Sonntag, 26. März 2017

Geldfrage

Macht Geld uns glücklich
Ist mächtiger wer keins will
Weil niemals käuflich
jens tuengerthal 25.3.2017

Samstag, 25. März 2017

Haltungsfrage

Ob Dinge nur sind
Oder wie wir sie sehen
Fragt nach der Haltung
jens tuengerthal 25.3.2017

Berlinleben 030

Um Pergamonien

Superlative zu Anfang erschlagen jeden Leser, was dem einfühlsamen Autor, der dessen Aufmerksamkeit gewinnen möchte, fern liegen sollte. Also erzähle ich nun nicht gleich, welche dies Museum aufzuweisen hat, was ich heute beschreiben werde, sondern erst später. Das Schloss ist noch im Bau, was auch eine Geschichte wert wäre, aber nicht jetzt und der Dom ist mir keiner weiteren Worte wert als den bereits verkündeten Unwillen über diesen geschmacklosen Gigantismus des zweiten Wilhelm. Passt nicht, am besten abreißen oder sprengen und wenn Al Quaida irgend Sympathien bei mir in ihrem albernen Kampf um einen überholten Aberglauben mit mittelalterlich, frauenfeindlichen Sitten gewinnen wollte, wäre es, wenn sie dieses gruselige Machwerk sprengten oder einen Flieger hinein steuerten, um ein dunkles Kapitel der Geschichte hinter sich zu lassen, wie wir es auch beim Palast der Republik taten, trotz hoch emotionaler Geschichten vieler Ossis. Dazu verweise ich gerne auf Franz Hessel und Harry Kessler, die sich beide deutlich dazu äußerten und für guten Stil stehen, was bei mir schon fragwürdiger sein könnte, warum ich es nicht zur Diskussion stelle.

Das Pergamonmuseum aber, um das es nun geht, steht zwischen Bode Museum und Neuen Museum hatte damit bereit zwei bildhübsche Nachbarinnen bevor es entstand und so jemand hat es einerseits immer schwerer, befindet sich andererseits stets in guter Gesellschaft. Der erste Versuch dies Museum zu bauen war schief gegangen und nach Rissen in der Bodenplatte wieder abgerissen worden und der auch etwas zu gigantische Eingang, der teilweise scheint, als wäre er nicht drei Jahre vor der NS-Zeit gebaut sondern auch auf Speers einfältigen Mist gewachsen, zeugt von weniger Stil und Eleganz als die übrigen Bauten, wirkt aber gewaltig und zieht die Massen an, was ich immer schon eher fragwürdig fand.

Natürlich ist der Pergamonaltar dort ganz wunderbar, die Vielzahl der griechischen Sagen, die wir in den Resten lesen können, die ausgegraben und nach Berlin schifften wurden, wie es damals mit dem noch osmanischen Reich verabredete worden war und das Ischtar-Tor ist von bezaubernder Schönheit, zeigt uns ein wenig der Welt von Babylon mitten in Berlin. Die Hauptstadt wollte mit der Planung ab Anfang des 20. Jahrhunderts und der schließlich Fertigstellung 1930 wieder etwas darstellen in der Welt. Überhaupt ist das wohl auch der Grund des zu groß geratenen Eingangs in ein graues eher mäßig schönes Gebäude, bei dem der Besucher noch nach Kontrollen durch seltsame Seiteneingänge und Flure geführt wird, bevor er vor der namensgebenden Schönheit steht. Das Pergamon, das erst später so genannt wurde, sollte wie das ganze Ensemble in Konkurrenz zum British Museum stehen, was es auch fraglos überholt, wenn der Masterplan für die Museumsinsel endlich ohne peinliche Knausrigkeit realisiert wird. Ein imperiales Museum ohne Empire mit einem für Reichsparteitage tauglichen Aufgang über die Spree, muss schon viel bieten, um nicht nur peinlich zu wirken.

Komme diesmal also mit einigen Zweifeln ins Museum, auch wenn ich weiß, dass es angeblich das beliebteste ist, was auch die höchsten Besucherzahlen aufwiese, weil der Weg hin nicht wirklich so schön ist wie bei Bode, meinem Liebling, dem neuen Museum, der Alten Nationalgalerie oder auch Schinkels Altem Museum - es steht halt dazwischen, ist irgendwie etwas unförmig, es sei denn wir wollen anerkennen, dass es vielleicht babylonische Formen aufnimmt, was aber etwas weit gegriffen scheint.

Der schlechte Eindruck verstärkt sich beim piefigen Eingang, durch den die Besuchermassen geschleust werden noch mehr, spreche ich auch über das Raumklima, was häufig eher an subtropische Regionen oder die Fundorte der dort Schätze erinnert, scheint es genug Gründe zu geben, diesen Besuch kurz zu halten und nach Erledigung des Pflichtprogramms wieder zu verlassen.

Pflichtprogramm ist auch so ein Wort zum Zehennägel aufrollen. Wie der Bücherkanon, alles was “man” wissen muss und ähnlich hilflose Versuchen den Bildungskonsens einer untergegangenen Gesellschaft, des Bürgerlichen in Deutschland, noch als Pflichtprogramm zu rechtfertigen. Habe solche Bücher zur Bildung anfangs als bildungsbegeisterter Bürger verschlungen, der wissen wollte, was Konsens ist, was zum guten Allgemeinwissen gehört, aber nur einen Wert hat, wenn dieser besteht und wir es in einen solchen einordnen können. Ohne ist solches Wissen überflüssiger Ballast. Lese nur noch, was mich interessiert und fasziniert, statt massenhaft Bücher zu stapeln, die ich gelesen haben muss oder sollte und habe nie auch das Lesen der Klassiker mehr genossen als jetzt, wo ich sie nur mit Lust zur Hand nehme. Wenn das Pergamon also eine Pflicht wäre, würde ich sie ignorieren - als ich zum ersten mal noch frisch in Berlin dorthin ging, dachte ich noch anders und so kam es mir auch vor - ging hinein voller Ehrfurcht, weil alle Welt den Namen Pergamonmuseum raunte und fand schon den Eingang piefig und schlimmer noch von der Luft in den Räumen, die mit vielen schwitzenden Besuchern aus der ganzen Welt die typische Raubtierhaus Atmosphäre von Muff schuf.

Dann vor dem nur als Modell nachgebauten riesigen Pergamonaltar kommt das Aaah und Oooh, die Begeisterung und das Staunen von alleine - aber was wir dort erstmal sehen und was uns schön und beeindruckend erscheint, ist nur der Nachbau und das Modell - die  eigentlichen Teile sind eher zerbröckelt am Rand dekoriert. Zwar bestimmt von beeindruckender archäologischer Bedeutung, erzählen jedem, der sich in die Geschichte vertieft oder schon vorher ganz viel über die griechischen Sagen und die Geschichte der Giganten und ihren Kampf mit den Göttern weiß, sehr viel, sonst aber eher Pflichtprogramm nur. Wer das nicht weiß, sieht Bruchstücke aus Marmor, vor denen Massen fotografierend flanieren, auf denen sichtbar wird, dass die Menschen zwischen 170 und 160 vor Christus schon einiges konnten und größere Kunst produzierten als im primitiven symbolischen Mittelalter und genau auf den Menschen schauten. Sie kannten den menschlichen Körper und wussten, ihn darzustellen. Lebendig, voller Lust oder Erregung, echt und nicht wie später in christlicher und orthodoxer Kunst zu lange nur auf dem ollen Aberglauben fern von der Natur konzentriert.

Das ist eindrucksvoll und ein Bad in der Geschichte, was Freude macht, auch wenn die üblichen Schulklassen, die ewig auf den Treppen herumlungern oder die asiatischen und schwäbischen Touristen mit ihren langen Stöcken für das, was früher Selbstportrait hieß und heute Selfie geschimpft wird, den Eindruck ein wenig trüben. Dies ist kein ruhiges museales Ereignis, es ist ein Massenauflauf - da will eben jeder mal gewesen sein, auch wenn der größere Teil nach meinem Gefühl nur die nachgebaute Requisite bestaunt und für die in Splittern vorhandenen Originale wenig übrig hat, geschweige denn bemerkt, um was es dabei geht.

Es gab zur Zeit des großen Direktors Bode, der noch einen Teil des heutigen Pergamonmuseums für seine Bestände nutzte und das Deutsche Museum auch dort einrichtete, die Diskussion um Gipsabgüsse und darum wurde in Berlin wie immer bei Museen sehr heftig gestritten. So mischte sich auch etwa der Millionär, Merkel-Fan und Quassel-Meister Jauch aus Potsdam in die Diskussion um den Neubau des Eingangs nach dem Masterplan für die ganze Insel ein und manche fühlten sich angesichts der Unterschriftenaktionen für eine Volksabstimmung gegen den ersten Entwurf schon ans 19. Jahrhundert erinnert, wo über die Frage, ob mehr Abgüsse günstig nicht besser war als wenig Originale sehr teuer, inbrünstig gestritten wurde, sich ganze Familien überwarfen zur Frage. Ähnlich emotional wurde nur der Ballast der Republik, der sich Palast nannte, und sein Abriß debattiert.

Hätte ich dazu heute ein Urteil zu sprechen, wäre ich immer für mehr Gips und eine bildhafte Erzählung der Geschichte im Kontext, die mehr vermittelt als einzelne Artefakte, die aus ihrem kulturellen Zusammenhang gerissen wurden. Wir regen uns über den IS auf, der in Syrien und dem Irak Weltkulturstätten sinnlos zerstört und unsere Archäologen haben sie in imperialer Überzeugung in der Welt eingekauft und abgebaut, um sie ins Reich zu bringen, wo sie nie zuhause waren. Ob das Original oder ein Abguss in Berlin hängt, wird kaum ein Besucher ernsthaft unterscheiden können. Dass es in Syrien gerade besser wäre, wenn die Dinge in europäischen Museen stünden, ist jetzt zufällig so, ändert aber nichts am Grundsatz. Während des Zweiten Weltkrieges hätten sie sicherer dort gestanden und am Zufall der Geschichte können wir nicht aufhängen, wo Dinge hingehören und wie ich Geschichte erzähle.

Der Schatz des Priamos, den der Hobbyarchäologe Schliemann fand, weil er die Ilias für wahr nahm, ist heute russische Kriegsbeute und trotz anderslautender Gesetze und Abkommen verweigert das ja auch sonst sehr revolutionäre und ungehorsame russische Parlament die Herausgabe dieser sowjetischen Kriegsbeute. Steht ihnen nicht zu, wurde illegal in Berlin beschlagnahmt, verstößt gegen Völkerrecht. Interessiert aber auch keinen, der den Schatz faktisch hat und nicht hergeben will.

Irgendein türkischer Minister hat mal verlauten lassen, der Pergamon Altar gehöre der Türkei als Rechtsnachfolgerin des osmanischen Reiches, weil Pergamon heute in diesem Staat liegt. Es gab kein offizielles Ersuchen oder eine Beschwerde, darum wurde diese einmalige Äußerung geflissentlich ignoriert. Es heißt dazu dann immer, es bestünde Einigkeit unter den großen europäischen Museen, dass solchen Forderungen in der Regeln nicht nachzugeben sei. Kein besonders sachliches oder juristisch wasserdichtes Argument in meinen Augen. Fraglich wäre für mich eher inwieweit die Türkei den Vertrag, den das Kaiserreich mit dem osmanischen Reich über die Funde schloss, anfechten kann. Solange dafür kein Grund ersichtlich ist, wird der Erwerb auch dann nicht rechtsgrundlos, wenn die Türkei nun hinterher ein Gesetz erließe, dass jede Ausführung alter Kulturgüter verböte, was es ja längst gibt.

Sofern sich die Türkei, was sie ja gerade immer wieder gerne tut, auf den moralischen Standpunkt stellte, dies sei ihr gutes Recht, fände ich die Frage angemessen, woraus ein solches resultieren solle, vor allem warum die Türkei als inzwischen immer islamischer geprägter Staat die kulturelle Nachfolge der griechischen Hochkultur angetreten haben sollte und darum mehr Recht an der musealen Erhaltung dieser Kulturschätze hätte als das humanistische Europa, denn die islamische Kultur hat sich ja deutlichst von der griechischen abgegrenzt, die Griechen vertrieben.. Aber, das ist alles graue Theorie, noch steht der namensgebende Altar und vieles anderes unbestritten in diesem großartigen Museum.

Großartig?

Doch, ist es, der Massen, dem Raumklima, der fragwürdigen Architektur und aller Umstände zum Trotz. Was sich dort an Geschichte der Menschheit mal eben erlaufen werden kann, ist so beeindruckend, dass es den Besuch auch unter diesen zugegeben widrigen Umständen lohnt. Gerade ist dies alles übrigens nur graue Theorie, denn bis voraussichtlich 2023 ist der Teil des Museums mit dem Pergamonaltar wegen Renovierung geschlossen und wie es danach sein wird, werden wir sehen, um dann weiter kritisch über die dann endlich verbundene Kulturinsel mit Humboldtforum zu berichten.

Bevor ich nun noch mehr Details über den hässlichen Bau und die ansonsten sehr spannenden Sammlungen erzähle, sei noch kurz der Gedanke der Abgüsse weiterverfolgt. Wie wäre es, wenn wir statt zu teurer Originale, die von mir aus sich auch Privatleute in ihren Safe legen könnten, möglichst perfekte Reproduktionen mehr ausstellten und für das ersparte Geld oder die Erlöse aus der Veräußerung einen umfassenden Gang durch die Weltgeschichte inszenierte, statt uns noch weiter mit Unikaten und Originalen einst kolonialer Herrschaft irgendwo zu schmücken?

Museen als Orte der Begegnung und der Erzählung von Geschichten, bei denen es mehr auf die Kunst der Vermittlung ankommt als auf die zu teuer versicherten Originale. Sollen sich die Türken die Bruchteile aufhängen und sie teuer versichern, mag sich dieser oder jener Milliardär das eine oder andere wunderbare Kunstwerk bei sich aufhängen - eine perfekte Fälschung, könnte nicht durch Laien vom Original unterschieden werden und dafür könnten wir die großen Klassiker in allen Museen der Welt zeigen und die Menschen dafür begeistern. Die Chinesen haben ein sehr lockeres Verhältnis zu Kopie und Original, was sich etwa bei den Tonsoldaten zeigte, die massenhaft kopiert und als Originale um die Welt geschickt wurden und auch Profis bemerkten den Unterschied selten sofort.

Natürlich fragt sich im Zeitalter der Fake-News was ist noch wahr und original, was in der Kultur eine Fälschung. Es wird für die Kunstgeschichte weiter wichtig sein, mit Originalen auch arbeiten zu können, um sie zu untersuchen und verstehen zu können. Doch brauchen Museen keine Originale sondern einen repräsentativen Querschnitt, der Geschichte und Kunst erklärt und anschaulich macht. Wer offen mit der Reproduktion umgeht, kann sie vielfältig nutzen und besser und anschaulicher mit ihr arbeiten, als es die notwendig vorsichtige Arbeit am Original erlaubt, wäre flexibler und freier.

Die Idee wieder Bilder und Figuren bei Bode und in einer ergänzend benachbarten Gemäldegalerie gemeinsam zu zeigen, auf der Insel im Schwerpunkt von Gotik bis Renaissance, im Neubau den Rest, ist klug und sinnvoll, macht die Kunst anschaulich und erlebbar. Doch ob die Figuren dort im Original stehen oder die Bilder auch nur ein nicht zu  unterscheidendes Replikat sind, wäre mir völlig gleichgültig. Wenn ich mich dafür plötzlich an allen Vermeer freuen könnte im Bad aus Licht, wäre mir gleichgültig, ob diese Bilder 3 Wochen oder 300 Jahre alt sind.

So gelange ich über den Pergamonaltar zur Grundfrage des Zwecks eines Museums in der heutigen Zeit. Ist es sinnvoll empfindliche Originale auf die Reise zu schicken, um sich in Besuchergruppen minutenweise davor zu drängen, streng beaufsichtigt, wie etwa bei Leonardos Dame mit dem Hermelin, die im Rahmen der Köpfe der Renaissance im Bode zu Gast war?

Ja, war ein tolles Gefühl davor zu stehen - wie vor der Mona Lisa im Louvre, auch wenn mich Courbets Ursprung der Welt mehr beeindruckt hat, mit wesentlich weniger Gedränge was an einer persönlichen Neigung liegen kann, der ich lieber intim in den Schoss schaue, als in der Masse ein Bild kaum sehe, aber wenn mir hinterher jemand gesagt hätte, ätsch, war gar nicht das Original, wäre zu gefährlich, da hing nur eine perfekte Kopie, wäre ich noch genauso glücklich.

Die Museen hätten viel Geld ihrem Bildungsauftrag nachzukommen, könnten aufklärerisch wirken, würden viel Geld für die Versicherung der Originale sparen und es gäbe einen entspannten Umgang mit der Kunst und nicht diese ehrfurchtsvoll raunende Anbetung der Werke, vor denen sich die Kunstgemeinde gläubig versammelt. Wir haben heute so viele Möglichkeiten Geschichte erlebbar zu machen und zu erzählen, dem sollten wir nachkommen und die Chance lieber nutzen die Gebäude zu angenehmen Erlebnisorten zu gestalten, als zu meinen, wir müssten noch irgendwo Originale präsentieren.

Neben der Antikensammlung beherbergt das Pergamonmuseum heute das Vorderasiatische Museum und das Museum für Islamische Kunst, was uns an vielen wunderbaren Objekten zeigt, wie feinsinnig und künstlerisch großartig diese gerade etwas außer Rand und Band geratene Sekte in der Geschichte schon war. Der sehr freundlich monumental genannte Dreiflügelbau des Museums wurde ab 1907 von Alfred Messel im Auftrag von Generaldirektor Bode geplant. Die Bauarbeiten begannen schon 1910 und 1930 wurde der misslungenste Bau der ganzen Museumsinsel, sehen wir von den grandiosen Inhalten mal ab, endlich fertig gestellt. Dazwischen kam dann ein Weltkrieg 1914-1918, eine Revolution 1918, eine Weltwirtschaftskrise und die Hyperinflation 1923. In Berlin brauchen große Bauprojekte manchmal etwas und nicht immer ist das Ergebnis entsprechend großartig.

Zu den absoluten Höhepunkten des Museums gehören daneben die Mschatta-Fassade aus Jordanien, die aus der Frühzeit des Islam um 700 etwa stammt und das Markttor von Milet, ein römischer Torbau aus dem 2. Jahrhundert nach Christus und, wie schon erwähnt, das berühmte Ischtar-Tor aus dem sagenumwobenen Babylon, was aus der Zeit von Nebukadnezar II. stammt, also etwa 600 vor Christus. Diese riesigen Objekte brauchten wie der von Carl Humann entdeckte Pergamonaltar besondere Räume zu ihrer Präsentation, forderten eben ein entsprechend gigantisches Museum.

Vermutlich ist es die Größe die anzieht und bedenke ich, was im Iran derzeit los ist, seit die USA ihn von den Briten übernahmen und dann um ihn spielten, sind die dortigen Kunstschätze sicher besser hier aufgehoben - doch ob die blauen Kacheln aus Babylon nach 200 Jahren noch so aussehen oder nur eine billige industrielle Reproduktion sind, wäre mir völlig gleichgültig, um ein Gefühl für Babylon zu bekommen. Wünschen würde ich mir weniger Konzentration auf solche Höhepunkte und mehr Gefühl für die Zeit. Verstehen lernen, was dort war, statt sich an Objekten aufzugeilen, schiene dem Bildungsauftrag eher angemessen. Das Ischtar Tor gehörte nebenbei zu den sieben Weltwundern der Antike und war Teil der Stadtmauer von Babylon. Da gehörte es, wenn überhaupt hin, auch wenn der Berliner Erwerb rechtmäßig war.

Dieses Museum braucht viel Zeit, weil es eigentlich mit dem islamischen Museum, dem vorderasiatischen Museum und der Antikensammlung, die sich noch in zwei anderen Museumsgebäuden befindet, eigentlich drei Museen beherbergt. Im Strom der Massen wird der aufgeschlossene Besucher oft schnell an den großen obengenannten Wundern entlang geschoben, ohne sie in Ruhe genießen zu können. Zeit findet sich in abgelegenen Räumen oder in den oberen Etagen des islamischen Museums und wer es schafft die anderen auszublenden, kann sich ab 2023 auch wieder in Ruhe dem Pergamonaltar widmen.

Wir sollten in solch wunderbaren Museen, wie auch in den anderen großen Sammlungen die Wende schaffen von der großen Show, die sich auf singuläre Objekte stürzt, hin zu einer ruhigen Erzählung der Geschichte und ihrer Zusammenhänge. Gerade die feine und hohe vorderasiatische Kultur sollte dringend in den größeren kulturellen Kontext eingebettet werden, wie die Welt des Islam, um auch mehr Verständnis für die Kultur unserer neuen Bürger zu bringen, die teils als Flüchtlinge kamen. Hier hätten Museen eine wichtige Aufgabe zur Aufklärung für ein Volk in dem ungebildete Dumpfbacken von Pegida und AfD noch teilweise erfolgreich Vorurteile über ganze Völker verbreiten können, die ein Besuch im islamischen Museen in vielem leicht widerlegen könnte. Auch dafür lohnt sich selbst jetzt während des Umbaus der Besuch im Pergamon Museum auch ohne Pergamon Altar aber bitte mit ganz viel Zeit.
jens tuengerthal 25.3.2017

Freitag, 24. März 2017

Rotliebe

Rot ist nur eine
Haarfarbe meinen manche
Genießer sehen mehr
jens tuengerthal 24.3.2017

Trumptrauer

Trump scheitert wieder
Obamacare bleibt auch sonst
Wird weiter ermittelt
jens tuengerthal 24.3.2017

Renaissance 007

Vom Mittelalter
Zur Renaissance ist wie
Vom Dunkel ins Licht
jens tuengerthal 24.3.2017

Berlinleben 029

Verwaltungspreußen

Der erste Kontakt mit Berliner Beamten war hochdramatisch. Wollte meine liebste A vom damals noch in Betrieb befindlichen Flughafen Tempelhof abholen und hatte dazu, auf die rechte Spur irgendwo am Landwehrkanal gewechselt, um dann Richtung Kreuzberg, Tempelhof den Mehringdamm hinauffahren zu können. Plötzlich überholte mich ein Polizeiwagen, die Beamten mit Blaulicht und Martinshorn winkten schon im Vorbeifahren, als hätten sie es genau auf mich abgesehen, was ich für einen Irrtum hielt, fuhr ich doch brav und harmlos mit angepasster Geschwindigkeit im fließenden Verkehr, war mir keiner Schuld bewusst, sah mich als gesetzestreuen Bürger. Als ich keine Anstalten machte, anzuhalten, stellten sie sich in einer gewagten Aktion mit quietschenden Bremsen vor mir quer, nun musste ich anhalten und begriff endgültig, die meinen wirklich mich.

Stieg freundlich und sprach sie höflich an, wie ich es insbesondere Polizisten gegenüber immer tue, fragte, was los sei. Aus dem Wagen aber sprangen zwei Polizisten mit gezückter Waffe, befahlen mir sofort:

“Hände aufs Dach legen und breitbeinig hinstellen!”

Tat also wie befohlen und fragte nur vorsichtig, etwas verschüchtert, was denn los sei, ich müsse zum Flughafen meine Frau abholen. Darauf fuhr mich der jüngere der beiden, der eine Reiterhose zur Uniform und Stiefel trug an,

“Fragen stellen wir hier - hamse Papiere?”

Die hatte ich und als mit denen alles in Ordnung war, sie auch sahen, dass die Fahrzeugpapiere meiner Partnerin in Ordnung waren, wir den gleichen Wohnsitz hatten, wurden sie etwas ruhiger.

“Dett kostet se fuffzich Mark, könnense gleich zahlen oder wir eröffnen ein Verfahren.”
“Was solll ich denn getan haben?”
“Na Richtungswechsel ohne Spuranzeiger. Verkehrsgefährdung. Macht fuffzich Mark.”
“Was heißt Richtungswechsel ohne Spuranzeiger?”
“Na se sind aber wohl schwer von Kapee - se ham nich geblinkt.”
“Doch, ich blinke immer, aber es war doch im fließenden Verkehr, ging alles so schnell.”
“Egal, zahlense oder müssen wir’n Verfahren eröffnen?”

War genervt aber auch eingeschüchtert genug von der Aktion, dass ich lieber gleich zahlte, um weiter zu kommen -  ihr Flieger landete gleich und ich wollte doch mit meiem Arm voller Rosen romantisch dastehen und sie abholen und nicht erst irgendwann später kommen, weil die Polizei mich festhielt. Achtete nicht mal darauf, ob ich eine Quittung bekam oder sonst eine Bestätigung für das amtliche Handeln. Sie kassierten und ich fuhr weiter, hatte es ja eilig.

Dumm gelaufen und reingefallen, sag ich heute, doch ich hatte es ja eilig und ich frage mich wie viele Berliner in so einem Fall wohl schon zahlten, weil sie es eilig hatten, kein Verfahren wollten, von autoritären Beamten mit fast faschistoiden Auftreten eingeschüchtert waren - kam mir Momente lang wie ein Schwerverbrecher vor und hatte nur eventuell im schlimmsten Fall den Blinker beim Spurwechsel nicht gesetzt.

Alle späteren Begegnungen mit Polizisten waren sehr angenehm, die Herren oder Damen meist höflich, gut ausgebildet, verhielten sich ordnungsgemäß und ich, der bloß keinen Ärger wollte, verhielt mich so gesetzestreu wie möglich. Kann nicht mehr über die Polizei klagen, erlebte sie auch bei Demos oder wenn genervte Nachbarn sie vor irgendeiner Kneipe oder hier am Platz mal wieder riefen, meist als ausgesprochen höflich, gut geschult und dabei noch relativ locker. Kann nichts negatives über die Berliner Polizei sagen, bis auf diesen einen Fall.

Solche Geschichten aber kennt jeder hier irgendwie. Es ist nicht nur der eine Fall sondern scheint auch der normale Wahnsinn zu sein, zumindest reagierten alle, denen ich es erzählte, darauf nur lachend mit einem, ja, kenn ich und schön blöd, dass du auch noch gezahlt hast. So auch meine Liebste, die sich wunderte warum ich als doch irgendwie Jurist mir keine Quittung von den Kerlen hab geben lassen - als ich dann sagte, weil ich so schnell wie möglich zu dir wollte, um dich pünktlich abzuholen, wurde aber,  so habe ich es dunkel in Erinnerung, die Dummheit wieder vergessen und verziehen - war ja gut gemeint.

Abgesehen von den kleinen Ausreißern läuft es immer sehr korrekt hier. Auch und gerade in den Ämtern und das ganze noch um ein vielfaches potenziert im Osten gegenüber dem Westen, wie ich immer wieder erstaunt feststellte. Die eine Zeitlang von ein paar Flüchtlingen völlig überforderte Verwaltung hat neuerding sich angewöhnt Termine mit Monaten Vorlauf zu vergeben und einen irgendwohin in der großen Stadt zu schicken, außer in ganz dringenden Fällen. Fand noch nichts von dem, was ich seitdem zu erledigen hatte, wirklich dringend und so reiste ich schon mehrmals durch die halbe Stadt, um einen Ausweis mit meiner Tochter abzuholen oder zu beantragen, statt keine 500m vom Platz zum benachbarten Bezirksamt zu gehen und dachte jedesmal, ob ich das nächste mal nicht doch dringlich bin. Vielleicht müsste ich mich, wichtiger nehmen, um erfolgreich zu sein auch bei Berliner Behörden und doch gelingt es mir nicht all dies zu ernst zu nehmen. Dett is halt Berlin.

Der erste wichtige Termin in der Verwaltung wurde ähnlich frustrierend wie das Erlebnis am Landwehrkanal im Miami Vice Stil nur eben ohne Drama. Als wir bei einer Beamtin, bei der ich sehr hoch wetten würde, dass sie schon in der DDR ihre Beamtenkarriere mit Parteibuch begonnen hat, unsere Tochter vorab anmelden wollten, wies sie meine Partnerin, obwohl wir wiederholt vom gemeinsamen Sorgerecht gesprochen hatten, immer wieder darauf hin, dass sie es nicht so müsse, dass bei unverheirateten unüblich sei und sie verpflichtet sei meine Partnerin auf ihre Rechte hinzuweisen. Als ich ihr daraufhin genervt erklärte, wir hätten doch gesagt, was wir wollten und welchen Grund es gäbe einer klaren Aussage zu widersprechen und mir damit Misstrauen entgegenzubringen, bekam ich empört zu hören, sie tue nur ihre Pflicht und sie habe die Mütter darauf hinzuweisen, dass es keine Pflicht zur gemeinsamen Sorge gäbe, es in vielen Fällen besser wäre für sie ohne.

Zum Glück waren wir uns einig, wollten es beide und widerstanden dem Aufklärungsdrang über die Schlechtigkeit der Männer, den diese Beamtin in ihrem muffigen Büro verbreitete erfolgreich und verließen das Amt kopfschüttelnd. Eine autoritäre Amtsperson, die einen trotz gegenteiligen ausdrücklichen Wunsches eines besseren belehren will, war schon sehr frech, fand ich. Dann aber doch zu egal, darob eine Beschwerde einzureichen und als ich später in der Politik lernte welch männerfeindlich feministische Positionen auch in der Pankower Sozialdemokratie teilweise vertreten wurden, als normal galten, auch wenn sie einem kritisch denkenden Menschen absurd vorkommen mussten, wunderte ich mich weniger über diese sehr seltsame Beamtin, die vermutlich ohnehin den alten Kadern angehörte, auf mich wirkte, wie ich mir immer eine DDR Funktionärin vorgestellt hatte.

Dies ist eine Täuschung und ein Rechtsirrtum der Beamtin im übrigen, da der Staat kein Interesse an nur einem Sorgeberechtigten normalerweise hat, da dieser dann einspringen muss, falls die eine allein Verantwortliche ausfällt mit allen Kosten und allem Drama. Darüber habe ich aber nicht mit der Beamtin diskutiert, weil ich ja etwas von ihr wollte, keinen Ärger mag und lieber Frieden als  unnötige Konflikte suche. Die Aussage der Beamtin war daher nicht nur falsch, sie war auch nicht im staatlichen Interesse, schürte grundgesetzwidrig Konflikte, wo ein Paar fröhlich, einig und mit besten Absichten kam. Denke ich heute darüber nach, hätte ich daraus einen Skandal machen sollen, aber so wichtig war es mir dann auch nicht und so vergaß ich es lieber und lachte darüber, Ostberlin halt, Hauptstadt der DDR...

Es gab solche Momente in denen ich mit dem Osten, in dem ich sonst gerne lebte, fremdelte, dies war so einer und nicht der letzte, in dem ich das Gefühl hatte, manche Beamte sehen sich immer noch als Ausführungsorgan einer totalitären Staatsmacht und nicht als Diener einer Demokratie, in der das Volk  der Souverän ist.

Aber auch diese etwas unangenehme Dame war wie die beiden Polizisten eine Ausnahme. Die Beamtin etwa beim Standesamt Mitte, bei der ich dann die lebende Tochter mit ihren Namen auf meinen Namen anmeldete, war so süß, dass ich sie am liebsten geknutscht hätte und so verständnisvoll offen, dass ich mir wünschte nie in einem anderen Amt gewesen zu sein, wäre ich nicht gerade glücklich mit meiner Liebsten Vater geworden, glatt hätte ich dieser noch vor Ort einen Antrag gemacht, so bezaubernd erledigte sie alles und dabei immer lächelnd.

Auch im Bezirksamt Pankow lernte ich in den zahlreichen Gebäuden des ehemaligen Krankenhauses auf dem Gelände zur Fröbelstraße ganz bezaubernde Beamtinnen kennen und die Situation wie mit der Dame beim Standesamt Pankow war die große Ausnahme, bis auf eine wieder entscheidende Rolle bei einer vermeintlichen Schlichterin, die eine Auseinandersetzung mit der Mutter meiner Tochter erst zum Verfahren provozierte durch ihr ungeschicktes und formelles Auftreten. Sie blieb streng formal, wies mir im Gütetermin nur Schuld zu und tat so alles, den Streit weiter eskalieren zu lassen, als wäre ihre Handlungsanweisung alle Männer sind Schweine und verdienten es nicht anders und schien sich in diesem Moment mit der Mutter auch einig, was im Konflikt aus Sicht meiner Partnerin noch verständlich mir scheinen kann heute, ist für eine Beamtin ein Witz.

Kenne aus diesem Bereich auch inzwischen einige Geschichten von anderen Männern, deren Frauen von Beamtinnen oder Mitarbeiterinnen des Frauenhauses Pankow zur Anzeige motiviert wurde und damit Konflikte eskalieren ließen, die besser intern und friedlich gelöst wurden. Die Erteilung von Bannkreisen ist unter dem Einfluss dieser Damen wohl in Pankow inflationär gestiegen, wie mir meine spätere Anwältin verriet und ganz Berlin schüttele schon den Kopf über diese einseitige Politik und Betrachtung, die viele Konflikte erst schürt, die dann in der nächsten Instanz mühsam wieder entschärft werden müssten, weil beide Seiten, gerade wenn Kinder da sind, doch miteinander klar kommen müssen, eine Eskalation nur den Staat beschäftigt, den die Konflikte meist nichts angehen. Es kostet alle Beteiligten am Ende viel Geld, beschäftigt den Staat unnötig und ist häufig auf ein polarisierendes Fehlverhalten beteiligter Beamten zurückzuführen.

Zum Glück sitzen Strafgerichte in Berlin in Moabit und unterliegen nicht dem Bezirksamt Pankow, warum ein Fall Kachelmann hier eher unwahrscheinlich ist, trotz der regelmäßig dramatischen Eskalationen durch Damen und Ämter aus dem etwas entrückten Bezirk Pankow, in dem einige übrig gebliebene damit scheinbar den Feminismus der DDR hochhalten wollen und dabei eher vom Klassenkampf gegen die Männer geprägt sind als von abwägender Vernunft, wie ich sie von einer preußischen Behörde erwarten würde.

Doch überall, wo Ämter einfach ihre Arbeit tun, keine politische Motivation hinter ihrem Handeln zu entdecken ist, bin ich auf sehr freundliche, geradezu zuvorkommende und bemühte Beamte getroffen und würde auch vermuten, dass weit über 90% der Beamten sogar im seltsamen Bezirk Pankow konstruktiv sind, rechtsstaatlich denken, bestmöglichen Service bieten und manchmal geradezu zum verlieben süß sind. Zumindest dachte ich das bei einigen Beamtinnen schon mehrfach und habe auch von Freundinnen gehört, dass es da doch manchen mehr als süßen Typen gäbe, was natürlich bei einem preußischen Beamten im Dienst keiner denkt. Aber manche hätte ich doch gerne mals außer Dienst getroffen, dachte ich, wenn ich gut gelaunt das Amt verließ, was aber grau wie alle amtliche Theorie blieb. Einzig eine leidenschaftliche Finanzbeamtin aus einem noch östlicheren Bezirk durfte ich mal näher kennen lernen und habe keines dieser positiven Vorurteile danach widerrufen.

Es gibt also zum allergrößten Teil sehr freundliche, geradezu süße, hochmotivierte super korrekte Beamte, die ihre Arbeit so schnell wie möglich erledigen und dem Bürger das Gefühl geben, bei ihnen sei der Kunde König, sie seien Dienstleister und nicht, was sie ja tatsächlich sind, Vollstreckungsorgane staatlicher Macht. Letzteres muss dafür der kleine unsympathische Teil um so stärker heraushängen lassen, bei denen sich die Bürger als Unterworfene vor der Bauernbefreiung fühlen.

Die Bauernbefreiung noch durch vom Stein, bevor Hardenberg auf Napoleons Druck an die Stelle des genialen Reformers trat, ist in Preußen über 200 Jahre her, zwar gibt es Preußen nicht mehr, aber die DDR zum Glück auch nicht mehr und so täte es Berlin gut, wenn es zum Wohle der meisten hervorragenden Beamten eine Art Controlling durch die Nutzer der Ämter einführte, die Bürger Rückmeldungen gäben, damit die eigentlich positive Entwicklung von der Behörde zum öffentlichen Dienstleister weitergeht.

Natürlich hätte ich mich über die Beamten beschweren können, die mich wie einen Schwerverbrecher aus dem Verkehr zogen, als ich einmal den Blinker vergaß, was vermutlich so war - aber wer tut so etwas, wenn es nicht eine einfache Möglichkeit dazu gibt, die heute online sein sollte, was auch die Auswertung erleichterte. Natürlich gibt es diejenigen, die immer meckern, auch ordnungsgemäß und bemüht arbeitende Beamte für Dinge kritisieren, die nicht in ihre Macht liegen, doch wäre die quasi automatische Rückmeldung ein gutes Zeichen, dass eine Verbesserung der Prozesse angestrebt wird, die Ämter auch den extremistischen Ausreißern, die es noch gibt, auf der Spur sind.

Die geistige Gratwanderung zwischen der Stellung eines Beamten als unbestechliches und neutrales Vollzugsorgan staatlicher Aufgaben und seiner beruflichen Realität als Dienstleister für Bürger ist nicht immer einfach. Dennoch gibt es nach meiner zugegeben geringen Erfahrung eine große Mehrheit, die es gut und hochmotiviert macht, sogar in Berlin freundlich ist, wo schon der ganz normale neutrale Ton einem Fremden wie eine üble Beschimpfung vorkommen kann, fühlte ich mich von den meisten sehr freundlich und gut behandelt, während einige wenige sich auf ihr Amt und ihre Autorität zurückzogen und als solche Führer im Amt die Bürger anweisen wollten, was sie zu tun hätten. Die eingeborenen Freunde, also jene die von hier stammten, teilweise im Bezirk groß wurden, meinten immer nur, ach das sind halt Berliner, musste nicht so ernst nehmen, meint ja keiner so. An dieser Haltung, es nicht weiter ernst zu nehmen, müsste ich wohl noch arbeiten, sobald ich erkenne, es ist überflüssig hier etwas ändern zu wollen, weil sie einfach so sind - noch hält sich meine Motivation dazu in überschaubaren Grenzen.

Dies kann bei denen eine Ausnahme sein, weil er oder sie ihre Tage hatten, schlecht gelaunt war, wir uns nicht riechen konnten, sie so hergezogene Wessis wie mich noch nie leiden konnten, einfach echte Berliner waren und es doch nett meinten - der Gründe gibt es da wohl unendlich viele, wie auch die Lösungen im Einzelfall variieren, wichtig wäre nur die Stadt als Dienstleister für seine Bürger im Bewusstsein aller zu verankern. Es würde durch eine Art Controlling der Bürger, die auch beamtisches Handeln bewerten könnten oder sich ganz leicht auch anonym beschweren könnten, leichter, denen zu helfen, die noch Nachhilfe auf ihrem Weg zum Dienstleister bräuchten.

So etwas würde das Vertrauen in einen zum allergrößten Teil sehr rechtsstaatlich und hervorragend funktionierenden Staat und seine Verwaltung stärken und sollte darum im höchsten Interesse liegen, denn die Beamten sind die Repräsentanten eines Gemeinwesens nach außen und in Zeiten in denen Fake-News zum Problem werden und Populisten, die Lügen verkünden, Mehrheiten erringen, ist es noch wichtiger das Vertrauen in den Staat und seine Organe als zuverlässig weiter zu stärken.

Andererseits wird mir zugegeben beim Begriff Controlling auch schon wieder so schlecht, dass ich denke, besser es gibt Ausreißer, damit die Berliner noch so sein können, wie sie eben sind und Leute wie ich Geschichten darüber erzählen können, denn eigentlich ist doch alles nicht so schlimm, lassen wir es halt so, läuft doch und so werd ich wohl zum Berliner und lass die Dinge laufen, wie sie sind, um davon zu erzählen.
jens tuengerthal 24.3.2017

Donnerstag, 23. März 2017

Renaissance 006

Erotik macht bloße
Fortpflanzung zur Kunst an sich
Mit Lust Mensch zu sein
jens tuengerthal 23.3.2017

Renaissance 005

Alles ist eine
Frage der Perspektive
Wenn wir sie kennen
jens tuengerthal 23.3.2017

Berlinleben 028

Parallele Welten

In Berlin gibt es viele Welten und sie können meist gut miteinander, existieren nebeneinander, sind kein Problem, bis einer sich gestört fühlt oder irgendwer zu dreist wird, dann gibt es ein wenig Geschrei und pendelt es sich wieder ein. Dann sind wieder alle nett miteinander und irgendwie geht es weiter, muss ja auch oder wie der vorletzte Regierende es sagte, und das ist auch gut so.

Irgendwann entdeckten Konservative und neue Rechte das Thema für sich und begannen es zu problematisieren, wenn es in Wedding oder in Neukölln nur noch höchstens ein deutschsprachiges Kind in der Klasse gibt und warnten vor den Ghettos und den Parallelwelten, die sich bildeten, wenn muslimische Frauen Kopftuch trügen und junge Araber blonde deutsche Mädchen anmachten, weil sie unverhüllt für sie als ehrlose Hure anzusehen wären.

Solche Fälle gibt es bestimmt auch mal, doch weiß ich sicher, dass sie Zahl sexueller Belästigungen und Vergewaltigungen in deutschen Familien höher ist als zwischen den Gruppen, bei denen es an den Rändern mal knirscht, weil sie nur nebeneinander an manchen Stellen leben, nicht miteinander. Überall, wo Dinge nur nebeneinander laufen, gibt es auch Reibung und damit Spannung, weil die Räder nicht ineinandergreifen, so sind große soziologische Probleme physikalisch einfach erklärbar eigentlich.

Gerne behaupten neue Rechte, es gäbe in Berlin zahlreiche No-go-Areas, die nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr betreten werden könnten ohne Gefahr für das eigene Leben. Bin nicht besonders mutig und vermeide lieber jeden Konflikt als mich im Straßenkampf zu bewähren, bin einfach nicht der geborene Schläger. Dennoch gibt es kaum eine Ecke in Berlin, die ich Nachts unbedingt meiden würde und wenn wären es eher die Quatiere, die von radikalen Rechten aufgesucht werden, deren tatsächliches Gewaltpotenzial weit höher ist als alles, was sie Ausländern je unterstellen können.

Zum Glück sind nur wenige Berliner so dumm auf die hetzerischen Parolen des AfD oder anderer Blender hereinzufallen und dennoch ist auffällig, wo die Extremisten mit ihrer Propaganda, die Angst vor Ausländern schürt, besonders stark waren. Etwa in Pankow oder in Lichtenberg, in Marzahn und anderen Regionen mit dem geringsten Ausländeranteil, die rein faktisch nie das Problem hatten, vor dem sie sich fürchten und das sie den neuen Rechten in die Arme trieb.

Fuhr oft genug mit dem Rad nachts durch den Wedding, durch Moabit oder Neukölln - Angst hatte ich da nie. Dennoch gab es Orte, an denen ich mich unwohl fühlte und wo der Riss zwischen den Welten spürbar wurde, sogar für mich als Mann. Frauen berichten da ganz andere Geschichten, wenn sie ohne Kopftuch im muslimischen Supermarkt im Wedding einfach ignoriert werden. Doch finde ich das nun dramatisch und einen Grund zur nachhaltigen Empörung oder erregt solches Verhalten eher mein Mitleid?

Religionen sind für mich nur atavistische Überbleibsel aus unaufgeklärten Epochen, die manche Menschen noch nicht genug ablegen konnten. Der Islam, 600 Jahre jünger als das Christentum, verhält sich genau wie dieses es vor 600 Jahren zu großen Teilen auch noch tat - bedenken wir dann wieviel älter das Judentum noch ist, wundert uns manche Weisheit von da weniger, während uns andererseits viele Kurzsichtigkeit auch erstaunt, als lernten die Menschen nie dazu und hielten an atavistischen Riten, etwa der Beschneidung fest, weil sie es schon immer so taten, ohne alle Vernunft.

Es mag jeder nach seiner Fasson selig werden, sagte schon der Alte Fritz und schrieb über seine Verachtung für die Religion schon als Kronprinz sehr deutlich. Als König hielt er sich dann weise zurück, um die Ruhe nicht zu stören, denn die Menschen werden nicht unbedingt friedlicher und freundlicher, wenn du ihnen sagst, dass du ihren Aberglauben albern und ihre Sitten überholt und unvernünftig findest, auch und gerade wenn du Recht damit hast, diese Erfahrung kenne ich aus der Praxis sozialer Netzwerke zur Genüge.

Opfergaben hielten im Aberglauben gefangene Menschen schon immer für ein taugliches Mittel, die Götter milde zu stimmen - früher waren es Menschen, die geopfert wurden, dann massenhaft Tiere, die teilweise immer noch gegen jeden Tierschutz geschächtet werden, weil der zufällige Aberglaube es so vorschreibt, heute sind es eher Kerzen in Kirchen. Warum Menschen sich einbilden, wenn es wirklich allmächtige Götter gäbe, sich diese quasi bestechlich zeigten und von ihren kleinen lächerlichen Gaben beeinflusst würden, für was für Idioten die angeblich Unsterblichen uns Menschen halten müssen, wenn wir das eine kurze Leben, was wir nur haben, noch für ihre zufällige Laune opferten?

Absolut lächerlich und albern, von Menschen zu glauben die Götter, sollte es sie wirklich in einer Parallelwelt geben, würden sich um unser albernes wechselhaftes Tun kümmern und wir könnten ihren Willen mit unserem Tun beeinflussen. So ähnlich, wenn auch weniger deutlich, um keinen Ärger mit griechischen Gesetzen zu bekommen, schrieb es schon Epikur vor 2250  Jahre und sein geistiger Schüler Lukrez fasste es dann 200 Jahre später in schönste Verse, die endlich zur Pflichtlektüre in der Schule werden sollten für alle, weil sie viele Debatten überflüssig machten.

Berlin hat so halb den Religionsunterricht in den staatlichen Schulen abgeschafft mit dem Fach LER, Lebenskunde Erziehung Religion, was ein großartiger, innovativer und mutiger Ansatz war, der leider doch wieder etwas verwässert wurde. Vor allem ist dies Fach nicht Hauptfach und Pflichtfach für alle, sondern eines für alle, die nicht Religion haben. Dabei sollten wir dort mutig und entschieden die Ideale der Aufklärung vertreten, für die Freiheit von allen Göttern fechten und die Kinder vor dem Einfluss jeder Religion schützen, wenn wir nicht integrierbare Parallelgesellschaften auf Dauer verhindern wollen.

Die größte Gefahr einer solchen besteht unter perspektivlosen rechten Jugendlichen im Osten und einem ähnlichen Klientel im Wedding, die sich zu den Radikalen ihrer Lager hingezogen fühlen, weil sie ihnen eine Perspektive geben, Mut machen und das Gefühl, sie wäre etwas besonderes. Wer etwas ändern will und mehr Sicherheit vor Radikalen möchte, die vom Rand her die Gesellschaft und ihren Erfolg gefährden, muss an diesen Rändern anfangen.

Die Kriminalitätsstatistiken sind übrigens erstaunlich eindeutig da und zeigen auch, die Gefahr geht nicht etwa von Flüchtlingen aus, sondern von Hetzern, die am Rand der einen wie der anderen sich fremden Gesellschaft Menschen zur Gewalt aufrufen. Die Zahl rechter Gewalttaten in Deutschland liegt inzwischen bei über 1000 im Jahr, die der islamistischen Szene bei einer kleinen Handvoll sofern ich dort sage einschließlich der gescheiterten Versuche. Wer etwas tun und ändern will, um die Sicherheit im Land zu gewähren, sollte immer da ansetzen, wo das Problem liegt und nicht wo am lautesten geschrien wird.

Spannend im Verhältnis der Welten ist, wie sehr sie sich in Berlin unterscheiden. Es gibt hier echtes multikulturelles und friedliches Zusammenleben. Etwa in Kreuzberg oder Teilen von Neukölln. Dann gibt es Gegenden, die teilweise an Ghettos erinnern, etwa um den Weddinger Gesundbrunnen oder in Moabit  um das Gefängnis, die aber auch ständig wieder neu durchbrochen werden, von Künstlern und jungen Menschen, die dort hinziehen und das Miteinander dadurch verändern, weil die Mieten dort billiger sind als im Rest der Stadt. So wurde auch Neukölln trotz des hohen Anteils an Migranten wieder sehr schick, weil sich immer mehr junge Leute fanden, die dort eine eigene Szene aufbauten. Im Wedding gibt es mit der Kolonie und anderen Projekten eine starke Künstlerszene, die immer mehr Einfluss gewinnt.

Kenne selbst einige Künstler aus dieser Szene, die auch mit Kindern noch gerne im Wedding leben, der zwar seine Eigenarten manchmal hat, aber das war wohl auch so, als er noch ein rote Arbeiterviertel war und nicht ein AKP türkisch rotes Viertel konservativer Muslime, wie es heute mehr wurde und sich zugleich schon wieder in einer Weise verändert, die uns Morgen schon eine andere Welt dort eröffnen kann. In Moabit muss nur die Straße überquert werden und schon landet der Besucher in den Straßen Richtung Tiergarten in einer vornehmen Parallelwelt, die sich eher am Schloss Bellevue auf der anderen Seite der Spree denn dem dort Knast orientiert. Ganz anders auf der anderen Seite der Straße und auch dort taucht plötzlich wie aus dem Nichts einer der schönsten Blumenläden Berlins auf, in dem wunderschöne Frauen lächelnd arbeiten, während du auf der vielbefahrenen Straße noch deutlich die Knastgeräusche auch hörst. Fast surreal steht das eine neben dem anderen. Besuchte eine zeitlang mal eine vornehme sehr bürgerliche Arztpraxis auf der anderen Seite der Straße mit dem entsprechenden Klientel in einer sehr bourgeoisen Wohnung mit wunderbarem alten Stuck dort, zu der ich immer am Knast vorbei mit dem Auto fuhr und die der Onkel einer Erzieherin meiner Tochter betrieb, mitten in Moabit und doch in einer anderen Welt.

Als meine Tochter mit ihrem Blinddarm oder besser gesagt endlich ohne sein Ende im jüdischen Krankenhaus lag, in das sie auch eher zufällig geriet, staunte ich über die vielen muslimischen Frauen dort, zumindest solange ich mit der Straßenbahn über die Seestraße gekommen war und wunderte mich nicht mehr, als ich auf der Suche nach Knabberzeug für sie um die  Ecken ging und mich in einer Welt voller kleiner arabischer und türkischer Läden fand, die eine Welt um die Brunnenstraße bilden. Fragte mich einen Moment, ob ich Angst haben sollte, weil es schon manchmal sehr düster aussah, die dunklen Augen hinter Gardinen mich misstrauisch anschauten. Es ist eine völlig andere Welt als hier um meine Plätze in Prenzlauer Berg, wo relativ wohlhabende Akademiker mit Kindern leben, viele Touristen flanieren, Luxus seinen Markt hat, es die billigen Ramschläden nur an den großen Ausfallstraßen gibt.

Immer wieder existieren dabei Welten nebeneinander, die nicht zusammen zu passen scheinen und doch ziemlich gut miteinander klar kommen und sich wechselseitig verändern, kein Grund zur Aufregung. Das Problem ist nicht Multikulti und nebeneinander verschiedener Kulturen, die sich wechselseitig beeinflussen - so etwas ist wunderbar und bereichernd, macht Berlin derzeit zu einer der attraktivsten Städte Europas, in der Künstler und Kreative aus dem Zusammenklang der Welten neue innovative Ideen entwickeln, die später zu Lebensmodellen für das ganze Land werden. Hier wird vorgedacht und nicht in der separierten brandenburgischen Provinz, die sich vor Flüchtlingen fürchtet und die Rassisten örtlich zur stärksten Kraft wählt. Der Grund warum solche radikalen Randgruppen mit rechten Hetzern wie der AfD in Berlin Zulauf finden, die türkische AKP hier Anhänger hat, sind nicht die Orte, an denen die verschiedenen Kulturen tatsächlich zusammentreffen, sondern jene, wo sie sich fremd bleiben, nichts voneinander wissen und umso schärfer übereinander urteilen.

Spreche ich mit meinem Kioskbesitzer am Platz, einem Türken aus Kreuzberg über die Türken aus dem Wedding, fängt er so an zu fluchen, dass ich kaum mehr wegkomme, bis er seiner Tirade losgelassen hat. Die seien frauenfeindlich, ungebildet, rückständige Bauern, sorgten für ein schlechtes Bild der Türken im Land. Das gleiche bei einem kurdischen Freund, der schon in Kreuzberg geboren, beide Pässe hat und seinerzeit als junger Ingenieur mit Erdogan, der damals Bürgermeister von Istanbul war, die Wasserversorgung dort baute. Früher meinte er noch, der sei harmlos, nur geldgierig eben und mache gute Geschäfte, warum die Leute ihn wählten. Heute nachdem viele seiner kurdischen Freunde in der Türkei niedergemetzelt wurden, sagt er, die AKP Anhänger gehören rausgeschmissen, die haben in Deutschland nichts verloren, die verstünden das Land nicht und schadeten ihm. Sollen sie doch alle in der Türkei mit ihrem Erdo leben und Kopftuch tragen. Seien alles Idioten aus dem Mittelalter.

Die Positionen werden zunehmend härter und extremer. Manchmal scheint es mir, als sei der Hass der alten Kreuzberger Türken, die friedlich integriert gut hier leben auf jene im Wedding oder in Moabit, die noch wie in Anatolien geistig leben, Erdogan bejubeln und ihre Frauen unterdrücken, größer als die Vorurteile der AfD Wähler in den Randbezirken. Der kurdische Freund spricht sich dafür aus alle AKP Wähler auszuweisen, sie passten nicht hierher. Andererseits sagt er, der früher eher links oder grün dachte, diesmal werde er Merkel wählen, die mache es genau richtig und hätte es begriffen. Ist also auch für eine Stärkung der liberalen Mitte statt radikaler Schreihälse am Rande, äußert sich abgesehen von den Tiraden gegen die AKP Anhänger sehr ausgewogen vernünftig.

Berlin hat kein Multikulti-Problem, wo die Welten parallel existieren, befruchten sie sich wunderbar und verbessern damit Integration und Miteinander. Dafür gibt es ein Randgruppen-Problem. Dies vornehmlich im Osten, wo einige immer noch nicht in der Demokratie angekommen scheinen und sich lieber von Angst als der Realität beherrschen lassen. Das Integrationsproblem in einigen Bereichen wie im Wedding oder Moabit, löst sich teilweise durch die niedrigen Mieten in diesen Gegenden, die wiederum Künstler und ihre Umgebung anziehen, was dann den Charakter ganzer Kieze schnell wieder verändert.

Es gibt einzelne auch libanesische Clans, die kriminelle Strukturen mafiöser Art haben und manchmal dauert es etwas, bis die Polizei dort zugreift. Doch sie tut es immer wieder und dann erstaunlich effektiv. Grund zur Sorge, dass Familien ganze Kieze übernehmen, besteht nicht und wer sie streut, ist eher das Problem als umgekehrt. Wer hier kriminelle Strukturen aufbaut, fliegt bald aus dem Land. Das ist nicht immer sofort möglich und manchmal geht es auch schief, aber gemessen an der Zahl der Delikte und den Erfolgen bei der Aufklärung, besteht hier kein wirkliches Problem, nicht größer als in München oder Stuttgart etwa, die sich gern über das kriminelle Berlin empören.

Besonders den Brandenburgern scheint häufig Berlin als Abgrund der Sünde und Kriminalität, hier, wo nahezu keine Migranten leben, ist die Angst am höchsten und hier wird der Hass am erfolgreichsten geschürt. So gesehen ist Brandenburg längst an vielen Orten eine Parallelwelt zu Berlin, die noch zusätzlich in Potsdam eine Insel der Wohlhabenden hat, die nichts mit beiden Orten gemeinsam hat. Eher könnten sich etwa Dahlem Dorf oder Wannsee mit Potsdam zu einer harmonischen Gemeinde verbinden, als sie es mit anderen Berliner Bezirken tun würden.

Spannend ist, wie die parallelen Welten durch die Bezirksreform plötzlich zu einer Welt unter einem Namen zusammengefügt wurden und was daraus teilweise entstand, wie parallele Welten harmonieren oder nie zusammenfinden, weil sie in ihrer Struktur zu unterschiedlich sind. Nehme ich etwa meinen Bezirk, der Pankow heißt, obwohl diese piefige typisch östliche Vorstadt, die eher an Brandenburg denn an Berlin erinnert, nichts mit meinem Wohnort, der Prenzlauer Berg ist, zu tun hat, die beiden nur zufällig aneinander grenzen. Dazu gehört noch die ebenfalls eher brandenburgische Vorstadt Weißensee und ländliche Dörfer wie Karow, die nichts mehr mit der Großstadt Berlin zu tun habe, in der ich lebe, der ich in 10 Minuten mit dem Rad am Alex bin, denn dort, wo Morgens die Hähne krähen und die Straßen noch gewölbt sind, leben vielfach noch die Menschen, die seit Generationen dort leben, die sich vor einer Moschee fürchten, ohne zu wissen, um was es dabei geht.

Die kurze Zeit in der ich mich politisch hier engagierte, hatte ich die Chance auf Bezirksebene im kommunalen Parlament an manchen Sitzungen teilzunehmen und zu sehen, wo auch politische die Brüche verlaufen zwischen den kulturellen Zonen, wie sich die Menschen auch innerhalb der Parteien völlig entfremden und sich fast feindlich gegenüberstehen. Der Prenzlauer Berg, der von der Bevölkerungszahl die Mehrheit ausmacht, ist tendenziell eher links-grün orientiert und entsprechend versuchen sich auch die dort Sozialdemokraten zu positionieren, was relativ sinnlos ist, da sie die Grünen nie auf ihrem Feld überholen werde, die Linken nie links und die Mitte etwas ratlos gegenüber dieser schwankenden Partei steht, die in den Randbezirken eine vernünftige, teilweise fast bürgerliche Position vertritt, die dem alten Otto Braun ähnelt, während sie in Prenzlauer Berg sich als linke ökologisch korrekte emanzipierte und staatstragende Partei präsentieren möchte in einem Spagat, der nie gut gehen kann und so zu dauernden Konflikten und Zerreißproben führt, die nur um Wahlen herum erfolgreich gedeckelt werden. Die Prenzlauer Berg SPD ist zum allergrößten Teil eine Wessi-SPD von Zugezogenen, die immer genau wissen, was gut und richtig ist, teilweise auch längst professionell im politischen Bereich tätig sind. Bei den anderen Parteien, kann ich es weniger beurteilen, deren Anziehung hielt sich auch für mich bisher in überschaubaren Grenzen, der sich inzwischen lieber ganz aus der Politik zurückzog, um still zu beobachten, was ist, wie es dem Flaneur gebührt.

Wo divergente Interessen aus parallelen Welten künstlich zusammengefügt werden, um im Rahmen einer Bezirksreform größere Effektivität zu erreichen, werden die Konfliktlinien und vor allem die Bruchstellen deutlich, die das Zusammenleben schwer machen. Nicht dort, wo real Multikulti herrscht, sondern da, wo zusammenkommt, was nicht zusammengehört und dann in seiner Scheinselbständigkeit, die immer zu gering ausgestattet wird, damit sie beim Senat betteln muss, mit anderen Bezirken in Konkurrenz ständig ums Überleben kämpft.

Es geht hier nur zur Klarstellung nicht nur um provinzielle Vororte sondern um einen Bezirk mit 385.000 Einwohnern, mehr als viele selbständige Großstädte, der politisch und finanziell am Tropf des Senats hängt und der seine eben Scheinselbständigkeit in der Bezirksverordnetenversammlung eher rituell praktiziert als wirklich entscheiden zu dürfen. Dennoch leisten die meisten der nicht bezahlten politischen Laien hier viel professionelle Arbeit und geben einem divergenten Bezirk zumindest den Anschein demokratischer Prozesse, die real nur ein Schauspiel vor dem Senat sind, um weiter betteln zu dürfen. Vielleicht beschreibt dies Schauspiel in den kommunalen Parlamenten, dass eigentlich eine dauernde Köpenikiade ist, Berlin sehr gut und warum hier manches nicht geht, dennoch alles irgendwie läuft aber keiner allein verantwortlich ist.

Es gibt Parallelwelten in Berlin und sie sind gefährlich für den Zusammenhalt des Landes. Doch laufen die Bruchstellen nicht dort, wo migrantische auf deutsche Bevölkerung trifft, sondern wo vermeintlich homogene Bereiche über andere ihnen fremde urteilen wollen und dabei die jeweiligen Ränder von Extremisten aufgehetzt werden. Die rechten Ränder sind den Islamisten näher als der ganz großen friedlichen Mehrheit in der Stadt, die wunderbar nebeneinander und miteinander lebt. Mein kurdischer Freund, der umme Ecke wohnt und mein Kioskbesitzer umarmen mich immer mit den Worten, Hallo Bruder, und ich fühle mich ihnen in vielem verbundener als dem rechten Metzger aus Karow, der mich am Gorinsee ohne Grund niederschlug und mit dem ich dennoch den gleichen Bezirk teile, auch wenn wir in völlig verschiedenen Welten leben. Berlin kann das und wird es auch in Zukunft können, nur sollte es mehr Aufmerksamkeit den Problemgebieten widmen, in denen die Randgruppen erfolgreich hetzen, um sich nicht auseinander treiben zu lassen.
jens tuengerthal 23.3.2017

Mittwoch, 22. März 2017

Renaissance 004

Natur strebt nach Lust
Sie wollen wird stets gut sein
Wär sie je ohne
jens tuengerthal 22.3.2017

Renaissance 003

Reformation war nur
Zurück im Aberglauben
Keine Renaissance
jens tuengerthal 22.3.2017

Berlinleben 027

Papaleben

Lebe in Prenzlauer Berg und bin Papi, was hier nicht besonderes ist, nur redet und schreibt kaum einer darüber. Die Mamas vom Prenzlberg, die ihre Kinder so sehr behüten, angeblich immer wissen wollen, ob das auch wirklich Öko ist, kennen wir zur Genüge und sie haben ein weites Feld der Aufmerksamkeit - werden auch verspottet, aber mehr noch bewundert und vor allem sie sind ein bundesweites Gesprächsthema, weil sie sich dazu machten - was aber ist mit uns Vätern?

Klar, viele sind ganz normal, gehen arbeiten, helfen Zuhause mit, wo sie können und hüten wenn Mutti zum Yoga geht oder Mädelsabend hat, auch mal die Kinder allein. Kenne diese ganz normalen Papis aus Schule und Kindergarten und habe mich häufiger gefragt, ob sie sich auch manchmal mit ihrer Rolle quälen, es für sie ganz normal ist oder sie sich darin komisch fühlen, als engagierte Pioniere in der noch in unserer Jugend von Müttern dominierten Welt der Elternabende und Spielplätze, die mehr Engagement als Ergebnisse fordert, nüchtern betrachtet nur frustrieren kann.

War viele Jahre hauptberuflich Vater, auch wenn mir die Identifikation mit meinem Job nicht immer leicht fiel, ich gefühlt doch immer Dichter oder Schriftsteller sein wollte, zumindest verkanntes Genie in geheimer Hoffnung. Als unsere Tochter ein halbes Jahr war, wurde abgestillt und ihre Mutter fing wieder an zu arbeiten, irgendwo musste das Geld, von dem wir lebten, ja herkommen.

Bei uns war es noch etwas spezieller, weil es hieß, dass ich die Woche meist allein war, während sie irgendwo in Deutschland Menschen trainierte. Ab da stillte ich und tat es erst mit solchem Ehrgeiz, dass ich die verspotteten Mütter vom Prenzlberg noch übertraf. Trinken ist gut, hatte die Kinderärztin gesagt, soviel sie will und meine Tochter wollte viel, bekam Literweise ihre Milch oder Tee, wenn sie brüllte, pinkelte sich natürlich entsprechend voll und ich war so oft am Milch machen, wie am Wickeln und die Kleine ständig wund. Es nun allein zu tun, war eigentlich keine große Veränderung, vorher stand ihr Korb auch an meiner Bettseite, ich legte sie meiner Liebsten, wenn sie Hunger hatte an den süßen kleinen Busen und wenn diese vom Stillen erschöpft, im wahrsten Sinne des Wortes ausgelutscht war, machte der stolze Papi seine Runde mit unserem inzwischen properen Baby, wickelte danach frisch, legte die Lütte und sich wieder für einige Stunden schlafen, bis eine meiner Damen ein neues Bedürfnis welcher Art auch immer hatte.

Es ist erstaunlich, wie wenig Schlaf am Stück der Mensch wirklich braucht und was wir anstatt alles tun können in all der Zeit, die wir ohne Kinder noch getrost verschliefen. Das zehrt an irgendwann den Kräften und das sexuelle Bedürfnis nimmt vermutlich dadurch stärker ab, als es die Hormone in der neuen Rolle schon von allein reduzieren. Irgendwann ändert sich das wieder und wenn beide dabei ihren Spaß haben, hält es manchmal, andere scheitern trotzdem. Wir hatten, wie ich es heute sehe, eigentlich immer wunderbaren und fast übernatürlich harmonischen Sex, den ich eher noch für ganz normal hielt, wo mich die Praxis längst eines besseren belehrte. Vielleicht etwas zu selten irgendwann, was aber wie in den meisten Beziehungen viele eher kleine Gründe hatte, die weniger mit meiner Vaterrolle zu tun haben, darum hier kein Thema sind.

Unter allen Frauen, die ich vor der Mutter meiner Tochter näher kannte und mit denen ich mehr als einmal im Bett war, waren vielleicht 2-3%, mit denen ich den Spaß dabei nicht teilen konnte, nach ihr war es proportional seltsamerweise eher umgekehrt und ich frage mich, ob das am Alter, meiner Erfahrung liegt oder ein gesellschaftliches Problem ausdrückt, das langsam erst zum Thema wird. Diese später meisten Frauen, waren eher empört, wenn ich den nicht gleichzeitigen Sex als eher langweiliges Vorspiel empfand, immer mehr behaupteten, was ich wolle sei nicht normal und es gäbe kaum eine, die es so mache, sie kenne jedenfalls keine und wenn ich dann auf die vor ihnen verwies, war eine sachliche Diskussion des Themas ohnehin nicht mehr möglich, warum meine Aussagen dazu auch auf einer sehr dünnen meist emotional geprägten Grundlage stehen.

Weiß, dass der Sex nach der Geburt für viele Väter ein Thema ist, weil Mutti geschafft ist, keine Lust hat, sie sich unbefriedigt fühlen und der Sprüche mehr. Das Problem hatte ich nicht, eher war ich übermüdet und der Sex war nach meiner Erinnerung danach so gut wie davor, was nicht heißt, dass es nicht auch besser hätte sein können für beide, alles perfekt war, aber zumindest war es besser als in über 90% der Fälle nach der Mutter meiner Tochter, was aber auch an meiner wirklich empörenden Aufassung zum Sex liegen könnte.

Aus meiner Sicht ist Sex ein Deal von zweien miteinander, die sich gegenseitig Glück und Erfüllung schenken und wenn einer dabei zu kurz kommt, ist das ganze aus dem Gleichgewicht und im Ergebnis schlecht für das Miteinander. Da waren wir relativ einer Meinung und das klappte gut mit uns. Dass dies die Ausnahme und ein gar nicht hoch genug zu schätzendes Glück ist, habe ich erst Jahre später begriffen, nachdem ich genug Ausnahmen im Einzelfall hatte und es eher nach Serie schon aussah, dass viele Frauen es normal finden, dass Männer sich in ihnen befriedigen und sie es halt so hinnehmen, mehr oder weniger freundlich lächelnd oder schauspielernd. Im Gegenteil fiel mir sogar auf, dass unheimlich viele Frauen, sich etwas anderes mit dem Sex erkaufen wollten, was sie dann im Gespräch eindringlich darauf angesprochen auch für sich als wichtiger nennen.

Dabei wurde zuerst Zärtlichkeit genannt, dann ehrlicherweise Liebe, ungefähr so häufig wie Nähe und der Satz, mir geht es dabei nicht um Befriedigung, fiel dabei auch irgendwann immer bei denen, mit denen ich keinen wirklichen Spaß dabei hatte, weil ich fühlte, dass sie nichts empfanden. All diese Erfahrungen haben mich erst schätzen lassen, was mir früher ganz normal erschien und was scheinbar immer noch für die meisten die Ausnahme ist, als habe nicht die Natur uns so gemacht, dass wir die Lust auf ihrem Gipfel teilen können.

So muss ich zu diesem Thema in meiner Vaterrolle eigentlich nichts sagen, war alles in Ordnung, ich war vielleicht doch etwas übermüdet manchmal, um immer Lust zu haben, aber auch das scheint mir normal für diese Zeit im Leben und hätte ich damals die heutige Erfahrung gehabt, wäre ich damit vermutlich noch gelassener umgegangen. Was ich aber allen Vätern sagen kann, sobald sie mehr Verantwortung für das gemeinsame Kind übernehmen, anerkennen, dass Stillen auch erschöpft und harte Arbeit ist, auch wenn es nicht so aussieht, eben an den eigenen Kräften zehrt, lösen sich viele Beziehungsprobleme nach einer Schwangerschaft von alleine. Erstens haben die Männer dann aufgrund größerer eigener Erschöpfung einen geringeren Lustüberschuss und zweitens haben die Frauen mehr Zeit ihre Lust kommen zu lassen, die bei den meisten Frauen, die ich kennenlernte, immer auch im emotionalen Kontext irgendwie steht. Per Knopfdruck funktioniert keine von denen. Wo Frau sich gewürdigt sieht, ergibt sich viel mehr von alleine, als Mann vorher zu hoffen wagte, während es umgekehrt zum genauen Gegenteil eher führt.

Die Mutter meiner Tochter ist zehn Jahre älter als ich, was mir zuerst ziemlich viel erschien, sie vierzig ich gerade dreißig, dann lange egal war, irgendwann vermutlich auch zum Trennungsgrund untergründig wurde, was ich heute auch für völlig unwichtig halte. Ob eine Frau zehn oder zwanzig Jahre älter oder jünger als ich ist, spielt nur für die  Fortpflanzung noch eine irgendwie Rolle, ansonsten kommt es mir nur noch darauf an, ob du miteinander reden kannst, gemeinsam Probleme löst und trotzdem noch Lust aufeinander haben kannst, die du wirklich teilst, weil du sonst von Lust keine Ahnung hast, alles andere verschwimmt im Strom der Zeit zu nichts und du weißt, was gut ist  oder war, erst wirklich zu schätzen, weil du erkennst, wie selten solches ist.

Aber nun genug von diesem kleinen, etwas melancholischen Ausflug in die eigene Geschichte, schön so voller Liebe und zärtlichen Gefühls würdigen zu können, was war, trotz allem, weil es insbesondere das Ergebnis dieser Paarung besonders würdigt und das ist besser als ich es mir je vorstellen konnte. Dieses völlig objektive Urteil eines liebenden Vaters über seine pubertierende Tochter, sollte natürlich total ernst genommen werden, weil es einen wichtigen Punkt betrifft, der dies ganze Vater-Mutter-Kind-Thema betrifft, dass zu  großen Teilen auf Gefühlen beruht, die der Vernunft nicht unbedingt zugänglich sind, aber von der Natur doch ganz vernünftig so angelegt scheinen, da sie auch der Erhaltung der Art dienen. Es geht um Liebe, aber das ist dabei auch gut so und ganz natürlich logisch, wenn wir es nicht verstehen können, ist das nicht schlimm, es scheint in uns angelegt, wie eine Software, die aktiviert wird, sobald wir Eltern werden und das auch zulassen.

Bin kein Psychologe, habe keine Ahnung davon, halte die Psychoanalyse und die erfundene Seele für eine der übelsten Sekten der Gegenwart, die viele Menschen in destruktiver Gefangenschaft hält, weil sie die Freiheit des Einzelnen durch etwas über ihm, was den vorher Gott mit dem Begriff Unterbewusstsein ersetzt, bestimmen will und dies nach normativen Regeln tut. Die Mutter meiner Tochter aber war Psychologin, eine sehr kluge dazu und wir führten viele Gespräche und Diskussionen zu diesem Thema, bei dem es auch um die eigene Rolle und Identität ging und ich entwickelte eine zunehmende Antipathie gegen jede Schematisierung, die ich, wenn ich in eine Schublade gesteckt wurde, als Stigmatisierung empfand, gegen die ich geradezu Abwehrreflexe entwickelte, was genug Konfliktpotential schon an sich bot, dass ich staune, wie lange wir es dennoch aushielten. Vemutlich wussten wir doch, ohne es uns einzugestehen, besser wird es nicht mehr.

Darüber nun friedlich zu schreiben und sie in ihrer auch kritischen Sicht auf den eigenen Berufsstand zu sehen, als reflektierte Frau, die auch ihre Macken hat, wer hätte solche nicht, zu sehen und zu wissen, es war gut so und ich habe viel auch von ihr gelernt für meine heute Haltung zum Leben heute, macht zufriedener als der Unfrieden, den manche um ein Scheitern inszenieren, indem sie ihre vorigen Liebsten als Fehler bereuen - ich will lieber immer sagen können, ich bereue nichts, vor allem nicht, wenn ein solch wunderbares Kind dabei herauskam, womit ich wieder in den hormonell geprägten Papi-Ton falle, der an meiner sonst kritischen Haltung zum Leben vernünftigerweise zweifeln lässt.

So wuchs ich in eine neue Rolle hinein, die für Frauen jahrhundertelang völlig normal schien und für die ich mich aber vor mir rechtfertigen musste, weil das doch nicht mein ganze Sein gewesen sein konnte, was zu geringerer Wertschätzung dessen, was ich tat und tun musste als Papi und Hausmann führte. War mir dessen bewusst und konnte dem doch nicht ausweichen, wenn ich auf dem Spielplatz die anderen Papis sah, die wichtig über Projekte redeten. Mein Projekt war, dass die Wohnung einigermaßen geputzt war, wenn meine Holde am Freitag zurückkam, ich ein schönes Essen auf den Tisch zauberte und mich derweil noch um meine Tochter kümmerte. Darüber zu klagen, schien mir lächerlich, ich tat ja nichts, nur das bisschen Haushalt und sich was nettes zu Essen aus irgendwelchen Kochbüchern raussuchen, um den wirklich gehobenen Geschmack meiner Holden zu befriedigen und sie danach noch voller Lust zu begehren.

Auf dem Spielplatz war ich noch einer der wenigen, Andere Väter kamen eher am Wochenende mit, wenn ich mit Mutti da war und aus meiner sonst Rolle herausfiel, auch keine Lust hatte besonders engagiert zu buddeln und mein Kind zu bespaßen, was ich ja schon sonst jeden Tag um mich hatte und beaufsichtigen musste. Erleichtert denke ich, heute kann ich über Texte wie diesen mit ihr reden, statt Sandburgen und Staudämme zu bauen und damit ist sie mir viel näher, als sie es beim Buddeln je war. Gefühlt ist es dennoch wohl für beide Seiten anders. So spielte ich am Wochenende die Rolle, die sonst die Muttis haben, während sich die Väter als Superpapis und seltene Gäste im Sandkasten beweisen wollen.

Mit dieser bisher sozial eher weiblich geprägten Rolle kam mein Ego weniger gut klar als meine Natur, warum es zwischen beiden zu Spannungen kam, die durch die gesellschaftliche Erwartung an einen Mann, der gefälligst auch ein richtiger Kerl zu sein hat, noch potenziert wurden. Wer war ich in diesem Durcheinander, was war meine Rolle, wo wollte ich hin?

Wusste es nicht so genau und bin da bis heute nicht weiter gekommen. Der Unterschied ist nur, heute nehme ich mich als einen der zwischen den Stühlen steht, viel von beidem in sich hat an und ringe nicht mehr um die Anerkennung der anderen, die mich toll finden sollen aber nicht verstehen. Vielleicht musste ich dazu erst über vierzig werden, um es zu akzeptieren, auch das weiß ich nicht so genau und freue mich nur darüber, heute auf eine solche Zeit in meinem Leben zurückblicken zu können, die vielleicht die wichtigste überhaupt war. Nicht weil ich tolle Sachen geschrieben hätte, der Roman, den ich nächteweise voller Visionen nebenbei schrieb, finde ich heute eher überladen, peinlich und bemüht und freue mich, dass er immer noch eher in der Schublade steckt, trotz der vielen guten Ideen in ihm, sondern weil ich ganz für meine Tochter da sein konnte, wie gut immer ich das war und eine neue Rolle lebte, die mich aus meinen Konventionen ausbrechen ließ. So wenig wir es schafften, dies später noch zu leben, der Versuch war klasse und darüber freue ich mich, weil ich mehr über mich gelernt habe, als all die Jahre vorher, auch wenn ich Jahre gebraucht habe, es zu begreifen, weil ich eben etwas langsam bin, auch im Nachdenken über mich selbst und nur schnell reden und schreiben kann.

Über die Papis in Prenzlauer Berg kann ich also wenig sagen, hatte immer das Gefühl, die meisten seien völlig anders als ich, lebten ein anderes Leben und hätten andere Probleme, darum flüchtete ich mich eher in Bücher, las viel, unter anderem den lieben Montaigne, ein immer guter Ratgeber, den ich in dieser neuen Phase meines Lebens gerade wieder lese und auch wenn mir manches bekannt vorkommt, es mir doch völlig anders scheint und dessen Genie ich noch lange nicht ganz begriffen habe und so freue ich mich darauf, ihn in einer neuen späteren Phase, wieder zu lesen, um darüber nachzudenken, wie er mir heute erscheint.

Lernte einige Mütter kennen, teils auf dem Spielplatz, teils auch in speziellen Kindergruppen wie etwa der PEKiP, dem Prager Eltern Kind Programm, bei dem die Babys in völlig überheizten Räumen miteinander nackt krabbeln durften und zugegeben hätte ich mir manchmal gewünscht, wir Eltern täten dies auch und das nicht nur der Temperaturen wegen. Auch in dieser Gruppe von Muttis, die sich später noch manchmal zum Spielen  oder auf einen Wein traf, hatte ich immer eine Sonderrolle und war weder dabei noch draußen. War eben ein Mann in einer Frauenrunde, der zu den Frauenthemen wie Still-BHs oder Einsetzen der Regel nach dem Abstillen wenig sagen konnte und beim Sex-Thema hielten sich die Damen in meiner Gegenwart sehr zurück. Einzelne stellten mal unter vier Augen eine Frage dazu, aber es wurde eher umgangen. Manches war und doch eigentlich eher nichts.

Belausche ich dagegen heute die Muttis in den Bars oder Cafés umme Ecke, geht es fast immer irgendwann um Sex, dass sie entweder völlig untervögelt sind oder genervt von ihren Typen, die immer nur das eine wollen, manchmal auch darum, wie die Kinder das Sexleben zerstören, wie sie es machten, damit die nichts mitbekommen und ähnliches mehr. Es gibt kaum Details dazu, über die Frauen sich nicht auch wortreich dazu unterhalten könnten. Manchmal habe ich schon gedacht, das Geplauder wurde überhaupt erfunden, damit manche Frauen dem natürlichen Bewegungsdrang ihres Kiefers folgen können, vermute aber auch das griffe vermutlich viel zu kurz, diese komplexen Wesen zu erfassen.

Andere Väter hatten ihre Kinder ausnahmsweise, ich hatte meine Tochter jeden Tag, 24h lang, bis auf die Stunden, die sie schlief, musste ich zumindest irgendwie aufmerksam sein. Die anderen Väter holen alles, was sie in der Woche an Zuwendung verpassen am Wochenende nach und bespaßen ihre Kinder dann mit einem riesigen Aktionismus. Dazu hatte ich weder ein Bedürfnis noch Energie und nie fand ich es je angemessen. Zum Glück sah es die Mutter meiner Tochter ähnlich.

Noch ausgeprägter aber scheint mir das schlechte Gewissen bei den Müttern zu sein, die ständig etwas mit ihren Kindern unternehmen, deren Tage und Wochen völlig verplant sind und die dann noch darüber klagen, wie sich ihre Kinder doch langweilten, wenn sie nichts unternehmen würden. Im Ergebnis sind die Muttis gestresst, die Kinder gestresst, beide genervt und keiner hat etwas von den als Zugewinn gedachten Veranstaltungen. Die genervten Kinder lernten nie, für sich zu spielen und die genervten Mütter beschäftigen sich darum ständig mit diesen, leiten sie auch noch zum Spiel an, wollen dabei noch ihre Fähigkeiten und Talente fördern. Vermutlich sind das auch die Leute, die später die Vereine füllen, um Löcher in ihrer Freizeit zu stopfen, die gefährlich langweilen könnten.

Gemessen an gesellschaftlichen Zielen habe ich nichts erreicht, kein Vermögen, keine Karriere, kein Ruhm und lange litt ich als Vater darunter, der seiner Tochter doch auch Ideal und Vorbild sein wollte und sich fragte mit was, während die Wichtigtuer Papis am Wochenende neben ihren Kindern um die Wette buddelten oder leidenschaftlich mit ihnen Fußball spielten, hoffte ich nur, dieser Krug möge bald an mir vorübergehen. Wenn ich aber nun sehe, dass meine Tochter sogar als fast zu sozial gilt, ihre hohe Empathie überall gelobt wird und ich merke, wie mein natürlich ungetauftes Kind auch in Fragen von Glaube und Philosophie unglaublich kritisch und vernünftig denkt, bin ich stolz wie Oskar, auch wenn ich nichts dafür kann und denke, alles kannst du doch nicht verpasst und falsch gemacht haben. Wie ich als Kind konnte meine Tochter stundenlang alleine spielen, klagte nur ganz selten mal, ihr sei langweilig und so gesehen, denke ich, es ist alles gut, mehr konnte ich nicht erreichen, als ihr diese Freiheit zu geben, nichts machen zu müssen.

Heute sehe ich mehr Väter auf dem Spielplatz, immer noch sind sie für meinen Geschmack zu engagiert im Spiel der Kinder häufig. Die sollen sich miteinander und für sich vergnügen lernen, wenn sie es denn wollen oder einfach in die Landschaft schauen und sich freuen, dass sie da sind, wenn sie das glücklich macht. Freue mich, wenn ich Eltern mit Buch auf dem Spielplatz sehe, die etwas für sich tun, wie die Kinder etwas für sich tun sollen. Habe immer ein Buch mit auf den Spielplatz genommen und daraus hat sich manch gutes Gespräch entwickelt, was mir aber weniger wichtig war, als mir dort etwas gutes zu tun, statt nur meine Tochter zu bespaßen, die ihren eigenen Weg gehen sollte, um herauszufinden, was sie glücklich machte. Dazu mein Kind mit Angeboten an Freizeitaktivitäten zu überschütten, schiene mir unmenschlich und entspricht vermutlich der Haltung von Menschen, die sich auch in ihrem Urlaub gern von einem Animateur bespaßen lassen.

Alle Eltern machen Fehler und kommen irgendwann an ihre Grenzen. Weil sie übermüdet und überfordert nicht mehr weiter wissen. Manche setzen dann die Brut vor den Fernseher, damit sie einen Moment berieselt Ruhe geben. Habe gar keinen Fernseher, wollte nie einen und habe meine Tochter also auch nicht vor diesen gesetzt, als ich noch mit ihrer Mutter zusammenlebte, die immer einen hatte, der aber zum Glück sehr selten nur lief. Ob ich bessere Ideen hatte als den Fernseher, wenn ich genervt war und nicht mehr konnte, weiß ich nicht - mit Abstand scheint ja alles viel gelassener, was in dem Moment so wichtig und ernst ist, dass wir nicht weiter wissen.

Heute beobachte ich manchmal meinen Schwager, der nun in der gleichen Rolle ist wie ich früher nur mit zwei Kindern, der im Unterschied zu mir auch handwerklich sehr begabt ist und gerne mal bastelt und es gibt wenig, was ich weniger mag, vermutlich weil ich um meine begrenzten motorischen Fähigkeiten dabei weiß. Er ist sehr prinzipientreu im Umgang mit seinen Kindern und besteht meist auf eine vernünftige und gerechte Streitlösung. Das nervt manchmal und dauert auch und natürlich geben dann alle hinterher irgendeinen Kommentar dazu ab. Auch meine Eltern, seine Schwiegereltern, die gern meinen er sei zu streng und zu konsequent, aber sich nie einmischen würden.

Das ist gut so, dann können sie als Großeltern großzügiger sein und alle Seiten sind miteinander glücklich in ihrer je Rolle. Finde ihn mutig, wie er seine Rolle lebt, die in dieser Ecke im Südwesten der Republik noch ungewöhnlicher ist, als sie es in Berlin zu meiner Zeit war. Wie er es mit seinen Kindern macht, weiß ich nicht zu beurteilen, wozu auch, nur sehe ich ihn als liebevollen Vater, der aus Überzeugung handelt und das ist für mich das einzige, was zählt. Würde heute sagen, es gibt kein falsch oder richtig in der Kindererziehung, nur mit oder ohne Liebe. Bei ihm spüre ich Engagement und Liebe und also ist alles richtig und gut so und von mehr habe ich ohnehin keine Ahnung, der ich weder Psychologe, noch Pädagoge bin, sondern zufällig beim schönen Sex Vater wurde, was ich jedem Mann nur wünschen kann, weil es eine der wichtigsten Lehren über sich und seine Rolle im Leben ist, du merkst, was Glück ist. Würde es sogar auf das Elternsein überhaupt ausdehnen wollen, dass eine ganz wichtige Erfahrung im Leben darstellt, aber wer wäre ich, zu meinen, ich wüsste, was Frauen gut tut oder was sie wirklich wollten? Zumindest das habe ich von meinen beiden Herzdamen gelernt, zu akzeptieren, keine Ahnung zu haben.
jens tuengerthal 22.3.2017

Dienstag, 21. März 2017

Renaissance 002

Wer auf den Mensch schaut
Verliert Götter aus dem Blick
Manchen ist das mehr
jens tuengerthal 21.3.2017

Renaissance 001

Renaissance heißt Wiedergeburt
Damit hat es am wenigsten zu tun
Sondern besinnt sich aufs Leben
jens tuengerthal 21.3.2017

Berlinleben 026

Bodes Welten

Fahre ich auf die Museumsinsel und nähere mich ihr von vorne, was einen ganz besonderen Reiz hat, die Spree hinauf also, geht mir immer das Herz auf, wenn ich die von den Fluten umgebene Spitze sehe, auf der doppelt bebrückt das Bode Museum steht. Dies Museum beherbergt nicht nur einige der schönsten Schätze der Weltstadt, es tut dies auch im denkbar schönsten Ambiente im gelungensten Gebäude der Insel, sehen wir von Schinkels Altem Museum in seiner Klarheit mal ab, was eben schlicht und eckig nur ist, während sich dies Haus Fluß und Inselspitze anpasst, eins mit ihr wird, Teil der Natur hier ist.

Vom Pergamon Museum durch die Eisenbahn getrennt ist es ein Solitär, der groß zum Eintritt aufmacht, mit dem großen Kurfürst gegossen auf Marmor überlebensgroß reitend, danach schlicht beeindruckt, um im Aufstieg großes Theater um Friedrich zu bieten, für alle die lieber nur geradeaus gehen. Lieber aber biege ich vor dem Theater schon nach rechts ab in die italienische Renaissance, die erst den Hokuspokus der Gotik auf der anderen Seite rein ästhetisch erträglich macht, mit einem Lächeln eben, die menschlich sinnlich ist und nicht wie Gotik und Byzanz noch erfundenes übersinnliches für allein bedeutend hält.

Was ist nicht alles heute Weltkulturerbe, dachte ich manches mal, wenn die Zeche Zollverein neben dem alten Weimar steht oder andere Provinz irgendwo neben der Berliner Museumsinsel, dem wohl schönsten Ensemble an Museen auf so engem Raum in der Welt. Einmalige Sammlungen, die von der Frühzeit bis in die Gegenwart reichen, wenn erst das Humboldt Forum hinter der Fassade des Schlosses vollendet ist. Es findet jeder dort seine Epoche und bei Bode im hinteren westlichen Flügel kommen sogar die Münzsammler noch auf ihre Kosten, zu denen ich mich nie zählte, auch wenn das alte Geld sicher schöne Geschichten aus untergegangenen Welten erzählen kann, von vergangenem Glanz kündet, Welten eröffnet.

Doch bevor ich mich nun ins Detail verliebe, gehe ich nochmal mit den Besuchern vielleicht vom Schiffbauerdamm aus, wo noch eine letzte Saison Peymann das Brecht Theater BE bespaßt, bis er auch seinem Alter gemäß endlich gehen darf. Wann die Zeit zum Abschied gekommen ist oder wäre, was stattdesse noch kam, kann noch eine andere Geschichte werden, wenn ich vom Sommerfest dort erzählen werde. Heute aber ist dies nicht völlig unbedeutende Theater nur Dekoration des Weges zum Bode Museum, das ursprünglich Kaiser Friedrich Museum hieß, wie auch die Spree und ihre Uferpromenade mit ihren vielen Schönheiten, architektonisch und immer wieder ganz natürlich, auch direkt gegenüber von Bode, wo nicht nur im Hochsommer unter freiem Himmel Tango getanzt wird, die mir sonst immer einen Blick oder eine sinnliche Anekdote gern wert sind - mit wem saß ich nicht schon alles in der hier Strandbar - nur begleitendes Geplätscher auf dem Weg in die baulich schönste Welt der Berliner Museen sein darf.

Ein Halbrund inmitten des Flusses öffnet sich zwischen Säulen an schmalest möglicher Stelle, der Spitze eben, zu dem erst die Brücke den gehörigen schmalen Vorplatz schafft. Auch direkt davor ist dies Museum schön und beeindruckend doch wirklich großartig wird die Vorfreude, wenn wir uns ihm, dem Fluß folgend von der Friedrichstraße aus zu Fuß nähern, denn gerade die Lage macht viel vom Charme dieses Hauses aus, von dessen Fenstern du immer ins Wasser schaust, das den Bau an beiden Seiten weit umspült. Wie ein Leuchtturm oder der letzte Ort, steht es an der Spitze mit seiner zweckfreien Kuppel und der gerundeten Empore in dessen Spitze sich das Museums Café mit der allerbesten Lage theoretisch befindet, wenn es diese nur zu nutzen wüsste. Aber das Café möchte ich begleitet von den interessierten Besucherinnen erst im Anschluss besuchen, in dieses stolpern wir dann aus dem Museumsladen.

Zuvor heißt es Karten kaufen am wunderbar fast antik wirkenden Kassenhäuschen mit den Holzfenstern. Durch hohe hölzerne Türen kommen wir zu dem riesigen im kitschigen Stil des 19. Jahrhunderts errichteten Reiterdenkmal für den großen Kurfürsten, dem Urgroßvater des Alten Fritz. Was könnte in dieser gigantischen Halle, die nur der künstlerisch eher sehr zweitrangigen Reiterfigur Obdach bietet nicht an schöner Kunst inszeniert werden, auch wenn sie ein Abguss einer Figur von Schlüter sein mag, passt sie nicht ins Haus - sie dient bis heute der Inszenierung der Hohenzollern, denen wir dies Museum verdanken. Sehenswerter als dieser große Gaul mit kurfürstlichem Reiter im antiken Stil, der galvanoplastisch von WMF hergestellt wurde, die sich besser auf schlichte Töpfe beschränkten, sind dagegen die wirklich sehr schönen Toiletten vor dem Eingang in die Kamecke-Halle, noch rechts und links in Männlein und Weiblein ohne drittes Geschlecht oder ähnliche genderkorrekte Wunder getrennt.

Die Kamecke-Halle heißt nach den dort ausgestellten, sehr viel zarteren Figuren Schlüters, die ursprünglich das Dach des letzten von diesem erbauten Hauses in der Dorotheenstraße zierten. Die Villa-Karmecke in der Dorotheenstraße 74, an deren Stelle heute das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung steht, wurde von Schlüter zu Beginn des 18. Jahrhunderts als Lustgarten in der Dorotheenstadt in der damals Letzten Straße gebaut für Ernst Boglislav von Kamecke. Dieser einem alten pommerschen Geschlecht entstammende Junker war preußischer Staatsminister und Generalpostdirektor, der anfänglich erfolgreich die Schatulle von König Friedrich I. verwaltete, ab 1717 aber in Intrigen geriet, was schließlich 1719 zu seiner Entlassung in Ungnade führte, warum er noch acht Jahre bis zu seinem Tod die schlüterschen Figürlein in Ruhe genießen konnte. Diese Villa wurde ab 1779 der Sitz der Freimaurergroßloge Royal York, in die Friedrich der Große eingeweiht worden war und deren Rituale er in anfänglichem Interesse noch mit prägte. Später zog sich Friedrich wie auch Lessing mehr aus diesem doch nur Verein gelangweilt zurück, was der Autor aus eigener Erfahrung nachvollziehen kann, auch wenn er damals noch wirklich revolutionäres Potenzial teilweise hatte, etwa bei der Boston Tea Party oder dem Ballhausschwur des Bruders des Grand Orient Graf Mirabeau. Jedoch blieb das Haus bis 1935 im Eigentum der Großloge, als die Nationalsozialisten alle Freimauerlogen auflösten und deren Eigentum konfiszierten. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Haus von Bomben getroffen und brannte völlig aus. Vor der Sprengung nach dem Krieg wurden noch Schlüters Figuren abgenommen und stehen seitdem in der Karmenke-Halle, einige plastische Überreste kamen ins märkische Museum, am anderen Ende der Insel ein Stück die Spree hinauf, immer einen Besuch wert und irgendwann auch noch eine Geschichte hier. An Nachbargebäuden lassen sich noch Spuren der etwas zurückgesetzten Villa erkennen, die ansonsten verschwand.

Vor der nun Kapelle im Stil der italienischen Renaissance, die auch manches aus dieser Epoche offenbart, von Medici Wappen bis zur sakralen Kunst ist es für den erfahrenen Besucher an der Zeit nach rechts abzubiegen, statt sich von sakraler Kunst berauschen zu lassen, sich lieber der menschlicheren Kunst der italienischen Renaissance zuzuwenden. Auch hier findet sich natürlich mancher Altar oder eine Kirchenbank, ein Papstkopf dort, doch in allem überwiegt bereits der humanistische Geist der Renaissance, der nach der Natur sucht und aus ihr seine Freude empfängt, den Menschen als Wesen in der Natur begreift und sein lässt, nicht nur im Schatten des übermächtigen Aberglauben.

Durch diese Räume zu schlendern und zu sehen, wie in den Zentren der italienischen Renaissance ein neues Menschenbild entstand, statt alberner Marien- und Christusbilder plötzlich der Mensch im Mittelpunkt stand, auch wenn dies ‘plötzlich’ einige Jahrhunderte dauert und ein langsamer Prozess der Distanzierung und Entfremdung von einer immer dreister werdenden Kirche war. Der Beginn der Renaissance, die nach dem Ideal der Antike suchte, das sie wieder gebären wollte, ist schwer exakt zu terminieren.

Stephen Greenblatt hat es in seinem großartigen Buch die Wende, wie die Renaissance begann auf die Wiederentdeckung des rerum natura, von den Dingen der Natur, von Lukrez durch Poggio gelegt, was sich deutlich nachweisbar in der Kunst und Philosophie auswirkte. Gute These, die den atheistischen Geist der Renaissance auch betont, die eben auf die Natur und den Menschen mehr schaut als auf die erfundenen Götter, wie es Lukrez in seinem Text nahelegt, den Rom bald wieder verbieten ließ, wie sie ihn jahrhundertelang hinter Klostermauern hatten verschwinden lassen. Dieser Text, der viele Denker bis heute beeinflusst, sollte nicht unterschätzt werden, doch denke ich inzwischen, der Geist der Renaissance zeigte sich schon weit früher, eben in der Suche nach solchen Texten, kommt genau das neue Denken zum Ausdruck, das sich auf das antike Erbe bezieht. Jacob Burckhardt lässt es ungenauer und erwähnt auch die erotischen spöttischen Geschichten aus dem Italien des 13./14. Jahrhunderts, in denen sich der Freigeist zeigt, die auch Poggio, der Sekretär des römischen Papstes war, der auf dem Konzil zu Konstanz zugunsten des aus Avignon gemeinsam mit dem spanischen abgesetzt wurde, mit aller Deftigkeit veröffentlichte und schon vor seiner Entdeckung schrieb, weil sie ein gängiges Genre waren, Bestseller einer Zeit vor Erfindung der Druckerpresse. Wer durch die Räume des Bode zur Renaissance lustwandelt - selten passt dies Wort besser in seiner ganzen sinnlichen Schönheit als hier - wird genau dies feststellen, insbesondere wenn er sich danach in die Untiefen des dunklen Mittelalters der Gotik oder des byzantinischen Aberglaubens begibt.

Die Gotik gab grandiosen Handwerkern wie einem Riemenschneider eine Plattform, die meisterhaft, geradezu übermenschlich aus Holz Figuren formten, zur Verehrung Gottes und im ganzen Wesen dem höheren Ideal folgend, an dem nichts menschliches war, wie es sich so deutlich in den erotischen italienischen Geschichten des 14. und 15. Jahrhunderts schon zeigte, wo Pfaffen und Aberglaube verspottet werden. Warum nur kam, als Italien in der Renaissance zu den Vorfahren aus Rom und Griechenland aufbrach als Reaktion aus dem Reich kein Aufbruch sondern nur die Reformation eines antisemitischen Mönchs namens Luther, was wäre aus Europa geworden, wäre es in einer Kirche weiter zur Freiheit gegangen, um sich als ganzes zu befreien, statt sich gegenseitig um des wahren Glaubens willen den Schädel einzuschlagen?

War die Reformation nur die kleingeistig deutsche Antwort auf die Renaissance, die einzig zurück zum wahren Glauben wollte, statt sich in der Renaissance vom Aberglauben zu befreien?

Das 1904 als Kaiser Friedrich Museum eröffnete heutige Bode Museum, zum Gedenken an den legendären Direktor der Gemäldegalerie, der den Bau veranlasste, beherbergt die Skulpturensammlung, das Museum für byzantinische Kunst und das schon erwähnte Münzkabinett, von dem aus der Blick aufs Wasser aber sehr schön ist, besonders am Wochenende, wenn am anderen Ufer Flohmarkt ist. Seit Oktober 2006 dürfen wir Berliner uns wieder an unserem schönsten Museumsbau erfreuen, dem einzigen Haus, das so zärtlich mit seiner Umgebung spielt, sie aufnimmt und einbezieht in seine architektonische Konzeption.

Bis 1945 stand eine protzige Reiterstatue auch noch vor dem Museum zur Verehrung von Kaiser Friedrich III., dem 99 Tage Kaiser und Vater des peinlichen Wilhelm II., der sich noch als Kronprinz ab 1871 massiv für das Kunstmuseum eingesetzt hatte. Konkrete Vorschläge dazu kamen vom Kunsthistoriker Bode, ab 1914 bitte von Bode, dessen Ideen der kaiserliche Hofarchitekt Ernst von Ihne zwischen 1897 und 1904 in den heutigen Bau umsetzte. Bode ließ noch die auf die Kunstsammlung der Kurfürsten zurückgehende Sammlung mit Skulpturen und Gemälden zusammen präsentieren, was einen besseren Eindruck des Geistes der Zeit gab als die heutige strenge Trennung der Kunstwelten, die doch so eng zusammengehören. Aber noch gibt es Hoffnung auf den Masterplan, der für die Museumsinsel Bodes Idee der Einheit wieder umsetzen will.

Der Bau im Stil des Neobarock errichtet, der sonst selten Schönes war, steht auf einem 6000m² großen Grundstück, das ein unregelmäßiges Dreieck bildet. Von 1824 bis 1897 stand hier noch das Berliner Mehlhaus, sowie seit 1876 die Kunstbaracke in der regelmäßig Ausstellungen zeitgenössischer Künstler stattfanden. Trotz der unregelmäßigen Grundfläche auf der gebaut wurde, haben es die Architekten geschafft, den Eindruck völliger Symmetrie zu erwecken. Der Bau wurde mit schlesischem Sandstein aus der Kreidezeit verkleidet. Teile des Gebäudes steigen wie die Schaumgeborene direkt aus der Spree und geben damit dem Kunstpalast seinen ganz besonderen Charme.

Gesättigt und erfüllt vom Geist der italienischen Renaissance, ihrer immer auch Erotik und Lebensfreude, wende ich mich dann der Basilika zu, die deutsche Gotik und Byzanz von der menschlichen Schönheit der Italiener trennt. Der langgestreckte Mittelraum zwischen den beiden Flügeln des Hauses zeigt in Seitenkapellen religiöse Bildwerke und farbige Terrakotten mit teils religiöser Motivik. Eine Kirche mit vielen Altären ohne Apsis und Götzendienste, dem Wissen und der Kunst gewidmet.

Den Abschluss des Mittelschiffs des Museums bildete nach den großen Türen aus der Basilika, die immerhin den religiösen Zeitgeschmack der Renaissance als zentral betont und nicht die wesensmäßig düstere deutsche Gotik und also auch im Zentrum Geschmack bewies, die kleine Kuppelhalle im Rokokostil mit pompöser Marmortreppe, die von Friedrichs preußischen Generälen umstanden wird, auch der König selbst findet sich allerdings bescheiden im Erdgeschoss, gemeinsam mit den Venus und Merkurstatuen von Pigalle, die ursprünglich den Auftakt der Weinbergstreppe in Sanssouci bildeten. Die sechs Generäle Friedrichs standen früher am Wilhelmsplatz und wurden inzwischen museal. In dieser repräsentativen Flucht zwischen großer Halle und kleiner Halle fanden auch Empfänge statt, bei denen die Hofgesellschaft wohlhabende Bürgerliche als Mäzene lud, sie in angemessener Umgebung zu schröpfen.

In den Ausstellungsräumen selbst hatte Bode noch Ensemble aus Gemälden, Skulpturen und kunstgewerblichen Objekten dicht gedrängt aufgestellt, es muss ein intensives Erlebnis auf engem Raum gewesen sein, der die Kunst der Epochen vorführte. Dabei wurde den ersten großen Mäzenen Thiem und Simon der Gefallen erwiesen ihre geschenkten Sammlungen geschlossen nach ihrem Spender zu präsentieren, statt entsprechend der Epochen. Mit vielen zusätzlichen vor allem in Italien zusammen gekauften innenarchitektonischen Details wollte Bode das Erlebnis der Besucher möglichst authentisch gestalten. So verfolgte er mit seinen Stilräumen ein neues museumspädagogisches Konzept, was lange belächelt wurde, auch wenn es erstaunliche Wirkung zeigte und den Gang durch die Geschichte zum kulturellen Erlebnisse machte.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Haus glücklicherweise relativ wenig beschädigt und nach der Herstellung eines Notdaches gab Johannes R. Becher, der damalige Kulturminister der DDR dem Museum am 1. März 1956 den neuen Namen Bode-Museum, nachdem es zunächst in der SBZ Museum am Kupfergraben genannt wurde, um den kaiserlichen Namen aus der Welt zu tilgen, der nicht zum Arbeiter und Bauern Staat passte. Dennoch zog sich in der DDR die schrittweise Wiederherstellung des Gebäudes bis zum Stadtjubiläum 1987 hin. Jedoch stellen sich ab 1990 immer mehr Mängel der vorigen Arbeit heraus, warum ab 1997/98 die Generalinstandsetzung in Angriff genommen wurde. Sie erforderte die denkmalgerechte Wiederherstellung des Gebäudes, zu der auch die Wiederherstellung des Tiepolo Kabinetts gehörte, in dem 22 Fresken Tiepolos in spätbarocker Umgebung passend inszeniert wurden. Der während des Weltkrieges völlig zerstörte Raum, dessen Bilder glücklicherweise ausgelagert worden waren, konnte nach einem alten Schwarzweiß Foto originalgetreu wiederhergestellt werden.

Im Rahmen des Masterplans der Museumsinsel, der noch manch schönes vorsieht, was derzeit noch im kleingeistigen Geiz sich zu verlieren droht, ist schon der Übergang zum Pergamon-Museum vorgesehen. Die Werkstätten und die Sicherheitstechnik wurde auf den neuesten Stand gebracht. Auf dem Weg zurück zum Original wurden auch manche nachträgliche Einbauten wieder beseitigt und ursprüngliche Farbfassungen wiederhegestellt.

Heute stehen die Kunstobjekte eher locker gruppiert, relativ frei  im Raum, eröffnen gelegentlich überraschende Perspektiven, entsprechen jedenfalls aktuellen Sehgewohnheiten eher als Bodes historisierende Kabinette, die vielleicht eine zu hohe Dichte aufwiesen, auch um noch heutigen Anforderungen an die Sicherheit gerecht zu werden. Der ganze Spaß kostete 152 Millionen Euro und wurde vollständig aus Bundesmitteln finanziert, was im Verhältnis zum Ergebnis verschwindend wenig noch scheint, wo ist ein mit solchen Schätzen bestückter Gang durch unsere Geschichte sonst auf der Welt noch möglich?

So hat die wunderbare Sanierung dieses Museums auch wohl entscheidenden Anteil an der Stellung als Weltkulturerbe, auch wenn dazu im ästhetischen Vergleich zur Zeche Zollverein etwa vermutlich sogar der grässliche Berliner Dom genügt hätte, der besser abgerissen und durch Schinkels schlichten Vorgänger ersetzt würde. Bei der Sanierung zeigte sich, dass die Räumlichkeiten der von den Direktoren Eisenhauer und Parzinger geplanten Verlegung der Gemäldegalerie und die gemeinsame Präsentation, nicht genügen würde. Darum wurde ein schöner Neubau auf dem anderen Ufer der Spree geplant, der durch einen Gang verbunden werden sollte.

Zur Zeit ruht dieses Projekt jedoch aus Kostengründen. Der Optimismus Parzingers ist wohl etwas gebremst, aber noch ist nicht aller Tage Abend und sollten keine größeren Krisen bevorstehen, spricht wenig dagegen langfristig die zusammengehörigen Sammlungen auch räumlich wieder zu vereinen, um die Kulturgeschichte Europas hier ganzheitlich zu präsentieren, wie sie schöner kaum irgendwo je zusammenfand. Dann würde Bodes Plan in zeitgemäßer Form ein wunderbares Staunen realisieren.

Im oberen Geschoss finden sich auf der einen Seite großartige Figuren und Schnitzereien, teilweise aus Elfenbein und Ritterheilige aus der Zeit der Dreißigjährigen Krieges, die teilweise uralte numismatische Sammlung, gehört zu den frühesten Kollektionen im Besitz der brandenburgischen Kurfürsten und ist auf ihrem Gebiet eine der größten und wichtigsten Sammlungen der Welt, wen immer das wirklich mal interessiert hat. Es lässt sich anhand des Geldes aber sicher viel Kulturgeschichte nachvollziehen und manches, was dem Laien nur ein unwichtiges Detail oder schlichter Schmutz zu sein scheint, ist dem Fachmann die Spur zur Rätseln der Geschichte, die uns oft unsere Zeit erst verstehen lassen. Es ist also sicher sehr verdienstvoll und wichtig, sich auch für die Numismatik zu interessieren und zu begeistern, nur ich, aufgrund meiner beschränkten geistigen Fähigkeiten und der relativ geringen Aufnahmekapazität meines zugegeben sehr löchrigen Gedächtnisses habe diesen Teil bisher jenseits des gerade noch Pflichtbewusstseins mal da gewesen zu sein, eher sträflich ignoriert.

Zwar lehrten schon die Römer, dass Geld nicht stinken würde, pecunia non olet hieß das bei ihnen, wobei es eher um Latrinengebühren als um Münzen ging, meine ich, doch nehme ich mir bisher meist die Freiheit eher der Leidenschaft für die schöne Kunst zu folgen und dann am Ende schönster und teilweise auch hocherotischer Elfenbeinschnitzereien, bei denen teilweise, mehrfach verschlungene Paare beim Gruppensex sich auf sehr elegante Art oral befriedigen und, was auf Facebook vermutlich zur Löschung des Account eher führte denn Hass-Propaganda, steht hier im schönsten deutschen Museum jugendfrei zur Unterhaltung aller Besucher herum, die merken, wie vielfältig lustvoll doch die Kunst sein kann, was wir fürs Leben von ihr lernen und wie viel Spaß Menschen auch schon vor mehreren hundert Jahren am Sex hatten, den sie sich als kostbares Kunstobjekt schnitzen ließen.

Von den schönsten Elfenbeinschnitzereien gelange ich in den Museumsshop voller schöner Bücher, der allerdings, seltsamerweise weniger verführerisch dekoriert ist als der im Keller der Alten Nationalgalerie und mich darum meist ohne Folgen wieder in das auf ihn folgende Café entließ. Eine traumhafte Lage, an der Spitze der Insel, Blick theoretisch rundherum, leider nur theoretisch, ist dies Café im schönsten Museum Berlins viel besser gelegen, als es ist und nutzt sein Potential bisher leider nicht wirklich, was mir noch unverständlich blieb. Dort treffen sich immer wieder elegante Gäste mit referierenden Kunsthistorikern und wichtigen Entscheidern mit mehr oder weniger viel sachlicher Ahnung, die angeregt debattieren und sich dabei sehr wichtig nehmen. Diese deutsche Ernsthaftigkeit gebührt der schönsten Gotik Riemenschneiders und den Schätzen aus tausend Jahren byzantinischer Kultur hier ohne Frage - es geht ja um Weltkulturerbe, eine ernste Sache - doch vollkommen schön würde es an diesem aus vielen Gründen geliebten Ort erst, wenn auch im Café die Leichtigkeit und Menschlichkeit voller Lebenslust aus den Räumen der italienischen Renaissance einzöge. Das Mittelalter ist tot, die Religion ein Treppenwitz der Geschichte,  bäumt sich in letzten Kämpfen geistig lächerlich auf, die Kunst ist es, die unsere Kultur trägt, genießen wir sie aus vollem Herzen dort und nehmen wir uns viel Zeit dafür.
jens tuengerthal 21.3.2017