Freitag, 24. November 2017

Liebeszeit

Hat die Liebe eine Zeit
Ist sie natürlich begrenzt
Wie unser Leben immer
Oder doch unendlich

Wer liebt will es für immer
Weil das Gefühl größer ist
Als alles nur vorstellbare
Anders wäre es nur halb

Dennoch sagt der Verstand
Alles Leben ist in der Natur
Endlich und darum auch die
Liebe ans Leben gebunden

Wenn einer stirbt endet nicht
Die Liebe dessen der noch lebt
Nur der andere ist nicht mehr
Wer übrig ist liebt eine Sache

Drum  interessiert Liebende nie
Der Tod der sie scheiden wird
Sie lieben sich für die Ewigkeit
Egal ob es eine solche je gibt

Was ewig währt ist unendlich
Für das größte Gefühl gerade
Genug darum ist der Tod uns
Völlig egal wie was sein kann

Dich so für immer zu lieben
Macht mich unendlich glücklich
Das genügt für die Ewigkeit
Die wir in jedem Moment teilen

Goethe dichtete uns einst noch
Voller Sehnsucht der Augenblick
Möge doch verweilen weil er so
Wunderschön ihm wohl erschien

Brauche es nicht mehr zu hoffen
Lebe es längst so mit dir also
Ist der Augenblick uns Ewigkeit
Was mehr an Glück könnte sein

Die Liebe hat keine Zeit mehr
Sie fing irgendwann an aber
Mit ihr endet alles davor wie
Es kein danach mehr gibt

Wie wir uns die Welt machen
Entscheiden wir beflügelt von
Unserer Liebe und also ist es
So wie wir unsere Liebe leben

Endlos glücklich zu sein ist
Das schönste was sein kann
Weil ich gern glücklich bin
Liebe ich dich ohne Ende

Weil ich unendlich glücklich
Mit dir bin ist mir die Natur
In ihren Grenzen ganz egal
Wir lieben jenseits der Zeit

jens tuengerthal 24.11.2017

Donnerstag, 23. November 2017

Beziehungsmarketing

Braucht die Liebe Marketing
Müssen wir uns einander
Noch möglichst gut verkaufen
Um unseren Wert zu schätzen

Die Liebe genügt sich selbst
Stellt dafür keine Bedingungen
Sondern liebt bedingungslos
Zumindest ist es theoretisch so

Praktisch wollen wir gefallen
Tut es gut erkannt zu werden
Oder noch besser bewundert
Wollen toll gefunden werden

Natürlich zeigt sich die Liebe
Da am klarsten wo wir leiden
An uns oder an irgendwelchen
Zweifeln fast verzweifeln

Wer sich dann geliebt fühlt
Ist miteinander in Sicherheit
Dahin zu kommen aber hilft
Das Beziehungsmarketing

Alles im Leben hat seinen
Markt auf dem wir überlegen
Was es uns wert sein könnte
Welchen Preis wir zahlen

Die Liebe gibt es kostenlos
Sie kommt einfach oder nicht
Beziehungen jedoch sind stets
Ein Handel miteinander noch

Sich dabei gut zu verkaufen
Leitet uns der Instinkt natürlich
Da wollen wir toll erscheinen
Um Lust und Liebe zu wecken

Nur es Handel zu nennen ist
Natürlich bei echten Gefühlen
Total verpönt als seien diese
Irgendetwas übersinnliches

Alles was ist ist nur Natur
Glücklich wer in ihr gut lebt
Streben wir mit Liebe danach
Wird gutes Leben natürlich

So verkaufe ich mich meiner
Liebsten ganz natürlich immer
Von meiner besten Seite aber
Weiß auch um meinen Wert

Die Liebe möchte sich reizen
Um sich stets reizend zu finden
Wer dies sorgsam beachtet
Wird sich wertvoll bleibten

Was könnte noch schöner sein
Als meinem Schatz ein solcher
Größter Schatz zu sein immer
Beziehungsmarketing hilft dabei

Scheuen wir nicht der Liebe so
Fremde Worte der Wirtschaft
Wo sie zum natürlichen Ziel
Leichter uns führen sind sie gut

Alles was der Liebe dient ist gut
Manchmal eben auch Umwege
Die mehr wertschätzen lassen
Was uns der größte Schatz ist

jens tuengerthal 22.11.2017

Meinungsfrei

Heute hat jeder eine Meinung und soziale Netzwerke scheinen dazu da zu sein, die fehlende verbale Kinderstube für alle deutlich zu machen. Es wird geschimpft, verflucht und mit sicherer Meinung schwadroniert und gestritten. Manche tragen ihre politischen Ansichten auch noch auf die Straße.

Sicher ist die momentane Situation des Übergangs und des offenen Ende weiterer Verhandlungen besonders dazu geeignet, sich mit einer festen Meinung in den Vordergrund zu spielen, genau Bescheid zu wissen und in Talkshows andere lautstark zu verurteilen, doch finde ich gerade viel mehr Freude daran, mich immer mehr auf diesem Gebiet jeder Meinung zu enthalten.

Nicht weil ich keine hätte oder es mir an Informationen oder Bildung mangelte, mir eine zu  bilden, das vielleicht auch, möge die Nachwelt beurteilen, sich selbst da zu betrachten, wirkt immer irgendwie etwas eitel, sondern weil ich es wichtiger finde, viele Meinungen zuzulassen, als eine zu verurteilen.

Viele schreien nun nach Neuwahlen, empören sich über die Unfähigkeit zur Einigung, empören sich über die einen oder die anderen voller Leidenschaft, die selten mit der Ahnung in der Sache konform geht, sondern sich eher umgekehrt proportional verhält. Wer besonders empört den einen oder anderen verurteilt, ist meist nur darum sicher im Urteil, weil eine genaue Kenntnis der Inhalte fehlt.

Die Beschimpfung der Kanzlerin durch die verängstigten Pegiden, die den Untergang des Abendlandes mindestens fürchten, ist ein Beispiel für diese von Vorurteilen und Dummheit geprägte Ahnungslosigkeit, die mit der AfD sogar ein parlamentarisches Gesicht bekam. Spätestens mit dem Einzug dieser latent ausländerfeindlichen Populisten in den Bundestag, wurde es vornehmer, sich dort lieber zu enthalten, als das Krakeelen der Radikalen noch zu fördern. Ignoriere es lieber, statt mich lange mit den Aluhüten dort zu beschäftigen, wo Argumente mit Vorurteilen niedergebrüllt werden, fand der Diskurs ein Ende. Solange der Badenser Schäuble den älteren Wachmann im Bundestag gibt, bin ich aber völlig beruhigt.

Darum braucht dies Land nun eine stabile Regierung, die ihre Arbeit gut erledigt, den Populisten keine Plattform für Angriffe gibt, sondern deutlich macht wo die Grenzen des demokratischen Konsens sind. Diese soll sich auf eine sichere und große Mehrheit im Bundestag stützen können, damit das Parlament für den gewöhnlichen Gang der Geschäfte keine zu große Rolle mehr spielt, die Populisten echolos verhallen.

Die Bürger vor allem im Osten, dort besonders in Sachsen und teilweise auch in Bayern haben den Wert der stabilen Demokratie scheinbar noch nicht ganz verstanden und sind anfälliger für die einfachen Antworten der Populisten, scheint es. Darum werden wir diesen nun Zeit geben über dies Ergebnis in Ruhe nachzudenken, die radikalen Forderungen ins Leere laufen lassen und eine möglichst stabile Regierung aus allen demokratischen Parteien einsetzen, die ruhig und ordentlich ihre Arbeit erledigt.

Manche Sozialdemokraten habe diese historische Notwendigkeit auch noch nicht erkannt und möchten lieber mit ihrem bedingt tauglichen Mr. 100% ihre Wunden lecken, meinen sie würden populär, wenn sie nun nach Neuwahlen schreien und sich der SED-Nachfolgeorganisation, der sogenannten Linken, annähern. Andere die schon in ministerieller Verantwortung waren und sich dort bewährten, wie etwa Andrea Nahles, äußern sich umsichtig viel vorsichtiger, weil sie sachlich mehr verstehen als der ehemalige Bürgermeister von Würselen.

Weiß nicht, ob eine Neuwahl das Ergebnis sicherer und besser gestaltete, habe daran aber gewisse Zweifel, vor allem mag ich die dafür nötige politische Lüge des künstlichen Misstrauensvotums nicht, doch ist es nicht mehr meine Aufgabe, dies nun zu gestalten. Habe als Bürger meine Stimme abgegeben und damit den Auftrag erteilt, eine Regierung zu bilden. Wenn dies schwierig wird, müssen sie sich halt noch ein wenig bemühen und wenn nötig eine Regierung der nationalen Einheit der Demokraten gegen die radikalen Kräfte am linken und rechten Rand bilden.

Sich in der Mitte zu sammeln, gefällt nicht allen, weil sie dabei auch eine Stärkung der radikalen Ränder geben kann. So behaupten manche Demoskopen und Politologen der Aufstieg des AfD sei das Produkt von Merkels Besetzung der breiten Mitte. Bin weder das eine noch das andere, halte nur jede Statistik für die Hure desjenigen, der sie zu seinen Zwecken benutzt, enthalte mich darum einer Meinung dazu.

Die CSU in Bayern besetzt viele Felder, von aufgeschlossen modern und technikaffin bis zu radikal in der rechten Ecke, nahe dem AfD und war damit bisher in diesem Flecken des Landes relativ erfolgreich. Hat sich das S von den Sozen geklaut und in die Mitte gestellt und gibt damit vielen der Eingeborenen das Gefühl einer Allzuständigkeit, die mit dem christlichen C gar noch bis in den Himmel reicht, besonders als wir Papst waren, wie Bild noch du Papa Ratzis Wahl einst titelte.

Merkel hat die CDU weiblicher, grüner und aufgeschlossener gemacht. Die SPD hat eigentlich keinen Platz in der Mitte neben ihr. Das alte Klientel der SPD, das Milieu der Arbeiter ist weggebrochen oder wählt mangels Bildung lieber gleich radikal AfD oder Linke, weil einfache Antworten schlichten Gemütern schon immer mehr lagen, es blieben die frustrierten Oberstudienräte, die längst in Pension sind. Die Situation ist für klassische Strategen der linken Mitte schwierig geworden, zumal die Grünen einiges dort abdecken und die Linke alle unversöhnlich radikalen Geister und die Ewiggestrigen einsammelt, die Marx totalitäre Ideen immer noch für das bessere Gesellschaftsmodell halten und meinen der Sozialismus habe noch irgendwo Zukunft

Nun, wie auch immer, wer sich enthalten will, sollte sich enthalten und also fasse ich mich lieber kurz und widme mich den schöneren Dingen wie der Literatur und einem geruhsamen Blick in die Geschichte, denke an Michel de Montaigne, der sich mit Blick auf die Stoa und Epikur, den er über die Lektüre des Lukrez schätzen lernte selbst schrieb, dass ihm Enthaltung immer mehr als die klügste Philosophie erscheint, nicht weil er keine Meinung haben könnte, er stritt sich gern zu vielen Themen an seiner Tafel oder sonst bei jeder Gelegenheit als Jurist wie als Ritter, sondern weil die Kunst doch eher ist, im Urwald der Meinungen ihre mögliche Vielfalt zu erkennen und stehen zu lassen, weil nichts sicher ist, außer, dass alles fließt.

Mögen sich welche Verhandler auch immer nun einigen, darum möchte ich mich eigentlich nicht weiter kümmern und fände auch weniger mediale Hysterie dazu sehr angenehm. Die Worte des Bundespräsidenten waren deutlich und ich teile diese Sicht - der Wähler, also auch ich, hat seinen Auftrag abgegeben, nun sollen sich verdammt noch mal seine Vertreter bemühen, einen Weg mit stabilen Mehrheiten zu finden, wie ihn das Land für die Zukunft braucht.

Vielleicht ist es bei fehlender Aussicht auf dauerhafte Stabilität weise und politisch höchst verantwortlich, sich zurückzuziehen, damit andere eine Mehrheit finden können, nicht noch mehr Zeit verschwendet wird. Das Kindergartenverhalten, nein, nein, nein, mit dem koaliere ich jetzt nicht, müssen alle ablegen und nach einem gemeinsamen Weg suchen, der gangbar ist. Auch der Bundespräsident hat sich jeder Meinung und Parteilichkeit zu enthalten und nur kraft seines Amtes auf eine Lösung hinzuwirken, die von den Beteiligten aber selbst gefunden werden muss.

Sollen sie mal machen, noli me tangere, sagt der Lateiner und Stoiker, nichts rührt mich an oder regt mich auf. Wir brauchen keinen Liveticker aus den Sondierungen oder Meldungen im Sekundentakt welcher Furz nun wem bei möglichen Wegen quersitzt. Wenn Menschen gemeinsam Verantwortung übernehmen wollen, sollen sie das tun und miteinander reden. Wenn einer es nicht alleine tun will, sollen sie es gemeinsam ruhig und verantwortlich tun.

Möchte auch zu dem Thema nicht mehr mit stündlichen Wasserstandsmeldungen in den Koalitionsgläsern genervt werden. Wenn die Arbeit erledigt ist, gibt es eine Pressekonferenz und bis dahin bleiben die Türen besser geschlossen, damit nicht jeder ständig vom anderen lesen muss, was für diesen völlig unmöglich ist. Das sind erwachsene Menschen, wenn sie eine Regierung bilden wollen, müssen sie wohl einander vertrauen, wie in einer Ehe, wobei beides in der Realität schwieriger scheint, als es die Vernunft gebietet. Bis es eine Einigung gibt ist also Stille im Medienzirkus angesagt und jeder der zwischendurch Interviews oder Wasserstandsmeldungen weiter gibt, wird von allen künftigen Verhandlungen ausgeschlossen.

Dann wird die Hauptstadtpresse laut schreien. Aber damit könnte ich gut leben, sollen sie sich über eine solche vermeintliche Beschränkung der Pressefreiheit zum Wohle der Demokratie ruhig echauffieren, bis sich wer mit wem geeinigt hat, keine Berichte mehr, bitte, es schadet in der Sache mehr als es je nutzen kann.

Weil die versammelten Medien nun nicht unbedingt auf meine Meinung hören werden, vor allem da sie fürchten, es könne ihnen sonst eine gute Story entgehen oder entscheidende Worte, die mehr als das Blubb der letzten Wochen wären, kann ich nur allen vernünftigen Menschen nun raten, sich des Themas zu enthalten, bis es etwas dazu zu sagen gibt, also über irgendein Ergebnis diskutiert werden kann.

Dann sind wir möglicherweise noch Wochen in einem unklaren Schwebezustand, höre ich die Empörten schreien, die arme Wirtschaft, die doch immer Sicherheit bräuchte und viele mehr werden sich fürchterlich fürchten, so sie mit zuviel Zeit anfangen, darüber nachzudenken.

Kann alle diesbezüglich beruhigen. In Deutschland schwebt nichts, wir sind in einem gut verwalteten, ganz natürlichen Zustand, nur weil die Chefsessel der Ämter vielleicht teilweise neu besetzt werden, ändert dies nichts an der Funktionsfähigkeit der Verwaltung. Dabei interessiert mich die normale Arbeit der Verwaltung so wenig wie immer, es sei denn sie betrifft mich zufällig mal direkt. Die sollen ihre Arbeit erledigen, wie ich die meine und gleiches gilt auch für eine künftige Regierung. Das Parlament ist gewählt, Mehrheiten gibt es, nur gegen Merkel halt nicht, also kennen wir das Ergebnis vorher und der Rest ist nicht meine Sache.

Sich in Enthaltung und Gelassenheit üben, tut so gut, wie sich im Sturm hinter den Deich zu verziehen und einen feinen Tee zu trinken, was ich hiermit nun tue und meinen Senf zur deutschen Bundespolitik gebe ich erst, wenn überhaupt wieder, wenn wir eine Regierung haben. Es könnte auch dabei bleiben, um sich wieder wichtigen Dingen zu widmen wie  Kunst, Kultur, Geschichte und Liebe. Ziehe mich also in die Welt der Bücher und der Literatur zurück und lasse diesen Sturm in Ruhe vorbeiziehen

jens tuengerthal 22.11.2017

Mittwoch, 22. November 2017

Launendeich

Wider die Launden der Natur
Schützt uns am Meer der Deich
In der Stadt der Regenschirm
Bei den Frauen Gelassenheit 

Der Wall dient der Sicherheit
Die es in der Liebe nie gibt
Was wäre auch ein Gefühl
Wenn es nur vernünftig wäre

Wie die Natur auch gegen alle
Vernunft tut was ihrer Laune
Aus ganz komplexen Gründen
Entspricht sind Frauenherzen

Muss nicht mehr alles verstehen
Es genügt für ein Leben im Glück
Sich was auch immer kommen mag
In der Liebe als Mann sicher zu sein

Stürme kommen aus vielen Gründen
Es mag berechenbar vernünftig sein
Doch im Sturm brauche ich nur Schutz
Dann warte ich ab bis alles gut ist

Habe die beste Frau der Welt gefunden
Werde sie immer hüten wie mein Leben
Das sie so ausfüllt wie ich sie überall
In diesem Wissen bin ich in Sicherheit

So sitze ich wohl gut hinterm Deich
Beobachte den Sturm in aller Ruhe
Wenn der Himmel wieder blau ist
Gehe ich raus und grüß die Sonne

Wenn der Deich zu brechen droht
Hole ich Sandsäcke ihn zu stützen
Sonst hilft abwarten und Tee trinken
Alles wird wieder gut irgendwann

Der Deich wider die Launen der Natur
Ist ein guter Ort in Ruhe zu genießen
Bei einer heißen Tasse Tee abwarten
Gibt mehr Gelassenheit in der Liebe

jens tuengerthal 22.11.2017

Bürgerrituale

Bei uns ist Weihnachten wie bei den Buddenbrooks, sagte ich immer gerne, wenn ich meine Familie beschreiben soll, einmal vorab dahingestellt, wer welche Rolle übernimmt zwischen Konvention und Untergang, wie sehr ich dabei über mich lächle und ob die alten Rituale wirklich noch in die neue Zeit passen

Es gab klare Konventionen, die, zumindest so lange meine Großeltern lebten, wir in ihrem Haus zeremoniell feierten, immer gleich abliefen. Dies begann schon mit der Ankunft von hinten, weil der Raum zum sonst Eingang, die sogenannte Halle, als Festsaal geschmückt wurde von den Großeltern, wir Kinder den Baum keinesfalls vorher sehen durften und meine Großmutter mit besonderer Liebe und Zärtlichkeit uns Kindern jedesmal den Baum nach der Bescherung noch en detail vorführte - von der singenden Christbaumkugel mit erzgebirgischer Mechanik bis zu den wenigen Neuerwerbungen vom Weihnachtsmarkt, wie wir sie vom elterlichen Baum kannten.

Wir waren stolz, dass uns die liebe Omi Elfie alles zeigte und wenn unsere Väter dann später nach dem Festessen anfingen, mit der Mechanik des Baums zu spielen, fanden wir das ziemlich kindisch und ungezogen, so gefesselt waren wir Kinder von den würdigen Ritualen, die der Feier bei den Großeltern ihre ganz besondere Würde gaben.

Wir schlichen uns also im Winter von hinten über das großelterliche Schlafzimmer, dass dann auch als Garderobe diente ins Haus. Vor dem Eingang zur Halle hing ein Bettlaken im Rundbogen und keiner von uns Kindern wagte einen Blick - zumindest für mich, war es aller Neugierde zum Trotz unvorstellbar, gegen das geheime Ritual der Großeltern zu verstoßen.

Die Geschenke wie auch das Schaukelpferd, das an Weihnachten aus dem Spielzimmer im Keller in die Halle getragen wurde und dessen Mähne der Großvater als alter Reiter persönlich flocht, wie er auch angeblich Sattel und Trensen genäht hatte für das in meiner Erinnerung schon immer uralt aussehende aber unsterbliche Schaukelpferd namens Pipifax.

Inzwischen ritt auch meine Tochter schon auf Pipifax und bald hoffentlich ihre Kinder wieder und ich denke an die Lederhosensage, das Gedicht des Börries von Münchhausen, der sich leider auch den Nazis so unrühmlich andiente - “Generationen kommen, Generationen gehen, hirschlederne Reithosen bleiben bestehen ...” Wer weiß wie viele Generationen nach mir noch auf diesem alten Schaukelpferd sitzen werden, für das mein Vater jüngst einige neue Kleinigkeiten spendierte, wie es bei Münchhausen die Hirschhornknöpfe waren.

Bis zur Bescherung verzogen wir uns noch mit den Vätern in den Keller, wobei die großen Jungens, also die Generation meiner Eltern immer viel leidenschaftlicher als wir spielte, sei es nun Tischfußball, Tischtennis oder mit der berühmten Billerbahn, über die stets mein Lehrer-Onkel als erfahrener Modelleisenbahner die theoretische Oberaufsicht führte, auch wenn sie der kleinste Bruder am Ende bei der Aufteilung des Erbes bekam.

Vielleicht gab es auch noch einen Tee vorneweg im großelterlichen Biedermeierzimmer, das mit Möbeln dieser Zeit, einem wunderbaren Prahlhans mit dem schönsten und kostbarsten Geschirr, dem Schreibtisch der Großmutter und einem eben biedermeierlichen Ohrensessel und Portraits, bei denen ich bis heute nicht sicher bin, ob es nicht doch Vorfahren waren, bereits reichlich gut gefüllt war als gute Stube für das Frühstück auch warm in Erinnerung.

Das etwas aufgeregte Spiel mit unseren Vätern, die in ihrem Elternhaus wieder zu Knaben wurden und in ständigem Konkurrenzkampf standen, war für mich immer eine der lustigsten Sachen der Zeit vor der Bescherung. Mit zunehmendem Alter wurde diese Zeit länger, da unsere Mütter die Großmutter beim Kochen des festlichen Essens immer mehr unterstützten - wie mein Großvater früher die Rehkeule aufschnitt, machte das später mein Vater als Herrendienst in der Küche.

Nicht weil die Väter nicht kochen konnten, zumindest teilweise konnten sie das auch, sondern eher als harmonische Verabredung bereiteten die Schwiegertöchter mit der Schwiegermutter das Festessen vor, während die kleinen und größeren Knaben und Mädchen im Keller spielten und der Großvater letzte Hand an den Baum legte, die Geschenke davor und darum drapierte.

Wenn die Rehkeule soweit war und auch sonst alles seinen ruhigen Gang ging, gab die Omie dem Grotepater genannten Großvater bescheid, ging zum Vorhang und rief hindurch: “Vaddern, wir wären dann soweit.” Dann steckte er die  Bienenwachskerzen an - was anderes kommt auch meinem Vater bis heute nicht an den Baum und genau diese Kerzen verbreiteten den wunderbar weihnachtlichen Duft, der immer auch etwas schlossig war.

Dann schlug er zweimal den Gong und in den nun letzten Minuten vor der Bescherung erreichte die Spannung den Höhepunkt. Die Mütter riefen aufgeregt in den Keller, damit die Söhne und Gatten endlich kämen und diese rannten alle aufgeregt wie kleine Kinder die schmale Treppe hinauf,  um nicht zu spät zu kommen, was immer wieder zu mindestens kleinen Auffahrunfällen führte, manchmal auch echt ins Fallen überging, bis einer, meist der Lehreronkel oder sein älterer Zwilling, der Afrikaner, streng ermahnte, nun sei aber schluß mit lustig, es sei schließlich Weihnachten, dabei war gerade er immer einer der aufgedrehtesten und die Onkel spielten uns Kindern vor, sie seien mindestens noch aufgeregter als wir, was die Geschenke betreffe, lachten laut und viel, wie Jugendliche die Zuhause noch Grenzen austesten müssen, vor allem die eigenen.

Natürlich sind Geschenke für die meisten Erwachsenen keine große Aufregung mehr - wir bekommen, was wir uns wünschen - auch die Söhne meiner Großeltern mutierten nicht zu Kindern, auch wenn sie sich immer noch auch gegenseitig gelegentlich gern selbstgebastelte Fotokalender oder ähnliche Dinge schenken und dann gemeinsam mit strahlenden Augen betrachten und sich erzählten wie es wo war - doch viel wichtiger als die Sachen, war das Ritual, das sie dabei zelebrierten voller Leidenschaft und bei dem sie eben in ihre alten Rollen zurück schlüpften, spielen konnten voll ausgelassener Albernheit, auch wenn sie noch nichts getrunken hatten und sich so im Ritual eben in Kinder verwandelten, was wir, ihre Kinder manchmal ein wenig übertrieben albern fanden aber doch auch irgendwie süß.

Sobald sich dann endlich mit immer irgendwelcher Verzögerung die ganze Familie samt aufgeregter Kinderschar vor dem Durchgang in der Schlange versammelt hat, die großen Jungens schubsten und kniffen sich dabei immer noch und ich weiß bis heute nicht, ob sie so albern waren, weil sie tatsächlich so aufgeregt wie wir Kinder waren, obwohl es doch eigentlich jedes Jahr das gleiche Theater war, sie es schon viel länger kannten oder sie aus pädagogischen Gründen übertrieben, um unsere Aufregung zu erhöhen, einfach ihren Spaß hatten, aber manchmal ist es auch gut, bestimmte Dinge offen zu lassen - nun mit bald 80 sind die großen Jungens etwas ruhiger geworden.

Auch nachdem der Großvater natürlich im dunklen Anzug schließlich den Vorhang öffnete und uns in die Halle ließ, durfte sich noch keiner auf die Geschenke stürzen, sondern dann wurde erstmal gefühlt stundenlang gesungen, jeder durfte sich ein Lied wünschen, zumindest fast jeder. Hier waren die großen Jungens, also meine Onkel wieder mit viel Albernheit und Leidenschaft dabei - mal dichteten sie Texte um, dann machten sie Faxen, bis Grotepater oder Omie Elfie, die nie Elfriede genannt werden wollte, sie zur Ordnung riefen.

Vor dem brennenden Baum stehen, aber mit noch gehörigem Abstand, die Geschenke teils in Wäschekörben schon erahnend war dieser lange Gesang eher eine Kinderfolter als das große Glück meiner Kindheit auch wenn ich heute selbst, sogar ohne jede eigene Musikalität für ein möglichst ausgiebiges Singen bin, es herrlich finde, sogar wenn es so bescheuert christliche Texte sind wie bei den meisten Weihnachtsliedern.

Wie bei den Buddenbrooks sind auch große Teile zumindest der männlichen Mitglieder meiner Familie nicht mit großer Musikalität gesegnet, doch während bei Mann noch dezent nur gebrummt wurde, um die Form zu wahren, wird bei uns zum Leid des musikalischeren Teils vermutlich, kann da nur vermuten, da ich nicht zu den Musikussen gehöre, voller Leidenschaft und Liebe laut gesungen, mehr oder weniger tonal je nach natürlicher Begabung.

Diese von hoher Selbstdisziplin auch der Kinder getragene Verzögerung wurde durch noch zwei rituelle Einlagen der bürgerlichen Familie bei uns verlängert, von denen ich heute erst verstanden habe, dass sie Weihnachten so schön machten, weil sie verzögerten, die Spannung und Aufregung davor  möglichst lang erhalten blieb.

Wie bei den Buddenbrooks wurde dann aus der alten Familienbibel die Weihnachtsgeschichte vorgelesen, allerdings nicht von der Konsulin oder Großmutter, sondern von der ältesten Kusine, die in ein Engelskostüm gesteckt wurde, wenn ich mich richtig erinnere - the show must go on.

Kann dadurch die klassische biblische Weihnachtsgeschichte zu Teilen bis heute auswendig, meine ich zumindest:

“Und es begab sich aber zu der Zeit, da Quirinius Landpfleger in Syrien war, dass ein Gebot ausging vom Kaiser Augustus, dass alle Welt sich schätzen ließe. Und so ginge auch Josef aus Galiläa mit seinem Weib Maria und die war schwanger gen Bethlehem, denn er war vom Stamme David”.”

So oder so ähnlich würde ich es jetzt blind zitieren, kenne es seit Kindertagen, die doch nun auch mehr als 40 Jahre nun her sind. Rituale prägen sich ein, egal was wir darüber denken oder davon halten. Vielleicht sind die Rituale überhaupt nur der Rahmen der bürgerlichen Existenz, von der ohne nichts übrig bleibt

Es wurde in den letzten Jahren viel auch über den Untergang der bürgerlichen Gesellschaft diskutiert, wie zugleich das Bionade-Biedermeier als neue Sehnsucht der eigentlich bürgerlichen Existenzen, die nach ihrem irgendwas mit Medien Studium in Berlin landeten, sich fortpflanzten und darum einen neuen Rahmen für ihre Familien suchten. Die Sehnsucht scheint erkannt, inhaltlich scheint wenig geklärt bis heute.

Wie wollen wir leben außer anders, was hält uns zusammen, wenn nicht die Rituale aus unserer Kindheit?

Auf die Weihnachtsgeschichte folgte das alte Lied Stille Nacht, bei dem sich dann vor dem finalen Erreichen der fröhlichen Weihnacht alle an den Händen fassten und so auswendig sangen, also textsicher sein mussten. Dann ging das große Umarmen und Knutschen los, während die Großmutter zum Baum ging, um die Geschenke unter Aufruf der Namen zu verteilen. Mit den Geschenken glücklich legte sich die Aufregung ein wenig, wenn auch das Zeigen und Bestaunen der Geschenke noch wichtig war, häufig  und fast rituell begannen dann die Onkel zuerst mit dem neuen tollen Spielzeug zu spielen oder Ratschläge zu seiner Verwendung zu geben, wenn die Erwachsenen nicht schon mit dem ersten Sekt oder Cognac beschäftigt waren. Mancher erinnerte dabei an Christian Buddenbrook, wie er am Weihnachtsabend Hannos neuses Puppentheater bewundert und dann für einen Moment voller Leidenschaft im Schauspiel versinkt, selbst spielt, bevor er sich in den Club verabschiedet.

Das  Familien Weihnachtsfest ging dann noch weiter im formellen Rhythmus der Gewohnheit. Auf das Auspacken der Geschenke folgte irgendwann das Festessen im Festsaal Keller, das auch ganz strengen Ritualen mit natürlich möglichst immer gleicher Speisenfolge als Siegel der Tradition und Beständigkeit.

Die ganze Familie mit den traditionellen Gästen, also ganz alten Freunden der Familie noch aus Kindertagen der Eltern oder den Geschwistern des Großvaters, dabei vor allem die älteste schwerhörige Großtante, die immer angebrüllt werden musste, damit sie etwas verstand, aber noch mit über neunzig mit ihrem Mercedes Coupé angebraust kam, wanderte in den Keller und nahm ihre Plätze so ein, wie es der Großvater als pater familias sich wünschte.

Alle bestaunten dann die wunderbare Tafel, die mit dem schönen Meißen eingedeckt war, jeder Teller mit Goldrand handgemalt mit einer anderen Blumen. An den Wänden hingen Kerzenleuchter, die den schloßigen Eindruck der riesigen Tafel noch verstärkten, auch wenn sie teilweise schon elektrisch betrieben wurden, was aber die Luft erträglicher hielt, denn in dem zwar großen aber doch mit der riesigen Tafel randvollen Raum  mit der niedrigen Decke, wurde es beim tafeln schnell sehr warm und alle waren vom Alkohol erhitzt genug. Um die Teller lag in der Reihenfolge der Gänge das Besteck - das gute Familiensilber mit  den Initialen der Großmutter, das noch vor Weihnachten von den beiden poliert worden war. Dazu mehrere Gläser für die verschiedenen Weine und ein Wasserglas, für die Kinder, manchmal auch nur das Kinderglas, wenn feste Plätze für uns vorgesehen waren, wie etwa, wenn es zu viele waren der Kindertisch in der Ecke, an dem wir uns dann ungestört fast wohler fühlten.

Doch kaum saßen alle und waren die ersten dampfend duftenden Platten auf der Tafel verteilt, hieß es wieder aufstehen, um vor dem Essen zu beten. Betrachte dabei andächtig die Meißen Teller mit dem Goldrand, die tatsächlich meist um die ganze Tafel herum reichten, jedoch weniger des Randes als der fein gemalten Blumen darauf wegen, muss aber zugeben, dass sich mir die wahre Schönheit dieses Porzellans erst langsam im Alter erschließt und ich sie lange eher nur bunt fand. Auch diese Teller sind bis heute, inzwischen haben meine Eltern das Erbe der Großeltern angetreten und irgendwann fällt das Erbe dann auf mich oder eines meiner Geschwister, wie die hirschledernen Reithosen Münchhausens, ein Kultgegenstand der Familie geworden.

‘Segne Vater diese Speise, uns zur Kraft und dir zum Preise’, betete dann der Großvater  vor. Doch täuschte sich, wer dachte, er könne sich nun endlich auf die noch warmen Speisen stürzen - zuvor gaben wir uns alle noch die Hände - was bei weit über 20 Personen eine große Runde und ein mühsames sich finden werden konnte - und sagten dann alle gemeinsam:

“Gesegnete Mahlzeit und guten Appetit”

Dann bekamen zuerst die Großeltern ihre Teller gefüllt und wenn er dann schließlich das Glas erhob und sprach, “Laßt es euch schmecken und fangt einfach an, es wird ja nur kalt, zum Wohl!”, durfte auch das übrige Volk sich nehmen und mit dem Essen beginnen, das aber immer wieder durch einzelne Toasts in jedem Gang unterbrochen wurde.

Erst der große Toast auf die ‘Motter’, die dies wunderbare Essen gezaubert hätte und die sich dann bedankt und auf all ihre Helferinnen und den ‘Vadder’ trank, ohne den dies alles doch nicht möglich gewesen wäre. Dann dankte einer der Söhne mit schönen bewegenden Worten, besonders der jüngste hatte dabei ein rührendes Talent allen, einschließlich sich selbst feuchte Augen zu bescheren, so dass manche Rede kein normales Ende mehr fand und sich alle danach lachend und heulend in den Armen lagen. Während der späteren Gänge dankten auch die Gäste, meist dem Alter nach, etwa die Schwiegereltern der Söhne, so ihnen das Reden lag, dann die Freunde.

Während der mehr oder weniger kurzen Reden wurde andächtig und voller Gefühl gelauscht, nach und zwischen den Reden reichlich getrunken. Die Gesellschaft wurde immer zwanglos fröhlicher und in manchen Fällen, wenn es besonders warm wurde, lockerte der Großvater schon seine Krawatte, bis die Großmutter dann irgendwann in den lockeren Teil überleitete und den Herren gestattete ihre Jacketts auszuziehen.

Bevor wir uns wieder in die anderen Räume verteilten, oft nach einer kleinen Verdauungspause, die mit Tischtennis  oder Tischfußball gefüllt wurde, falls es der der Grotepater gut gelaunt gestattete, was mit  zunehmendem Alter häufiger vorkam, wurde noch der Nachtisch rituell verteilt.

Der Großvater verteilte die Portionen mehr oder weniger gerecht auf die Teller unter vielen lauten und lachenden Kommentaren der Anwesenden - das ist aber ungerecht, waren die häufigsten oder was für eine große Portion.  Dann schloss er die Augen, während die Großmutter auf den einen oder Teller zeigte und fragte, “wer soll das haben?”, worauf der Großvater immer einen Namen nannte. Früher dachte ich auch die Nennung der Namen müsste einem bestimmten rituellen Ablauf folgen, auch wenn es Zufall suggerieren sollte, heute denke ich eher, er folgte seiner Intuition, die nur im Rahmen der sozialen Formen beschränkt wurde, Gäste meist vor Familie, die ‘Motter’ gerne am Anfang schon, wir nicht mehr hungrigen aber auf den so inszenierten Nachtisch ganz scharfen Kinder danach und dann alle der Reihe nach, wie es meinem Großvater gerade einfiel.

Vielleicht hatte er auch für dieses letzte Ritual der Tafel ein geheimes System, das er sich lange vorher notierte oder beim Decken der Tafel plante, ich weiß es nicht und habe ihn nie gefragt, weil es immer wie willkürlich zufällig inszeniert schien. Doch neigen der Kult und die Rituale der Familien zur Legendenbildung, wie die Geschichte um das Wappen der Familie, das mein Großvater über sehr skurrile Wege bei einem Antiquitätenhändler in Brüssel wohl wieder, wenn nicht doch neu entdeckte, mit dessen tatkräftiger Unterstützung - mein Großvater war immer ein guter Kunde für Antiquitäten, die auch preislich über seinen tatsächlichen Verhältnissen lagen, war sich aber immer sicher großartige Gelegenheiten genutzt zu haben, etwa bei seinem Turner, den er so günstig erstand, den aber außer ihm und seiner Frau wohl keiner für einen solchen hielt.

In ganz besonderen Fällen gab es noch das ominöse Ritual der großen Verehrung zelebriert, bei dem alle Gäste an der Großmutter vorbei flanierte, sie wie eine Königin begrüßten und ihr zuprosteten und sie auf rituelle Weise küssten. Denke es ist schöner, den genauen Ablauf als Geheimnis der Familie zu wahren, weil es meinem schlechten Gedächtnis entgegenkommmt.

Die Großeltern wussten Feste und Überraschungen wunderbar rituell zu inszenieren und ihr Leben hatte für uns Enkel eine genaue Ordnung, der sie stetig folgten. Ein Höhepunkt der Erinnerung ist auch eines der Feste, dass im Weinkeller des bereits schlafenden Großvaters feucht fröhlich endete, während wir uns auf Boden und wenige Hocker in dem kleinen Raum zwängten, den der frankophile Grotepater sehr liebevoll für sich ausgestattet hatte.

So haben viele alte Familien ihr ureigenen Traditionen und Rituale. Das Hände geben vor dem Essen habe ich immer weitergeführt und finde es wichtig und schön, um sich nicht nur die Nahrung zuzuführen, sondern das gemeinsame Mahl zu würdigen. In diesem Sinne finde ich sogar als Atheist das Tischgebet schön und betrachte es als familiäres Ritual, spreche es mit, weil es um eine schöne Tradition geht, die für mich, der ich so aufwuchs, einen Wert an sich darstellt, dennoch konnte ich mich nie von mir aus zum Gebet entschließen, es lag mir einfach zu fern, etwas über mir anzunehmen.

Es ist viel gefragt und geschrieben worden, was die Bürgerlichkeit heute ausmacht - Thomas Mann fing mit seinem Requiem auf die Epoche 1900 mit seiner feinen Ironie damit an, Joachim Fest fragte nach Bürgerlichkeit als Lebensform, von Schwanitz bis Reich-Ranicki bemühten sie sich wieder um den bürgerlichen Bildungskanon und den Umgang mit ihm in bildungsfernen Zeiten medialer Unterhaltung. Doch kommt es darauf wirklich an?

Bin in einer Familie voller Besserwisser groß und logisch selbst einer geworden, was es in der Schule und im Studium nicht immer einfacher machte, heute nicht das sicherste Mittel ist, Sympathien zu gewinnen, nicht für emotionale Intelligenz spricht -  zum Glück habe ich eine Frau, die das schätzt, liebt und würdigt, was mir die  Fortsetzung der Bildungstradition zumindest leichter macht, wenn es denn gewünscht ist und sinnvoll wäre.

Habe eine Jahreskarte in den Staatlichen Museen in Berlin und besuche sie bei jeder Gelegenheit  wie auch das Städel, wenn ich mal in Frankfurt bin, sammle Bücher und lebe mit ihnen, versuche schreibend die Welt zu verstehen und meine Sicht auf sie zu erklären - aber kommt es darauf für die bürgerliche Tradition an oder ist die hoch getragene Nase und der Bildungskanon heute eher Ballast, um noch einen familiären Konsens zu finden, der die Tradition fortsetzt?

Als Einzelgänger, kümmere ich mich selten um andere und interessiere mich für sehr wenig, was die meisten Menschen tun, hatte nie einen Fernseher, würde nie freiwillig in ein Fußballstadion gehen, obwohl ich Fußball spannend finde, besuche die Museen lieber, wenn sie relativ leerer sind, um meine Ruhe zu haben. Damit bin ich wohl eher ungeeignet eine soziale Tradition fortzusetzen und habe auch lieber meine Ruhe, statt mich um alle zu kümmern, rufe selten wen an, bin genug mit meinen Gedanken und Worten beschäftigt. So gesehen bin ich vermutlich asozial und das Hochhalten der bürgerlichen Bildung als Kanon wäre bloß eine Beschäftigung mit meinen ureigensten Interessen, täte aber nichts für den Fortbestand der Gemeinschaft Familie.

Indem ich aber die Rituale einhalte, pflege ich die Familie und gebe jedem die Möglichkeit seiner Art entsprechend an dieser Gemeinschaft teilzunehmen. So werden sie zur Brücke miteinander, etwas das verbindet, ohne darüber hinaus zu fesseln oder Erwartungen zu stellen. Es ist ein Zelebrieren der Gemeinschaft in einer überkommenen Form, also eigentlich etwas ziemlich konservatives, was uns aber die Möglichkeit gibt, beieinander zu bleiben und immer eine Verbindung aus der gemeinsamen Geschichte zu haben.

Denke die Traditionen und Rituale der bürgerlichen Gesellschaft - vom Essen bis zum Feiern der Feste, können eine Brücke sein, mit der eine alte Lebensform in neuer Zeit weiter existiert. Sie ist flexibler als die Bildung, die den einen interessiert und den anderen weniger, zu der einer den Zugang findet, andere nicht. Betrachte ich etwa meinen Schwager, der mit bürgerlicher Bildung und Tradition vermutlich nicht so viel am Hut hat wie ich, aber seine Kinder ganz bewusst so erzieht, dass sie sich auch gut in die familiären Traditionen einpassen, denke ich, er tut damit auf seine Art mehr für die bürgerliche Gesellschaft als die Apologeten des Bildungskanons und ich kann ihn würdigen und so lieben, wie er ist auch weil er damit Teil unserer familiären Tradition wurde.

Es war für den Besserwisser nicht einfach sein traditionelles Gebiet zu räumen, sah ich es doch immer als Basis der bürgerlichen Gesellschaft, doch ich habe inzwischen gelernt, dass die sozialen Handlungen im Miteinander gerade bei der Einhaltung der gewohnten Rituale viel wichtiger ist, um miteinander auch in Zukunft glücklich zu sein. So sehe ich den früher von mir hochgehaltenen bürgerlichen Bildungskonsens nicht mehr als existentiell an, sondern bloß noch als mein ganz privates für viele skurriles Hobby. Gemeinschaft auch im bürgerlichen Sinne, der immer ein liberaler und freier auch war, bilden Menschen - ihr Miteinander entscheidet mehr als ihre Idee von Bildung.

jens tuengerthal 21.11.2017

Dienstag, 21. November 2017

Po-e-try

Besinge glücklich deinen Po
Der es verdient wie keiner
Der schönste ist egal von wo
Ganz deiner manchmal meiner

Das erste Bild das du mir sandtest
War dein Po in grüne Spitze gehüllt
Noch bevor du mich real kanntest
Hat sich so bildlich ein Traum erfüllt

Besinge glücklich deinen Po
Der es verdient wie keiner
Der schönste ist egal von wo
Ganz deiner manchmal meiner

Verliebte mich ganz in dein Wesen
Doch seine Schönheit in Gedanken
Wo hast du meine Träume gelesen
Wie könnte ich für dies Bild danken

Besinge glücklich deinen Po
Der es verdient wie keiner
Der schönste ist egal von wo
Ganz deiner manchmal meiner

Wohlgeformt fest zugleich rund
Erschien er mir immer schöner
Laut tat ich meine Freude kund
Leckte ihn zart als Eingewöhner

Besinge glücklich deinen Po
Der es verdient wie keiner
Der schönste ist egal von wo
Ganz deiner manchmal meiner

Du warst da hinten ganz bange
So vollkommen unsere Lust war
Damit warteten wir ganz lange
Spürte ihn Nachts schon ganz nah

Besinge glücklich deinen Po
Der es verdient wie keiner
Der schönste ist egal von wo
Ganz deiner manchmal meiner

Irgendwann endlich ganz eins
Was war ich dabei selig froh
War es dabei deins oder meins
Voller Lust genoss ich dich so

Besinge glücklich deinen Po
Der es verdient wie keiner
Der schönste ist egal von wo
Ganz deiner manchmal meiner

Du schönes Wunder dass ich liebe
Welch Glück sich doch so zu haben
Befriedigten wir die heißesten Triebe
Als wir uns in der Lust alles gaben

Besinge glücklich deinen Po
Der es verdient wie keiner
Der schönste ist egal von wo
Ganz deiner manchmal meiner

jens tuengerthal 20.11.2017

Eher gnädig

Ist die Ehe eine Gnade oder wäre das zu gnädig?

Manche Ehen dauern ewig lang, dann halten die übrig gebliebenen sogar nach dem Tod des anderen, wenn dieser also nichts mehr ist, an der Gewohnheit emotional fest. Queen Elisabeth II. feiert heute mit Prinz Philip, dem Duke of Edinburgh ihre Gnadenhochzeit. Das sind 70 Jahre. Sie heiratete den Prinzen von Griechenland mit deutschen Wurzeln in der Pfalz zwei  Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, vielleicht nicht der beste Zeitpunkt, um Engländer von der Liebe zu einem halben Deutschen zu überzeugen, auch wenn seine deutschen Vorfahren mütterlicherseits aus dem Pfälzer Geschlecht Battenberg sich als britische Seelords bereits Mountbatten nannte, wie das englische Königshaus, das eigentlich Sachsen-Coburg-Gotha heißt, sich im Ersten Weltkrieg Windsor nannte. Unter den Mounbattens wiederun waren nicht nur große Admiräle sondern auch ein indischer Vizekönig, was die Partie doch im englischen Sinne wieder aufwertete.

Der Prinzgemahl der Königin steht stets in der 2. Reihe - ob ihm das gefällt oder nicht, die Königin hat den Vorrang bei jedem offiziellen Anlass. Ob es darum intern bei den Windsors zuhause umgekehrt zuging, Philip zuhause die Hosen in jedem Sinne anhatte ist unklar, Charles schien früher unter der bekannten scharfen und ironischen Zunge seines Vaters, die sich mit bissiger Ironie verband, gelitten zu haben, während sein Enkel William und Harry ihn als liebevollen Großvater kennen und schätzen lernten, war er in der Öffentlichkeit auch für seine oft sehr grenzwertigen Witze und Sprüche bekannt, die alles verspotten konnten - so war er selbst eine ironische Existenz mit viel Humor, bevor er sich vor kurzem aus der Öffentlichkeit zurückzog.

Damit in manchem ein Kontrapunkt zur auch formell steifen Queen, die stets bemüht war ihre Rolle hundert Prozent perfekt zu erfüllen ohne viel Gefühl zu zeigen, königlich zu bleiben. Nun hat dieses kontrastreiche Paar es geschafft die seltene Gnadenhochzeit zu erreichen, also über 70 Jahre verheiratet zu sein. Ob das der Kanzlerin und Herrn Sauer auch gelingt, ist noch offen - zumindest ist nicht zu vermuten, dass sie in diesem Alter noch im Amt ist, egal wie die Wahl nun ausgeht, in das sie aber auch nicht hineingeboren wurde als Pfarrerstochter, die in der DDR aufwuchs, die ihr Vater als er aus Hamburg, gen Osten ging, noch naiv für das bessere Deutschland hielt.

Habe bei meinen Großeltern auf beiden Seiten die Goldene Hochzeit miterlebt, also die 50 Jahre Jubiläum der eigenen Hochzeit. Beide hatten den Krieg für längere Zeit getrennt überstanden, bei der mütterlichen Linie hatte der Großvater in russischer Kriegsgefangenschaft irgendwo in der Ukraine oder war es in Sibirien, die vielen Jahre wohl auch nur darum überlebt, weil er eine Liaison mit der Lagerzahnärztin hatte, die von ihm lernte und ihm dafür Gemüse, Obst und wohl auch Liebe gab.

Angeblich hatten die Großeltern seitdem, als mein Großvater nach über zehn Jahren als Spätheimkehrer zurückkehrte, getrennte Schlafzimmer, sprich keinen Sex mehr - das dürften nach dem Krieg bis zu seinem Tod über vierzig Jahre noch gewesen sein, eigentlich sogar über 50 Jahre vom Kriegsende bis zu seinem Tod. Dennoch verstanden sie sich gut, hatten einen großen Freundeskreis, spielten zusammen Britsch und Tennis, machten eine Kreuzfahrt auf der MS Europa im Jahr und waren zwischendurch in der Traube Tonbach.

Sie hatten zwei Kinder, die sie mit unterschiedlich viel Liebe großzogen, meine Mutter war der Liebling, ihr eher nach dem Vater kommender anfangs kränklicher Bruder das ungeliebte zweite Kind, das, 1943 geboren, seinen Vater zum ersten mal bewusst sah, als er bereits fast  zehn Jahre als, was wohl viel über deren erwartbares späteres Verhältnis schon verrät, auch wenn oder weil sie sich in vielen so ähnlich wurden.

Glaube meine Eltern waren bemüht gerechter zu sein. Aber dennoch war ich mir meiner Sonderrolle als ältester Sohn, also Stammhalter und Liebling auch des Großvaters wohl bewusst, der seine Gunst gerne ungerecht verteilte. Der Sex spielte bei ihnen nach der Zeugung meiner beiden Schwestern  wohl auch keine so große Rolle mehr in ihrer Beziehung, die aber gerade im Alter wieder für alle überraschend sehr liebevoll zärtlich wurde, was mir gut gefällt,  als Aussicht des gemeinsamen Alters - was für Zyklen die Zuneigung auch nimmt, beobachte ich bei meinen Eltern wie Großeltern und den noch mit ihrer ersten Frau verheirateten Brüdern meines Vaters, was immerhin, ihn mitgezählt ¾ der Familie sind und also eher überdurchschnittlich. Im Alter, wenn es hält, werden viele wieder sehr liebevoll und das finde ich doch sehr beruhigend.

Vielleicht ist das erschreckende Bewusstsein des nahen Endes, was gnädiger im Umgang werden lässt oder gar echte Reife, die ich aber niemand ungefragt unterschieben möchte. Weiß es nicht so genau, da ich mich mit meinen nicht mal fünfzig noch sehr weit davon entfernt fühle. Abnehmende Lust kann ich mir mit meiner jungen wunderschönen Frau noch überhaupt nicht vorstellen, es nicht auch mehrmals täglich zu tun, käme uns schon komisch vor. Denke ich an die Eltern meines Vaters, die auch noch mit über achtzig lächelnd und zärtlich scherzend im Schlafzimmer verschwanden, denke ich mir eher, dass es so wird und bleibt - aber, können wir das beeinflussen, folgen wir in solchen Fragen nicht der Natur und erlernten Mustern?

Folge ich der rein statistischen Wahrscheinlichkeit, spricht manches dafür, dass ich, ähnlich wie mein Großvater mit seiner immerhin auch 7 ½ Jahre  jüngeren Frau, meiner geliebten Großmutter, ein schönes zärtliches Eheleben führen werde, da sich diese und meine Großmutter vom Wesen her nicht völlig unähnlich sind und ich, ähnlich wie mein Großvater immer die Frauen liebte, bis ich die Richtige fand und damit glücklich wurde. Ihm wurden bis zu hundert Frauen nachgesagt, was ich angesichts seiner Zeit auch im Paris der goldenen 20er, wenn auch als eher mittelloser Student, für nicht so unwahrscheinlich halte und auch während seiner jungen Jahre als kaiserlicher Kadett in Lichterfelde soll er, sagen Gerüchte, ähnlich wie James Bond viel später in Eaton, seiner Frauengeschichten wegen ermahnt worden sein. Bedenke ich, dass der Krieg 1918 endete, mein Großvater bei der Auflösung der Anstalt 1919 also 15 war, wird er bis Ende der 30er Jahre, als er heiratete, noch Zeit genug gehabt haben. Hatte durch Verzögerungen und Unterbrechungen ein wenig mehr Zeit als mein Großvater aber was sind schon Zahlen vor der Macht der Gefühle?

Ist das ewige Zusammensein erstrebenswert oder führt es automatisch zum Ersterben der Lust?

Dies scheint unterschiedlich zu sein und liegt wohl immer am Wesen der Beteiligten. Wer es einmal hatte, hat höhere Chancen, es auch im Alter noch wichtig zu finden und zu genießen. Bedenke ich wie gering der Anteil derer ist, mit denen ich dies erleben durfte, es ist unter 10% aller Frauen, denen ich in meinem Leben begegnen durfte, ist es eher unwahrscheinlich und so habe ich auch früher schon in längeren Beziehungen häufiger ein Abnehmen der Lust beobachtet, die zur Gewohnheit wurde, außer in den seltenen Fällen völliger Erfüllung, die geteilt wurde.

Früher gab die Ehe nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch jedem der Gatten auch juristisch den Anspruch auf Vollzug der Ehe. Vollzug wurde der eheliche Beischlaf, neudeutsch Sex, genannt. Heute ist dies relativiert und aufgehoben, die Vergewaltigung in der Ehe endlich strafbar, was bestimmt vielen Opfern geholfen hat. Die Impotenz der Männer nimmt zu, was angeblich auch am hohen Östrogengehalt im Trinkwasser liegen soll und damit auch das Interesse am Vollzug. Ob das die Ehen nun weniger haltbar macht oder gerade ihre Stabilität erhöht, weiß ich nicht zu sagen.

Zumindest fehlt dann die Institution des friedensstiftenden Beischlafs, die ohne viele Worte dafür mit umso lauterem Stöhnen, zur Versöhnung führt. Kann mir das gerade bei der Queen und Prinz Philip nicht bildlich vorstellen kann, was sicher auch an der Majestät IKH liegt wie am Alter der Beteiligten und meiner mangelnden Phantasie, kenne es jedoch aus Erfahrung und halte es für wesentlich nachhaltiger als die meisten lange Gespräche.

In meiner gerade Fernbeziehung zwischen Berlin und Dublin muss ich mich mehr mit Worten herumschlagen, die zwar auch bei immer möglicher Gelegenheit sehr erotisch werden können, doch fehlt eben der gemeinsame Vollzug, die wortlose Einigkeit in der Hingabe aneinander, die so viel mehr sagen kann als alle Worte und das macht die Suche nach Frieden im Konfliktfall nicht immer unbedingt leichter. Worte können keine Berührungen ersetzen, bloß rein fiktiv.

Die Ehe kann, wenn zwei ein Leben lang Lust aufeinander haben und sich zu genießen wissen, es aufregend miteinander bleibt, die organisierte Form eines guten Lebens sein. Sie wird aber auch nicht besser als das, was aus sich heraus ist, sondern institutionalisiert nur alles einschließlich des Sex, der heute als freier gilt, es aber in den seltensten Fällen ist, wo  nur ein eben Vollzugsakt stattfindet, auch wenn sich die Teilnehmer dabei indisch verrenken, nicht mehr wird.

Wer zufrieden mit dem ist, was sich fand, soll es bleiben, egal ob es höchsten Ansprüchen genügt oder nicht, wenn es nur den eigenen genügt. Anspruchslosigkeit ist eine Zier des Charakter in der Liebe und meist nur ein Elend in der Lust. Bei wem sich alles zum Glück findet, dem ist die Ehe eine Gnade, alle übrigen möge gnädig miteinander sein, womit am Ende obige Frage beantwortet wurde soweit es ging, es kommt eben immer auch auf das Gefühl dabei mehr noch als auf die Technik an, außer die Beteiligten können und wissen wie, dann hat auch gutes Handwerk seinen Platz im ehelichen Verkehr und da macht eben auch die Übung den Meister, wie alte Handwerkerweisheit lehrt.

jens tuengerthal 20.11.2017

Montag, 20. November 2017

Verhandlungssache

Manche brechen Verhandlungen ab
Um als Sieger irgendwo zu wirken
Wer liebt verliert beim Abbruch immer
Weil lieben Kompromisse leben heißt

Nicht jeder Kompromiss ist immer gut
Aber alles ist besser wohl als nichts
Wenn es um gemeinsames Glück geht
Davor fliehen ist auch nicht mutig

Feiglinge geben sich lieber hart
Bestehen auf ihren Positionen damit
Sturheit ihre Unflexibilität verdeckt
Was mehr Leere nur wohl offenbarte

Wer aus Liebe auch mal nachgibt
Gewinnt mehr als zu verlieren droht
Bei welchem Kompromiss auch immer
Liebe heißt schließlich sich gut wollen

Die Suche nach Glück ist wichtiger
Als der Kampf um das eigene Recht
Was immer das in der Liebe sein soll
Genießen wir mehr wird es schöner

Weil ich lieber liebe als nur siege
Gewinne ich noch in jedem Streit
Wenn ich nachgebe wo es nötig ist
Statt mich durchsetzen zu müssen

Bin drum lieber glücklicher Versager
Als ein ewig nur glückloser Sieger
Eigentlich weiß ich das ganz genau
Manchmal muss ich es mir sagen

jens tuengerthal 19.11.2017

Jamaikaneranisch

Spricht noch wer Jamaikaneranisch?

Es wurde verhandelt und die letzte Frist verlängert, bis sich hoffentlich doch auf einen Kompromiss geeinigt wird, mit dem alle leben können. Dies möglichst live und in Farbe damit auf allen Kanälen berichtet werden kann. Der Druck wird erhöht, damit Kompromisse als nötig der eigenen Basis verkauft werden können, wie böse Zungen meinen. Wir erfuhren über Kubickis Hemdenproblem in ratlosen Medien mehr als über Inhalte, an denen immer nur vorbeispekuliert wird.

Sollte ich darum auch noch meinen Senf dazugeben oder ist Schweigen besser, wo wir nichts wissen?

Wittgenstein meinte, worüber wir nicht reden können, darüber müssen wir schweigen, auch wenn er es mit ‘man’ noch sagte, nimmt dies den Worten aus dem Tractatus logico philosophicus  dem Inhalt nichts von ihrer Logik und nur weil mir egal ist, was ‘man’ so tut, schweige ich dennoch besser über das worüber ich nichts weiß und tue es also zum Inhalt.

Reden möchte ich jedoch über die Beurteilung des Ringens und seine Abwertung im öffentlichen Diskurs. Politik ist in der Demokratie immer die Kunst des Kompromisses. Um diese muss gerungen werden, um glaubwürdig auch in den eigenen Überzeugungen zu bleiben. Genau das erleben wir gerade bei den Gesprächen der Parteien. Das ist Politik in ihrer reinsten und besten Form, freue mich daran. egal wie das Ergebnis wird.

Das Ergebnisse nicht schnell und einfach errungen werden, macht sie danach nicht weniger tragfähig, im Gegenteil. Es kann in der Demokratie keine strahlenden Helden geben, weil für einen Kompromiss alle Federn lassen müssen, damit ein miteinander möglich ist. Das lässt sich medial nicht so gut verkaufen und darum kommen während der Verhandlungen immer wieder gern die entweder-oder-Schwätzer in den Vordergrund, die nichts erreichen als Ultimaten, die einzig den Druck erhöhen, ohne der eigentlichen Aufgabe, dem Finden von Kompromissen zu dienen.

Gute Kompromisse brauchen Zeit und wollen ruhig verhandelt werden. Der bessere Politiker scheint darum in diesem Augenblick neben der Kanzlerin ein Seehofer, der weiter verhandelt und auf Zeit setzt, statt Ultimaten wie Kubicki mit dem letzten Hemd, oder die FDP Führung, die nun abbrach, auch wenn es gerade ein weiser Schritt gewesen sein könnte, um wieder in Bewegung zu kommen.

Da ich nicht weiß, wie die Verhandlungen intern tatsächlich ablaufen, enthalte ich mich jeden Wortes dazu. Dass ein alter Fuchs wie Seehofer, der nie ein Sympathieträger für mich war und sich mit seiner Obergrenze juristisch verrannt hat, dabei besonders weise und demokratisch erscheint, ist wirklich erstaunlich. Wie oft die Vorverhandlungen noch abgebrochen werden müssen, bis es einen tragfähigen Kompromiss gibt, ist unklar - manchmal genügt ein Ruck, um die Geister in Bewegung zu setzen.

Ob die Grünen sich formal in den Kompromiss fügen, der einen teilweise beschränkten Nachzug abzulehnender Asylbewerber regelt, wie ihn die C-Parteien und wohl auch die FDP verlangen oder Bayern sich grundgesetzkonform einen Ruck gibt, bevor seine irrige Auffassung, es könnte für das Menschenrecht auf Asyl eine echte Obergrenze geben, vom Bundesverfassungsgericht für illegal erklärt wird, ist dabei egal - beide werden es schwer haben einen Kompromiss vor ihrer empörten Basis zu vertreten und können dies nur, wenn hart darum gerungen wurde.

Das ist echte Politik und gut so. Welche Auffassung ich dabei teile, ist weniger wichtig als wie ich mit einem Kompromiss umgehe und wie ich einen solchen erreiche. Dazu braucht es Zeit und gute Nerven, weil alle Politik viel rituelle Altlasten hat, mit denen die Massen der Anhänger bewegt werden.

Zunehmender Antisemitismus im Land durch den Zuzug muslimischer Flüchtlingen, die mit diesem Geist aufwuchsen, und die Wege zum besseren Klima ohne Kohle, wie ihn Frankreich nun vorbildlich geht, könnten dabei helfen, helfen Kompromisse zu finden. Wer den Atomausstieg um jeden Preis will, kann nicht so schnell auf Kohle verzichten, wie es nötig wäre, verantwortungsvoll etwas für das Klima zu tun. Wer den Antisemitismus leugnet oder in kauf nimmt, gefährdet den sozialen Frieden und die Zukunft des Landes. Im Schatten dieser Fragen, die einen Kern der Zukunft bilden, werden viele Lösungen leichter und kann sich die jeweilige Verantwortung zeigen.

So gesehen geht es im Kern um wichtige Kompromisse für die Zukunft unseres Landes und wenn die Verhandlungen dazu einige Monate dauern, ist das im Lichte der Geschichte nicht viel, auch wenn es für alle Beteiligten anstrengend wird. Wenn Merkel es unter ihrer Führung schafft, wenn nichts mehr möglich scheint im Drama, einen guten Weg für alle zu verhandeln, wissen wir, warum sie uns als gute Kanzlerin länger erhalten bleiben sollte. Wo nicht, werden andere Prioritäten gesetzt und bald andere Personen auftauchen wohl.

Ob wir damit  auf Neuwahlen setzen müssen oder es einen anderen, besseren Kompromiss braucht, werden wir sehen. Wo die FDP nun die Verhandlungen abbricht, muss das nicht das Ende der Fahnenstange sein, sondern kann ein erster Schritt zu einer Lösung sein. Wenn sich mit Befindlichkeiten und Sturheiten im Kreis gedreht wird, braucht es manchmal eine Unterbrechung, um einen Kompromiss zu finden, sei es auch nur, frische Hemden zu holen.

Finde es ein gutes Zeichen für unsere Demokratie, dass um Kompromisse lang gerungen wird, Lösungen nicht vorgefertigt präsentiert werden können, weil es um die Zukunft des Landes in wichtigen Fragen geht, bei der keiner als strahlender Sieger vor uns stehen kann. Nun stiegen die Liberalen aus, weil es besser sei, nicht zu regieren, als ohne Vertrauen, was jeder der Teilnehmer wohl unterschreiben könnte. Jetzt wird sich zeigen, wie es weitergehen soll und was eine kompromissfähige Lösung wäre.

Freuen wir uns an einer starken liberalen Partei, auch wenn sie jetzt den Buhmann gibt und einer Demokratie, die sich noch streiten kann, weil es ums Prinzip geht. Abbruch oder Unterbrechung können gut ein Neubeginn werden.

jens tuengerthal 19.11.2017

Sonntag, 19. November 2017

Vom Vermissen

Die einen leiden weil sie
Vermissen was ihnen fehlt
Andere vermissen genauso
Leiden nur nicht daran

Wie Dinge uns scheinen
Liegt an unserer Haltung
Nicht an ihrem Wesen je
Wir machen und die Welt

Natürlich ist es stets traurig
Ohne den Liebsten zu sein
Doch daran leiden ändert nichts
Macht es nur unerträglicher

Wenn ich mich darüber freue
Dich so sehr zu vermissen
Ist es weil es die Liebe zeigt
Was doch immer schön ist

Es gibt kein mehr oder weniger
Beim Vermissen zählt niemals
Eine messbare Menge sondern
Allein unser Gefühl dabei

Wie ein Gefühl ist entscheidet
Wer sein Leben selbst bestimmt
Andere opfern sich dem nur
Sind dann unfrei wehrlos

Da lieben nur kann wer frei ist
Könnte kaum lieben wen es
Unfrei macht zu lieben was
Traurig für beide wohl wäre

So liebt nicht mehr oder
Weniger wer wie vermisst
Sondern nur wer frei ist nie
Unter Zwang nur zu lieben

Wie glücklich bin ich darum
Dich so sehr zu vermissen
Dass die Sehnsucht weh tut
Weil es der Liebe Größe zeigt

Doch weil ich dabei frei bin
Entscheide ich mich dafür
Dass dich zu vermissen mein
Glück ist weil es aus Liebe ist

Sich die Welt so zu machen
Wie sie uns immer gefällt ist
Das Geheimnis des Glücks
Also eine Frage der Haltung

Die Dinge sind wie sie sind
Was ich nicht ändern kann
Lohnt keine Aufregung mehr
Entscheide wie es sich anfühlt

Habe alles mit meiner Liebsten
Sie ist die Beste und Schönste
Bin vollkommen glücklich also
Warum sollte ich daran leiden

Sie fehlt mir jeden Tag mehr
Woran ich wohl leiden könnte
Allein es änderte sich nichts
Also freue ich mich lieber

Sich einander gewiss sein
Ist der Schlüssel zur Ruhe
Die alles schöner nur macht
Weil sie von Liebe stets zeugt

Habe alles Glück nun gefunden
Suche nichts und genieße was ist
Weil es meiner Natur entspricht
Für die ich mich frei entschied

Wer sich mit der Liebe quält
Kann nicht glücklich dabei sein
Manchmal ist es ganz einfach
Genieße jeden Tag was ist

Glücklich bin ich dann wenn
Ich mich für dafür entscheide
Habe mich für dich entschieden
Also bin ich nun immer glücklich

Das Leben ist manchmal kompliziert
Darum mach ich es mir einfacher
Um immer glücklich zu bleiben
Ist unsere Liebe für ein Leben genug

jens tuengerthal 19.11.2017

Kunsttempel

Nach der Gemäldegalerie führte mich der heutige kurze Spaziergang in die Alte Nationalgalerie, passend zum Todestag von Auguste Rodin, dem eine kleine Sonderausstellung dort geweiht ist, die noch mit Rilke und Hofmannsthal korrespondierte.

Vom wie immer Helmholtzplatz ging es über den Samstagsmarkt am Kollwitzplatz, der trotz strömenden Regen und sehr herbstlichem Wind gut besucht war, den ich aber, die Liebste zärtlich in Dublin im Ohr, eher ignorierte und der Kollwitzstraße weiter folgte, bis sie auf die Schönhauser Allee stößt, die ich überquerte und auf der ich dann den hinab bis zum Schönhauser Tor blieb, an dem ich die nicht mehr vorhandene Stadtmauer an der dortigen Ampel überstieg und der Alten Schönhauser Straße folgte, bis sie westlich abbiegend dann Neue Schönhauser Straße heißt, die schließlich in die Rosenthaler Straße mündet, der ich bis zum Hackeschen Markt folgte. Im weiterhin stürmischen Regenwetter überquerte ich den Marktplatz mit dem dortigen Samstagsmarkt, der mich aber auch angesichts des Wetters und des Ziels zu keinem Halt verlockte inmitten der vermutlich hauptsächlich Touristen von überall und aus Brandenburg. Zumindest schien reichlich Landbevölkerung, dem Wetter trotzen zu wollen.

Nach der Unterquerung der dort hohen S-Bahn wurde das Weltkulturerbe Museumsinsel schon sichtbar. Das Ende vom Bode, jenseits der S-Bahn und das gerade in der Renovierung steckende Pergamon und dann endlich auch die Alte Nationalgalerie, die von klassizistischen Kolonnaden umgeben sich wie ein griechischer Tempel der Kunst dort erhebt.

Ursprünglich war an dieser Stelle auch ein Tempel für Friedrich den Großen geplant und so vereint das GebäuDe nicht nur späten Klassizismus mit der Neo-Renaissance es nutzt auch verschiedenste Formen des Baus in einem, Kolonnaden und und die umgebenden Säule erinnern an einen griechischen Tempel, die riesige Freitreppe davor lässt an ein Schloss denken, was auch das riesige Denkmal von Friedrich Wilhelm IV. auf einem Pferd davor zu bestätigt, schließlich  lässt die Apsis am Ende des Gebäudes an eine Kirche denken. Das Denkmal des älteren Bruders des später Bauherren Wilhems I. trägt als Sockelfiguren die Kunst, Geschichte, Philosophie und leider auch Religion, wie immer wir es mit ihr fausitsch halte.. Doch soll diese gewaltige Figur weniger an den König als an den Schüler Schinkels erinnern, der mit seinem Lehrer erste Pläne entwarf.

Erreichte die heute Museumsinsel, über die Friedrichsbrücke, die das frühere Cölln mit dem Stadtteil Alt Berlin verbindet und an deren Ende bereits die Kolonnaden zwischen Alter Nationalgalerie und Neuem Museum beginnen. Durchschritt sie Spee abwärts, um über den kürzesten Weg im immer noch Regen ins Museum zu gelangen.

Schritt über den roten Teppich zum höher gelegenen 1. Etage des Kunsttempels hinauf, freute mich an den prächtigen Säulen dort und der mondänen Architektur, wie sie dem Kaiserreich eben entsprachen. Nachdem ich endlich Schirm, Rucksack und Daunenjacke in der Garderobe abgeben konnte, da es dafür keine passenden Schließfächer gab, betrat ich  das quasie Hochparterre der Ausstellungsräume und der erste Blick galt der Prinzessinnengruppe, in der die beiden Schwestern Friederike und Luise, die spätere Königin Luise und ihre Schwester von Schadow dargestellt wurde. Ihr Gatte, Friedrich Wilhelm III. fand das Standbild, das den nur leicht verhüllten Busen der früh verstorbenen Königin und Mutter von Friedrich Wilhelm IV. und Wilhelm I. zu freizügig, er nannte es fatal, und ließ es erstmal verschwinden. So wurde das bei seiner Fertigstellung 1797 von Publikum und Fachleuten gefeierte Doppelstandbild die nächsten 90 Jahre erstmal dem Publikum vorenthalten. Was auch daran lag, dass die mit bereits 19 Jahren zur Witwe gewordene Friederike bereits im ersten Jahr ihrer Witwenschaft schwanger wurde und deshalb schleunigst verheiratet und aus Berlin entfernt wurde, um die Schande geheim zu halten und erwarb sich dort ihren Ruf als galanteste Löwin des Jahrhunderts. Zu ihren Liebhabern zählte auch der später im Vorgeplänkel der preußischen Niederlage gegen Napoleon gefallene Prinz Louis Ferdinand, der einen ähnlichen Ruf genoss und den Fontane so genial bedichtete. Es beginnt mit der folgenden Strophe:

Sechs Fuß hoch aufgeschossen,
Ein Kriegsgott anzuschaun,
Der Liebling der Genossen,
Der Abgott schöner Fraun,
Blauäugig, blond, verwegen
Und in der jungen Hand
Den alten Preußendegen -
Prinz Louis Ferdinand.

Und endet, sein Schicksal mit dem Preußens verknüpfend wunderbar pathetisch:

Und als das Wort verklungen,
Rollt Donner schon der Schlacht,
Er hat sich aufgeschwungen,
Und sein Herze noch einmal lacht,
Vorauf den andern allen
Er stolz zusammenbrach,
Prinz Louis war gefallen,
Und Preußen fiel - ihm nach

An diese Worte, die einst der Vater meines guten Freundes noch in familiärer Runde am Tisch zitierte, der selbst ein Nachfahr der Feldherren Yorck und Moltke ist, muss ich jedesmal denken, wenn ich diesen Teil der Nationalgalerie betrete, die einst ein Tempel für Friedrich den Großen werden sollte und in ihrem Hochparterre eine Ode an das alte Preußen wurde auch und gerade durch die Bilder des Berliner Genies Menzel, der auch für einige seiner Werke am Hof mit seinem seltsamen Kunstgeschmack weniger geschätzt wurde, warum sein so geniales riesiges Gemälde von Friedrich und seinen Generälen vor der Schlacht bei Leuthen, als er seine berühmte Rede vor der alles entscheidenden Schlacht ging, die im Siebenjährigen Krieg auch zu seinem Untergang hätte führen können hielt, wieder zerkratzte und nie vollendete weil das wohl schlichtere Gemüt Wilhelm I., das Bild zu unordentlich fand, da die Generäle nicht aufmerksam zuhörten und Friedrich der Große nicht zentral stand. So jedenfalls die lange verbreitete Version zu diesem Bild, die Kunstwissenschaft geht heute wohl davon aus, dass der Kaiser schlicht die Vollendung des Bildes nicht wollte.

So hängt es sichtbar genial aber eben unvollendet neben anderen großen Gemälden des preußischen Ruhms auf riesigen Bildern etwa in der Mitte des Hochparterre. Vorher kommen zeitlich spätere, die künstlerisch bis in den Jugendstil gehen und danach und drumherum kommen noch ganz viele Menzels auch von Friedrich dem Großen - so etwa das berühmte Flötenkonzert in Sanssouci, bei dem er auch mit dem Element der Unordnung und Respektlosigkeit im Bild  arbeitete.

Nach diesem größeren Mittelraum, an den sich noch eine kleine Kabinettausstellung zu Miniaturen anschloss von unterschiedlicher Qualität kommt auf dem weiteren Weg noch einiges schönes aus Berlin und dem Leben von Menzel, das ein gutes Bild von diesem großen Berliner Maler gibt, der obwohl Hofmaler doch manches wagte, früh in einer fast impressionistischen Art und Weise malte, ein Zeitgenosse und Freund vieler großer Berliner der Zeit war von Fontane bis Virchow, dem Tunnel über der Spree fest verbunden war. Bei diesem Besuch fehlte mir das berühmte Bild bei Hofe auf dem Menzel bei der Versammlung der Ordensritter des Pour le Mérite für Wissenschaft und Kunst auf dem auch der kleine Menzel neben den anderen riesigen Würdenträgern im Schloss auftaucht. Nach Menzel die anderen großen Berliner Maler seiner Zeit, einige Franzosen und schon sind wir wieder in der Vorhalle in deren Zentrum Friederike und Luise stehen, umgeben von Engeln und anderem was Schadow & Co in Preußens großer Zeit in Marmor verewigten.

Zügig ging ich in die erste Etage, mich vom Licht der französischen Impressionisten verführen zu lassen und den deutschen Impressionisten Liebermann gebührend zu würdigen, der den Expressionismus so wenig mochte wie ich, was ihn als Präsidenten der Akademie der Künste lange einigen Ärger einbrachte. Doch nach der prächtigen Kuppel, die das später Spiel mit dem Licht schon architektonisch ankündigt und dem großen Vorraum mit anderen nicht unbedeutenden Malern des 19. Jahrhunderts, die ich allerdings zugegeben eher für bemüht als genial halte, sehen wir von wenigen Ausnahmen ab.

Gleiches gilt für die Bilder aus Romantik und Biedermaier, die zuerst sieht, wer von den Impressionisten aus die Runde gen Westen beginnt. Dort hängt viel Romantik, auch Spitzweg und anderer Münchner Kitsch, der sehr nett ist und technisch bestimmt einwandfrei, mich jedoch noch nie begeistern konnte - lief es ab, belächelte diese auch Kunst, freute mich als Liebermann im Kabinett gen Osten endlich kam, der mit  vielen seiner schönsten Bilder dort vertreten ist. Danach einige teils mutige Bilder der Berühmtheiten des 19. Jahrhunderts zu denen Wagner und Bismarck gehören.

Doch diesmal war das Bad im Licht der Impressionisten dominiert von der Sammlung seltener gezeigte Figuren zu der kleinen Ausstellung anlässlich des 100. Todestages von Rodin, der zufällig mit meinem Besuch zUsammenfiel. Diese griff weit über die Kunst Rodins hinaus und stand unter dem Titel: Rodin - Rilke - Hofmannsthal - Der Mensch und sein Genius. Im Zentrum der Ausstellung steht die bisher weniger beachtete Bronzestatuette der Mensch und sein Genius. Die Figur zeigt einen Mann, dem sich ein kleiner weiblicher Genius mit Schwingen, das Sinnbild künstlerischer Inspiration, entzieht.

Diese kleine Plastik ist eng mit dem Werk Rilkes verknüpft, der mit seinen Schriften ohnehin viel für die Popularisierung Rodins tat, dieser Figur sogar das Gedicht Nieke weihte. Andererseits mit Hofmannsthal, der den Gips Entwurf in Rodins Atelier entdeckte und umgehend die Bronze in Auftrag gab, die sodann 20 Jahre auf seinem Schreibtisch in Rodaun bei Wien stand. Als der Autor später in Not geriet, vermittelte wiederum Rilke den Verkauf der Figur an einen Schweizer Sammler: Von diesem Sammler gelante die Bronze dann nach Berlin.

Es ist die Flüchtigkeit und Unvollkommenheit, die Rodins Werk prägt. Er stellte mit seiner Kunst die Frage nach der künstlerischen Handschrift und der Offenheit der Interpretation. Zu den Meisterwerken Rodins aus der Nationalgalerie kommen noch Leihgaben aus dem Musée Rodin in Paris und der Bremer Kunsthalle. Dazu kommen noch Autographen, Briefe und Schriften aus dem Nachlass von Rilke und Hofmannsthal - dazu kommen noch Plakate, die Rodin gestaltete und Grafiken etwa von Max Klinger, die eine phantastische Auseinandersetzung mit den von Rodin aufgeworfenen Fragen bringt.

Die 3. Etage versammelt erst Schinkel und ihm nahe stehende Meister in einem säulengerahmten Kabinettsaal - ist manch nettes dabei, aber es entflammt mich nicht wirklich, wenn der fraglos große und moderne Architekt sich dort in romantischen Ritterideen ergeht oder phantastisch mit dem romantischen Licht spielt. Caspar David Friedrich dagegen im nächsten Saal, wirkt zwar manchmal reichlich symbolistisch, doch solch große Werke wie den Mönch am Meer wiederzusehen, macht auch die fehlenden Kreidefelsen, die ihm so lange schon anhängen, entbehrlich. Ein großer Maler mit tolerierbarer Neigung zum Kitsch, ein Genuss jedesmal wieder.

Manches dort oben scheint mir entbehrlich, übersehe ich schnell, wie etwa den Raum voller Nazarener, welche die Josefsgeschichte erzählen, anderes dagegen, wie Schadows Ruhende Mädchen auf weißem Marmor ist allein den Besuch wert - auch die Berliner Portraits im letzten Raum sind ein auch historischer Hochgenuss, Henriette Herz und ihr Umfeld zu sehen, Aug in Aug mit den intellektuellen Berliner Berühmtheiten der Zeit, wäre schon lohnen genug - dann die feinen Stadtbilder eines Eduard Gärtner, der uns ein Bild der Stadt im 19. Jahrhundert gibt - übersehe ich den Kitsch ein wunderbarer Besuch und ein Wiedersehen mit vielen alten Freunden in den dort Bildern, die mir in den letzten zehn Jahren so vertraut wurden, dass ich sie immer wieder besuche, mich an kleinen Veränderungen erfreue.

Die Zeit verging rasend schnell, schon war es 18h und wir Besucher wurden wie üblich aufgefordert das Gebäude zu verlassen. Dem leistete ich ohne große Erwartung Folge, plauderte noch einen kleinen Moment mit einer attraktiven silberhaarigen Dame, die mit mir das Museum verließ und mir vor der Tür vom Berliner Dom vorschwärmen wollte, der doch so schön wäre. Da musste ich sie leider enttäuschen, da ich wie Franz Hessel diesen gruseligen Monumentalbau einfach entsetzlich finde und fast wünschte Islamisten täten einmal in ihrem Leben etwas sinnvolles und sprengten sich mit diesem Machwerk des Wilhelminismus in die Luft - aber, wie wir heute mit dem gruseligen Alex leben müssen, ist auch dieser verunstaltete Berliner Dom, der an die Stelle des wunderbaren Vorgängerbaus von Schinkel trat, ein Mahnmal für die Folgen menschlicher Selbstüberschätzung gepaart mit beschränkter Intelligenz, das unser wunderbares Weltkulturerbe, die Museumsinsel so grässlich entweiht. So trennten sich unsere Wege höflich, freundlich, wenn auch in der Sache uneins.

Nachdem mit einer der Wärter, wenn auch diesmal sehr freundlich, heute noch das Telefonieren im Museum untersagte, im Gegensatz zur Gemäldegalerie war in der Alten Nationalgalerie die Verbindung ausgezeichnet, rief ich bei erster Gelegenheit wieder die Liebste in Dublin an und wir plauderten wunderbar auf dem ganzen Rückweg.

Um mich vom grässlichen Dom auch tatsächlich abzuwenden, umrundete ich die Museumsinsel in Richtung Bode Museum einmal, grüßte die beiden Polizisten, die stets den Wohnsitz unserer Kanzlerin bewachen, freundlich, machte mich über die Brücke am Bode Museum, Monbijoustraße, Krausnickstraße, Kleine Hamburger auf zum Koppenplatz, von dem an ich der Linienstraße folgte bis zur Gorrmannstraße, die ich dann wieder den Berg hinauf lief, bis sie, bevor es steil wird, wieder Choriner Straße heißt, der ich bis zum Ende folgte, um quer durch die Kulturbrauerei nach Überquerung der Danziger auf die Lychener Straße zu stoßen, die früher auch La Ly genannt wurde, um ihr folgend wieder zum heimatlichen Platz zu gelangen nach heute rund 20 km mit vielen kleinen Umwegen, die hier nicht der Rede wert waren.

Eigentlich sind es nur knapp 4 km von mir bis zu diesen Schätzen der Kunst, was mir wieder deutlich macht, wie privilegiert und schön ich doch hier lebe, wie glücklich der Wanderer in Berlin sich preisen kann, diese wunderbare Welt der Museen näher zu haben als viele Urlauber ihren Strand, den ich immer weniger spannend fände.

jens tuengerthal 18.11.2017

Samstag, 18. November 2017

Naturlust

Manche haben Lust, es in der Natur zu tun, weil sie sich dann gänzlich ungehemmt in ihrer eben Natur fühlen. Zu denen gehöre ich weniger, was nicht unbedingt am Alter liegt. Habe das mit 18 bis 20 mit Freundinnen, die das scharf fanden zur genüge probiert und muss sagen, der Sex zuhause war immer besser, fand ich auch damals schon, auch wenn er immer nur mäßig war verglichen mit dem Glück, was mich nun mit meiner Liebsten ereilte, ohne dass wir bisher das Bedürfnis hatten, es in der Natur zu tun, auch wenn uns, zugegeben, an manch unmöglichen Orten schon die Lust überkam, weil das unserer Natur entspricht.

Die Lust in der Natur finde ich auch als früherer Pfadfinder und Waldläufer nicht sonderlich reizvoll und das nicht, weil ich schöne Natur nicht mögen würde, auch nicht nur weil ich weiß, was so kreucht und fleucht und dabei unangenehm beißen könnte, was ich beiden gern ersparen möchte und finde für den besten Sex immer noch den besten Ort das ungestörte Heim. NIcht weil ich verschämt wäre, Beobachter haben mich auch am FKK Strand nie gestört beim Austausch kleiner Zärtlichkeiten, doch wer schon mal wilden Sex im Sand hatte, weiß, wie schnell diese kleinen feinen Körner an den falschen Stellen wund reiben, den Genuss nachhaltig empfindlich stören können.

Das Thema Sex in der Natur finde ich allgemein überschätzt und nicht sonderlich spannend, wenn es passt, kannst und wirst du es überall tun, wo dich gerade die Lust aufeinander überkommt und Sitten und Anstand es gerade noch zulassen. Alles andere bedarf dazu keiner Erörterung jenseits von Bravo mehr.  Wenn ich es öffentlich tun wollte, gäbe es genug Clubs in Berlin, in denen sich immer viele Zuschauer genau dafür einfinden, doch habe ich meinen Schatz und mein Glück lieber für mich und genieße separat, wie mich auch die Erfahrung lehrte, dass Sex mit mehr als zwei Personen stets sportlich eher wird, die zärtliche Seite verloren geht, die Harmonie der Abstimmung dem sportlichen Ehrgeiz, erster sein zu wollen, weicht, sich, kurz gesagt, für mich nie lohnt.

Spannender finde ich, und damit komme ich endlich zum Thema dieses kurzen Essay zur Lust, was in unserer Natur dabei liegt und warum manche sich anziehen, während sich andere nicht mal Riechen können, an Schmecken ist dabei vermutlich gar nicht zu denken. Wenn ich nur die Stimme meiner Liebsten höre, bin ich erregt und sie verkündet mir immer wieder ein gleiches von sich, es genüge ihr, Bilder von mir zu sehen, sofort nass zu sein, hat also sogar ein physisches Ergebnis, der rein geistigen Lust zu sehen und ich gestehe, dass es mir mit ihr ganz genauso geht.

Eine solch hohe Übereinstimmung, wie wir sie miteinander genießen, habe ich noch nie zuvor erlebt und hatte davon nur mal munkeln hören, es mir aber nicht vorstellen können, dass einem sogar jeder Schweiß des anderen noch duftend vorkommt, der Geschmack immer schön, erregend und gut ist, weil es einfach so passt. Es stimmt da wohl die Chemie, sagt der Volksmund und meint vermutlich die biochemischen Reaktionen, die bei uns in vollkommener Harmonie ablaufen.

Glaube an keine Vorbestimmung noch sonstige höhere Kräfte, die uns Menschen leiten oder führen würden. Doch hat es bei uns beiden die Natur anscheinend sehr gut gemeint und zufällig einen Volltreffer von geradezu sphärischer Harmonie geschaffen, wie es ihn im Universum vermutlich sehr selten überhaupt gibt, um sich nicht auf kleines irdisches Maß zu beschränken für etwas, dass so übersinnlich schön ist. Das ist natürlich ein Gefühl und ich bin verliebt, was auch gut so ist - dennoch entdecken wir nun im Laufe der Zeit immer mehr wie harmonisch und synchron wir funktionieren, die auch in der Ferne nahezu immer gemeinsam Kommen, weil wir uns auch in nur Worten oder Lauten ganz erfühlen.

Als ich andere davon raunen hörte, es gäbe diese vollkommene Passung bei der zwei gänzlich eins wären, sich immer riechen könnten, alles perfekt und nichts ekliges denkbar sei, weil es einfach völlig übereinstimme, schien es mir übertrieben, meist im Ton der Verliebtheit oder auch der Sehnsucht nach dem Verlust, nicht der Realität entsprechend, bis ich diese Erfahrung selbst machen durfte. Es gibt die vollkommene Harmonie nach der Natur. Wir schlafen auf einem Meter und wollen nicht mehr, brauchen kaum die Hälfte verschlungen liegend.

Viele probieren sich und vieles immer wieder aus, auch ich dachte, bis ich meine Liebste traf, jede Frau hätte ihren eigenen Reiz, jede schmecke etwas anders, dufte ganz eigen - auch wenn mich die Erfahrung längst hätte lehren können, dass ich mehr nicht riechen konnte und die meisten sich nicht gelohnt haben, weil es keine Harmonie und kein gemeinsames Kommen gab, was dagegen bei mir und der Liebsten meiner wunderbaren Frau in der Natur zu liegen scheint. Seit mir das wirklich klar wurde, dass ich das große Los zog, in der Lotterie der Natur, bin ich vollkommen zufrieden, interessiert mich die Vielfalt nur noch als Beobachter und Autor, muss ich nichts mehr probieren, weil ich alles in einer habe.

Dies nicht weil mich altertümliche Begriffe von Treue und Keuschheit treiben würden, nichts läge mir ferner, sondern weil sich die Treue aus der Natur der perfekten Harmonie von allein ergibt. Wenn alles stimmt, hast du alles erreicht und kannst für immer glücklich sein - ein einfacher logischer Schluss, der mich auch auf emotionalem Gebiet völlig überzeugt. Wenn es passt, musst du nichts ändern, sondern kannst einfach genießen, was ist.

Spannender als dieser Bericht von meinem Glück, was ich mit niemandem teilen, sondern nur mit vollem Herzen hiermit mitteilen möchte, könnte die Frage sein, wie und warum wir wann vollkommene Harmonie empfinden. Was macht dies Zusammenspiel der Naturen aus?

Kann zur Biochemie mangels vertiefter Kenntnis der nötigen Fremdworte wenig sagen, was klug klingen würde und lasse es darum lieber, um nicht den eventuell vorhandenen Anschein völlig zu zerstören.

Doch die Harmonie von Natur und Gefühl geht über das Maß hinaus, was ich bisher als Verliebtheit kannte. Der vollkommene Gleichklang in körperlicher Hinsicht in allen nur denkbaren Bereichen schenkt tiefe Zufriedenheit und scheint mir eine Quelle außergewöhnlicher Kraft zu sein.

Natürlich gibt es auch zwischen dem körperlich so vollkommen harmonischen Paar gelegentlich Dissonanzen und Spannungen, wir wären nicht Mann und Frau, wenn es anders wäre, doch mindert das nie das Wissen, um die Größe unserer Harmonie.

Ein Freund, der Musik studierte und auch mathematisch und physikalisch sehr bewandert war, erzählte mir mal von den Sphärenharmonien, nach denen die Planeten in einer Weise zueinander schwingen, die den Dur und Moll Tonleitern entsprechen. Meine geringe Kenntnis in der Theorie der Musik und der Astronomie ließen mich den Rest und die Theorie dahinter schnell wieder vergessen, doch hängen blieb, das Universum zeigt den gleichen Klang, wie wir ihn als harmonisch empfinden, was ich schon sehr genial  fand.

Genau das empfinde ich bei der Lust nach der Natur, die sich in so vollkommener Harmonie trifft. Wir haben uns gefunden, weil wir eins sind, wie zwei Puzzleteile, die nur so zusammenpassen können und genau an dieser Stelle perfekt sind, als sei alle Natur um uns nur entstanden, damit wir uns als ihre vollkommene Vereinigung finden konnten. Wenn wir Sex haben, tun wir nicht, was der Trieb uns diktiert, weil wir nackte Geschlechtsteile sehen oder imaginieren, sondern vollziehen, was unsere Natur ist und noch dazu schwingen wir dabei in harmonischem Klang miteinander, wie es die Planeten auch tun, ohne dabei an irgendwelchen esoterischen Unsinn zu denken.

Dass wir uns geistig nahe sind und als schön empfinden, ist nicht so außergewöhnlich bei Liebespaaren, wenn auch längst nicht alltäglich, denn wieviele Menschen tun sich nur zusammen, um nicht allein zu sein, ohne Leidenschaften und Vorlieben zu teilen, leben jeder sein Leben mit eben gewissen Schnittpunkten inmitten, manchmal auch in der Mitte. Schön ist es dennoch diese große Harmonie in allem zu spüren, etwa die sinnliche Liebe zu Büchern, die wir gern berühren, von denen wir uns zärtlich berührt schon fühlen, bevor wir in ihnen versinken. Wie sie meine Worte liebt und alles verschlingt, was ich schreibe, macht mich überglücklich und noch kann ich kaum glauben, wie schön es ist, seine Frau und Liebste als treueste Leserin zu haben.

Doch scheint mir all dies, wie auch die Größe unserer Liebe, nur als ein Ausfluss unserer natürlichen Harmonie, die sich im Einklang unserer Körper schon so vollkommen ausdrückt. So als zwänge uns unsere wie füreinander gemachte Natur uns zu lieben und die Nähe ganz zu genießen. Empfinde dabei aber keinen Zwang sondern handle mit ihr stets lustvoll wie es unserer Natur entspricht.

Damit bin ich bei der spannenden Frage, ob das Gefühl ein Ausfluss unserer Natur ist oder das Empfinden der Natur nur Spiegel unserer Gefühle sein kann.

Als Epikuräer neige ich logisch zur ersteren Alternative, da ohne Natur nichts sein könnte, wir Natur in allem sind und also auch, was wir Gefühl nennen und das durch Hormone, Muster, Erfahrung und manches im genetischen Code vermutlich im bunten Mix entsteht. Die Reihenfolge dabei, sagt nichts über die inhaltliche Menge, diese wechselt auch je nach Thema wohl. Während wir bei manchen Dingen unserer Erziehung und sozialen Mustern stärker folgen, bricht bei anderen stärker unsere Natur als Trieb heraus.

Will dies nicht bewerten, finde es gut so, da alles Natur ist, sind auch unsere Gefühle im ganzen Ausdruck unserer vielfältigen Natur, die wir genießen können. Natur ist, jenseits aller Werte, die wir in sie setzen, folgt sie ihren natürlichen Abläufen, die wir nur bedingt kontrollieren könnnen.

Dennoch empfinden wir Natur immer nur unserer Natur und unserem Horizont entsprechend, dabei prägen auch unsere Erfahrungen unser Verhalten, wie uns die Natur erscheint, was wir in ihr empfinden, ist also stets auch Spiegel unserer Gefühle und damit aber nach obigen auch unserer Natur.

Wo aber alles Natur ist, stellt sich die Frage nach der Unterscheidung von Geist und Natur nicht mehr, da wir sie nicht benötigen, es geht nur um unterschiedliche Formen der Wahrnehmung derselben und die Folgen für unsere Lust dabei.

Es stellt sich so dem Konstruktivisten die Frage aus Platons Höhlengleichnis nicht mehr. Wo wir uns die Welt machen, wie sie uns gefällt und zugleich was ist, als gut so nehmen, ist weniger wichtig, wie wirklich die Wirklichkeit ist und was davon beweisbar wäre, sondern kommt es vielmehr darauf an, was wir für uns daraus machen, um uns damit gut zu fühlen, in der Natur unserer Lust zu folgen.

Was wahr ist, fragt nur, wer an Wahrheit glaubt und das tut nur, wer andere der Lüge überführen möchte, auch wenn all unsere Wissenschaft logisch darauf aufbaut und jeder, der etwas dagegen sagt, logisch der Scharlatanerie verdächtig ist. Meine von mir, ich dächte klar und logisch, aber, sage ich mit Montaigne, was weiß ich schon?

Insofern mich mein Bild von der Welt und meiner Lust in ihr glücklich macht, mir nun das größtmöglich denkbare Glück bescherte, ist mir völlig egal, wenn ich mich damit zum Narren mache, dass ich sage, es zählt nur die Natur, weil nichts als Natur ist und wo sie vollkommen harmoniert, ist es perfekt und wo nicht, tun wir gut daran, weiter zu suchen, bis sich findet, was zusammen gehört, weil es tatsächlich die Naturlust gibt.

Fürchte damit einen großen Teil der Menschheit gegen mich aufzubringen, weil ich den Wert aller nur relativ guten Beziehungen damit infrage stellen könnte und jeden zur weiteren Suche auffordere. Doch nichts liegt mir ferner, als irgendwem zu sagen, was gut für ihn oder sie ist. Wer glücklich ist, soll es bleiben, hat nie einen Grund etwas zu ändern. Wer es nicht ist, sollte dringend etwas ändern, um es zu werden. Es braucht nach meinem Gefühl nicht die Menge und Quantität führt uns nicht näher zum Glück, sondern gaukelt uns nur erfolgreich Lebendigkeit vor.

Habe einen Freund, der gern stolz von seinen bisher über 500 Frauen erzählt, ohne dies aufdringlich oder als Aufschneider zu tun, sondern als überzeugter Casanova und Liebhaber der Frauen. Gleichzeitig klagt er mit seinen nun über fünfzig gern über seine zunehmende Einsamkeit und die gerade Flaute im Bett und wie grau das Leben ab Überschreiten dieser Schwelle wäre. Er möchte gern wieder viele und ihm gefällt diese und jene. Zugleich stürzt er sich voller Gefühl wertherhaft in reine Bettgeschichten und meint so emotional zu sein, entspräche eben seiner Natur, die ihn zwar immer wieder auch leiden ließe, doch wäre er ohne diese nur halb und nähme also das Leid gerne in kauf und so verschießt er mit großer Geste viel Gefühl ins Nichts ohne je anzukommen.

Nach meinem Gefühl ist er noch nie angekommen und kennt diese vollkommen perfekte Harmonie nicht, weil er sich zwar eine Partnerin wünscht, sich andererseits aber nicht vorstellen kann, sich zu beschränken, wenn er noch jemals wieder zu was kommt, wie er jammernd gerne klagt. Er meint zwar natürlich kenne er das, aber immer nur für Momente, dann packe ihn wieder der Stachel und nichts sei von Dauer, Leben eben im Fluss. Diese Sicht bestätigt mich in meiner, weil das Richtige eben den Fluss unterbricht und etwas neues beginnt, was nicht vergleichbar mit allem anderen ist, doch weiß ich schon, dass er es anders empfinden wird und brauche es ihm darum nicht sagen.

Er meint, es sei seine Natur die Frauen alle zu lieben, wie ich es früher auch von mir dachte, bis ich merkte, es gibt kein Casanova-Gen, das uns unabänderlich zu Schürzenjägern und Schwerenötern macht oder nicht, sondern es ist eine Frage der Erfahrung und der Haltung zum Leben, die diese Einstellung mit erfahrenem Glück grundlegend ändern kann, weil es eben eine Einstellung nur ist und nicht Teil unseres Erbes.

Ob es vielleicht seine Natur ist, ewig weiter zu suchen, bis er 1001 Frau hatte und meine immer nach der Richtigen gesucht zu haben, um mit ihr jede Suche beenden zu können, weiß ich für ihn nicht zu beantworten und bin nur froh, mir mit meiner Natur sicher mit meiner Liebsten zu sein, weil alles gut so ist.

Manchmal zweifelt meine Liebste noch an meiner potentiellen Treue, weil ich zwar keine 500 Frauen wie jener Freund hatte aber doch die eine oder andere kennenlernte und lange vielfältig nach dem Glück suchte. Das ist mir immer völlig unverständlich, weil für mich doch alles ganz klar ist. Sie ist mein natürliches Gegenstück, das große Glück, dass ich mein Leben lang suchte und so entspricht es meiner nach Harmonie und Ruhe suchenden Natur vollkommen, nun anzukommen und nie mehr suchen zu müssen, weil alle Natur ihr Glück fand in der Naturlust, die uns eint.

Gelegentlich frage ich mich, ob diese wunderschöne, junge Frau wirklich ewig bei mir irgendwann alten Sack bleiben möchte oder ich sie irgendwann langweilen könnte oder gar den natürlichen Ansprüchen nicht mehr genügen könnte - doch, solange es nicht so ist, mache ich mir keine größeren Sorgen darüber, denn sollte es mal so sein, kann ich es ohnehin nicht ändern, aber dafür bis dahin alles genießen, als für die Ewigkeit gemacht, wie es unserer beider Gefühl entspricht, warum ich mich mit Zweifeln, die mein Glück nicht mehren, nicht weiter beschäftige, sie führen ja zu nichts.

So sucht sich die Natur wohl ihren Weg zur Lust, wer ihn miteinander findet, möge ihn genießen und würdigen im Wissen, schöner wird es nie mehr aber so schön kann es immer bleiben, wenn wir in der Beschränkung die Erweiterung des Glücks erkennen.

jens tuengerthal 18.11.2017

Schönheitsglück

Hab die schöne Frau der Welt
Dessen bin ich mir ganz sicher
Keine kann an sie heranreichen
Das zeigt schon der Vergleich

Doch muss ich nicht vergleichen
Weil ich mir so völlig sicher bin
Freue ich mich an meinem Glück
Zufrieden die Schönste zu haben

Was macht ihre Schönheit aus
Wird fragen wer noch vergleicht
Schau sie an antworte ich dann
Doch vor allem fühle es auch

Schönheit hat keinen Maßstab
Auch wenn manche das meinen
Sie ist ästhetisches Empfinden
Das unvergleichlich uns macht

Natürlich ist sie es auch objektiv
Ihre zarte Figur ist einfach perfekt
Die Taille schmal die Hüften mehr
Busen und Po vollkommen rund

Ihre schönen Lippen gleichen ganz
Dem Kelch der Lilie den die Natur
In Vollkommenheit als Vorbild schuf
Sie öffnen sich zu schönster Blüte

Ihr Duft übertrifft alle Natur längst
Wie ich sie jemals wo gerochen
Sie schmeckt feiner als jede Speise
Harmoniert vollkommen mit mir

Ihre Bewegung gleicht dem Reh
Das natürlich vollkommen geht
So wie ihrer Stimme Wohlklang
Von keinem Instrument erreicht

Fragt ihr mich ob jeder es merkt
Der sie sieht hört riecht schmeckt
Glaube ich wohl es müsste so sein
Doch hoffe ich es bleibt geheim

Hüte diesen vollkommenen Schatz
Als meinen wie sie mich als ihren
Möchte das vollkommene Glück
Lieber mit keinem mehr teilen

Warum schreibe ich dann darüber
Wird sich manch Leser wohl fragen
Weil mir das Herz überläuft vor Glück
Zu singen von ihre Schönheit der Welt

Dies Glück allen so nun mitteilen heißt
Nicht es auch teilen zu wollen sondern
Nur der Welt sagen wie glücklich ich bin
Mit der vollkommen schönsten Frau

Schönheit vereint außen und innen
Ist Gestalt in Harmonie mit Wesen
Perfekter Körper mit Bücherliebe
Unstillbare Lust mit zarter Liebe

Lang lang hab ich nach ihr gesucht
Nun gefunden bleibe ich glücklich
Weil ich endlich alles in einer fand
Wir reichten uns fürs Leben die Hand

Euphorisch ob meines großen Glücks
Bin ich gelassen dabei zugleich doch
Weil so große Liebe für die Ewigkeit
Gemacht ist und ich dem Glück traue

Wo mehr nicht mehr sein kann je
Können wir in Ruhe genießen was ist
Berühre sie in Gedanken nun überall
Wissen sie möchte es auch ist Glück

Solche Schönheit finden war wohl Glück
Doch hat uns Natur füreinander gemacht
Wussten wir sofort es ist so vollkommen
Und so ist nun einfach alles gut so

jens tuengerthal 18.11.2017

Freitag, 17. November 2017

Bilderwanderung

Den Berg hinab, um Kunst zu betrachten ging es heute, die neuesten und die ältesten Werke Berlins, wollte ich sehen

Vom Helmholtzplatz über das Brandenburger Tor durch den Tiergarten zur Gemäldegalerie war der geplante Weg und ich lief ihn mit der Liebsten im Ohr auf dem schnellsten Weg, um noch Zeit in der heute bis 20h zumindest geöffneten Gemäldegalerie zu haben.

Die Schönhauser Allee hinunter, um noch ein wenig Dampf machen zu können und von dieser am Senefelderplatz in die Schwedter Straße, durch Templiner und Zionskirchstraße erreichte ich mit Überquerung dieser bereits den Bezirk Mitte, in den ich die Choriner hinunter noch weiter eindrang, die ehemalige Stadtmauer überquerend, die heute nur noch Straßenbahnschwelle ist, gelangte ich zur Linienstraße, der ich bis zum Koppenplatz folgte. Von dort ging es südlich in die Große Hamburger Straße bis zur Krausnickstraße, an deren Ende ich die Museumsinsel schon im Blick die Oranienburger überquerte, um gegenüber am Monbijou Park entlang, der nach dem früher hier gleichnamigen Schloss benannt wurde und mich direkt zum Bode Museum führte, das ich aber links liegen ließ, auch wenn ich damit dies wunderbare Haus heute sicher nicht gebührend würdigte, doch folgte ich weiter dem Kupfergraben gen Westen, bis zur Geschwister Scholl Straße, die nach der Georgenstraße zur Universitätsstraße wird, die ich an der Dorotheenstraße wieder westlich hinter der Universitätsbibliothek entlang in selbige verließ. Auf der Dorotheenstraße blieb ich, die Friedrichstraße noch überquerend bis zu ihrem Ende an der Wilhelmstraße, in die ich wieder südlich oder nach links abbog, um zum Pariser Platz zu kommen.

Dort fand sich eine große Menge an luxuriösen Limousinen - wohl für einen größeren Empfang in der gut bewachten französischen Botschaft. Ignorierte dieses gewiss bedeutende politische Ereignis, zu dem mich auch keiner einlud, was ich vielleicht angesichts der dort gereichten vergorenen französischen Getränke vielleicht bedauern könnte, aber nicht tat, da ich ja für die Kunst unterwegs war.

Genau in der Mitte auf dem ehemals der kaiserlichen Familie vorbehaltenen Weg durchquerte ich als freier Berliner Bürger das Brandenburger Tor und sah schon vor mir das Monument von Manaf Halbouni, das im Rahmen des 3. Berliner Herbstsalons vom Gorki Theater, das bereits von Februar bis April die Dresdner auf dem Neumarkt vor der Frauenkirche in dort üblicher fremdenfeindlicher Weise empörte, einen typisch sächsischen Skandal auslöste, weil der Freistaat eben eher unfrei ist.

An Berlins zentraler Stelle standen nun auch die drei aufrecht stehenden Busse, die an die Situation der syrischen Flüchtlinge erinnern soll, in dem es an eine Straßensperre erinnert, die in gleicher Weise in Aleppo errichtet wurde, um die Zivilbevölkerung vor den Scharfschützen dort zu schützen. Hier empörte sich niemand. Einige  betrachteten es ruhig, viele machten Fotos, sah aber keinen, der seinen Sefie-Stab angrinste. Eine gute Idee an einem zentralen Punkt, die nachdenklich macht und zumindest einige innehalten ließ. Am Kunstwerk standen Mitarbeiter des Gorki-Projekts für Fragen zur Verfügung, reichten auf Wunsch Flugblätter, viele lasen die Beschreibung genau. Sah kein Kopfschütteln und keine Aufregung. Auch an Berlins zentralem Symbol fühlte sich keiner durch das Kunstwerk provoziert - es wurde schlimmstenfalls ignoriert, wenn es auch keiner übersehen konnte, machte es so zum Thema, was viele gern verdrängen - die syrischen Flüchtlinge suchten nicht Wohlstand sondern Frieden im Land, ihretwegen öffnete die Kanzlerin die Grenzen, um eine unmenschliche Situation mit ihrem schlichten “Wir schaffen das” zu beenden. Daran in der Diskussion um Obergrenzen zu denken, scheint mir wichtig.

Nachdenklich aber zügig ging es weiter in den Tiergarten, um noch ein wenig Zeit in der Gemäldegalerie zu haben. Von dessen gerader Durchquerung im Dunkeln gibt es nicht viel zu berichten, außer dass mir wie immer viele Radfahrer und Läufer begegneten, von denen irgendwo am Rand des Tiergartens ein Nest zu sein scheint. Gegenüber der Philharmonie angekommen, überquerte ich die Tiergartenstraße, ging geradeaus in die Herbert von Karajan Straße, die ich zum Matthäikirchplatz verließ, um die lange schiefe Ebene zum Kulturforum zu erklimmen.

Dort angekommen, schloss ich alles überflüssige ein, zeigte meine Jahreskarte der Staatlichen Museen, die für einen Berliner ein unendlicher Fundus und Hort des Glücks ist, der Zutritt zu den wichtigsten Museen gibt und die eben auch zum schnellen Besuch mal zwischendurch einlädt und betrat die heiligen Hallen der Kunst, in der die Sammlungen vor 1800 noch hängen. Überraschend schön und neu stand die sonst große und leere Wandelhalle unter dem Motto in neuem Licht und präsentierte eine große Sammlung mit 70 sonst nicht gezeigten Werken entsprechend dem, was in den Räumen hinter der Halle sonst gezeigt wird, in einem riesigen Raum mit halbhohen Stellwänden in unterteilt. Alles in blau getaucht war das Flanieren im Verbindungselement Wandelhalle ein ganz neues Erlebnis, eine kleinere Gemäldegalerie als Schatzkästchen in der großen ließ durch die Jahrhunderte flanieren und spiegelte, was in den Räumen dahinter hing. Auf der rechten Seite beginnend mit früher Kirchenkunst des Mittelalters, niederländischen und deutschen Meistern, dem goldenen Zeitalter der niederländischen Malerei, hin zur Kunst des 18. Jahrhunderts bis zum Rokoko, von dort nach Italien und Spanien, wo ein wunderbarer Velazquez von Karl V. in voller Rüstung beeindruckte, endete die erste Runde bei der italienischen Renaissance mit wunderbaren Altarbildern und einzelnen typischen Portraits aus der Blütezeit Italiens.

Nach dem ersten neuen Rundgang, machte ich mich auf dem Weg zum üblichen Rundweg durch die dort Kabinette und gleich im ersten stieß ich auf einen strahlend schönen weißen Busen von Jean Fouquet aus dem Dyptichon von Melun für die dortige Stiftskirche, das sonst in Antwerpen hängt. Die Madonna ist der rechte Flügel des getrennten Dyptichon, dessen linker Flügel mit dem Stifter Étienne Chevallier mit dem heiligen Stephanus zum Bestand der Berliner Sammlung seit 1896 gehört und beide zusammen gehören zu den wohl schönsten Hauptwerken der französischen Kunst vor 1500. Dazu kommt noch ein Emaille Medaillon mit einem  Selbstportrait des Künstlers, das sonst im Louvre steht. Weitere Bilder von Jan van Eyck, Rogier van der Weider und Petrus Christus, erläutern die kleine exquisite Sammlung, so auch das Bild van Eycks, das Bildnis von Agnes Sorel, der Geliebten des Königs, deren Züge sich im Gesicht der Madonna finden sollen, die stolz stillend ihren fast ironisch runden Busen in schneeweiß präsentiert. Dazu kommen noch Zeichnungen, die den Kontext des Werks und den Weg zu ihm erläutern.

Eine bildschöne, weiße Madonna mit perfektem, fast unnatürlich rundem Busen, welche die Züge einer Geliebten des Königs trägt als hocherotisches Altarbild - das ist schon so genial und zeigt den französischen Sinn für Schönheit und das Spiel mit der auch öffentlich gelebten Erotik einfach wunderbar. Die Frau als Subjekt der Anbetung gibt trotz allem christlichen Schmuck und passender Symbolik diesem Gemälde eher den Charakter eines dionysischen Altargemäldes und das mit einem Augenzwinkern auf die christliche Prüderie in einer Kirche aufzustellen, zeugt von guter Kenntnis des menschlichen Wesens. Eine wunderbare kleine Kabinettausstellung, bei der mich nur der autoritäre Wärter verärgerte, der mich mit Gewalt am Fotografieren hindern wollte und zunächst lautstark die Löschung der Bilder verlangte.

Ignorierte ihn höflich lächelnd, verließ den Raum und er folgte mir nicht allzulange in den Bereich seiner Kollegen, sondern beließ es beim peinlichen Versuch seine Allmacht als Wärter im Bilderzoo gezeigt zu haben. So konnte ich diese prächtigen weißen Kugeln fern aller anatomischen Realität zumindest ein wenig von der Seite ablichten und sie waren sicher einen Blick wert.

Vor Dürers Madonna mit dem Zeisig einen Moment andächtig verweilend, diesem deutsch-italienischen Meisterwerk der Renaissance, die so leuchtend einen Quantensprung von der in Fouquets Diptychon entfernt scheint, wenn sie auch, vielleicht typisch deutsch, jeder Erotik eher entbehrt. Die weisen dafür die beiden Venus von Cranach und dessen Jungbrunnen zur genüge auf, die ich nur kurz besuchte heute, da sie von einem Malkurs junger Damen belagert war, dessen amüsante Produkte den Boden dekorierten, während die selbigen deutlich dekorativer ihrer Führerin lauschten.

Ein kurzer Zwischenstopp bei der kleinen Kabinettausstellung zu Luther anläßlich des 500. Jahrestages seines Thesenanschlags in Wittenberg lichtete ich eher im familiären Interesse ab, betrachtete ich bloß schnell - einige sehenswerte Blätter aber ich kann den Spalter und Antisemiten nicht leiden, so viel er auch mit seiner Bibelübersetzung für die Etablierung des Hochdeutschen getan hat. Der Mann, der die Renaissance in Deutschland durch die Reformation ersetzte, damit die geistige Freiheit dieser Bewegung, die in Italien begann, hier beendete, wird hierzulande viel zu viel gewürdigt für meinen Geschmack, er war in der Wirkung ein Bremser und kein Reformer.

Natürlich war seine Kritik an Rom und dem Ablaß, der den Petersdom und die Orgien finanzieren sollte, berechtigt, ist der Aberglauben mit Heiligen und Reliquien dort für jeden vernünftigen Menschen einfach lächerlich - doch wird der eine Aberglaube nicht besser, wenn ich ihn durch einen anderen, vermeintlich reineren Aberglauben ersetze - es bleibt ein solcher und so hat die Reformation eine Bewegung hin zur Befreiung vom Aberglauben verhindert, die mit der Wiederentdeckung des Lukrez und der Lehren des Epikur damit auf einem guten Weg war.

Doch die Gegenreformation und die Schlachten um den rechten Glauben in Europa, die nicht nur in Nordirland bis heute fortdauern, die auch Bayern immer wieder vor dem Bundesverfassungsgericht verliert, haben die Befreiung der Menschen aus dem Reich der Unvernunft und des Glaubens verhindert. Bis heute beruft sich etwa die sehr gute und vernünftige Verfassung der Bundesrepublik auf einen erfundenen Gott, egal welcher Konfession und es gibt Eide auf das Märchenbuch Bibel durch führende Politiker, was nur durch Tradition noch zu rechtfertigen ist aber jeder Freiheit Hohn spricht und Europas Werte verspottet.

Der Aberglaube hat in einem vernünftigen Land nichts im Staat verloren und gerade der Terror des Islam könnte uns dies besser lehren - aber hier ging es ja nur um den Reformator Luther und warum ich ihn ungern anschaue und mehr als kritisch sehe, ganz abgesehen davon, dass sein übler religiöser Antisemitismus gegen den Gründer seiner Sekte gerichtet schon paradox genug ist, diesen Irren nicht weiter ernst zu nehmen.

Dennoch waren die Stiche künstlerisch ganz nett und gaben ein schönes Bild der Lutherzeit in der sich Deutschland entscheidend veränderte, wenn auch nicht zum Guten hin, warum ich den Moment dort nicht bereute.

Ging die gleiche Runde nun innen, wenn auch manches Kabinett angesichts der fortgeschrittenen Zeit schneller durchschreitend und auch vor Breughels Bauernwimmelbild sammelte sich die nächste Traube junger Damen, warum ich beide lieber zügig ignorierte. Rembrandt bewundernd und ein Lächeln für Vermeers Licht ging es zu den Engländern und bei Prinz Heinrich, dem kleinen Bruder des Alten Fritz, der neben dem wunderbaren Selbstportrait der großen Berliner Malerin Dorothea Therbusch hängt, im Raum in dem auch das letzte Portrait Mozarts hing, den ich nochmal für meine Prinzessin ablichtete, gongte es und kam die Durchsage, dass nun geschlossen würde und zügig schweifte ich durch die nächsten Räume, Venedig und italienische Knabenerotik, Habsburger Familienbilder als Ausweis der zu vielen Inzucht, bis ganz am Ende vorm Ausgang, der auch Eingang ist, die italienische Renaissance mein Herz erwärmte. Großartige Bilder, die mit dem neuen Raum als Entdeckung der Zeit experimentieren, menschliche Gesichter zeigen, wie sie das Mittelalter nicht kannte.

Wieder aus dem Museum aufgetaucht, ging ich zügig durch den Tiergarten zurück, wollte am Bundestag vorbei zur Spree, doch die fortdauernden Sondierungen, die noch nicht mal Koalitionsverhandlungen sind, heute in großer Runde, die ein Ergebnis wohl bringen sollten, hinderten mich am direkten Weg - die Koalition erreichte nichts bis zum Morgen, vertagte sich auf das Wochenende, an dem hoffentlich der nervige Horst endlich fällt und ich folgte der Bundesstraße 2, die dort Dorotheenstraße noch heißt, ging an ihrem Ende links gen Norden, überquerte die Marschallbrücke, lief ein wenig immer meine Liebste im Ohr die Luisenstraße hinab, bog in die Marienstraße ein und setzte mich endlich einmal vor die Böse Buben Bar, was ich mir schon so lange vorgenommen hatte.

Es dauerte etwas, bis mich jemand bei der zugegeben recht frischen Luft draußen wahrnahm, doch schließlich bekam ich einen feinen, trockenen Rioja und genoß ihn dort auf einem der Felle, den Blick nach Innen auf die dort wunderschönen Bücherregale. Beim Gehen, noch einmal die dort Örtlichkeiten konsultierend, stellte ich fest, sie haben sogar ein Kindler Literaturlexikon auf dem Zigarettenautomaten zwischen den Klos stehen, zu dem sich noch eine kleine Herder Ausgabe gesellte. Hierher werde ich wieder mit der Liebsten kommen, um in einem Café voller Bücher die Stimmung gemeinsam zu genießen.

Über die Reinhardstraße, am gräßlichen Friedrichstadtpalast vorbei, dem spießigen Utensil aus DDR-Zeiten, das tut, als wäre es ein mondänes Varieté, wozu ihm bei der Vergangenheit logisch entscheidendes fehlt - Stil  und Schönheit, über Oranienburger und Auguststraße zum Koppenplatz, beendete ich den Rundgang wie üblich über Ackerstraße und mit den Hussiten am Humboldthain vorbei, durch den Gesundbrunnen und heim nach 24 km mit der Liebsten immer im Ohr.

jens tuengerthal 16.11.2017