrage nur erhöhen wird”, wollte der reiche Dichter seine Freunde überzeugen, das Lexikon doch politisch zu schreiben und in der Kommune am Grund verlegen zu lassen, woran er noch besser verdienen würde als jetzt, wo er nur Autor einiger Artikel war, die er auch viel zu unbedeutend fand und die sie doch bewusst ihm gegeben hatten, damit seine Neigung zur Provokation nicht zu gefährlich wurde und sie sich nicht lange über nötige Streichungen streiten mussten. Im Reich der Unterirdischen herrschte zu dieser Zeit noch Zensur und die Aufklärung wurde erst langsam zu einer großen Bewegung, die ihren Namen noch suchte.

“Aufklärung ist ein gutes Stichwort, haben wir es schon definiert, ist der Beitrag schon vergeben, sonst würde ich gerne darüber schreiben”, stieg einer der Philosophen in die Diskussion ein. Er galt als einer der größten unter ihnen lebenden Philosophen und schaffte es in seinen Schriften immer wieder den Staat und die Herrschaft vollkommen infrage zu stellen, ohne es direkt zu tun. Offiziell war er eher ein Moralphilosoph und schrieb lange Abhandlungen über kategorisches Denken und die Freiheit des Entschlusses zum moralischen Handeln. Seine Rolle übernahm viel später unter den Menschen der Königsberger Immanuel Kant.
“Das wäre uns eine große Ehre, wenn du diesen Begriff definieren könntest”, begrüßte der Redakteur den Vorschlag des Philosophen und war dankbar, dass er ein wenig vor dem gefährlichen Thema ablenkte, das schon so oft im Streit geendet hatte, “schwebt dir schon was vor?”
“Habe nur ein wenig nachgedacht, was unsere Treffen und unsere Arbeit im Kern ausmachen und auch wenn wir es selten so direkt sagen, geht es doch immer um die Freiheit des Individuums. Es ist noch nicht ausformuliert, nur so ein erster Gedanke, der vielleicht beiden Seiten dieser ewigen Auseinandersetzung genügen könnte”, dabei lächelte er den Dichter und den Redakteur so gewinnend an, dass es schien, als hätte es nie Streit geben können. Dabei hatte es schon einige male heftigste Konflikte gegeben - so war einmal der Dichter aufgesprungen, wollte nicht mehr mitarbeiten, wenn er nicht endlich politische Themen bekäme, woraufhin der Redakteur nur ganz kühl geantwortet hatte, wenn du für mich ins Gefängnis gehst, gerne. Der Dichter war dann beleidigt weggegangen und es dauerte Wochen bis der Gastgeber die Runde mit vielen langen Briefen wieder zusammenbrachte.

“Wir sind gespannt”, versuchte der Gastgeber schnell das gefährliche Thema wieder zu verlassen, auch wenn er zu seiner Freude bemerken musste, dass der sonst sehr schnelle Dichter nachdenklich und in sich gekehrt schwieg.
“Ich dachte es mir in etwa so, ist jetzt noch nicht druckreif, aber es zeigt die Richtung: Aufklärung ist die Befreiung des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündig ist, wer sich seines Verstandes nicht ohne Hilfe anderer bedienen kann. Selbstverschuldet ist diese, wenn sie nicht aus dem Mangel des Verstandes resultiert sondern aus der Unfähigkeit ihn zu benutzen, es am Mut zu denken mangelt, Der Wahlspruch der Aufklärung könnte also lauten, habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen”, trug der Philosoph seinen längst im Kopf druckreifen Gedanken rasend schnell vor und seine Freunde hatten Mühe ihm zu folgen.

“Genial, es ist revolutionär und klingt doch völlig harmlos, dafür wirst du in die Geschichte eingehen, das drucken wir genau so - der Mut des einzelnen, hilft ihm seine Unfreiheit zu erkennen, aus der er sich dringend befreien will, wir sagen nichts und geben die Anleitung zu allem”, fand als erstes der Redakteur die Sprache wieder. Auch er war von rasend schnellem Verstand und begriff sofort welch Zündpulver in dieser Definition lag, die alles bisherige infrage stellte, weil sie auf den Einzelnen und seine Befreiung abstellte. Nun hatten es auch die anderen verstanden und klopften begeistert auf den Tisch.
“Naja, nun übertreibt mal nicht, klingt sehr wissenschaftlich und versteht doch kaum einer da draußen, ist halt diese Professorensprache, die kein Mensch mit Leidenschaft liest und die jeden Dichter schmerzt”, nörgelte der Dichter, dem es nicht gefiel, wenn die Formulierungen eines anderen gelobt wurden und seine dagegen immer wieder korrigiert wurden.
“Ach spiel nicht den eitlen Dichter, es ist ganz klar und deutlich, passt zum Ton des Lexikon, bleibt völlig unverfänglich und legt doch das Feuer an die Zündschnur der Revolution, die uns zur Freiheit führt”, wies ihn, allerdings freundlich lächelnd, sein Freund der Gastgeber zurecht, der versuchte die Waage zu halten und Streit zu vermeiden.
“Deine revolutionären Gedanken wurden ja auch nur unter Pseudonym veröffentlicht, das unterscheidet uns eben, ich stehe zu dem, was ich denke und lebe es”, schoss der Dichter sehr scharf zurück.

“Du lebst im Exil in der relativen Freiheit und bist reich, du hast gut reden. Bin Bibliothekar bei einem Schwager unseres Königs in der Zwischenetage geworden, weil ich frei schreiben wollte und doch muss ich mit jedem Wort vorsichtig sein”, fiel nun ein anderer Dichter, der auch zu den Autoren der Enzyklopädie gehören sollte ein. Seine Theaterstücke waren bekannt, gerade sein Stück über die Glaubensfreiheit, dass er in die Zeit der Kreuzzüge verlegt hatte, wie sie die Menschen oberirdisch gerade erlebten, hatte viele aufgerüttelt. Dort ließ er einen alten eine Parabel erzählen lassen, die besagte, dass alle Religionen gleich seien, es nicht darauf ankäme, welche die Wahre wäre, sondern wie sie gelebt würde, sich also nicht am Dogma und der Lehre die Wahrheit offenbare, welcher Gott der rechte sei, sondern dies sich eben am guten Umgang im Alltag zeige. Unter den Menschen übernahm später der Dichter Lessing mit seinem Stück Nathan der Weise diese Rolle und kaum einer weiß, dass die Unterirdischen schon 500 Jahre früher über diese Weisheit debattierten und daraus bald schlossen, dass Glaube unfrei mache und darum zu überwinden sei.

“Solange ihr kuscht, haben die Intoleranz und der Aberglaube noch Macht, wenn ihr euch befreit, werden wir frei sein. Habe Mut soll der Wahlspruch der Aufklärung sein, damit bin ich einverstanden, dann zeigt mir doch, ob ihr Mut habt oder kuscht vor der Kirche und den Zensoren”, rief der andere Dichter wieder zum Aufstand, wo es ihn doch so nach Aufmerksamkeit sehnte, eitel wie er war.
“Mein lieber Freund und Kollege, wir sind beide Dichter und wissen, wie schnell die Gunst des Publikums schwankt, manches Stück von uns, dass wir für unser bestes hielte, ein Reinfall wurde. Der Erfolg eines Stückes geht nicht immer parallel zu seinem geistigen Anspruch, oft im Gegenteil. Wer Erfolg haben will, schreibt auch mal, was das Publikum gerade hören will. Wir haben uns entschieden unsere Enzyklopädie offiziell zu verlegen und keine geheime verbotene Schrift daraus zu machen. Darum haben wir einen Pfaffen mit den Glaubensfragen beauftragt und er ist unser Freund, auch wenn das keiner ahnt, er schreibt so langweilig und kompliziert, dabei fast mathematisch korrekt, dass kein Mensch je einen seiner Artikel zu Ende lesen wird…”, redete der andere Dichter auf seinen Kollegen ein, bis er unterbrochen wurde.
“Einspruch, ich muss sie alle lesen, ansonsten hast du Recht, es ist grauenvoll und ich kämpfe immer gegen den Schlaf”, unterbrach ihn der Redakteur, der auch ein begabter Dichter war nur nach seinen Erfahrungen in der Haft sehr vorsichtig geworden war.

Das Lachen war groß und die Spannung war verschwunden, hier zeigte sich der wache, rasend schnelle Geist des Redakteurs, der unter anderen Bedingungen ein großer Dichter und Philosoph wohl geworden wäre, doch kam er nicht aus so begüterten Verhältnissen und musste auch an das Überleben seiner Familie denken, die nur dank seiner reichen Freunde die Zeit in der Haft überstanden hatte.

“Unterstütze euch ja, weil ich die Idee mittrage, aber ich leide schrecklich daran, wieviel wir lügen müssen. Diesen Unsinn von Gott und seiner Gnade in einem Lexikon, das der Vernunft dient - alles Aberglaube und sollte auch so genannt werden”, gab sich der philosophische Dichter, der unter den Menschen viel später Voltaire hieß, versöhnlich nicht ohne noch mal seine Meinung laut kund zu tun, ein wenig zu provozieren.
“Würde ich dich diese Artikel schreiben lassen und schriebst du sie so, wie du es hier sagst, was zu befürchten ich guten Grund habe, können wir beide unser Todesurteil unterschreiben”, versuchte der Redakteur dem Dichter klar zu machen, wie gefährlich solche Worte einige Etagen höher noch waren.
“Leben wir noch im finsteren Mittelalter?”, empörte sich der Dichter so übertrieben, dass seine Freunde merkten, dass er nur noch scherzte.
“Ein genialer Kontrast mein lieber Freund, dazu haben wir unsere großen Dichter, es mit einem Wort auf den Punkt zu bringen. Die Aufklärung bringt Licht in die Finsternis - dazu können wir uns ganz offiziell auf das Evangelium des Johannes berufen und keiner kann uns angreifen für unsere Ideen, die unser Freund der Philosoph in seiner so wunderbar korrekten Art auf den Punkt brachte”, lobte der Gastgeber den Dichter ein wenig übertrieben, denn dieser hatte ja nur den Kontrapunkt gegeben, auf den er seine Philosophie kongenial setzte, aber seine Spezialität war es eben auch, Menschen zu verbinden, statt nur zu polarisieren, darum kamen sie alle zu ihm, sogar der Philosoph, der sehr ungern reiste, ein sehr geordnetes Leben als Beamter der königlichen Universität sonst führte.

“Wir sind uns doch alle einig über die Albernheit allen Aberglaubens, egal wie sich die Kirche nun nennt, ich wäre ihr schärfster Kritiker, wollte ich nicht etwas noch in diesem Turm in Bewegung setzen und das kann ich nur, wenn ich in der Gesellschaft wirke und sie nicht nur von außen mit Zündpulver beschicke, damit die Kirche wieder all meine Schrifte verbrennen kann und wir vor ein Gericht der Inquisition gestellt werden”, versuchte auch der Redakteur zu befrieden, doch lag schon wieder viel gefährliche persönliche Kritik am Dichter in diesen Worten, der ihm durch seinen Leichtsinn schon manche Hausdurchsuchung beschert hatte und wäre der Chef der Geheimpolizei nicht auch ein Freund dieser Runde, der immer wieder mal zu Gast kam, das Projekt wäre längst beerdigt und die Kirche hätte die aufkeimende Vernunft wieder einmal ausgebremst, wie es ihr, dank der Reformation, dem freien Geist der Renaissance zum Trotz noch gelungen war.

“Schön, wenn wir zumindest im wesentlichen einer Meinung sind”, gab sich endlich auch der Dichter versöhnlich, “auch wenn wir über den Weg dahin unterschiedlicher Meinung sind - ihr alle immer hier leben solltet, wie ich es tue - doch ich füge mich der Mehrheit und werde brav die mir zugewiesene ungefährlich langweilige Arbeit tun”,  gab sich der Dichter versöhnlich und konnte doch nicht ohne Spitze schließen.

“Die Kunst ist es in den Randgebieten für alle, die Mut haben sich ihres Verstandes zu bedienen, wie es mein lieber Freund so treffend sagte, das revolutionäre Wissen zu verstecken. Wir legen keine sichtbaren Bomben an den Staat, wir nehmen die Aufklärung als einen Akt der  Befreiung, den jeder für sich gehen muss - ich kann es nicht besser wissen als mein Nachbar, der noch gläubig ist, was weiß ich schon? Kann ich als Gläubiger noch Teil dieser illustren Runde sein oder bin ich es nur, weil meine Religion schon lange so diskriminiert wird wie euer Atheismus? Es gibt eine alte Geschichte vom weisen König Salomon, die dazu passt. Als er in den Tempel kam, wunderte sich der Rebbe und ging zum König und fragte ihn, was machste hier, ich denk du glaubst gar nicht an Gott? Nu, erwiderte der weise König da, weiß ich ob ich Recht hab?”, sprach zum ersten mal der Freund des Dichters, der Bibliothekar geworden war, der in seiner Gemeinschaft und überhaupt zu den ganz großen Aufklärern gehörte aber von vielen nicht wahrgenommen wurde, weil er einer gern unterdrückten Minderheit angehörte, auch wenn er einer der größten Köpfe ihrer Zunft war. Er wurde unter den Menschen als Moses Mendelsohn bekannt und war ein vergleichbar kritischer Geist unter den Unterirdischen. Alle lachten über seinen hintergründigen und klugen Humor und die Runde war wieder versöhnt. Sie würden nun noch eines der feinen großen Essen ihres Gastgebers genießen, mit viel gutem Wein und nebenbei noch über die nächsten Artikel diskutieren und ein wenig von ihren Geliebten schwärmen, bis auf den Gastgeber, der schon die wunderbarste aller Frauen zur Gattin hatte, die auch gelegentlich die Runde bereicherte.

Nur der große Philosoph mit der klugen logischen Definition wirkte noch etwas nachdenklich und selbstkritisch. Er hielt den Kopf in die Hand gestützt, hielt sich seinem gekrümmten Rücken entsprechend schief und wirkte etwas unglücklich.

“Was hast du mein Freund, ist dir nicht gut?”, bemerkte es der an den 500 Jahre später lebenden Baron d’Holbach erinnernde Gastgeber zuerst.
“Vielleicht war ich etwas zu vorschnell, hätte ich daran gedacht, dass unser lieber Freund hier ist”, bei diesen Worten nickte er seinem Philosophenkollegen zu, “hätte ich diese Definition nie an mich gezogen und lieber geschwiegen, ist er doch mit viel mehr Humor und wohl verständlicherer Sprache gesegnet”.
“Macht euch keine Sorgen, es gibt noch genug zu tun auf dem Weg zur Aufklärung und wir wollen noch manchen Band füllen, keiner nimmt wem etwas weg, alle kommen mit ihrer Sicht zu Wort und ich bin dankbar für jeden Beitrag und wenn du”, hierbei nickte der Redakteur dem anderen Philosophen zu, “über deinen Glauben schreibst und es so gut machst, wie dich unser Freund der Dichter in seinem Stück als weisen Alten in Parabeln sprechen ließ, wird dies Lexikon nicht nur eine Revolution sondern auch ein Kunstwerk”.

So panten die Freunde ihr Lexikon, dass eine Revolution werden sollte, ohne dass es einer von denen merken durfte, die es in frage stellte, um die Aufklärung als Weg zum Licht auch unterirdisch mit der Aufforderung zu beginnen, alle mögen den Mut haben, selbst zu denken und wenn sie nicht gestorben sind, planen sie immer noch den Umsturz von Innen, den das Lexikon im Geist der Unterirdischen wie 500 Jahre später auch der Menschen nur fünfzig Jahre danach schon auslöste, weil die Freiheit keine Grenze kennt.
jens tuengerthal 11.2.2017

Samstag, 11. Februar 2017

KMG 008

Zwergenordnung

Es war einmal eine Zwergenfamilie, die im Wald unter der großen Eiche, nahe der Schonung ihre Höhle gebaut hatte. Sie lebten dort noch nicht lange, vielleicht zweihundert oder dreihundert Jahre und erst in der dritten Generation, was ja für Zwergenfamilien, die sehr sesshaft sind, wenn sie sich irgendwo wohl fühlen, nichts ist.

In der geräumigen Höhle lebten Großeltern, Eltern und Kinder gemeinsam. Der älteste Sohn des alten Zwerg war in der Höhle geblieben, während seine Geschwister sich neue Höhlen suchten oder bauten, als sie heirateten, weil der alte Dachsbau, den der Urgroßvater ausgebaut hatte, nicht groß genug war, dass alle sechs Kinder mit ihren Partnern und Kindern dort leben konnten. Wenn sie etwas zusammengerückt wären, hätte es vielleicht noch irgendwie gepasst und zu den großen Festen, kamen sie ja auch alle wieder, doch dann schliefen immer die Zwergenkinder alle zusammen in der großen Vorratskammer, die dazu extra leer geräumt wurde. Das war nicht so schwer, weil viele Sachen ohnehin in der Küche waren für das Festmahl.

Die Eltern verteilten sich, wenn das Feuer im Kamin erlosch, auf die Kinderzimmer, die Bibliothek, die Werkstatt, die Vater Zwerg zu diesem Zweck immer besonders ordentlich fegte, aber das machte nichts, weil er immer gerne putzte und seine Werkstatt sortierte. Er liebte es, wenn jedes Werkzeug an seinem Platz hing, alle Schrauben fein sortiert waren und keiner mehr die Spuren seiner Arbeit sehen konnte und er lange Geschichten über die Bedeutung der Ordnung erzählen konnte. Im Bergwerk war er auch der Leiter der Werkstatt und hatte eine ganz neue Ordnung eingeführt, nachdem er die Stelle von seinem Vater geerbt hatte.

Ihr Schlafzimmer überließen sie an den Festen immer abwechselnd einem der Geschwisterpaare und nur die Großeltern schliefen wie immer in ihrer Höhle nahe dem Ausgang, damit sie es nicht so weit hatten, wenn sie in der Nacht mal mussten, was ja bei älteren Zwergen durchaus vorkommt. So lag Vater-Zwerg mit seiner Frau vor dem Kamin auf dem warmen Fell, sie schauten in die Flammen und lauschten in die Nacht - von unten aus der Vorratskammer, wo die Zwergenkinder lagen, kam manchmal noch Getuschel, aber ansonsten, war es nun ruhig geworden und sie waren für sich.

“Was war das wieder für ein prächtiges Fest”, sagte Heinrich, der Zwergenvater zu seiner Frau und legte ihr die Hand zärtlich auf ihren große Busen.
“Ja, sie haben tüchtig gegessen und wunderbar gesungen, es wollte gar nicht enden.”
“Ach ja, die alten Zwergenlieder, wie lieb ich sie doch und deine Küche meisterhaft, bin sehr stolz auf dich meine Liebe, wie du es wieder geschafft hast.”
“Gemeinsam haben wir es geschafft, du hast alles so fein dekoriert, die Tafeln perfekt gedeckt und alles war immer sauber und an seinen Platz.”
“Es ist wichtig, dass immer alles seinen Platz hat, damit du es sofort findest, wenn du es brauchst und der Ablauf nicht gestört wird.”
“Ach, wenn etwas gerade nicht da ist, kann ich dich ja fragen mein Schatz, du wirst schon wissen, wo es ist.”
“Habe die Küche wie die Werkstatt nach dem gleichen Prinzip sortiert wie im Bergwerk. Wenn du eine Ordnung hast die funktioniert, kannst du damit alles machen.”
“Deine Ordnung, genau, solange du alles weißt, funktioniert es doch wunderbar mein liebster Zwergenschatz”, bei diesen Worten dreht sich die Zwergenmutter Elfriede mit ihrem im Nachthemd wogenden Busen zu ihrem Heinrich und küsste ihn.

“Aber es ist doch die beste aller möglichen Ordnungen, wie lange habe ich daran gefeilt, nicht wahr mein Schatz?”, unterbrach Heinrich den stürmischen Kuss seiner Frau, er fragte sich gerade, ob sie es ernst meinte und seine Prinzipien auch ganz verstanden hatte oder es nur so sagte, um des lieben Friedens willen.
“Natürlich, ich kenne keine bessere, aber ich habe auch nie mit einem anderen Zwerg zusammengelebt als dir und so ist es meine Welt und ich bin glücklich darin - was braucht es mehr?”
“Habe gehört wie mein Bruder Friedrich sich heute mit Vater unterhielt und ihm seine neue Ordnung erklärte und so begeistert wie Vater war, vermute ich er hat wieder viel von Vater übernommen, um sich Liebkind zu machen.”
“Ach weißt du, soll er doch, sie sehen sich ja nur bei den Festen und sonst hat Vater ja deine Ordnung ganz akzeptiert.”
“So scheint es euch, er gibt sich immer so gelassen und weise, aber heimlich macht er glaube ich Witze mit Mutter und denkt immer noch seine Ordnung wäre viel besser gewesen. Neulich hat er zwei Schraubendreher und vier Muttern nach seiner Ordnung weggeräumt - zum Glück habe ich es noch schnell bemerkt. Nicht auszudenken, wenn das Überhand nimmt und hier jeder nach seiner Ordnung sortiert, da findet doch keiner mehr was und am Ende herrscht völliges Chaos.”
“Ach, er ist schon alt, war bestimmt keine böse Absicht, er wird es nur vergessen haben, lass uns schlafen mein Liebster und nimm mich in den Arm.”

Die beiden kuschelten sich wie Löffel in der Besteckschublade aneinander, wie sie es jede Nacht taten, einmal hatte sie als ihr Bauch mit den Zwillingen so schwer war, auf dem Rücken liegen wollen, was er auch verstanden hatte, er war ja ein sehr fürsorglicher Gatte, aber am nächsten Tag war er völlig unruhig und sie hätten sich beinahe gestritten. Zum Glück war sie dann auf die Idee gekommen, er könne doch die Bibliothek nach seiner Ordnung neu sortieren und das hatte ihn wieder völlig beruhigt und danach schliefen sie nur noch so, wie sie es gewohnt waren und es war gut so. Doch heute Nacht war Heinrich unruhig, die neue Ordnung seines Bruders, glich der des Vaters und war, soweit er es hören konnte, er wollte ja nicht lauschen, sehr effektiv. Friedrich behauptete sie hätte ihn im Bergwerk und in seiner Werkstatt schon so viele Stunden gespart, dass er jeden Abend vor dem Kamin sitzen könnte mit seiner Pfeife und lesen könnte.

“Bestimmt kümmert sich Friedrich nicht groß um seine Ordnung, er war da ja früher schon sehr locker.”
“Aber es war doch alles sehr ordentlich bei ihnen, als wir neulich da waren.”
“Meinst du seine Kinder hätten die Ordnung verstanden?”
“Es schien alles ganz einfach, ja, sie halfen einfach mit, da muss ich bei unseren schon manchmal mehr aufpassen, damit sie in der richtigen Ordnung bleiben.”
“Du meinst seine Ordnung ist einfacher?”
“Genau, sie ist einfacher und deine geniale Ordnung ist eben sehr komplex. Da brauchen die Kinder halt etwas länger.”
“Willst du damit sagen, seine sei effektiver?”
“Aber nein, du hast doch bestimmt die beste aller möglichen erdacht, nur für Kinder ist seine vielleicht einfacher.”
“Was einfach ist und funktioniert, ist gut. Wenn er wirklich zwei Pfeifen raucht und ein Buch am Abend lesen kann, hat er vielmehr Zeit als ich.”
“Er hat ja auch noch weniger Kinder als du und nicht so eine verantwortungsvolle Aufgabe in seinem Bergwerk.”
“Zwar ist seines etwas kleiner als meines, seine Werkstatt nicht so groß und reich ausgestattet, aber er muss doch die gleiche Arbeit verrichten und für Ordnung bei allem Werkzeug sorgen.”
“Vielleicht arbeiten sie bei ihm nicht so hart und er muss nicht so viele Werkzeuge reparieren wie du mein Schatz, lass es gut sein und lass uns schlafen, morgen wird ein langer Tag und wenn alle abgereist sind, müssen wir ja auch wieder aufräumen.”
“Ob ich auch mehr Zeit zum Lesen hätte, wenn ich seiner Ordnung folgte?”
“Aber du hast doch deine und alles ist gut. Wir werden doch jetzt mitten in der Nacht nichts ändern, sonst schläfst du wieder so unruhig.”
“Grüble nur, ob ich wirklich die bestmögliche Ordnung habe, wenn seine soviel effektiver ist und er mehr Zeit zum Lesen hat.”
“Ach mein Schatz, grüble nicht so viel, deine ist für dich am besten und seine für ihn und dann seit ihr beide mit eurer je Ordnung glücklich.”

Da richtete sich Heinrich der Zwerg auf, stemmte die Hände in die Seiten und war empört.

“Aber eine gute Ordnung ist doch keine reine Geschmacksfrage sondern immer etwas objektives. Wie gut eine Ordnung ist, bemisst sich am Grad ihrer Effektivität. Unsere Kinder müssen immer wieder erinnert und ermahnt werden, weil sie die Ordnung nicht verinnerlicht haben. Wenn seine besser ist, muss ich alles ändern.”
“Aber doch nicht jetzt, weit nach Mitternacht, lass uns Schlafen, Wir brauchen Ruhe und Erholung und wir können doch auch Morgen nochmal darüber reden, wenn du möchtest, ich finde alles ganz wunderbar so und bin glücklich mit dir”, redete Elfriede auf ihn ein, streichelte ihn zärtlich und hoffte, er beruhigte sich wieder.
“Wenn es um die Ordnung geht, ist jede Zeit recht und das ist etwas ganz grundlegendes. Eine Ordnung muss so effektiv wie vernünftig sein.”
“Eine Ordnung muss zu dem Zwerg passen, der sie entwirft, deine Ordnung passt zu dir, sie ist perfekt für uns, alle sind glücklich und gerne hier. Nun sind wir beide müde und sollten schlafen.”

Der Zwerg sprang auf und war empört. Wenn seine Ordnung nicht so effektiv war, wie die seines Bruders und dieser mehr Zeit hatte, seine Pfeifen zu rauchen und Bücher zu lesen und dennoch alles in Ordnung bei ihm war, dann machte er etwas falsch, musste das System überdenken und einen neuen Plan entwerfen. Alles hing an der richtigen Ordnung für das Leben einer Zwergenfamilie, wie sollte er seine Kinder noch erziehen, wie ein Vorbild sein, wenn sein kleiner Bruder die effektivere Ordnung hatte und sogar noch Zeit übrig hatte

“Sollte seine Ordnung wirklich objektiv besser sein, muss ich morgen das ganze Haus umstellen und auch für die Werkstatt im Bergwerk neu planen.”
“Du musst überhaupt nichts, wenn alle glücklich sind, ist doch gut. Nur schlafen musst du jetzt, damit du genug Kraft tankst für deine harte Woche.”
“Doch, muss ich, wenn sich ein System als überholt erweist, wie das meines Vaters, muss es geändert werden, damit die Abläufe effektiver werden und es wieder perfekt funktioniert und offensichtlich ist seine Ordnung besser als meine.”
“Du kannst ja morgen mal mit ihm reden oder mit Vater, dann kannst du weitersehen, ob es dich überzeugt oder du einen Fehler darin entdeckst, der deine Ordnung doch besser, effektiver und auf Dauer sicherer macht.

Es gefiel ihm nicht, aber scheinbar war nichts zu ändern - er konnte weder in seine Werkstatt, noch an den Schreibtisch, weil überall Geschwister schliefen und so ließ er es auf sich beruhen, kuschelte sich an seine Elfriede und schlief irgendwann ein, aber es wurde eine sehr unruhige Nacht und der Zwergin schwante schlimmstes nach dem Erwachen. Heinrich tigerte durch die Bibliothek und suchte Bände, die nicht dort standen, wo er es erwartete, was ihn noch nervöser machte.

“Was ist denn los mein Schatz? Du bist ja schon wieder ganz unruhig.”
“Die neue Ordnung, ich habe die ganze Nacht darüber nachgedacht.”
“Bist du auf etwas gekommen?”
“Nein, darum suche ich nun den passenden Band zu den Systemen aber er steht nicht da, wo er hingehört.”
“Du hast doch gerade die Bibliothek umsortiert”, erinnerte sie ihn und hoffte, er hätte es einfach vergessen.
“Natürlich, weiß ich doch, darum wundere ich mich ja.”
“Vermutlich haben die Kinder oder deine Brüder was nachgelesen und deine Ordnung noch nicht verstanden.”
“Aber die ist doch selbst erklärend - es hängen doch auch überall Schilder dazu.”
“Die du nächtelang gemalt hast, während dein Bruder lieber las und Pfeife schmauchte.”

Er war fleißiger, schon immer und sein System war genial, er hatte alles bedacht und wusste auf jede Frage eine Antwort. Wer es einmal verinnerlicht hatte, würde es nie vergessen und nie mehr in die Gefahr der Unordnung geraten. Sie schien ihm die vernünftigste und beste aller Ordnungen.

“Wenn die Ordnung gut wäre, würde sie jeder verstehen und nichts verschwinden.”
“Vielleicht hat es sich einer über Nacht ausgeliehen, um etwas nachzulesen. Es wird sich schon finden. Oder die Kinder haben damit irgendwas gemacht.”
“Hoffentlich hast du Recht, ich zweifle langsam an jeder Ordnung hier -  die Kinder verstehen es nicht von allein, ich bin nächtelang beschäftigt, es für jeden verständlich als beste aller Ordnungen zu erklären und dann verschwinden bei mir Bücher und ich weiß nicht wohin - es müsste dort ein Reiter für das Buch stehen, auf dem derjenige, der es entlieh, schrieb wofür und bis wann, damit jeder weiß, welches Buch sich gerade wo befindet.”
“Das spricht doch sehr für die Kinder, sie können doch noch nicht alle lesen.”
“Was brauchen sie dann einen dicken Band zur Ordnungsphilosophie und Logistik?”
“Nicht zum Lesen vermutlich, sie werden damit gespielt haben.”

Hoffentlich war es so, dachte er und der Band tauchte wieder auf - nicht auszudenken, wenn ein so wichtiges Buch während eines Familienfestes einfach verschwand. Nervös tigerte er noch ein wenig durch die Bibliothek, während seine Frau, die sich angezogen hatte, ihm den Rücken streichelte, um ihn zu beruhigen. Da plötzlich klopfte es an der Tür.

“Herein und guten Morgen”, rief Heinrich, denn Höflichkeit am Morgen ist erstes Gebot der fleißigen und ordentlichen Zwerge. Jeder Gast musste sich so wohl fühlen, dass er am liebsten noch bliebe.
“Guten Morgen mein Junge”, begrüßte ihn sein Vater, “wollte den Band zurückbringen, den ich gestern Nacht entlieh und dachte, ich mach es lieber sofort, bevor du noch unruhig wirst.”
“Du warst das”, platzte es ein wenig empört und zugleich auch erleichtert aus ihm heraus, weil nun alles wieder in Ordnung schien, “warum hast du keinen Reiter ausgefüllt, du kannst das Buch gerne so lange lesen, wie du möchtest, weiß nur immer gerne, wo die Dinge sind.”
“Weil ich keinen Stift bei mir hatte und die Kinder sich den Stift für irgendein Spiel geliehen hatten. Danke, ich brauche es nicht mehr, habe schon alles gelesen, was ich wissen wollte.”
“Du beschäftigst dich mit der Systematik der Ordnungen?”
“Denke manchmal noch gerne über die Welt und ihre Ordnung nach, auch wenn ich nichts mehr ordnen muss, weil ja hier nun deine Ordnung gilt.”

Der Vater spürte die Unruhe seines Sohnes und war ihm darum weit entgegen gekommen, damit keine unnötige Spannung entstand. Er hatte gesehen wie sein Sohn das Gespräch von Friedrich und ihm beobachtet hatte über dessen neue Ordnung.

“Hast du was spezielles gesucht?”
“Habe über Friedrichs Ordnung nachgedacht, die er mir begeistert geschildert hat, die angeblich so effektiv ist.”
“Ist sie es denn?”
“Wollte systematische Fehler prüfen, du weißt ja dein Bruder ist manchmal sehr leichtfertig.”
“Oh ja”, stimmte Heinrich ganz erleichtert zu, “kam mir auch schon komisch vor.”
“Ach, hast du uns zugehört?”
“Natürlich nicht”, versicherte Heinrich leicht errötend, “konnte nur einige Brocken nicht überhören, er erzählt ja schon lange davon - naja, typisch Friedrich, viel erzählen und dann bleibt am Ende nur heiße Luft.”
“Hab ich auch gedacht, darum wollte ich es überprüfen.”
“Und, alles wie immer?”, grinste Heinrich seinen Vater an, vermutlich hatte sein Bruder nur  aufgeschnitten, er hatte sich umsonst Sorgen gemacht.

“Hab noch keinen Fehler entdeckt. Er ging von meinem System aus, hat es überholt und auf eine neue Art angepasst. Er nennt es intuitive Ordnung nach der Natur.”
“Und was sagen unsere Philosophen dazu?”
“Nichts leider, es scheint neu zu sein. Wenn es wirklich funktioniert, wäre es eine Revolution.”
“War ich doch nicht umsonst so unruhig heute Nacht”, sagte sehr leise ein blasser werdender Heinrich.
“Ach mein Schatz, mach dich doch nicht darum verrückt - wenn es gut ist, wird es sich durchsetzen und sonst bleibt hier immer deine Ordnung die beste der Welt wie ich deine Frau bin”, streichelte ihm Elfriede beruhigend den Rücken.
“Aber intuitiv kann nicht vernünftig sein, dass wäre gegen jede Ordnung.”
“Dachte ich auch, aber noch habe ich keinen Fehler gefunden, außer dass es eben nicht sonderlich vernünftig klingt, nur effektiv und perfekt funktioniert, jeder es sofort begreift und er sich um immer weniger kümmern muss.”
“Ach ihr Zwergenmänner und eure geliebte Ordnung, als wäre sie das ganze Glück im Leben - lasst uns erstmal ein tüchtiges Frühstück zubereiten, damit sich die ganze Verwandtschaft gestärkt auf die Wanderung nach Hause machen kann, dann schaffen wir hier wieder deine Ordnung und alles ist gut - mach doch bitte die Eier Heinrich, da bist du perfekt, niemand macht so gute Eier wie du.”
“Du siehst Vater, vorbei die schöne Zeit des philosophierens, die Arbeit ruft und heute müssen auch die Männer an den Herd”, lachte Heinrich seinen Vater an, der ihm auf die Schulter klopfte und im Weggehen seiner Schwiegertochter zu zwinkerte - sehr gut, wie sie ihren Mann einband und ablenkte, nicht auszudenken, wenn er keine Ordnung gefunden hätte.

Am Abend, als die Kinder wieder in ihrem Betten waren und die ganze Zwergenhöhle perfekt aufgeräumt war, saßen Heinrich und Elfriede noch mit den Eltern vorm Kamin in der Bibliothek. Sie tranken einen feinen Beerenwein, rauchten ihre Pfeifen und freuten sich, was für ein schönes und harmonisches Familienfest es wieder gewesen war.

“Wunderbar Heinrich, du bist ein großartiger Gastgeber mein Sohn, alle haben sich so wohl gefühlt und schon im Frühling zur Tag und Nachtgleiche wollen wir uns wieder sehen”, begann der Vater, der die Unruhe des Sohnes spürte, so versöhnlich wie möglich.
“Aber ohne seine Elfriede, wäre das alles nicht so köstlich, du übertriffst alles, was ich je in der Welt der Zwergenküche kosten durfte”, schloss sich die Schwiegermutter dankbar an und streichelte ihr die roten Wangen.
“Es ist deine wunderbare Höhle, die der ganzen Familie Platz bietet und in der sich alle so wohl fühlen, als seien sie hier zuhause”, lobte nun Elfriede ihren Schwiegervater voller Dankbarkeit einerseits und ein wenig besorgt doch um Heinrichs Stimmung.
“Ohne euch wäre all dies unmöglich und das wisst ihr, ich bin euch unendlich dankbar - gerade jetzt, wo wir zur guten Ordnung zurückkehrten”, dankte Heinrich der noch versammelten Familie, wie es die Form gebietet, doch der halbe Nachsatz zeigte an, was wirklich in ihm kochte.
“Nach so einem großen Fest ist doch immer eine Menge zu tun”, merkte die Mutter an und sah mitleidig auf ihre etwas erschöpfte Schwiegertochter.
“Aber das machen wir doch so gerne und genießen es - bald helfen auch die Kinder noch mehr”, antwortete die immer fröhliche Elfriede, die bei solchen Festen richtig aufblühte.

“Heinrich, was ist mir dir? Deine Eltern haben keinen Beerenwein mehr, schenk doch bitte nach”, weckte seine Gattin den grübelnden Zwerg aus seinen Gedanken.
“Entschuldigt meine Lieben, wie nachlässig von mir”, er sprang auf und versorgte alle Anwesenden, einschließlich seiner Frau und sich selbst mit reichlich des guten Beerenweins. Elfriede bekam noch einen galanten Kuss und die Welt schien in bester Ordnung, so lange Heinrich nicht zum Nachdenken kam und den Geboten der Gastfreundschaft und Höflichkeit unter Zwergen genügte. Kaum eines der Völker, die unter der Erde lebten, war so höflich wie die Zwerge, wenn auch ihr pedantischer Ordnungssinn manchmal Außenstehende erstaunte und verwirrte. Doch in der Gastfreundschaft glich ihnen keiner im großen Wald. In Elfriedes Küche hing ein altes Leinentuch, in das die Inschrift gestickt war, 5 sind geladen 10 sind gekommen, gieß Wasser zur Suppe. heiß alle willkommen und danach lebte sie als die Frau dieser Höhle.

“Was grübelst du mein bester Sohn, es ist doch alles in Ordnung, sogar dein unordentlicher Vater hat alle Bücher wieder zurück gebracht.”
“Ach darum doch nicht, meine Bibliothek ist deine Bibliothek. Es war ein wunderschönes Fest, ich danke euch sehr.”
“Mit dir war es so schön und weil du so ein liebevoller Gastgeber bist”, unterstützte Elfriede den Vater und wollte schnell wieder von dem problematischen Thema ablenken.
“Nur durch die wunderbare Frau an meiner Seite, kann ich das sein mein Schatz”, strahlte Heinrich seine Frau an und küsste ihre kleinen dicken Hände.
“Was haben wir für ein Glück miteinander”, nahm Elfriede den Faden gerne auf.
“Dann ist doch alles in bester Ordnung”, unterstützte sie die Schwiegermutter, die sich auch Sorgen um ihren Sohn machte.

“In Ordnung ist alles wieder hier, ja, es glänzt und jedes Ding ist an seinem Platz. Alles nach Plan und vernünftig und das ist auch gut so”, begann Heinrich versöhnlich und doch hörte, wer ihn kannte auch seinen Trotz heraus.
“Ja, wie immer, nach deiner besten Ordnung, mach dir keine Gedanken um deinen Bruder, ich verstehe auch nicht, wie er das macht, auch wenn es gut klang”, traf der Vater genau den Punkt der Heinrich umtrieb.
“Ach was interessiert uns Friedrich, der war ja schon immer sehr eigen, sein wir froh, dass er es trotzdem zu was gebracht hat”, wollte die Mutter abwimmeln und Elfriede schaute sie dankbar an.
“Er hat mehr Zeit als ich, seine Kinder verstehen sein System und auch im Bergwerk funktioniert es fließend, dabei kann er nicht mal vernünftig erklären wieso”, ließ sich Heinrich nicht von dem Gedanken abbringen, der ihn umtrieb.
“Er verlässt sich auf die Intuition, als wäre es unsere Natur, er hat es schon durchdacht, nur hat er keinen Plan für jede Situation”, entgegnet vorsichtig der Zwergenvater.
“Es ist nicht vernünftig und gefährlich, so planlos vorzugehen. Im nu ist alles in Unordnung und dann?”, erregte sich Heinrich immer mehr.
“Wird er seinen Bruder mit der besten Ordnung der Welt um Hilfe bitten und alles ist wieder so, wie es sein soll”, versuchte Elfriede ganz liebevoll die Situation zu retten.
“Natürlich helfe ich ihm dann gerne”, nahm Heinrich die Einladung seiner Frau an, “ aber ich verstehe nicht, warum es überhaupt funktioniert und er so etwas unvernünftiges riskiert.”
“Nicht alles, was funktioniert ist auch vernünftig mein Sohn”, ergänzte besorgt die Mutter.
“Ach und was soll nicht nach der Natur vernünftig sein?”, fragte empört Heinrich, der sich nicht einfach ablenken lassen wollte.
“Na schau dir die Liebe zu deiner Frau an, ist die vernünftig?”, fragte lächelnd die Mutter.
“Ja, sehr vernünftig, sie ist meine Frau, wunderschön und kugelrund, die beste Köchin im ganzen Wald und die Mutter unserer Kinder - es ist sehr vernünftig, dass ich sie geheiratet habe und bei ihr bleibe.”
“Natürlich ist das vernünftig. Aber die Liebe bleibt trotzdem nur ein Gefühl, die wird nicht vernünftig, auch wenn die Umstände die allerbesten sind”, widersprach ihm die Mutter.

“Verstehe, was er meint, ihn stört es, sich auf die Intuition zu verlassen. Sie kann nicht geplant werden und scheint darum voller Risiken”, lenkte der Vater wieder zurück aufs Thema, was den Damen gar nicht gefiel, die ihn streng ansahen.
“Genau, es geht um das unkalkulierbare Risiko. Eine Ordnung ohne vernünftigen Plan für jede denkbare Situation ist gefährlich, kann funktionieren aber genauso gut auch schief gehen - zum Glück geht es uns dank einer wohl durchdachten Ordnung so gut und wir können dem Chaoten Friedrich dann helfen, wenn er mal wieder in Not ist. Kein Zwerg kann auf Dauer jeden Abend drei Pfeifen vor dem Kamin rauchen, ein Buch lesen und dennoch alles in Ordnung halten.”
“Im Augenblick schafft er es und wenn sich seine Idee durchsetzt, könnte sie manch gutes bewegen”, widersprach der Vater vorsichtig, “warum sollten wir nicht weniger arbeiten dürfen, wenn der Plan so gut ist, es zu ermöglichen?”
“Weil alles in der Natur seine vernünftige Ordnung hat und einen klaren Plan braucht”, widersprach ihm der Sohn.

Da stand Elfriede auf, die das Gefühl hatte, sie müsste jetzt dringend etwas tun, um die gute Stimmung zu retten, ging zu ihrem Mann, umarmte ihn und küsste ihn auf den Mund, damit er sich nicht wieder in seine Unruhe hineinsteigerte und sie zumindest diesmal eine gute Nacht hätten.

“Also ich liebe dich völlig unvernünftig und freue mich bald mit dir wieder in unserem weichen Bett zu kuscheln”, sagte sie, während sie ihn zärtlich streichelte.
“Darauf freue ich mich auch und finde das sehr vernünftig, es ist ja auch ganz natürlich bei so einer wunderschönen kugelrunden Zwergenfrau”, lachte Friedrich sie an.
“Dann wollen wir auch nicht länger stören und lassen euch zwei mal die Nacht genießen”, unterstützte die Mutter ihre Schwiegertochter in der Hoffnung so das anstrengende Thema hinter sich zu lassen, bei dem so viel Unfrieden drohte. Friedrich war schon immer etwas chaotisch gewesen, hatte mal geniale Ideen, wie ein Künstler aber schaffte ungern fleißig nach Plan, wie es in der Natur der Zwerge doch sonst lag. Manchmal hatte sie sich schon gefragt, ob der so ganz echt wäre. Fast benahm er sich wie ein Troll dann und wann, freute sich am Chaos, dass er stiftete.

“Wenn ich nur das noch zum Abschluss sagen darf”, fing der Vater schon wieder an und ignorierte die Blicke der Frauen, die ihn anblitzten, “Friedrich war früher chaotisch, aber er hat sich geändert, sein Plan zielt auf beste Zwergenordnung. Er nutzt nur die intuitive Kraft der Natur, statt eine Ordnung gegen sie aufzustellen.”
“Jede Ordnung muss gegen die Natur erkämpft werden”, wiederholte Heinrich das alte Zwergengesetz.
“Ja, so haben wir es gelernt zu allen Zeiten. Aber glaubst du nicht auch, dass die Natur eine Ordnung hat?”
“In sich vielleicht aber schau dir die Unordnung im Wald an, wenn es hier so aussähe, wäre ich aber ein schlechter Zwerg.”
“Aber auch bei Heinrich war doch alles sehr ordentlich letztes mal und er hat alles sehr ordentlich hier hinterlassen”, versuchte Elfriede zu beruhigen und erreichte genau das Gegenteil damit.
“Ob das nicht eher seine Frau war, lassen wir mal offen. Aber wenn es sein System ist, verstehe ich es noch weniger, wie kann einer ohne Plan Ordnung halten?”, fragte Heinrich und schaute ratlos in die Runde.

“Er hat doch einen Plan, nur leider ist dieser eben ganz anders als deiner, er ist einfach genial, er nutzt die Ordnung in der Natur und die in uns, um es sich selbst zur Ordnung finden zu lassen”, begann der Vater, der dem etwas chaotischen Friedrich nicht ganz traute, ihn aber auch bewunderte und das System scheinbar verstanden hatte.
“Das ist doch kein Plan sondern das Gegenteil davon, er nimmt das Chaos und nennt es Ordnung und fertig ist der Spuk. Kann nur solange gut gehen, wie nichts Unvorhergesehenes eintritt”, erregte sich Heinrich immer mehr und fuhr sich fahrig durch den Bart.
“Nach alter Zwergenlehre ist das kein Plan, da hast du schon Recht mein Sohn. Aber es funktioniert und nutzt die Kräfte in der Natur, statt gegen sie zu kämpfen, mir scheint das nicht unvernünftig. Vielleicht müssen wir neu über Pläne nachdenken”, konterte der Vater und provozierte seinen Sohn, der all seine Pläne über den Haufen geworfen hatte, als er sein Erbe antrat, wenn er sie auch durch neue, sehr durchdachte und der Zwergenordnung entsprechende ersetzte und so war das eben mit der jüngeren Generation und hatte er einst genauso gemacht.

“Kann ein Plan vernünftig sein, der nicht durchdacht ist und nur nutzt, was da ist, statt eine Ordnung zu schaffen, die über den Dingen liegt, wie es uns Zwergen nach alter Sitte entspricht?”, fragte Heinrich schon sehr altväterlich in die Runde.
“Der Plan ist sehr wohl durchdacht. Sicher entspricht es seiner Faulheit, dem Plan die Natur zugrunde zu legen, um möglichst wenig tun zu müssen. Aber es scheint zu funktionieren, es ist sehr effektiv, sein Bergwerk ist sehr zufrieden, er soll befördert werden und der Direktor will ihn mit zum großen Zwergentag nehmen, damit der neue Plan der Öffentlichkeit vorgestellt wird”, widersprach der Vater dem Sohn gerade mit Freude lächelnd.
“Dann kriegt er wohl noch den großen Verdienstorden dafür, dass er mal wieder Chaos stiftet und sein großer Bruder ihn retten darf.”
“Dafür vermutlich nicht. Aber sollte sich seine Idee von Ordnung als tragfähig erweisen, könnt sie unsere Gesellschaft ändern”, provozierte der Vater noch ein wenig.
“Du meinst wir freuen uns künftig am Chaos, werden faul statt immer fleißig und ordentlich, wie es  Zwergenehre seit Generationen gebietet und sind noch stolz darauf?”, empörte sich der Sohn erwartungsgemäß.
“Nein, dein Bruder lebt in guter Ordnung, er nutzt nur Kräfte der Natur, gegen die wir früher kämpften - ist das wirklich unvernünftig?”, reizte er seinen Sohn weiter und wollte ihn zugleich auch nachdenklich machen.

“Wie auch immer, er lebt nach seiner Ordnung, wir nach unserer, die sich mein Mann so genial erdacht hat und alle sind glücklich und feiern schöne Feste, ist doch alles in bester Ordnung in der schönsten aller Welten. Schatz, wollen wir nicht endlich ins Bett gehen? Sonst schlafe ich noch auf deinem Schoss ein”, wollte Elfriede die Diskussion mit ihrer Liebe und ihrer körperlichen Präsenz ganz vernünftig beenden.
“Gerne mein Schatz, aber eins noch, wenn es um die Ordnung im Zwergenreich geht, ist damit nicht zu spaßen und nur weil mein genialer kleiner Bruder mal wieder eine seiner Ideen hat, werden wir nicht unsere gute und vernünftige Ordnung über den Haufen werfen”, wollte Heinrich einen Schlusspunkt setzen.
“Jede neue bessere Ordnung beseitigt die alte Ordnung, als du die Höhle und die Herrschaft übernahmst, hast du meine Ordnung über den Haufen geworfen und deinen Plan dagegen gesetzt. Er ist sehr gut, funktioniert und es geht uns allen gut damit. Auch ich habe mich ohne Widerworte gefügt, wie es Zwergensitte ist, wenn nun dein Bruder eine neue bessere Ordnung hat, wird sie das alt Denken erledigen.”
“Du glaubst doch nicht, dass ich mich je ins Chaos stürze, um drei Pfeifen am Abend zu rauchen und in Ruhe zu lesen?”
“Bestimmt nicht, fleißig wie du schon immer warst, wirst du neue Reichtümer in der gewonnenen Zeit anhäufen, deine Schatzkammer füllen und noch größere Feste feiern und deine ganze Familie wird dich dafür lieben”, gab sich der Vater versöhnlich.
“Das ist doch ein schönes Schlusswort, was auch passiert, mein Sohn wird immer der fleißigste Zwerg sein, großzügige Feste feiern und so wollen wir nach diesem Fest friedlich zur Ruhe gehen”, sprach die Mutter sehr entschieden, wenn auch liebevoll das Schlusswort und die Beteiligten fügten sich, was Heinrich umso leichter fiel, da Elfriede bereits mit ihrer Hand zwischen seine Beine gewandert war, um ihn abzulenken.
“Gute Nacht liebe Eltern, lass uns weiter darüber reden Vater, damit wir einen guten Plan haben, wie es auch kommt.”
“Das werden wir mein Sohn und ich vertraue auf deinen Fleiß.”

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann planen sie noch heute.
jens tuengerthal 10.2.2017